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Kristin Platt (Hrsg.): Fehlfarben der Postmoderne

Cover Kristin Platt (Hrsg.): Fehlfarben der Postmoderne. Weiter-Denken mit Zygmunt Bauman. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. 300 Seiten. ISBN 978-3-95832-210-3. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Sammelwerk „Fehlfarben der Postmoderne“ bietet eine Auseinandersetzung mit dem vielfältigen und umfangreichen Lebenswerk des Soziologen Zygmunt Bauman. Im Zentrum hierbei stehen die zeitdiagnostischen Schriften Baumans, die sich im Spannungsfeld von Moderne, Postmoderne und Flüchtiger Moderne bewegen. Das Buch geht auf eine Ringvorlesung an der Ruhr-Universität Bochum im Wintersemester 2017/18 zurück, die kurz nach dem Tod von Bauman seinem Werk gewidmet wurde. Die im Sammelwerk enthaltenen Beiträge stellen jedoch nicht lediglich eine Verschriftlichung der dort gehaltenen Vorträge dar. Vielmehr werden diese als Ausgangspunkt genommen, um aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven ein Weiter-Denken mit Zygmunt Bauman zu ermöglichen.

Herausgeberin

Herausgeberin des Sammelbandes ist die Sozialpsychologin und Kulturwissenschaftlerin Kristin Platt. Sie ist Leiterin des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung an der Ruhr-Universität Bochum und mit einem eigenen Beitrag im Buch vertreten.

Aufbau und Autoren

Neben der Einleitung ist das Buch in drei Hauptabschnitte untergliedert:

  1. Annäherungen – Spuren – Rezeptionen
  2. Konfrontationen in Moderne und Postmoderne
  3. Schlüsselkonzepte weitergedacht

Der erste Abschnitt umfasst fünf Beiträge, diese stammen von: Wolfgang Knöbl, Matthias Junge, Walter Reese-Schäfer, Constatin Goschler und Peter Imbusch. Obwohl der zweite Teil lediglich zwei Beiträge (Jürgen Straub & Kristin Platt) umfasst, nimmt dieser einen großen Teil des Buches ein. Der dritte Abschnitt schließlich bietet vier Aufsätze, von Ruth Großmaß, Jan Weyland, Thomas Kron und Jörn Ahrens.

Inhalt

Der erste Aufsatz trägt den Titel „Was ist ‚modern‘ an Baumans ‚Moderne‘?“ und stammt von Wolfgang Knöbl. Grundlegend wird hier nach dem Ursprung und den Bedeutungen des Begriffes und des Konzepts „der Moderne“ in den Sozialwissenschaften gefragt. Es geht somit nicht nur um die konkrete Verwendungsweise des Begriffes bei Bauman selbst, vielmehr soll auf einer allgemeineren Ebene gefragt werden, „was man getan hat und noch tut, wenn man über ‚die Moderne‘ spricht“ (S. 22). Knöbl spürt hierfür den Verwendungsweisen des Begriffes in der (sozialwissenschaftlichen) Literatur nach und stellt zentral fest, dass dieser überraschenderweise – denn das das Adjektiv „modern“ kommt bereits im 19. Jahrhundert auf – erst innerhalb der 1970er Jahre zentral zur Beschreibung der Struktur einer bestimmten Epoche verwendet wurde. Im Folgenden wird eine Reflexion über diverse wissenschaftliche Diskurse über „die Moderne“ geboten, wobei anschließend kritisiert wird, dass die Verwendung des Begriffes oftmals als wenig hilfreich erscheint. Der Autor plädiert dafür, dass sich die Sozialwissenschaften vielmehr stärker mit einer Historisierung und Kontextualisierung solcher Epochenbegriffe auseinandersetzen sollten.

Matthias Junge bietet in seinem Beitrag „Zygmunt Bauman: Soziologie unterwegs zur Flüchtigen Moderne“ einen knappen – jedoch äußerst dichten – Überblick über Baumans Lebenswerk sowie dessen Entwicklung. Es werden hier Schlüsselkonzepte und -begriffe vorgestellt sowie Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der langjährigen wissenschaftlichen Arbeit von Bauman aufgezeigt. Als eines der Kernthemen von Bauman wird von Junge das Konzept der Ambivalenz vorgestellt, das bereits auf das frühe kulturtheoretische Werk Baumans aus den frühen 1970er Jahren zurückgeführt werden kann. Junge zeigt auf, dass sich die Grundüberlegungen seiner hier entwickelten semiotischen Kulturtheorie in vielfältiger Weise in den späteren (und bekannteren) zeitdiagnostischen und essayistischen Schriften erhalten bleiben. Exemplarisch zu nennen sei hier nur die Baumansche Identifizierung der Moderne als eine nach Ordnung strebende kulturelle Formation, die Ambivalenzen radikal bekämpft. Dies wird – so Junge – erstmals in Baumans Werk „Modernity and the Holocaust“ eklatant deutlich, erscheinen doch nun allen voran die Juden als jene ambivalenten Elemente, die in der soliden Moderne als „Fehler“ einer als (zukünftig) „perfekt“ imaginierten Ordnung erscheinen. Im Folgenden zeichnet Junge nach, wie sich der Fokus Baumans zunächst auf „die Postmoderne“ und schließlich auf die „flüchtige Moderne“ verschiebt.

