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Lukas Zabel: Narzisstische Depression

Cover Lukas Zabel: Narzisstische Depression. Theorien und Konzepte in Psychiatrie und Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. 146 Seiten. ISBN 978-3-8379-2885-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Einführung

Mit seinem Beitrag stellt sich Lukas Zabel, nach Verlagsangaben Arzt und Philosophiestudent, wahrhaft keine geringe Aufgabe. Entstanden als Promotionsschrift an der Universität Heidelberg, will er gleich zwei Integrationsleistungen vollbringen: Er beabsichtigt, die klinischen Konzepte des Narzissmus und der Depression zusammenzudenken und zudem die psychiatrischen und psychoanalytischen Diskurse darüber in einen fruchtbaren Dialog zu bringen. Ihren Ausgangspunkt nimmt sie an dem vielfach konstatierten Gestaltwandel depressiver Störungen in den Industrienationen, der wegführe von den klassischen Bildern, in deren Mittelpunkt Thematiken der Schuld stehen, hin zu Pathologien von Leere und Erschöpfung, wie sie der französische Soziologe Alain Ehrenberg (2015) beschrieben hat.

Zabels Vorhaben besitzt eine große Plausibilität, die sich aus beiden Wissenschaftsfeldern heraus begründen lässt. Denn zum einen hat Freud (1911) das Narzissmus-Konzept anhand seiner Untersuchungen schizophrener Störungen, von ihm als Dementia praecox oder auch Paraphrenien [1] bezeichnet, entwickelt, also anhand einer nosologischen Gruppe, die genuin als „psychiatrisch“ bezeichnet wird; zum anderen ist der seit Freuds Zeiten vielfach gewandelte Narzissmus-Begriff nahezu das einzige psychoanalytische Konzept, das Einzug in die modernen psychiatrischen Taxonomien hielt: als narzisstische Persönlichkeitsstörung vor allem im Diagnostic and Statistical Manual DSM.

Aufbau und Inhalt

In insgesamt sieben Kapiteln, wovon sich vier mit dem Kern der Thematik auseinandersetzen, ringt der Autor um eine Synthese der verschiedenen Begrifflichkeiten und Denktraditionen. Erst der Narzissmus, dann die Depression werden jeweils aus psychiatrischer und dann psychoanalytischer Perspektive kurz referiert. Es folgen zwei Abschnitte, in denen Zabel das wechselseitige Verhältnis der beiden Pathologien im jeweiligen Verständnis der zwei Wissenschaften beleuchtet, um doch in der abschließenden Diskussion eine grundsätzliche „Inkongruenz zwischen psychiatrischer und psychoanalytischer Theorie“ (S. 121) zu beklagen. Zabel kritisiert die Entdifferenzierung psychiatrischer Diagnostik und das weitgehende Verschwinden des Melancholiekonzepts in einer Unterkategorie der major depression im DSM. Auch die über die verschiedenen Auflagen des diagnostischen Manuals zunehmende Einseitigkeit in der Charakterisierung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung stößt ihm auf. Im Rückgriff auf eine vom amerikanischen Psychiater und Psychoanalytiker Glen O. Gabbard (1989) getroffene phänomenologische Unterscheidung zwischen einem unbeirrten (oblivious) und einem hypervigilanten Subtypus der narzisstischen Persönlichkeitsstörung gelingt es dem Autor, interessante Querverbindungen aufzuzeigen. So argumentiert er, der vulnerable bzw. hypervigilante Narzisst, der im sozialen Umgang eher scheu und möglicherweise sogar übertrieben bescheiden auftritt, korreliere vor allem mit der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung, wie das DSM sie beschreibt, und finde sich wieder in einer hohen Anzahl depressiv Erkrankter. Der Subtypus der unbeirrten Narzissten hingegen entspreche weitgehend der Beschreibung der narzisstischen Persönlichkeitsstörung im DSM und sei gewissermaßen per definitionem kaum depressiv, was für die in empirischen Untersuchungen auffällig niedrigen Komorbiditäten zwischen narzisstischer Persönlichkeitsstörung und Depression verantwortlich sei. In der melancholischen Form der major depression fänden sich schließlich die „alten“ Schulddepressionen wieder, die eher mit der gehemmten Zwanghaftigkeit des von Tellenbach beschriebenen Typus melancholicus übereinstimmten.

