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Franz Knieps, Holger Pfaff (Hrsg.): Psychische Gesundheit und Arbeit

Cover Franz Knieps, Holger Pfaff (Hrsg.): Psychische Gesundheit und Arbeit. Zahlen, Daten, Fakten. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2019. 479 Seiten. ISBN 978-3-95466-470-2. D: 39,95 EUR, A: 41,15 EUR, CH: 48,00 sFr.

Reihe: BKK-Gesundheitsreport - 2019.
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Thema

Der „BKK Gesundheitsreport 2019: Psychische Gesundheit und Arbeit“ beinhaltet die datenbasierte Beschäftigung mit psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt aus unterschiedlichen Perspektiven. Die Herausgeber Franz Knieps und Holger Pfaff integrieren Erkenntnisse und Einschätzungen zu dem aktuellen epidemiologischen Stand und Folgen auf Basis der Daten der BKK-Versicherten. Ergänzt wird dies durch Beiträge von 34 Autor*innen aus den Bereichen Wissenschaft, Politik und Praxis.

Herausgeber

Franz Knieps (Vorstand BKK Dachverband e.V., Berlin) und Univ.-Prof. Dr. Holger Pfaff (Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft, Universität zu Köln) bilden das Herausgeberteam.

Entstehungshintergrund

Der BKK Gesundheitsreport 2019 ist die 43. Ausgabe dieser jährlich herausgegebenen Reihe mit jeweils eigenem Schwerpunkt.

Aufbau

Der Sammelband beinhaltet die nachfolgenden sechs Kapitel sowie die drei Schwerpunkte Wissenschaft, Politik und Praxis.

  • 0 Soziodemografische Merkmale der BKK Versicherten
  • 1 Arbeitsunfähigkeit
  • 2 Ambulante Versorgung
  • 3 Stationäre Versorgung
  • 4 Arzneimittelverordnungen
  • 5 Arbeit muss zur psychischen Gesundheit beitragen

Der BKK Gesundheitsreport 2019, der die Versichertendaten aus 2018 analysiert, umfasst knapp 500 Seiten.

Inhalt

Vor den benannten Kapiteln und Schwerpunkten wird die Methodik und Datengewinnung (Qualitätssicherung) dargelegt. Für den Report werden „ausgewählte Daten von insgesamt ca. 8 Millionen BKK Versicherten einbezogen. Dies entspricht einem Anteil von rund 11 % aller GKV-Versicherten in Deutschland“ (S. 15). In den jeweiligen Kapiteln werden jeweils unterschiedliche Versichertengruppen zur Auswertung genutzt, zumeist sind dies entweder die BKK Versicherten insgesamt oder aber die der beschäftigten Versicherten insgesamt. Es folgt ein zusammenfassender Überblick über die wichtigsten Daten der ambulanten, stationären Versorgung sowie der Arzneimittelverordnungen im Allgemeinen sowie in Bezug zum Schwerpunktthema. Pfaff und Zeike führen sodann ins Thema Psychische Gesundheit und Arbeit ein.

Kapitel 0 (Dirk Rennert, Karin Kliner, Matthias Richter) gibt einen Überblick über die soziodemographischen Merkmale der BKK Versicherten allgemein sowie jene der beschäftigten Mitglieder.

Kapitel 1 (Dirk Rennert, Karin Kliner, Matthias Richter) fokussiert die Arbeitsunfähigkeit (AU) und bietet Informationen zum AU-Geschehen u.a. mit Bezug auf Alter und Geschlecht, auf regionale Unterschiede sowie nach Wirtschafts- respektive Berufsgruppen. Das Kapitel schließt mit einem Abschnitt zum Schwerpunktthema Psychische Gesundheit und Arbeit.

Kapitel 2 (Dirk Rennert, Karin Kliner, Matthias Richter) beschäftigt sich mit der ambulanten Versorgung, also jenen Bereich, der das „alltägliche Krankheitsgeschehen widerspiegelt, also alle medizinischen Versorgungsleistungen, die nicht aufgrund ihrer Schwere in Krankenhäusern erfolgen müssen.“ (S. 213). Im Schnitt sind neun von zehn Versicherten mindestens einmal im Jahr bei einem niedergelassenen Arzt/Ärztin oder Therapeut*in (vgl. S. 153). Das Kapitel gibt zunächst einen Überblick über die Zahlen des Jahres 2018. Im zweiten Abschnitt werden wiederum die Daten der ambulanten Versorgung u.a. mit Bezug auf soziodemografische Daten, auf regionale Unterschiede sowie auf die Arbeitswelt analysiert. Der abschließende Abschnitt zur psychischen Gesundheit und Arbeit im Kontext der ambulanten Versorgung führt u.a. aus, dass rund 30 % der Beschäftigten wegen psychischer Erkrankungen ambulant behandelt wurden. Die häufigsten Einzeldiagnosen im Spektrum psychischer Störungen sind depressive Episoden, somatoforme Störungen sowie Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen (vgl. S. 193).

