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Stijn van Merendonk: Motivierende Gesprächsführung kompakt

Rezensiert von Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt, 25.01.2022

Cover Stijn van Merendonk: Motivierende Gesprächsführung kompakt ISBN 978-3-7841-3279-2

Stijn van Merendonk: Motivierende Gesprächsführung kompakt. Arbeitshilfen für Therapie und Beratung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. 80 Seiten. ISBN 978-3-7841-3279-2.
80 Karten im Fächer
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Thematischer Hintergrund

Soziale Arbeit hat auch immer wieder mit Menschen zu tun, die sich verändern müssen (gelegentlich auch verändern wollen), dies zugleich aber als unrealistisch betrachten, sich selbst außer Stande wahrnehmen, dazu in der Lage zu sein, oder mit einem sozialen Umfeld zu tun haben, dass entweder massiven „Druck“ ausübt, sich zu verändern oder jedwede Veränderung zu unterlassen. Ihre Bereitschaft zur Veränderung ist unterschiedlich ausgeprägt und von Gefühlen eines starken Hin-und-Hergerissen-Seins (Ambivalenz) zwischen Anforderungen und Wünschen, Wollen und Können der Veränderung gekennzeichnet. Ablehnung, Verneinung und (z.T. offener) Widerstand sind Momente in solchen Beratungssituationen, die von Berater*innen als besonders herausfordernd und komplex erlebt werden und insbesondere in durch Zwang gekennzeichneten Beratungsprozessen (z.B. in der Straffälligen- und Bewährungshilfe, in der Suchthilfe, im Zusammenhang z.B. mit Formen der Bewältigung von Kindeswohlgefährdungen in der Kinder- und Jugendhilfe oder in der Schwangerschaftskonfliktberatung) gegeben sind.

Motivierende Gesprächsführung (bzw. Motivational Interviewing) gilt in solchen Situationen als (Gesprächs-) Verfahren erster Wahl, diese Veränderungsmotivation hervorzurufen, zu stärken und zu stützen und dabei zugleich mit Formen der Ablehnung, der Verneinung und des Widerstandes, die mit Veränderungsprozessen verbunden sind, produktiv anzugehen und aufzulösen: Es handelt sich um einen kooperativen Gesprächsstil „mit dem Ziel, die Eigenmotivation einer Person und ihre Selbstverpflichtung zur Veränderung zu stärken“, wie der Verfasser des vorliegenden Kartenfächers schreibt (Karte 6).

Autor

Der Autor ist als Trainer für Motivational Interviewing an der holländischen Academie voor Motivatie en Gedragsverandering (AMG) in Valkenswaard (Nordbrabant) tätig; sein auf der Website der Akademie vermitteltes Motto lautet: „Gemotiveerde mensen? Dat heb je zelf in de hand!“ (https://www.academiemg.nl/meer-over-stijn-van-merendonk).

Struktur der Kartensammlung

Der Kartenfächer besteht aus 86 (einseitig bedruckten) Karten, die sich (nach einer kurzen Einführung, was die Kartensammlung bietet) in sieben Blöcke aufteilt:

  1. „Was ist Motivational Interviewing?“ (drei Karten),
  2. „Kernkompetenzen“ der Motivierenden Gesprächsführung (acht Karten),
  3. „Basisprozesse“ der Motivierenden Gesprächsführung (Karten 17 bis 44),
  4. vier Karten zu Gesprächsbeginn und -ende,
  5. „Heikle Situationen in der Praxis“, z.B. „Ja sagen, aber nicht handeln“ (Karten 49 bis 74),
  6. Hinweise zur Anwendung in (Gesprächs-) Gruppen (elf Karten) und
  7. abschließende Anregungen, wo sich Berater*innen verbessern könn(t)en (zwei Karten).

Diskussion

Motivierende Gesprächsführung ist als eine Weiterentwicklung der Klientenzentrierten Gesprächsführung zu verstehen, wie sie Carl Rogers (1976) entwickelt hat, um durch Kongruenz, Empathie sowie Wertschätzung und bedingungsfreies Akzeptieren bei den Beratenen Motivation für eine an ihren Ressourcen anschließende Veränderung ihres Verhaltens und Handels hervorzurufen (Wendt 2021: 92 ff.). Sie kann definiert werden als „eine klientenzentrierte, direktive Methode zur Verbesserung der intrinsischen Motivation für eine Veränderung mittels der Erforschung und Auflösung von Ambivalenz“ (Miller/​Rollnick 2009: 47).