Der dritte Aufsatz „Warum alle Zygmunt Bauman lesen, den Soziologen der Postmoderne“ stammt von Walter Reese-Schäfer und spürt dem „Erfolgsgeheimnis“ des Werks von Bauman nach. Die im Titel anklingende Frage wird dabei in zweierlei Hinsicht beantwortet: einerseits, stelle Bauman eine radikal individualistische postmoderne Ethik und nahezu eine „Lebensberatung“ bereit, womit er im wissenschaftlichen Feld eine Art Marktlücke fülle. Andererseits sei der Erfolg auf eine „personal-biographische Tiefendimension“ (S. 70) zurückzuführen. Die weitreichenden persönlichen Lebenserfahrungen Baumans stünden im Kontrast zu der „Leichtigkeit“ vieler Autoren, die ebenfalls auf eine Epoche der Postmoderne blicken. Darüber hinaus nimmt Reese-Schäfer in seinem Beitrag maßgeblich Baumans Positionen innerhalb von Diskursen um den Kommunitarismus in den Blickpunkt.

Constantin Goschler beschäftigt sich in „Die Postmoderne und der Holocaust“ u.a. mit der von Bauman verwendeten Metapher des Staats als Gärtner innerhalb der (soliden) Moderne und fragt nach dem Verhältnis sowie dem Einfluss des Werks „Modernity and the Holocaust“ zu bzw. auf zeitgenössische wissenschaftlichen Betrachtungen des Holocaust. Es findet hierbei zentral eine historische Einordnung der Veröffentlichung dieses Werkes statt, bspw. wird dieses im Kontext des sogenannten „Historikerstreits“ betrachtet. Goschler bescheinigt dem Werk zur Zeit seiner Veröffentlichung zwar einen durchaus großen Einfluss gehabt zu haben, letztendlich wird jedoch die „Zeitgebundenheit der baumanschen Überlegungen zu Holocaust und Moderne“ konstatiert (S. 83). Für zeitgenössische (v.a. empirisch orientierte) wissenschaftliche Betrachtungen des Holocaust könne dem Werk nur noch eine geringfügige Bedeutung zugesprochen werden.

In „Die Bedeutung Zygmunt Baumans für die sozialwissenschaftliche Gewaltforschung“ von Peter Imbusch wird ebenfalls maßgeblich – nicht jedoch ausschließlich – auf das Werk „Modernity and the Holocaust“ Bezug genommen. Imbusch ist daran interessiert, den Aspekt der Gewalt in Baumans Werk offenzulegen und diesen vor dem Hintergrund der soziologischen Gewaltforschung zu reflektieren. Hierbei wird insbesondere gefragt, wie das Verhältnis von Moderne und Gewalt in den Sozialwissenschaften gedacht wird. Bauman selbst wird eine ambivalente Perspektive zugeschrieben: „Die Moderne erscheint zwar als notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für die Erklärung oder Hervorbringung von bestimmten Formen der Gewalt“ (S. 94). Insgesamt wird konstatiert, dass Baumans Makroperspektive auf Gewalt als ein wichtiger Beitrag zur soziologischen Gewaltforschung angesehen werden kann, bspw. indem durch sein Werk wichtige Fokusverschiebungen und Reinterpretationen (bspw. in Bezug auf das Denken über den Holocaust) möglich werden.