Kapitel 3 (Matthias Richter, Karin Kliner, Dirk Rennert) hat als thematischen Schwerpunkt die stationäre Versorgung, und damit die Behandlung schwerwiegender Erkrankungen. 2018 sind durchschnittlich 195 stationäre Behandlungen je 1.000 Versicherten (knapp 13 %) erfolgt, die Verweildauer betrug bei rund zwei Drittel höchstens eine Woche (vgl. S. 251). „Die meisten Fälle in der stationären Versorgung werden durch Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems verursacht (…). Die weitaus meisten stationären Behandlungstage gehen hingegen auf psychische Störungen zurück. Seit 2008 ist deren Zahl um +28 % gestiegen, von allen Behandlungstagen geht mehr als jeder fünfte auf die psychischen Störungen zurück. (…) Ein Fall dauerte in 2018 im Durchschnitt fast vier Wochen.“ (S. 253f). Auffällig, so die Autor*innen ist, dass insbesondere Arbeitslose häufiger in stationärer Behandlung waren aufgrund psychischer Störungen als Personen anderer Versicherungsgruppen. Aber auch in der Gruppe der beschäftigten Mitglieder sind es psychische Störungen, die „für die mit Abstand meisten Behandlungstage“ (rund 30 %) ursächlich sind. Hohe Kennwerte weisen etwa Personen aus dem Gesundheitswesen auf.

Kapitel 4 (Dirk Rennert, Karin Kliner, Matthias Richter) beinhaltet die Arzneimittelverordnungen. Rund drei Viertel der Versicherten erhielten 2018 mindestens eine Arzneimittelverordnung. Mehr als jede vierte Einzelverordnung geht auf ein Mittel mit Wirkung auf das kardiovaskuläre System zurück (vgl. S. 357). „Die unter den Psychopharmaka nach Verordnungsmengen wichtigsten Wirkstoffgruppen sind die Antipsychotika sowie die Antidepressiva.“ (S. 390). Bei den Beschäftigten zeigt sich dabei, dass Antipsychotika tendenziell mehr Männern als Frauen verordnet wird, bei den Antidepressiva stellt es sich genau umgekehrt da.

In Kapitel 5 verfasst Franz Knieps eine zusammenfassende Kommentierung zum Thema „Arbeit muss zur psychischen Gesundheit beitragen“. Knieps fasst zusammen, dass

  • Eine steigende Inanspruchnahme bei stabiler Prävalenz eine Anpassung des Versorgungsangebots verlang
  • Wechselwirkungen zwischen Arbeitsbedingungen und seelischer Gesundheit bestehen
  • Arbeitslosigkeit als zentrale Ursache von psychischen Erkrankungen anzusehen ist
  • Flexibilisierung der Arbeit sowohl Risiken als auch Chancen beinhaltet
  • Vollzugsdefizite zu beseitigen und Gefährdungsbeurteilungen auszuweiten sind
  • Angebote bedarfsgerechter auszugestalten sind
  • Neue Angebote – insbesondere im Kontext betrieblicher Gesundheitsförderung und des betrieblichen Gesundheitsmanagements – zu implementieren sind (so z.B. die Initiative „BGM 4.0“ und das Projekt „Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt“)

Der Schwerpunkt Wissenschaft (S. 215 – 248) beinhaltet u.a. Ausführungen zu „Psychische Gesundheit in urbanen Räumen“ (Mazda Adli) und „Emotionale Arbeitsanforderungen und psychische Gesundheit“ (Gabriele Buruck, Marlen Melzer).

Im Schwerpunkt Politik (S. 317 – 352) werden u.a. die Themen „Humanzentrierte Gestaltung von Arbeit in der digitalen Transformation als Grundlage für psychische Gesundheit und Innovation“ (Julia Borggräfe) und „Versorgung psychisch Erkrankter in Deutschland – Rückblick und Ausblick“ (Kerstin Dahlke, Dirk Rennert) aufgegriffen.

Der Schwerpunkt Praxis (S. 407 – 450) widmet sich u.a. den Themen „Beratungsstandards zur psychischen Gesundheit in der Arbeitswelt – Worauf kommt es an?“ (Thomas Moormann, Martin König, Barbara Pöhlmann) und „#BreakingTheSilence – psychische Gesundheit bei der Arbeit: Impulse für Offenheit und Unterstützung setzen“ (Ulrich Birner).

Diskussion

Schwerpunkt des vorliegenden Gesundheitsreports „Psychische Gesundheit und Arbeit“ bereitet sehr umfänglich, anschaulich und informativ die Daten der Versicherten der BKK auf. Neben der deskriptiven Darstellung gibt es eine Fülle von Abbildungen und Tabellen, kurze Infokästen und einen je Kapitel abschließenden Abschnitt „Zusammenfassung und Ausblick“. Diese Abschnitte fassen die komplexen Sachverhalte sehr gut und übersichtlich zusammen. Sehr bereichernd – und den Fokus erweiternd – sind die Schwerpunktbeiträge der Gastautor*innen. Handlungsbedarfe im Kontext psychische Gesundheit und Arbeit werden aufgezeigt und insbesondere durch die ergänzenden Beiträge in den Schwerpunkten mögliche Lösungsansätze aufgezeigt.

Fazit

Psychische Erkrankungen sind in der Arbeitswelt ein bedeutendes und zunehmend relevantes Thema. Fehlzeiten in diesem Kontext sind stetig gestiegen. Der vorliegende Gesundheitsreport bietet einen fundierten und umfänglichen Überblick über dieses aktuelle Thema. Für Lehrende in Studiengängen mit Gesundheitsbezug – und damit auch für die Soziale Arbeit – ist der Report ebenso zu empfehlen wie für thematisch interessierte Studierende und Praktiker*innen.


Rezension von
Dr. Andrea Warnke
Professorin für Soziale Arbeit, IUBH Duales Studium, Hamburg
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Zitiervorschlag
Andrea Warnke. Rezension vom 19.01.2021 zu: Franz Knieps, Holger Pfaff (Hrsg.): Psychische Gesundheit und Arbeit. Zahlen, Daten, Fakten. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2019. ISBN 978-3-95466-470-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27369.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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