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Lea Puchert, Anja Schwertfeger (Hrsg.): Jugend im Blick der erziehungs­wissenschaftlichen Forschung

Cover Lea Puchert, Anja Schwertfeger (Hrsg.): Jugend im Blick der erziehungswissenschaftlichen Forschung – Perspektiven, Lebenswelten und soziale Probleme. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 253 Seiten. ISBN 978-3-8474-2458-1. D: 33,00 EUR, A: 34,60 EUR.
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Thema

Eingangs wird die These vertreten, dass die Hochphase der Jugendforschung die 1980er und 1990er Jahre waren und inzwischen der Eindruck erweckt werden könnte, dass sich die Jugendforschung eher an Modethemen abarbeite als eigenständige und grundlegende Beiträge zu leisten. Mit dem Band soll der Frage nachgegangen werden, „ob sich die Jugendforschung heute tatsächlich abgeschliffen hat oder doch Erkenntnisse zu gegenwärtig drängenden und brisanten gesellschaftlichen Themen bietet und somit ihre wissenschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung beibehält.“

Entstehungshintergrund

Das Buch ist dem ehemaligen erziehungswissenschaftlichen Professor Hans-Jürgen von Wensierski der Universität Rostock gewidmet, der u.a. Jugendforschung unter besondere Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten betrieb.

Aufbau

Nach einem ersten einführenden Abschnitt folgen vier weitere Abschnitte. Der zweite und zugleich kürzeste Teil des Buches befasst sich in zwei Aufsätzen mit der Geschichte der Jugend und Jugendtheorie. Daran anschließend bzw. darauf aufbauend werden dann in fünf Aufsätzen Perspektiven der Jugendforschung behandelt. Vor allem empirisch konkretisiert der vierte Abschnitt in acht Aufsätzen die Lebenswelten und Alltagskulturen Jugendlicher und der fünfte Abschnitt in fünf Aufsätzen Jugend und soziale Probleme.

Inhalt

Im zweiten Abschnitt des Buches wird die Geschichte der Jugend und Jugendtheorie vor allem entlang des Begriffs des Moratoriums entfaltet. Sowohl Jutta Helm als auch Jutta Ecarius beleuchten den Begriff des Moratoriums durchaus kritisch, insofern das Moratorium zunächst ein Privileg spezifischer Jugend (nämlich bürgerlicher, männlicher Jugend) war. Zugleich können die beiden Aufsätze nachzeichnen, inwieweit sich das Moratorium als zentrales Merkmal von Jugend gesellschaftlich ausgeweitet hat und auch theoretisch immer weiter ausdifferenziert wurde.

Im dritten Abschnitt zu den Perspektiven der Jugendforschung wird weiterhin mehrfach an den Begriff des Moratoriums angeknüpft und gleichzeitig weitere Begriffe und theoretische Perspektiven eingeführt. So liefert Heinz-Hermann Krüger beispielsweise nicht nur pointierte Skizzen der Geschichte der Jugendforschung, sondern legt vor allem die große Pluralität oder sogar ein Nebeneinander unterschiedlicher Theorien dar. Die verschiedenen Aufsätze dieses Abschnitts loten einerseits die aktuelle theoretische und empirische Tragfähigkeit spezifischer Konzepte wie Identität oder Adoleszenz aus. Andererseits wird explizit die Frage nach Forschungsmethode und -perspektiven verhandelt. So skizziert Cathleen Grunert verdichtet zunächst die etablierten Forschungsmethoden entlang der Differenzierung nach qualitativ und quantitativ, um dann die aktuellen forschungsmethodischen Herausforderungen vor allem in Hinblick auf Digitalisierung und soziale Medien zu diskutieren. Nicolle Pfaff entwirft Jugendkultur als eine Möglichkeit über Jugend gesellschaftliche Differenzlinien in den Blick nehmen zu können. Sie reflektiert, wie dadurch wiederum durch die Forschung bestimmte Gruppen marginalisiert werden. Insgesamt zeichnen die Aufsätze somit die Herausforderung nach, wie aktuelle Phänomene und Entwicklungen überhaupt angemessen erfasst werden können und auch wie hierbei insbesondere die Fragen sozialer Benachteiligungen und Ungleichheiten nicht aus dem Blick geraten oder gar durch Forschung reproduziert werden.