Ordnung, Reinheit, Identität und ihre Auflösung“ von Jürgen Straub ist der erste Beitrag des zweiten Teils des Sammelwerks und stellt den mit Abstand längsten Artikel der Publikation dar. Ausgangspunkt ist hier die Baumansche Konzeption der Moderne als eine nach Ordnung strebende Formation, wobei diese in Hinblick auf das Thema der „Reinheit“ aus soziologischer und psychologischer Perspektive konkretisiert wird. Das erklärte Ziel ist es, Baumans Überlegungen zu einer „Theorie personaler Totalität [H.i.O.]“ (S. 116) weiterzuentwickeln, wofür Straub zunächst vor allem dem Ansatz der Abjektion von Julia Kristeva folgt. Hierdurch soll es ermöglicht werden, Baumans Überlegungen (bspw. über „den Fremden“, der als „Fehler“ jeder Ordnung erscheint) stärker mit einer psychologischen Perspektive – d.h. hier vor allem: mit affektiven Dimensionen – zu verbinden. Es findet im Folgenden eine Auseinandersetzung mit den Begriffen der Identität und der Totalität statt, maßgeblich aus einer psychologischen Perspektive. Aus diesen Ausführungen heraus erfolgt eine Kritik des Identitätsbegriffs bei Bauman. Dieser wird von Straub als gänzlich unzureichend abgelehnt, denn Bauman setze Identität viel zu stark mit „Festigkeit, Geschlossenheit und Dauerhaftigkeit“ in Verbindung (S. 152), womit er jedoch lediglich überholte Vorstellungen reproduziere (S. 154). Zwar erkennt Straub an, dass es sich bei Baumans späteren Schriften maßgeblich um essayistische Werke handelt, jedoch müsse konstatiert werden, dass viele der hier präsentierte Gedanken – bspw. zum Thema der Identität – „einem empirisch gehaltvollen Blick“ nicht standhielten (S. 155). Auch mit Blick auf die baumanschen Schriften über die Postmoderne positioniert sich Straub gegen Bauman, denn während dieser innerhalb der (soliden) Moderne die „Festigkeit“ (erneut: bspw. von Identitäten) überschätze, überschätze er nun ebenfalls die „Flüchtigkeit“ dieser „neuen“ Moderne (S. 161). Des Weiteren findet eine Auseinandersetzung mit diversen von Bauman verwendeten Metaphern statt (bspw. „Pilger“, „Touristen“, „Vagabunden“, „Spieler“), wobei auch diesen letztendlich ein geringer Erkenntniswert zugesprochen wird. Der letzte Teil beschäftigt sich schließlich mit Baumans Ansatz einer „Postmodernen Ethik“, die zwar „mit einigen Merkmalen auf[wartet], in denen sich einige wiedererkennen dürften“, jedoch – so der Autor – letztlich „an starken Vereinfachungen und Übergeneralisierungen“ leidet (S. 202).

Der Beitrag „Gehen lernen in Zeitverschiebungen“ von der Herausgeberin Kristin Platt beschäftigt sich mit den Dimensionen von Zeit und Bewegung in Baumans Werk. Während Bauman sich dem Phänomen der Zeit zwar nicht explizit als ein eigenes Thema gewidmet hat, so fänden sich in seinem Werk dennoch eine Vielzahl an Hinweisen bzgl. von Veränderungen des Zeit-Raum-Verhältnisses im Zuge des Übergangs von einer „soliden“ zu einen „flüchtigen“ Moderne. Platt identifiziert hierbei verschiedene Aspekte von Zeit und Bewegung in Baumans Werk und setzt diese u.a. in Relation zu Theorien der Beschleunigung (Hartmut Rosa) oder der Ermüdung (Alain Ehrenberg). Innerhalb der letzten Werke von Bauman wird die Zeitdimension in einem neuen Licht präsentiert: im Unterschied zu einem in die Zukunft gerichteten Blick innerhalb der „soliden“ Moderne, wird nun vermehrt ein „Retrotopisches“ dominant, d.h. der Blick zurück. Des Weiteren wird Bauman in Verhältnis zu Schriften von Kurt Lewin, Walter Benjamin oder Alfred Kerr gesetzt. Insgesamt wird Bauman attestiert, einen „wichtigen Beitrag zur Analyse der Ort-Zeit-Dimension des Sozialen“ (S. 261) erbracht zu haben, was nicht zuletzt auf die von Bauman gewählten Metaphern und Figuren zurückgeführt wird.

Ruth Großmaß nimmt in ihrem Aufsatz „‚Bauman meets Foucault‘ – Ordnung(en) als Diskurseffekt(e)“ in vergleichender Perspektive eine Betrachtung der Gemeinsamkeiten und der Unterschiede beider genannter Denker vor. Hierfür werden zunächst der persönliche sowie der wissenschaftliche Werdegang beider gegenübergestellt und anschließend die jeweiligen grundsätzlichen Forschungsansätze in Kürze vorgestellt. Während die Arbeiten beider zwar „aus grundlegend unterschiedlichen Perspektiven“ erfolgen, betont Großmaß, dass sich die grundsätzlichen Grundthemen beider dennoch überschneiden, bspw. in Hinblick auf die Genese der Moderne oder der gesellschaftlichen Produktion von Macht (S. 270). Insbesondere bzgl. der Frage nach der Produktion von gesellschaftlicher Ordnung zeige sich ein Vergleich vielversprechend. Während somit einerseits zwar eklatante Unterschiede zwischen Foucault und Bauman betont werden, so könne andererseits dennoch ein gemeinsamer Kern identifiziert werden, denn in beiden Fällen werde die Moderne als eine Formation bestimmt, die bestimmte „neue Formen prozesshafter sozialer Ordnung [H.i.O.]“ hervorbringt (S. 279).