Diskussion

Zabel unternimmt einen mutigen Versuch, die tiefe Kluft zwischen zwei Diskursen, die sich unterschiedlichen Wissensformen zurechnen, zu überbrücken, und kann interessante Funde vermelden. Sein flüssiger Stil hilft zu verwinden, dass die Anzahl seiner Fußnoten nahezu beim Doppelten der Seitenzahl liegt und deutlich auf den Ursprung seines Bandes als Qualifikationsschrift hinweist. Leider ist er mit dem komplexen psychoanalytischen Denken weniger vertraut als mit dem psychiatrischen und schwimmt erkennbar zwischen den aus verschiedenen Schulen stammenden Konzepten. Die schon bei Paul Federn (1978) angelegte und bei Heinz Kohut dann ausformulierte Neuerung, eine eigenständige entwicklungspsychologische Linie des Narzissmus anzunehmen, scheint ihm in ihrer Tragweite nicht klar zu sein. Allzu leichtfertig fällt er zudem manches begründungslose Urteil, etwa in einem Atemzug über Loch, Benedetti und Bohleber (S. 90). Und wer glaubt, bei der Melancholie handele es sich „gerade aufgrund dieser ungewöhnlich festen kulturhistorischen Verankerung um eine valide, eindeutig abgrenzbare Psychopathologie“ (S. 41), hat das kultur- und medizinhistorische Standardwerk „Saturn und Melancholie“ (Klibansky, Panowsky, Saxl 1994) offenbar nicht zur Kenntnis genommen. Problematisch erscheint auch, dass der Autor die Operationalisierte Psychodynamischen Diagnostik (OPD-2) bis auf eine Fußnote (S. 103) ignoriert, insbesondere wenn er anschließend die fehlende Operationalisierbarkeit psychoanalytischer Konzepte beklagt.

Fazit

Auch wenn Zabels Beitrag an seinem hohen Ziel vielleicht doch ein wenig früher scheitert als notwendig, liefert er gerade für den Psychoanalytiker, der den Anschluss an bestehende psychiatrische Konzepte sucht, viele wertvolle Ideen und Perspektiven. Inhaltsdicht und dennoch gut lesbar, hat er ein wichtiges Themenfeld aufgeschlossen.

Literatur

Ehrenberg A (2015) Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft in der Gegenwart. 2. Aufl. Campus: Frankfurt a. M.

Federn P (1978) Ichpsychologie und die Psychosen. Suhrkamp. Frankfurt a. M.

Freud S (1911, 1999) Psychoanalytische Bemerkungen zu einem autobiographisch beschriebenen Fall von Paranoia (Dementia Paranoides). GW 8, 239–320. Fischer: Frankfurt a. M.

Gabbard GO (1989) Two Subtypes of Narcissistic Personality Disorder. Bulletin of the Menninger Clinic 53, 527–532.

Klibansky R, Panowsky E, Saxl, F (1994) Saturn und Melancholie.Studien zur Geschichte der Naturphilosophie und Medizin, der Religion und Kunst. Suhrkamp: Frankfurt a. M.


[1] Freud kannte den zeitgleich von Bleuler entworfenen und bis heute trotz aller Kritik gebräuchlichen Terminus „Schizophrenie“ und wollte seine eigene Nomenklatur dagegensetzen. Hier wie auch in dem Konflikt zwischen dem Autoerotismus (Freud) und dem Autismus (Bleuer) zog er den kürzeren.


Rezension von
Prof. Dr. Peter Theiss-Abendroth
Psychiatrie, Psychotherapie, Psychoanalyse (DGPT, DPG)
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Zitiervorschlag
Peter Theiss-Abendroth. Rezension vom 27.11.2020 zu: Lukas Zabel: Narzisstische Depression. Theorien und Konzepte in Psychiatrie und Psychoanalyse. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2019. ISBN 978-3-8379-2885-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27353.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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