Berater*innen unterstützen dabei die Beratenen, die Diskrepanz(en) zwischen ihren persönlichen Zielen und ihrem tatsächlichen Handeln zu erkennen und Vorstellungen nach Veränderung zu fördern. Motivierende Gesprächsführung kennzeichnet daher eine empathische und wertschätzende Grundhaltung, die Lage und die Problemwahrnehmung der Beratenen verstehen zu wollen und zu können, um (auch dadurch) Zug um Zug (gegenseitiges) Vertrauen aufzubauen und die Beratenen so für neue Sichtweisen zu öffnen. Aufgabe der Berater*innen ist es, eine durch Empathie und Akzeptanz gekennzeichnete Atmosphäre zu schaffen, in der die Beratenen selbst zu Verfechter*innen und Haupttriebkräften der Veränderung werden (Arkowitz/​Miller 2010: 4, vgl. Miller/​Rollnick 2009: 47). So soll das Vertrauen in die eigenen Ressourcen gestärkt und hilfreiche Selbstwirksamkeitserfahrungen möglich werden, also „die Überzeugung einer Person (gestärkt werden), dass sie fähig ist, eine bestimmte Aufgabe auszuführen und erfolgreich zu beenden“ (ebd.: 64). Dabei ist die optimistische Perspektive leitend, dass es „unmotivierte“ Adressat*innen selbst im Zwangskontext (wie er z.B. in der Straffälligenhilfe gegeben ist) nicht gibt. Selbst wenn sie gezwungen sind, in Kontakt mit Sozialarbeiter*innen (Berater*innen) kommen zu müssen, so die Ausgangsüberlegung, dann sind sie zu etwas motiviert, wenn auch unter Umständen nicht zu dem, was von ihnen (z.B. kraft Gesetzes, durch eine Gerichtsentscheidung o.ä.) verlangt wird. Es wird damit zur Aufgabe von Berater*innen, mit ihnen an ihrer Motivation zu arbeiten, ihr (z.B. andere verletzendes) Handeln zu verändern (vgl. Klug/Zobrist 2013: 25).

Im Prozess der motivierenden Gesprächsführung spielt die Widerständigkeit der Beratenen eine zentrale Rolle. William R. Miller und Stephen Rollnick (2009: 73 f.) nennen vier Formen des Widerstands, den Gesprächspartner*innen (z.B. aus Angst, Beschämung oder Gegenwehr) entwickeln können: Argumentieren (die Genauigkeit, Expertise oder Integrität der Berater*innen wird bezweifelt), Unterbrechen (er/sie fällt ins Wort), Negieren (er/sie redet einen Anlass klein, ist also nicht bereit, die Schwierigkeit zu akzeptieren) und Ignorieren (indem er/sie z.B. von einem unangenehmen Thema ablenkt oder das Thema wechselt). Solche Blockaden äußern sich auch in grundsätzlich ablehnenden Aussagen (wenn z.B. das Alter der Berater*innen thematisiert wird, es ihnen also an der nötigen Lebenserfahrung fehle, ein Problem beurteilen zu können) bzw. abwertende Einschätzungen (wenn Berater*innen z.B. darauf befragt werden, ob sie mehr als bloß „graue Theorie“ zu bieten haben, in der Praxis sei das doch ganz anders).

Einerseits ist den der Motivierenden Gesprächsführung verpflichteten Berater*innen klar, dass durch Konfrontation, Belehrungen oder moralisch aufgeladenen Sprechweisen Widerstand provoziert wird, was Veränderungen erschwert (bzw. verunmöglicht), weil die Beratenen ihre (hierdurch angegriffene) Position verteidigen müssen. Beratung im Sinne einfühlenden Verstehens ruft dagegen bei den Beratenen eigene Motivationen hervor und festigt die Selbstverpflichtung zur Veränderung, die sich in einer Veränderung der Handlungsweise zeigen wird (vgl. Arkowitz/​Miller 2010, 18 f.). Andererseits ist Widerstand der Beratenen auch eine (auf den ersten Blick paradoxe) Voraussetzung für die motivierende Gesprächsführung, ist doch davon auszugehen, dass die Beratenen zögern (also mit Widerstand reagieren), ihr als problematisch eingeschätztes Handeln zu verändern, denn sonst hätten sie sich ja bereits verändert und bedürften insoweit keiner Unterstützung durch die Berater*innen (vgl. Miller/​Rollnick 2009: 59). Jedenfalls wird Widerstand in diesem Sinne nicht als Mangel der Beratenen begriffen, sondern als Ausdruck einer (noch) nicht passenden Arbeitsbeziehungen zwischen Beratenen und Berater*innen (vgl. ebd.: 139 ff.), die folglich durch die Berater*innen angepasst werden muss. Mit den Beratenen wird nicht gestritten, ihnen wird keine Meinung aufgezwungen oder sie mit der Meinung der Berater*innen konfrontiert, sondern immer wieder ihre Autonomie und Wahlfreiheit betont. Zugleich ist Widerstand ein „Signal, die Vorgehensweise zu ändern“. Die Berater*innen sollten Widerstand nicht direkt begegnen (und für die Veränderung sprechen), sondern die Beratenen „aktiv in den Prozess der Problemlösung einbinden“; sie selbst werden „als die beste Quelle für Antworten und Lösungen gesehen“ (Klug/Zobrist 2013: 68).

