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Gudrun Piechotta-Henze, Olivia Dibelius (Hrsg.): Menschenrechts­basierte Pflege

Cover Gudrun Piechotta-Henze, Olivia Dibelius (Hrsg.): Menschenrechtsbasierte Pflege. Plädoyer für die Achtung und Anwendung von Menschenrechten in der Pflege. Hogrefe (Bern) 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-456-85913-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,50 sFr.
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Thema

Der Band versteht sich als „Plädoyer für die Achtung und Anwendung von Menschenrechten in der Pflege“ (S. 1). Er umfasst ein breites Spektrum an Themenfeldern. Dabei werden nicht nur ethisch relevante Aspekte in den Vordergrund gerückt, sondern eine ganze Reihe von sozial- und pflegewissenschaftlichen Fragen aufgeworfen, die „in Zeiten der Globalisierung, Ökonomisierung und des demografischen Wandels“ (S. 17) die Pflege in den Fokus der Öffentlichkeit rücken.

Herausgeberinnen und Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeberinnen, Professorinnen an Berliner Fachhochschulen, sind schon seit vielen Jahren mit fachlichen Fragen in der Pflege befasst. Arbeits- und Forschungsschwerpunkt der Psychologin Dibelius sind die Pflege von Menschen mit Demenz, Palliative Care sowie Migration und Gesundheit.

Die Soziologin Piechotta-Henze hat- nicht zuletzt durch ihre langjährige Erfahrung in Lehramtsstudiengängen – einen Akzent auf Beratungsprozessen im Pflege- und Gesundheitssektor sowie Emotionen in der Pflege. Demenz und Interkulturalität sind die Schnittstellen, die beide Autorinnen verbindet. Das gilt auch für die ethischen Herausforderungen in der Pflege, vor allem am Lebensende.

Aufbau und Inhalt

Es sind drei große Themenfelder, die mit insgesamt 19 Fachartikeln auf 284 Seiten adressiert werden. Ein instruktiver Anhang und ein Sachwortverzeichnis ergänzen die Ausführungen:

Teil 1: Globalisierung, Arbeitsmigration und Flucht

Die drei Beiträge konzentrieren sich auf Herausforderungen eines globalisierten Pflegemarkts, der damit verbundenen Renaissance der Dienstbotenkultur im Rahmen der 24-Stundenpflege sowie der Situation von jungen geflüchteten Kindern in Unterkünften. Dabei werden die Fakten präsentiert, menschenrechtsbezogene Perspektiven und Handlungsempfehlungen formuliert. Es wird deutlich, dass Pflege nicht nur als nationale Herausforderung angesehen werden darf, sondern „Care Arbeit“ in Deutschland im Zusammenhang mit historischen und aktuellen Entwicklungen in der Weltpolitik verstanden werden muss. Von daher wird bereits im ersten Teil der häufig allzu provinzielle Blick der deutschen Pflegedebatte geweitet.

Teil 2: Strukturelle Einbindung von Pflege im globalisierten und ökonomisierten Gesundheitssystem

Das Spektrum dieser neun Texte ist sehr weit gespannt. Es reicht von der Diskussion rechtlich-ethischer Aspekte in der Pflege (alter Menschen) über eine kritische Bestandsaufnahme der Ökonomisierung im Gesundheitswesen bis hin zur Debatte um Personal- und Ausbildungsfragen. Auch der Blick auf die Digitalisierung und Roboterisierung in der Pflege fehlt nicht. Auf der Grundlage von empirisch gewonnenem Studienmaterial argumentieren die Autorinnen und Autoren der Fachbeiträge kritisch und problematisieren, ob und inwieweit Menschenrechte in einem durch ökonomische Imperative zunehmend bestimmten Gesundheitssystem zur Geltung kommen. Wichtig ist der strukturkritische Blick, z.B. auf Interessenorganisation in der Altenpflege. Wenn man sich vor Augen hält, dass der größte Streik in der Pflege gegen die Pflegekammer(n) organisiert wurde, dann ist auch zu konzedieren, dass der Kampf um eine menschenrechtlich basierte Pflege eben auch (und vielleicht sogar vordringlich) auf die Agenda der Pflegeprofession selbst gehört.

