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Nina Heinrichs, Arnold Lohaus: Klinische Entwicklungspsychologie kompakt

Cover Nina Heinrichs, Arnold Lohaus: Klinische Entwicklungspsychologie kompakt. Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Mit Online-Material. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 2., überarbeitete Auflage. 320 Seiten. ISBN 978-3-621-28742-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Lehrbuch kompakt.
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Thema

In diesem Kompakt-Lehrbuch werden grundlegende Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie und der klinischen Kinder- und Jugendpsychologie im Thema der Entwicklungspsychopathologie vereint. Die AutorInnen beschreiben Abweichungen von der typischen Entwicklung im Kindes- und Jugendalter sowie psychische Störungen, die in diesem Alter (erstmals) auftreten können. Außerdem befassen sie sich damit, wie die Abweichungen und Störungen entstehen, wie häufig sie auftreten, wie sie klassifiziert werden können und welche Interventionsansätze es gibt. Alle Erkenntnisse im Buch werden aus einer biopsychosozialen Perspektive betrachtet.

AutorIn

Prof. Dr. Nina Heinrichs ist Professorin für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Bremen. Sie ist Diplompsychologin sowie psychologische Psychotherapeutin (VT).

Prof. Dr. Arnold Lohaus ist Professor für Entwicklungspsychologie und Entwicklungspsychopathologie an der Universität Bielefeld. Er ist Diplompsychologe und hat außerdem das erste Staatsexamen für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen.

Entstehungshintergrund

Die AutorInnen möchten mit diesem Buch besonders Personen, die sich im Rahmen von Studium oder Ausbildung erstmalig mit Entwicklungsstörungen und psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter beschäftigen, einen leicht zugänglichen, kompakten Überblick über das Thema ermöglichen. Ebenso soll das Buch in bestimmten Berufskontexten nützlich sein, wenn relevante Informationen schnell benötigt werden. Für eine größere Vollständigkeit und Detailtiefe empfehlen die AutorInnen hingegen andere Lehrbücher.

In dieser zweiten überarbeiteten Ausgabe nehmen die AutorInnen transdiagnostische Ansätze der Interventionsforschung, neue Forschungsbefunde und ein angepasstes Glossar sowie Stichwortverzeichnis mit auf. Außerdem geben sie einen Ausblick auf die ICD-11.

Aufbau

Das Buch ist in zwei große Teile unterteilt. Im ersten Teil werden Grundlagen der Entwicklungspsychopathologie in fünf Kapiteln behandelt. Im zweiten Teil folgen vier Kapitel zu Störungsbildern in spezifischen Entwicklungsphasen. Alle Kapitel beginnen mit einem Kasten „Was Sie in diesem Kapitel erwartet“ und enden mit Übungsaufgaben. In den Kapiteln gibt es außerdem weitere Kästen, die wichtige Inhalte entweder hervorheben, zusammenfassen oder erweitern. Die Kapitel werden durch Abbildungen und Tabellen ergänzt. Das Glossar im Buch bietet neben kurzen Definitionen wichtiger genannter Begriffe zusätzlich deren englische Übersetzung, was die weiterführende Recherche erleichtert. Das Online-Material enthält die Übungsaufgaben aus dem Buch mit adäquaten Lösungsvorschlägen sowie Verweise auf weiterführende Webseiten.

Inhalt Teil 1: Grundlagen

Kapitel 1: Entwicklungspsychopathologie: Definition – Es werden die Begriffe Entwicklungspsychopathologie und psychische Störungen speziell im Kindes- und Jugendalter definiert und die biopsychosoziale Sichtweise vorgestellt. Außerdem wird das Konzept der Entwicklungsaufgaben vorgestellt und ihr Zusammenhang mit psychischen Beschwerden herausgearbeitet.

Kapitel 2: Erklärungsansätze für die Entwicklung von psychischen Störungen – In diesem Kapitel werden verschiedene mehrdimensionale Erklärungsansätze zum Entstehen psychischer Störungen vorgestellt. Zunächst nennen die AutorInnen Risiko- und Schutzfaktoren und erklären, wie sie mit dem Bewältigen von Entwicklungsaufgaben interagieren und welche Rolle die individuelle Vulnerabilität und Resilienz hierbei spielen. Außerdem stellen sie integrative Modelle, Entwicklungspfadmodelle und transidagnostische Modelle vor.