Jan Weyand betrachtet vor dem Hintergrund des Werks von Bauman in seinem Aufsatz „Einschließen und Ausschließen“ den Zusammenhang von Ordnungsbildung und Praktiken des sozialen Ausschlusses. Hierbei werden bspw. die Baumanschen Figuren der „Freunde“, der „Feinde“ und der „Fremden“ diskutiert, wobei zentral letztere in den Blick genommen werden. In Reflexion über den sozialen Umgang mit diesen, werden maßgeblich die von Bauman diskutierten Strategien der Assimilation, der Einsperrung und der Vernichtung diskutiert. Durch das Beispiel des Umgangs der EU mit Geflüchteten, finden die Baumanschen Vokabeln zudem eine Anwendung auf die Gegenwart.

Die beiden letzten Beiträge befassen sich zentral mit dem Werk der „Postmodernen Ethik“ von Bauman. Mit Blick auf dieses fragt zunächst Thomas Kron: „Moral und Gewalt – Wie viel Moral ist in Gewaltsituationen möglich?“ Einer kurzen Betrachtung von Merkmalen des moralischen Handelns vor dem Hintergrund der „Postmodernen Ethik“, folgt eine Klärung des Begriffes der Gewalt. Dieser wird hier explizit nicht über Konzeptionen von „struktureller Gewalt“ definiert, sondern wird vielmehr konkret auf das „zielgerichtete (schmerzhafte) Verletzen des Körpers“ bezogen (S. 307). Die im Titel gestellte Frage konkretisiert sich insofern, als dass die Frage nach der Möglichkeit der Moral auf einen intendierten gewaltvollen Angriff konkretisiert wird. Das grundlegende Argument von Kron lautet, dass Moral in Gewaltsituationen – auch in Angriffssituationen – durchaus möglich sei. Dies benötige jedoch anspruchsvolle Kompetenzen, die vor dem Hintergrund einer neoliberalen, „flüchtig“ gewordenen Moderne kaum mehr erwerbbar seien.

Jörn Ahrens betrachtet in „Ambivalenz in der nicht mehr flüssigen Moderne“ zunächst das Ambivalenzkonzept bei Bauman, um im Folgenden dessen Konzeption innerhalb der „Postmodernen Ethik“ offenzulegen. Moralität wird hierbei in einen engen Zusammenhang mit Kompetenzen der (individuellen) Ambivalenzbewältigung gesetzt. In Bezug auf die Möglichkeit einer Praxis der Ethik in Anschluss an Bauman wird konstatiert, dass die zeitgenössischen Gesellschaften zunehmend keine verlässlichen Lebenswelten und Ordnungsmuster mehr bereitstellen. Eine gewisse Stabilität müsse jedoch als die Voraussetzung für eine mögliche (erfolgreiche) Bearbeitung von Ambivalenz angesehen werden. Während die Gegenwart von einem anwachsenden Maß an Ambivalenz gekennzeichnet sei, sei gleichzeitig eine „zunehmend absinkende[ ] gesellschaftliche[ ] Toleranz von Komplexität und Uneindeutigkeit“ zu konstatieren (S. 342). Während Bauman noch die „Flüchtigkeit“ der „neuen“ Moderne betont habe, entspreche diese Flüchtigkeit in der Gegenwart kaum mehr den sozialen Realitäten, was sich bspw. daran zeige, dass Territorialität erneut zum „privilegierten Austragungsort politischer Kämpfe“ geworden sei (S. 344) sowie indem eine „Tendenz einer Reinstallation geschlossener Identitätsräume“ zu beobachten sei (S. 345).

