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Monika Osberghaus: Alle behindert!

Cover Monika Osberghaus: Alle behindert! 25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild. Klett Kinderbuch Verlag GmbH (Leipzig) 2019. 35 Seiten. ISBN 978-3-95470-217-6. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR.

Künstler ist Horst Klein.
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Thema

Eines der gesellschaftlichen Mega-Themen, um nicht zu sagen in (sozial)pädagogischen Kontexten dasMegathema schlechthin, ist Inklusion – zu Recht. Das vorurteilsbewusste und in einer vagen Zukunft eventuell vorurteilsfreie Miteinander ist in den frühpädagogischen Bildungs- und Erziehungsplänen der Länder verankert. Qua Grundgesetz haben alle Bürger*innen dieselben Rechte, sind aber darüber hinaus alles andere als gleich, sondern bilden vor dem Hintergrund ihrer Unterschiedlichkeiten eine bunte Gemeinschaft des Diversen. Eine wesentliche Heterogenitätsdimension ist „Behinderung“, ein Begriff, der zum einen als pejorativ eingestuft wird, zum anderen aber von vielen Betroffenen akzeptiert zu werden scheint. Das vorliegende Bilderbuch von Horst Klein (Illustrationen) und Monika Osberghaus (Text) wartet mit der recht verwegen anmutenden These auf, dass „alle behindert“ seien.

Autorin

Monika Osberghaus, Jahrgang 1962, arbeitete als Buchhändlerin, studierte Kinderliteratur und betreute jahrelang die Kinderbuchseiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für die dtv-Reihe Hanser schrieb sie die beiden Kinderliteratur(ver)führer »Was soll ich denn lesen?« und »Schau mal!«. Heute ist sie die Verlegerin von Klett Kinderbuch. Zusammen mit Thomas Engelhardt schreibt sie als Meyer/​Lehmann/​Schulze die Bücher rund um die »Wilden Zwerge« und die »Wilden Schulzwerge«. Sie lebt mit Mann und Sohn in Leipzig.“ (www.klett-kinderbuch.de/autorinnen-illustratorinnen/​details/​monika-osberghaus.html; 04.10.2020)

Horst Klein, Jahrgang 1965, verbrachte prägende Jahre in Ostfriesland, bevor er 1989 für sein Studium der visuellen Kommunikation nach Krefeld zog. […] Er arbeitet heute als Illustrator und Grafiker. Horst Klein hat eine Frau und zwei Kinder.“ (www.klett-kinderbuch.de/autorinnen-illustratorinnen/​details/​horst-klein.html, 04.10.2020)

Aufbau und Inhalt

„Alle behindert“ präsentiert laut Untertitel „25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild“. Auf jeweils einer Seite steht ein Kind mit einer „Besonderheit“ im Zentrum, seine Charakteristika und Vorlieben sind in einer Art Steckbrief zusammengefasst. Nur selten erscheint ein Satz im Fließtext. Inhaltlich wird ein sehr weiter Bogen gespannt, denn da sind:

  1. Anna mit Trisomie 21,
  2. Julien, der Angeber,
  3. Pippa mit Querschnittslähmung,
  4. José mit Lernbehinderung,
  5. Paul, der Mitläufer,
  6. Hanna, die stottert,
  7. Vanessa, die „Tussi“,
  8. der kleinwüchsige Neo,
  9. Oskar mit ADHS,
  10. Xenia mit Epilepsie,
  11. Max mit spastischer Lähmung,
  12. Grethy, die nichts hört,
  13. Lenny mit Muskelschwäche,
  14. die überbehütete Leopoldine Victoria,
  15. Karlotta, der „Rüpel“,
  16. Robert mit Autismus,
  17. Luca-Toni mit einem Herzfehler,
  18. die schüchterne Martha,
  19. Alfredo, der „Essensnörgler“,
  20. Sophia mit Spina Bifida,
  21. Ella mit Hochbegabung,
  22. Jeremias mit Bildschirmsucht,
  23. Alex mit Adipositas und
  24. Ronja, die nicht sehen kann.

Bei Nr. 25 heißt es „So, und zum Schluss bist Du gefragt“ – ein leeres Blatt lädt das rezipierende Kind zum Ausfüllen ein.

Die jeweils unterschiedlich farbig unterlegten Steckbriefe listen Informationen zu den Punkten „Mag gerne“, „Mag weniger“, „Lieblingssatz“, „Behinderung“, „Schimpf- oder Spitzname“, „Wie oft kommt das vor“, „Geht das wieder weg“, „Wo kommt das her“, „Wie gehe ich auf [XY] zu“, „Was lasse ich lieber“, „Kann ich mit ihm spielen“, „Was ist daran einfach nur doof“ und „Vorteil“. Unten rechts an den nicht paginierten Seiten befindet sich eine kleine Säule, die mit roter Füllung das sogenannte „Mitmachlevel“ indiziert. Zu guter Letzt hält jedes Porträt sogenanntes „Geheimwissen“ parat, zwei bis drei Sätze zu der Beeinträchtigung, die sich nur dann adäquat lesen lassen, wenn man das Buch um 180° dreht.