Kapitel 3: Ansätze zur Unterscheidung von psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter – Hier werden Bestandteile und Abläufe im Diagnoseprozess zusammengeführt. Die AutorInnen stellen die ICD-10 vor sowie weitere kategoriale und dimensionale Klassifikationsschemata, darunter das DSM-5 und solche, die speziell für das Kindes- und Jugendalter entwickelt wurden. Als diagnostische Herangehensweisen werden Interviews, Fragebögen, Testverfahren und Beobachtungsverfahren unter Zuhilfenahme beispielhafter Instrumente erklärt.

Kapitel 4: Epidemiologie zu psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter – Die Grundlagenbegriffe Epidemiologie, Prävalenz und Inzidenz werden definiert und epidemiologische Forschungsmethoden vorgestellt. Die Häufigkeit von psychischen Störungen im Kindes- und Jugendalter und deren Stabilität werden auch im Zusammenhang mit der Behandlungsquote besprochen.

Kapitel 5: Präventions- und Interventionsansätze – Zu Anfang wird erklärt, wie man verschiedene Präventionsansätze einteilen, voneinander unterschieden und evaluieren kann. Als Interventionsmöglichkeiten werden Angebote der Entwicklungsförderung, die Kinder- und Jugendhilfe und verschiedene Psychotherapieansätze vorgestellt. Hier wird insbesondere auf die Verhaltenstherapie eingegangen, indem zugrundeliegende lernpsychologische Mechanismen und daraus abgeleitete Therapiemethoden vorgestellt werden. Auf die systemische Therapie und spieltherapeutische Ansätze wird kurz eingegangen. Ergänzt wird das Kapitel durch Beiträge zur familienorientierten Intervention, Psychopharmakotherapie, Kennzeichen effektiver Therapien und der Vorstellung eines transdiagnostischen Therapieansatzes.

Inhalt Teil 2: Störungsbilder

Kapitel 6–8 enthalten jeweils mehrere Unterkapitel zu verschiedenen psychischen Störungen, die innerhalb des jeweiligen Kapitels nach dem Alters- und Entwicklungsabschnitt geordnet sind, in dem das Störungsbild typischerweise zum ersten Mal auftritt. Die Unterkapitel sind gleich aufgebaut. Zuerst werden typische Symptome der Störung sowie die wichtigsten diagnostischen Kriterien gemäß der ICD-10 vorgestellt. Es werden ein oder mehrere Fallbeispiele beschrieben. Dann folgen Annahmen zur Störungsgenese und Informationen zur Epidemiologie, wobei hier Altersgruppen, Geschlecht, spezifischen Subtypen des Störungsbildes und häufig auftretende komorbide Störungen berücksichtigt werden. Hierauf folgen Angaben zum Verlauf, typische psychosoziale Belastungen, die mit der Störung einhergehen, und Informationen zu möglichen Präventions- und Interventionsstrategien.

Kapitel 6: Störungen mit überwiegendem Beginn im Säuglings- und Kleinkindalter

  • Regulationsstörungen
  • Bindungsstörungen in Abgrenzung zu Bindungstypen
  • Enuresis
  • Enkopresis
  • Tiefgreifende Entwicklungsstörungen mit Fokus auf Störungen im autistischen Spektrum

Kapitel 7: Störungen mit überwiegendem Beginn im Kindesalter

  • Angststörungen mit Hinweis auf die komplexe PTBS im ICD-11
  • Hyperkinetische und Aufmerksamkeitsstörungen
  • Oppositionelles Verhalten und Störung des Sozialverhaltens unter Einbezug mehrerer Aspekte des DSM-5
  • Zwangsstörungen und Tic-Störungen inklusive des Tourette Syndroms
  • Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache, schulischer Fertigkeiten und motorischer Fertigkeiten

Kapitel 8: Störungen mit überwiegendem Beginn im Jugendalter

  • Essstörungen inklusive Binge Eating Disorder
  • Depression mit Exkurs zur Suizidalität
  • Substanzmissbrauch und Abhängigkeit mit Schwerpunkt auf Intoxikation und schädlichem Gebrauch
  • Psychotische Erkrankungen mit Fokus auf schizophrenen Psychosen