Diskussion

Das Sammelwerk „Fehlfarben der Postmoderne“ bietet aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven einen vielfältigen Blick auf das Werk des Soziologen Zygmunt Bauman. Wie die Formulierung „Weiter-Denken mit Zygmunt Bauman“ im Untertitel bereits andeutet, findet dabei jedoch weniger eine durchgängige werksinterne Auseinandersetzung mit den Schriften von Bauman statt. Vielmehr werden von den elf AutorInnen jeweils verschiedenste Aspekte herausgegriffen, in neue Zusammenhänge gesetzt oder Baumansche Grundgedanken und -konzepte in diverse Richtungen weitergeführt. Die Diversität der im Sammelband enthaltenen Perspektiven zeigt sich so dann auch daran, dass teilweise nahezu konträre Einschätzungen des Werks von Bauman vorgenommen werden. Während Constantin Goschler bspw. den Beitrag Baumans zur zeitgenössischen Holocaustforschung als gering einschätzt, so wird von Peter Imbusch vielmehr der „wesentliche Beitrag zur Holocaustforschung“ gelobt (S. 104). Ein anderes Beispiel stellen die Kritiken an den von Bauman verwendeten Metaphern dar: während Jürgen Straub deren Beitrag zu einem möglichen Erkenntnisgewinn als äußerst gering einschätzt, werden die gleichen Metaphern von Kristin Platt dafür gelobt, „tatsächlich das Sehnen der Postmoderne zu verdeutlichen“ (S. 261).

Es muss als gelungen bewertet werden, dass sich die AutorInnen keineswegs mit einer „freundlichen“ Betrachtung des Lebenswerks von Baumans zufriedengeben, sondern vielmehr teilweise auch deutliche Kritiken hervorgebracht werden. Allein aufgrund der – im Verhältnis zu allen anderen Beiträgen – außergewöhnlichen Länge, sticht in der Gesamtbetrachtung hierbei der Aufsatz von Jürgen Straub heraus. Dieser nimmt eine äußerst kritische Perspektive gegenüber Bauman ein, die an vielen Stellen sehr fundiert und bedenkenswert erscheint. An anderen Stellen wirkt diese Kritik jedoch etwas überzogen. So bspw. dann, wenn der Autor die Metapher des „Touristen“ bei Bauman in Gänze als zu undifferenziert zurückweist und hierfür auf die „empirische[ ] Tourismusforschung unserer Gegenwart“ verweist (S. 174). Die Vergleichsdimensionen des essayistischen Stils Baumans einerseits und die einer sehr konkreten, empirisch orientierten wissenschaftlichen Subdisziplin andererseits, scheinen auf unterschiedlichen Ebenen verortet.

Insgesamt ist zu konstatieren, dass es dem Sammelband gelingt, verschiedenste Aspekte des Werks von Bauman zu beleuchten und dass zentrale Ideen von den AutorInnen erfolgreich weitergedacht werden. So vermutet auch Wolfgang Knöbl bereits im ersten Aufsatz, dass „im vorliegenden Band kaum ein Aspekt des Werks dieses bedeutenden britisch-polnischen Soziologen unausgeleuchtet geblieben sein dürfte“ (S. 22). Während diesem grundsätzlich zugestimmt werden kann, so lassen sich dennoch auch Leerstellen erblicken. Bspw. hebt Matthias Junge in einem gelungenen Überblick über die Werksentwicklung von Bauman hervor, dass dessen frühe semiotische Kulturtheorie einen entscheidenden Einfluss auf sein späteres Denken über „die Moderne“ besitzt. Leider wird dieser wichtige Hinweis von keinem anderen Beitrag aufgegriffen und eine Beleuchtung der frühen wissenschaftlichen Ausgangsposition – die Bauman lange prägen wird – bleibt somit weitestgehend außen vor.

Fazit

Insgesamt erscheint das Buch für all diejenigen als lesenswert, die entweder ein Interesse am Werk von Bauman selbst besitzen oder generell an zeitdiagnostischen Debatten im Spannungsfeld von Moderne und Postmoderne interessiert sind. Das Buch stellt jedoch keineswegs eine Einführung in das Werk von Bauman dar, denn vielmehr erscheinen Baumans Gedanken oftmals lediglich als Ausgangspunkte für weitreichendere Überlegungen und Reflexionen. Das Buch ersetzt somit keineswegs das Lesen von Bauman und auch für einen generellen ersten Einstieg in das Werk von Bauman ist es nur bedingt zu empfehlen.


Rezension von
Marian Pradella
Doktorand, DFG-Kolleg “Deutungsmacht”, Universität Rostock
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Zitiervorschlag
Marian Pradella. Rezension vom 02.10.2020 zu: Kristin Platt (Hrsg.): Fehlfarben der Postmoderne. Weiter-Denken mit Zygmunt Bauman. Velbrück GmbH Bücher & Medien (Weilerswist) 2020. ISBN 978-3-95832-210-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27375.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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