Marina Ginal: Geschlechterungleichheiten in der Universitätsmedizin
Rezensiert von Dip.-Soz. Petra Tratberger-Zenker, 25.08.2020
Marina Ginal: Geschlechterungleichheiten in der Universitätsmedizin. Zum Einfluss der Organisationskultur auf den Ausstieg von Habilitandinnen.
Springer VS
(Wiesbaden) 2019.
393 Seiten.
ISBN 978-3-658-27994-3.
D: 49,99 EUR,
A: 51,39 EUR,
CH: 55,50 sFr.
Reihe: Research.
Thema
Auf Basis einer über zweijährigen teilnehmenden Beobachtung von Habilitationsprozessen und qualitativen Interviews mit Habilitandinnen wird eine Grounded Theory zur Verflechtung von Organisationskultur, Macht, entgrenzter Arbeit und Gender formuliert, die multikausale Ausschlussmechanismen in der Habilitationsphase darstellt und erklärt, warum überdurchschnittlich viele Frauen in diesem Kontext die Hochschulmedizin verlassen, mit welchen Hürden sie sich konfrontiert sehen, welche psychosozialen Folgen sich transaktional abzeichnen, und wie und mit welchen Konsequenzen Geschlechterungleichheiten als scheinbar individuelle Problemlagen internalisiert werden.
AutorIn
Dr. Marina Ginal, Sozialwissenschaftlerin (Promotion in Psychologie, Soziologie), Referentin für Fort- und Weiterbildung von Fachkräften beim Kreisjugendring München Land, Dozentin an mehreren Universitäten/Hochschulen, Stipendiatin Hochschulprofessur der Landeskonferenz der Frauenbeauftragen der Hochschulen für angewandte Wissenschaften, Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst.
Entstehungshintergrund
Die Daten für den empirischen Teil des Dissertationsprojekts wurden von der Autorin als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität München erhoben.
Aufbau und Inhalt
Ganz im Sinne der Grounded Theory Methodology folgt der Aufbau des Buches nicht der klassischen Gliederung „Theorieteil – empirische Methodik – Ergebnisse – Diskussion“, sondern verzahnt – einem zirkulären, ‚rollenden Forschungsprozess‘ (Mey/Mruck) entsprechend – Theorie und Empirie. Sukzessive werden aus den Daten gewonnene Erkenntnisse mit grundlegenden wissenschaftstheoretischen Konzepten verbunden und zu einer Grounded Theory erweitert. Ein wichtiges Anliegen ist der Autorin die interdisziplinäre Verknüpfung ethnologischer, soziologischer und psychologischer Erklärungsmodelle, um „blinde Flecken“ bei der Analyse von „Wechselwirkungen zwischen einer spezifisch-vergeschlechtlichten Organisationskultur und den psychologischen Wirkmechanismen für die in der Organisation situierten Wissenschaftlerinnen“ (S. XVII) zu erhellen.
Das erste Kapitel führt in die spezifischen Rahmenbedingungen, Anforderungen und Karrierewege in der Hochschulmedizin ein und nimmt gezielt Geschlechterungleichheiten in den Fokus, die den „Schereneffekt“ verstärken und für ein „Frauensterben“ in der medizinischen Forschung verantwortlich sind (S. 9), obwohl Medizin im Studium ein „feminisiertes Fach“ ist (S. 12). Ab der Phase der Habilitation wird daraus ein männlich dominierter Bereich. Belegt wird dies durch einen Blick auf die historische Entwicklung der Disziplin und aktuelles statistisches Material. Wissenschaftlich-ärztliche Karrierepfade und die Aufgabenvielfalt zwischen Forschung/Habilitation und klinischer Arbeit werden differenziert dargestellt und Leistungskriterien im wissenschaftlichen Wettbewerb ebenso reflektiert wie die spezifischen Arbeitsbedingungen in der Hochschulmedizin, die gekennzeichnet ist durch hierarchische Strukturen, befristete Arbeitsverhältnisse und hohe psychische und physische Verausgabungsrisiken. Ein Blick auf individuelle Unterschiede zwischen Frauen und Männern und auf strukturell ungleiche Bedingungen für beide Geschlechter in der Organisation Universitätsklinik führt zur Schlussfolgerung, dass Weiblichkeit in einer männlich geprägten Wissenschaftskultur als „Negativfolie“ (S. 38) konstruiert wird und zu vielfältigen Ausschlussmechanismen führt.
In Kapitel 2 werden Untersuchungsdesign und Methodik der Studie detailliert dokumentiert. Sowohl die theoretischen Grundlagen der verwendeten empirischen Methoden (teilnehmende Beobachtung, standardisierter Fragebogen, Dokumentenanalyse, problemzentrierte Interviews) als auch deren forschungspraktische Anwendung werden ausführlich und nachvollziehbar dargestellt und mit gut strukturierten Schaubildern veranschaulicht. Neuere Verfahren der Grounded Theory (Strauss/Corbin), wie das fokussierte Kodieren (Charmaz, Saldaña) oder das ‚Mapping‘ (Clarke), werden angewendet.
Kapitel 3 und 4 werden die sensibilisierenden Konzepte für eine Grounded Theory ausgearbeitet. In Rekurs auf Pierre Bourdieus Feld- und Kapitaltheorie werden Habitus und männliche Herrschaft in der Universitätsmedizin als vergeschlechtlichte Organisation als symbolische „Spiele der Macht“ (S. 116) eingeordnet und es wird nach „Möglichkeiten des Wandels“ (S. 126) gefragt. Impulse hierfür liefern die dekonstruktivistischen Ansätze von Judith Butler und Paula-Irene Villa ebenso wie die Theorie hegemonialer Männlichkeit nach Raewyn Connell. Als Auswirkung der Organisationskultur wird dargestellt, wie insbesondere Geschlechterstereotype die Selbstkonzepte verändern (Bettina Hannover).