Diese Fragen werden aus verschiedenen Perspektiven dann im vierten Abschnitt zu den Lebenswelten und Alltagskulturen Jugendlicher thematisiert und vor allem empirisch vertieft. Beispielsweise zeichnet Werner Helsper für die Frage nach dem schulischen Bildungsmoratorium über zwei empirische Beispiele die schulische Privilegierung der Privilegierten und die schulische Benachteiligung der Benachteiligten nach. Monique Neubauer reflektiert, unter welchen Prämissen biografische Studien den Abbruch der Ausbildung als Ergebnis komplexer Bedingungen in den Blick nehmen können. Und Merle Hummrich erläutert insbesondere am Beispiel Jugend, Flucht und Migration, dass Jugendforschung nie frei von normativen Vorstellungen z.B. über die Ausgestaltung von Jugend ist. Insbesondere die Auseinandersetzung mit Flucht und Migration erlaubt laut Hummrich aber eine Reflexion dieser Vorstellungen und deren Ausdifferenzierung. Auch die Erforschung aktueller Phänomene wird konkretisiert, indem z.B. Lea Puchert einerseits digitale Medien in ihrer unterstützende Rolle für Jugendkulturen thematisiert und andererseits digitalgenerierte Jugendkulturen betrachtet. Constanze Berndt und Michael Vogt rekonstruieren am Beispiel von „Fridays for Future“, wie sich Jugend selbstermächtigt, indem sie Fürsorgeverantwortung für das Klima und die Umwelt übernehmen und wiederum die Erwachsenen an ihre Fürsorgeverantwortung für Klima und Umwelt erinnern.

Im fünften und letzten Abschnitt werden schließlich soziale Probleme von Jugend konkretisiert. Neben der schulischen Bildungsungleichheit, die u.a. Edina Schneider anhand eines Fallbeispiels vor allem als schulstrukturelle Benachteiligungen rekonstruiert, die gemäß der meritokratischen Ideologie des Bildungssystem innerhalb des Bildungssystems jedoch als individuelles Versagen umgedeutet werden, werden u.a. von Anja Schwertfeger sogenannte Familien in benachteiligten Lebenssituationen betrachtet und sie reflektiert, wie Reproduktion und/oder Transformationen der Verbleib in Jugendhilfekontexten zu erfassen sind. Stefanie Veith wiederum thematisiert über das Phänomen frühe Elternschaft, wie normativ die Entwürfe von Biographien sind. Insbesondere das Phänomen frühe Elternschaft kann – sofern es nicht ausschließlich als Krisenerlebnis gerahmt wird – aus einer rekonstruktiven Perspektive neue Erkenntnisse über Jugend und biografische Verläufe generieren.

Diskussion

Das Buch, das zugleich im Umfang sowohl insgesamt als auch in den Einzelbeiträgen überschaubar ist, leistet erstaunlich viel. So werden theoretische Konzepte und Begriffe erziehungswissenschaftlicher Forschung eingeführt, diskutiert und reflektiert. Aktuelle wissenschaftliche, theoretische Entwicklungen werden ebenso wie gesellschaftliche Veränderungen in den Blick genommen und auch in ihrem Zusammenhang immer wieder kritisch betrachtet. Gerungen wird hier um grundsätzliche Perspektive der Jugendforschung und -theorie. Gleichzeitig gewährt das Buch Einsichten in aktuelle Forschungen zu sehr unterschiedlichen Phänomen, die auch in Hinblick auf ihre grundsätzlichen Annahmen reflexiv angelegt sind. Konkret erhalten Leser*innen somit pointierte Einblicke in theoretische Überlegungen und konkrete empirische Erkenntnisse. Zusammenfassend liegt eine Stärke des Bandes in einer Knappheit der einzelnen Aufsätze bei einer großen thematischen Breite des Gesamtbandes. Einzuschränken ist hierbei, dass trotz feststellbarer Unterschiede in konkreten Perspektivierungen, alle Verfasser*innen bestimmte Grundannahmen und Perspektiven teilen: Es sind ausschließlich Beiträge, die schematisch einer qualitativen, ja sogar rekonstruktiven Perspektive zuzuordnen sind, und die Verfasser*innen zeichnet eine reflektierte Betrachtung sozialer Differenzen und Benachteiligung aus. Sofern diese Einschränkung nicht als störend empfunden wird, ist dieses Buch eine empfehlenswerte Lektüre einerseits für Wissenschaftler*innen, die sich im Bereich der Jugendforschung und -theorie schon als kundig einschätzen, weil vor allem die pointierten Zusammenschauen hilf- und ertragreiche Systematisierungen darstellen. Andererseits eignete sich das Buch für Leser*innen, die sich dem Feld der Jugendforschung und -theorie annähern wollen. Hier ist vermutlich die Dichte der Darstellung teilweise eine Herausforderung, die vielleicht aber auch eine Anregung für die weitere Vertiefung liefert.

Fazit

Insgesamt ist das Buch sehr informativ – im Hinblick auf theoretische Konzepte und Begriff sowie aktuelle empirische Studien und ihren Gegenständen im Bereich der qualitativen Jugendforschung. Obwohl – wie bei einem Sammelwerk üblich – die Einzelbeiträge für sich stehen, ist auch die Lektüre des Gesamtwerks sehr ertragreich, da auch die Zusammenstellung des Beiträge und Struktur des Bandes sehr überzeugt.


Rezension von
Dr. Nora Katenbrink
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Zitiervorschlag
Nora Katenbrink. Rezension vom 16.09.2021 zu: Lea Puchert, Anja Schwertfeger (Hrsg.): Jugend im Blick der erziehungswissenschaftlichen Forschung – Perspektiven, Lebenswelten und soziale Probleme. Budrich Academic Press GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2458-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27365.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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