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage im Blick auf den vorliegenden Kartenfächer, ob die einzelnen Karten dieses Verständnis unterstützen und hilfreiche Anregungen zur Gesprächsführung vermitteln. Stijn van Merendonk bietet dazu hilfreiche Materialien an: Er

  • benennt z.B. die kritischen Kommunikationsbarrieren/​-sperren, denen Berater*innen in der Konfrontation mit der Widerständigkeit der Beratenen erlieben könne, z.B. „(m)moralisieren, predigen, beschwören“ (Karte 19);
  • regt z.B. zu offenem Fragen, aktivem Zuhören, Bestätigung und Unterstützung an, um das Gespräch über Veränderung („change talk“) zu befeuern (z.B. Karten 20 bis 29, 40 bis 42);
  • gibt z.B. Hinweise, wie die Zuversicht der Beratenen, die Veränderung zu schaffen, gestärkt werden kann (z.B. Karten 35 und 36).

Angesichts des Formats eines Kartenfächers erfolgt das jeweils (sehr) kurz und knapp, was als Verkürzung der doch sehr komplexen theoretischen Grundlagen der Motivierenden Gesprächsführung (miss-) verstanden werden kann. Allein der Anspruch der Sammlung ist ein anderer: sie soll als „Gedächtnisstütze“, als „Quelle der Inspiration“ und „Helfer“ in schwierigen Gesprächssituationen fungieren – kurz: es handelt sich um eine Arbeitshilfe, mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Fazit

Der Kartenfächer wurde für Fachkräfte ausgearbeitet (und wurde im niederländischen Original bereits von 20.000 Anwender*innen erprobt), die in die Motivierende Gesprächsführung eingeführt sind (Karte 6). Neben grundlegenden theoretischen Aspekten erinnern die Karten die Nutzer*innen an die in ihrer Einführung bereits vermittelten Aspekte zur Klärung praktischer Fragen vor allem in schwierigen Gesprächsführungssituationen. Allein schon aufgrund der Begrenztheit des textlichen Rahmens kann die Sammlung nicht mehr sein, als eine Unterstützung in der Praxis – dabei aber verspricht sie, gute Dienste leisten zu können.

Literatur

Arkowitz, H., und Miller, W.: Motivierende Gesprächsführung lernen, anwenden und vertiefen; in: Arkowitz, H., u.a..: Motivierende Gesprächsführung bei der Behandlung psychischer Störungen, Weinheim und Basel 2010: 1-27

Klug, W., und Zobrist, P.: Motivierte Klienten trotz Zwangskontext. Tools für die Soziale Arbeit, München und Basel 2013

Miller, W. R., und Rollnick, S.: Motivierende Gesprächsführung. 3., Aufl. Freiburg/Brsg. 2009

Rogers, C.: Die nicht-direktive Beratung. Kindler, München 1976

Stimmer, F., und Weinhardt, M.: Motivierende Gesprächsführung; in: Heiner, M. (Hg.), Wissensbausteine, München 2010: 96-100

Wendt, P.-U: Lehrbuch Methoden der Sozialen Arbeit, 3. Aufl. Weinheim und Basel 2021

Rezension von
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Professur für Grundlagen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Hochschule Magdeburg
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Es gibt 118 Rezensionen von Peter-Ulrich Wendt.

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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 25.01.2022 zu: Stijn van Merendonk: Motivierende Gesprächsführung kompakt. Arbeitshilfen für Therapie und Beratung. Lambertus Verlag GmbH Marketing und Vertrieb (Freiburg) 2020. ISBN 978-3-7841-3279-2. 80 Karten im Fächer. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27360.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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