Unter der Überschrift „ökonomisierende Rahmenbedingungen der Hochschulmedizin“ (S. 160) werden umfassend Foucaults Machttheorie und sein Konzept der Gouvernementalität erläutert. Das Modell des „emotionalen Kapitalismus“ (Illouz 2006) verdeutlicht die Zwänge, denen das „unternehmerische Selbst“ (Bröckling 2007) ausgesetzt ist. Folge davon sind „erschöpfte Arbeitsselbste“ (S. 174). Arbeitsbezogener Stress und individueller Stressabbau heißt deshalb ein wichtiger Punkt in Kapitel 4. Das transaktionale Stressmodell nach Lazarus und die Theorie der Ressourcenerhaltung von Stevan Hobfoll bilden zusammen mit Aaron Antonowskys Kohärenz- undSalutogenesekonzept die Basis, auf der der Umgang der Habilitandinnen mit Belastungen, Stressoren und Ressourcen untersucht wird, ergänzt durch Stress-as-Offence-to-Self (SOS, Norbert Semmer) und das Efford-Reward-Imbalance-Modell (ERI, Johannes Siegrist).
Nach einem Zwischenfazit in Kapitel 5 werden in Kapitel 6 -10 die Ergebnisse der Studie zu einer gegenstandsverankerten Theorie verdichtet. „Hürdenreiche“ Habilitationsverläufe werden denen „anerkannter“ Wissenschaftlerinnen gegenüber gestellt und ihre Merkmale und Phasen idealtypisch herausgearbeitet (Kapitel 6). Als größte Hürden kristallisierten sich Hierarchie, Anerkennung von Leistung und Zeitnot heraus (Kapitel 7). Die Auswirkungen auf die Selbstkonzepte der Habilitandinnen sind vielfältig: sie fühlen sich „torpediert“, „abgewertet“, „unpassend gemacht“ und „ausgebrannt“ (Kapitel 8).
Nach dieser Untersuchung organisationskultureller Ausschlüsse und ihrer psychosozialen Auswirkungen steht in Kapitel 9 der Wandel in den Geschlechterverhältnissen im Mittelpunkt. Auch wenn formal den Frauen Karrierewege offen stehen, zeigt sich in der Organisationskultur „eine hegemoniale Männlichkeit als Norm, die von einem Großteil der Frauen grundlegende Veränderungen und Anpassungsleistungen ihres Selbstkonzeptes verlangt, mit Weiblichkeit assoziierte Tätigkeitsfelder und Persönlichkeitseigenschaften ausschließt und einzelne ‚passende‘ Frauen in ihr elitäres Zentrum integriert“ (S. 318).
In Kapitel 10 werden die empirischen und theoretischen Erkenntnisse verdichtet und Konsequenzen für die Praxis individueller Förderung formuliert. Das Untersuchungsdesign und die empirische Methodik werden kritisch reflektiert und Limitierungen und weiterer Forschungsbedarf erkannt. „Es ist Zeit!“ ist der Ausblick überschrieben. Zeit, „Veränderungen nicht in die Selbstoptimierung Einzelner zu verlagern, sondern einen organisationskulturellen Wandel anzustreben, der nicht nur für Frauen hilfreich ist, sondern für alle, die sich diesen ‚Machtspielen‘ (Bourdieu) nicht unterwerfen wollen“ (S. 344).
Fazit
Die Studie liefert fundierte Ergebnisse zu in Organisationskulturen begründeten Geschlechterungleichheiten. Sie bleibt nicht bei einer Strukturkritik stehen, sondern zeigt auch die ‚Fallen‘ auf, die Frauen sich selbst stellen, und erfasst komplexe Wechselwirkungen. Diese Fallen sind Konsequenz einer Verinnerlichung der normativen Konzepte divergierender Bezugssysteme, für die es nur bequem ist, wenn Ungleichheiten sich nicht als offene Diskriminierung, sondern verschleiert, als scheinbar individuelles Problem, zeigen. Die in manchen gesellschaftlichen Bereichen leider oft in Frage gestellte Aktualität von Gender-Themen (nach dem Motto: „Frauen sind heute doch gleichberechtigt“) wird (wieder) bewusst. Ein mutiges Buch, mit dem die Autorin an die ‚gläserne Decke‘ klopft und mit tradierten Tabus bricht, indem sie aufzeigt, wie quasi normalisiert eine Praxis wissenschaftlicher Redlichkeit unterlaufen wird. Die identifizierten Macht- und Ausschlussmechanismen spitzen sich im hierarchisch strukturierten Bereich der Universitätsmedizin und ihren spezifischen Arbeitsbedingungen sicherlich zu, können aber auch auf Arbeitsfelder im sozialen und im Bildungsbereich übertragen werden. Die umfassende theoretische Fundierung des Buchs vermittelt psychologisches und soziologisches Grundlagenwissen zur individuellen Bedeutung von sozialen Ungleichheiten im Kontext von Stress und entgrenzter Arbeit, sowie zu den Themen Gender, Organisation und Macht. Die Studie kann zudem als ‚Best Practice-Beispiel‘ gelten und ist empfehlenswert für alle, die mit der Grounded Theory forschen wollen und nach dem ‚How-to-do-it‘ fragen.
Rezension von
Dip.-Soz. Petra Tratberger-Zenker
Sozialwissenschaftlerin, Dozentin an der Katholischen Stiftungshochschule München
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