Diskussion

„Inklusion – können wir schon“ – so steht es in der Sprechblase, die auf dem Buchrücken drei Kindern zugeordnet ist. Doch fördert es Inklusion, wenn 25 Porträts unterschiedlicher Kinder in einem Buch präsentiert werden? Ja, in gewisser Weise schon, so kann man vorab sagen, denn die Darstellung der Inklusion ist von Vielfalt durchzogen. Das hehre Ziel, viele Individualitäten zu integrieren, sie nebeneinander zu skizzieren, das ist meta-inklusiv, Inklusion der Inklusion. Dass jeder „Beeinträchtigung“ nur knappe Informationen gewidmet sind, ist auch nicht schlecht. Diese hat man schnell (vor)gelesen, sodass bei niemandem Langeweile aufkommt. Viele Kinder werden sich oder andere zudem in dem einen oder anderen Porträt wiedererkennen, dann in erster Linie, wenn die nicht offensichtlichen „Behinderungen“, wie etwa die „Tussi“ oder „der Mitläufer“ thematisiert werden. Bilder im Comic-Style, eine dazu passende, serifenreiche Schriftart sowie farbenprächtige Innen-Umschlagseiten sollen die Zielgruppe, laut Verlag Kinder von 5–7 Jahren, begeistern. Viele Faktoren fügen sich in der Tat zu einem kindgerechten Edutainment und vielleicht liegt genau dort eine große Problematik verborgen, denn was dominiert, ist trotz allem Meta-Inklusiven eher ein Neben- als ein Miteinander, trotz der Säulen mit dem „Mitmachlevel“ und trotz des „Super-Trumpfs“ am Ende, das Schema zum Ergänzen, auf dem jedes Kind von seiner eigenen „Behinderung“ berichten darf.

Auf den/die Betrachter*in wirken die Seiten wie ein immens unruhiges, gar beunruhigendes Potpourri. Allein das Papier weist sie als Buchseiten aus, denn es ergibt sich der Eindruck von Internetseiten, mit denen sich Erwachsene einer kindlichen Zielgruppe anbiedern möchten. Alle Porträts sind zu einer bunten „salad bowl“ gemixt, mit der man Kinder, sollten sie bereits in der Lage sein, zu lesen, nicht allein lassen sollte. Hier ist ein Maximum an Sensibilität und Responsivität der erwachsenen Vermittlungspersonen gefragt, denn die Darstellungen einiger Kinder, z.B. Leopoldine Victoria, Karlotta oder Alfredo, kommen ein bisschen zu überspitzt spaßig und leichtfüßig daher, mehr noch, sie triefen vor Ironie. Abgesehen davon, dass Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren erst allmählich beginnen, Ironie zu verstehen, fördert ein solches Procedere paradoxerweise die Stigmatisierung, kann also die intendierte Inklusion im Extremfall Exklusion fördern. Damit manifestiert sich in „Alle behindert“ auch auf einer allgemeinen Ebene das Problem, Inklusion ohne Exklusion zu betreiben. Ab dem Moment, wo man Besonderheiten benennt, sind sie als solche markiert und haben ihre Unschuld verloren. Thematisiert werden müssen sie aber, um Vorurteilsbewusstsein zu fördern und damit auf längere Sicht eine Anti-Bias-Begegnung zu ermöglichen. Aus dieser Quadratur des Kreises zu entkommen ist schwierig. Es braucht dazu eine tastende, allmähliche Annäherung und nichts weniger als ein Hau-Ruck-Verfahren, das sich bei „Alle behindert“ schon im sehr bemühten Werbetext des Verlags offenbart: Das Buch mache „Schluss mit dem verschwiemelten Einteilen in ‚Eingeschränkt‘ hier und ‚Normal‘ dort.“ Es gehe „um uns alle“. Sodann folgt eine Anrede an die erwachsene Leserschaft: „25 bekannte Beeinträchtigungen inklusive Ihrer eigenen können Sie hier näher kennenlernen. Wer dabei keine Miene verzieht, ist lachbehindert!“ (www.klett-kinderbuch.de/buecher/​details/​alle-behindert.html) Jede*r soll sich also zu seiner*ihrer Beeinträchtigung bekennen, etwas hat ja schließlich jede*r und sei es die „Lachbehinderung“, die hier aufgefahren wird. Manch einem*r, der*die dieses Buch liest, bleibt das Lachen aber im Halse stecken, wie ein Blick in eine Amazon-Kundenrezensionen beweist:

„Unser Kind ist behindert (Down Syndrom und Herzfehler). Mir ist schon beim Durchblättern dieses Buches das Lachen im Hals steckengeblieben. Es sieht auf den ersten Blick nett aus, die Zeichnungen wirken sympathisch. Aber dass es im Jahr 2019 noch derart wenig Aufklärung über Behinderungen gibt, entsetzt mich. Ich empfinde es für unseren Sohn als unangemessen, seine Erkrankung, für die er nichts kann, auf eine Stufe mit 'Schlankheitswahn' zu stellen […] Schon allein der Klappentext ('beliebte' Behinderungen) lässt mich am Verständnis der Autoren für die Problematik an sich zweifeln.[…]“. ( www.amazon.de/product-reviews/​3954702177/ref=acr_dp_hist_1?ie=UTF8&filterByStar=one_star&reviewerType=all_reviews#reviews-filter-bar)

Andrea Paluch in der taz behauptet demgegenüber, dass dem Klett-Kinderbuchverlag „wieder ein großer Wurf gelungen“ sei, ein Buch, das sich nicht am „Mainstream“ orientiere (taz.de/Kinderbuch-Alle-behindert/!5633692/). In der FAZ lobt Fridtjof Küchemann, dass „Alle behindert!“ es „weder auf Kategorisierung noch auf Gleichmacherei“ anlege, sondern „kindliche Neugier und Offenheit“ stärke und „in einer von Ausgrenzungsreflexen wie Inklusionsbemühungen geprägten Welt den Blick frei für das Wesentliche, Verbindende: alles Kinder“ mache (www.faz.net/aktuell/​feuilleton/​buecher/​rezensionen/​kinderbuch/​sachbuch-fuer-kinder-wer-ist-hier-behindert-16501804.html). Viele Kinder hätten „selbst von ihren Besonderheiten erzählt“ – so noch einmal der Peritext des Verlags. Das Ergebnis sei „liebenswert authentisch und direkt“, „Dogmatismus“ habe gar nicht aufkommen können (www.klett-kinderbuch.de/buecher/​details/​alle-behindert.html). Was in diesem Kontext mit Dogmatismus gemeint ist, bleibt unklar. Aber könnte es nicht bereits dogmatisch sein, wenn man mit allen Mitteln undogmatisch sein möchte? Und dabei vielleicht Entscheidendes übersieht, etwa, dass die im Buch gesetzte Gleichwertigkeit bzw. Synonymie von Behinderung und Beeinträchtigung „spätestens seit der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009“ als höchst problematisch eingestuft wird, wie Daniel Horneber in seiner Rezension moniert (inklusion-statt-integration.de/alle-behindert-eine-buchkritik/). Das Kinderbuch sei „gut gemeint, aber sehr schlecht gemacht“. In eine ähnliche Richtung zielt die Kritik der Literaturwissenschaftlerin Tanja Kollodzieyki:

„Das Kinderbuch 'Alle behindert!' bemüht sich darum, die Vielfältigkeit von Kindern darzustellen und über verschiedene Bedürfnisse und Talente von Kindern mit Behinderungen aufzuklären. Dadurch, dass alle Eigenschaften der Kinder im Buch als Behinderungen bewertet werden, werden die Herausforderungen und Diskriminierungen von Kindern mit Behinderung unsichtbar gemacht. Außerdem verpasst das Buch die Chance, jungen Kindern durch eine spannende Erzählung ein Beispiel für einen inklusiven Alltag zu geben. (https://dieneuenorm.de/kultur/​kinderbuch-alle-behindert/)“.

Fazit

Letzteres ist ein Aspekt, der nicht genug betont werden kann. Es gilt, die Chance einer Geschichte zu nutzen, in der Inklusion einfach gelebt wird. Es ist wichtig, Inklusion in einem fiktionalen Zusammensein schlicht und einfach zu antizipieren und darauf zu setzen, dass – so wie ein berühmter Satz von Louise Derman-Sparks lautet – „we are making the road by walking“. Keine gute Idee ist es, ein inklusives Kinderbuch über Inklusion herauszugeben, solange die Umsetzung nicht nur einiges zu wünschen übriglässt, sondern sogar Gefahr läuft, ins Gegenteil umzuschlagen. Geschichten, in denen es normal ist, besonders zu sein, ohne „verbesondert“ zu werden, sind selten. Aber es gibt sie schon, denn ein hervorragendes aktuelles Beispiel ist unter dem folgenden Link zu finden: https://interagencystandingcommittee.org.


Rezension von
apl. Prof. Dr. Anne Amend-Söchting
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Zitiervorschlag
Anne Amend-Söchting. Rezension vom 04.11.2020 zu: Monika Osberghaus: Alle behindert! 25 spannende und bekannte Beeinträchtigungen in Wort und Bild. Klett Kinderbuch Verlag GmbH (Leipzig) 2019. ISBN 978-3-95470-217-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27374.php, Datum des Zugriffs 24.11.2020.


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