Kapitel 9: Psychische Begleitsymptomatik bei körperlicher Erkrankung – Hier wird der Fokus auf den Zusammenhang von körperlich chronischen Erkrankungen und psychischer Begleitsymptomatik gelegt. Neben einem Fallbeispiel, der Epidemiologie und möglichen Bewältigungsressourcen werden in einer übersichtlichen Tabelle verschiedene Erkrankungsformen und dazugehörige Anforderungen für Betroffene und Angehörige, die sich aus der primären Erkrankung ergeben, sowie Interventionsansätze vorgestellt.

Diskussion

In unaufgeregt sachlichem und leicht verständlichem Ton decken die AutorInnen viele relevante Inhalte ab. Die Themen sind gut gewählt und werden in Theorie und Empirie fundiert vermittelt, sodass das Buch zum Erlangen eines umfangreichen Überblicks vollkommen ausreichend ist. Aktuelle (metaanalytische) Forschungsergebnisse werden berücksichtigt. Dabei regen die AutorInnen auch immer wieder zum kritischen Einordnen von Forschungsbefunden an. Eine Stärke ist die konstant nachvollziehbare Struktur und Übersichtlichkeit des Buches. Da verschiedene Theorien, Ansätze, Instrumente, Programme und Ähnliches angesprochen werden, lassen sich hier viele Ansatzpunkte für eine weiterführende Recherche finden, wenn gewünscht. Das Buch dürfte für Studierende und Auszubildende auch wegen der Übungsaufgaben hilfreich sein. Auch wenn viele psychologische Grundbegriffe erklärt werden, würden grundlegende Vorkenntnisse im Fach sicherlich zu einem besseren Verständnis beitragen. Für (erfahrene) Berufspraktiker könnten die aktuellen Forschungsbefunde und Abbildungen interessant sein, auch wenn es als klinisches Standardwerk ansonsten nicht tiefgreifend genug ist. Aufgrund der Art, wie die Inhalte aufbereitet worden sind, der Fallbeispiele sowie die übersichtlichen und informativen Tabellen und Abbildungen kann es sich jedoch gut für die Lehre eignen. Beiträge zu geschlechtsspezifischen Abweichungen insbesondere unter Berücksichtigung einer Geschlechtsdysphorie, der Computerspielsucht und Persönlichkeitsstörungen hätten das Buch m.E. um wichtige Inhalte bereichert.

Fazit

Personen, die sich im Studium oder Beruf erstmalig mit Entwicklungsstörungen und psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters beschäftigen, finden in diesem Kompakt-Lehrbuch auf übersichtliche Weise alle wichtigen Grundlagen und störungsspezifischen Erkenntnisse zur Symptomatik, Genese, Epidemiologie und Intervention. Durch das breit vermittelte Wissen, das Glossar und die anschaulichen Abbildungen und Tabellen eignet es sich insbesondere auch zur Auffrischung oder zum Einsatz in der Lehre. Wer an der ein oder anderen Stelle tiefer in das Thema eintauchen will oder sehr spezifische Informationen benötigt, findet in dem Buch gute Anknüpfungspunkte zu einer nachfolgenden Recherche.

Anyone, who learns about developmental and mental disorders in childhood and adolescence for the first time either in their studies or job, will find all the important fundamentals and disorder-specific findings on symptoms, genesis, epidemiology and interventions in this compact and well-arranged textbook. Thanks to the broadness of knowledge, the glossary and the clear figures and tables, it is also suitable for the refreshment of knowledge or for use in teaching. For anyone wanting to delve deeper into the topic or needing very specific information, the book provides good starting points for subsequent research.


Rezension von
Swantje Bolli
Universität Potsdam, Empirische Unterrichts- und Interventionsforschung
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Zitiervorschlag
Swantje Bolli. Rezension vom 03.12.2020 zu: Nina Heinrichs, Arnold Lohaus: Klinische Entwicklungspsychologie kompakt. Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. Mit Online-Material. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2020. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-621-28742-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27373.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


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