Teil 3: Menschenwürde, Menschenbilder und Interaktionen in der Pflege

Dieser Teil umfasst sieben Fachartikel, ebenfalls von Autorinnen und Autoren verfasst, deren Namen in der Pflegeszene nicht unbekannt sind. Der Schwerpunkt liegt auf ethischen Reflexionen, u.a. der Würde, Autonomie und Gleichbehandlung in der Pflege. Die Auseinandersetzung mit Gewalt, Burn-Out, moralischer Desensibilisierung, Vielfalt (auch im Hinblick auf das Geschlecht) sowie der Pflege am Lebensende ergänzen und vertiefen diese Perspektiven. Beeindruckend ist auch hier, dass der Finger in die Wunde gelegt wird. Das betrifft z.B. das Problem der institutionellen Diskriminierung bei den christlichen Wohlfahrtsverbänden Caritas und Diakonie, nach dem Staat der zweitgrößten Arbeitgeber in Deutschland. Die Rechtslage, unvollständige oder halbherzige Reformversuche sowie institutionelle Prioritäten greifen in einer Weise ineinander, die letztlich die „Abwertung bestimmter Lebensentwürfe“ (S. 215) nach sich ziehen. Und ohne, dass man die Positionen einer queer-orientierten Debatte teilen muss, im Hinblick auf die Akzeptanz, Anerkennung und Wertschätzung von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt besteht insgesamt in der Pflege (und zwar über alle Träger hinweg) noch viel Luft nach oben.

Diskussion

An einigen Stellen sind bereits wertende Aussagen formuliert worden. Insgesamt ist dieses Buch überfällig und schließt eine wichtige Lücke in der fachlichen Pflegedebatte. Die konzentriert sich häufig auf Einzelaspekte, verliert aber das große Ganze nicht allzu selten aus dem Blick. Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, dass mit einer menschenrechtsbasierten Ausrichtung eine Perspektive eröffnet wird. Wichtig sind vor allem jene Texte, die den fehlenden strukturellen Blick im Pflegediskurs erweitern. Das betrifft vor allem rechtliche, (sozial)-politische und systemvergleichende Aspekte. Dann wird erkennbar, dass die Pflege in ein System der Ungleichheiten eingebettet ist (und es selbst immer wieder reproduziert). Um dies zu verändern muss sie den Blick nicht nur auf sich selbst richten, sondern – viel grundlegender – ihr eigentliches Ziel, d.h. eine fachlich, ethisch und sozial begründete, d.h. menschenrechtsbasierte Versorgung der ihr anvertrauten Klientel, ins Zentrum rücken. Dass sie daran systematisch in vieler Hinsicht gehindert wird, zeigt dieses Buch. Die konkreten ökonomischen und politischen Perspektiven müssten aber m.E. noch deutlicher (und kritischer) formuliert werden. Beispielweise reicht es nicht aus – um nur einen Ansatzpunkt zu nennen – vor dem Hintergrund einer fundierten Kritik des ökonomisierten Gesundheitssystems dann die Rückkehr zu einer ordoliberalen Gesundheitspolitik zu fordern. Hier hätte man auf die Hinweise des Foundational Economy Collectice zur „Ökonomie des Alltagslebens“ verweisen oder den Ansatz zum Aufbau einer solidarischen und nachhaltigen Care-Ökonomie von Gabriele Winkler einbeziehen können. Auch die „Gemeinwohlökonomie“, wie sie z.B. von Christian Felber vertreten wird, hat hier durchaus ihren Platz.

Fazit

Mein Plädoyer: Für die zweite Auflage dieses sehr lesenswerten Buches wäre ein Kapitel über konkrete Utopien sinnvoll, bei dem die Stoßrichtung der kritischen Analysen in einem Reformentwurf kondensiert wird. 


Rezension von
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 20.11.2020 zu: Gudrun Piechotta-Henze, Olivia Dibelius (Hrsg.): Menschenrechtsbasierte Pflege. Plädoyer für die Achtung und Anwendung von Menschenrechten in der Pflege. Hogrefe (Bern) 2020. ISBN 978-3-456-85913-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27358.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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