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Helmut Fend, Fred Berger: Die Erfindung der Erziehung

Cover Helmut Fend, Fred Berger: Die Erfindung der Erziehung. Eine Einführung in die Erziehungswissenschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. 205 Seiten. ISBN 978-3-17-034515-7. 29,00 EUR.
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Thema

„Die Erfindung der Erziehung“ versteht sich als „Einführung in die Erziehungswissenschaft“ (so der Untertitel des Buches). Das schmale Buch (188 Seiten plus umfangreiche Literaturliste) eröffnet einen sehr grundlegenden und gleichzeitig ungewöhnlichen Einstieg zu den erziehungswissenschaftlichen Begriffe Erziehung, Sozialisation und Bildung. Entgegen der aktuell verbreiteten Fokussierung in der Pädagogik auf das Individuum und seine psychischen Dispositionen stellen die beiden Autoren ihre Ausführungen in eine gesellschaftliche (historische und kulturvergleichende) Logik. Die Familie wird als wichtiger Akteur erziehungswissenschaftlicher Auseinandersetzung verankert. Diese Schwerpunktsetzung entkräftet weder die breite Beschäftigung mit pädagogischem Handeln in Institutionen noch mit Bildung, wie sie in den Erziehungswissenschaften geläufig ist.

Autoren

Dr. Dr. h.c. Helmut Fend ist emeritierter Professor an der Universität Zürich für Pädagogische Psychologie. Im Längsschnitt untersuchte Fend Bildungs- und Entwicklungsverläufe, in seinen umfangreichen Publikationen zum Bildungswesen und der Entwicklung von Heranwachsenden sind die Pädagogik, die Psychologie und die Soziologie wichtige Bezugswissenschaften.

Dr. Alfred (Fred) Berger ist Professor für Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Generationenverhältnisse und Bildungsforschung an der Universität Innsbruck. Berger forscht zu Jugendlichen (auch in Längsschnittstudien) und setzt sich in seinen Publikationen in Bezug auf Jugendliche mit dem Bildungssystem, den Familienbeziehung etc. auseinander.

Beide Autoren verbindet ihre langjährige gemeinsame Forschungs- und Publikationstätigkeit.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches ist für ein pädagogisches Lehr- und Grundlagenbuch ungewöhnlich und gleichzeitig sehr eingängig. Die Beschäftigung mit Erziehung als unabdingbare und universale Aufgabe im Umgang mit Kindern ist die inhaltliche Klammer der einzelnen Kapitel des Buches.

Einleitung

Im ersten Kapitel wird kurz und pointiert die (überlebens-)wichtige Aufgabe charakterisiert, Kinder in Kultur und Gesellschaft einzuführen. Mit einem bedrückenden historischen Beispiel wird deutlich gemacht, dass der Umgang mit Heranwachsenden immer auch normative Fragen berührt. Das Beispiel zeigt zweitens, welche zentrale Aufgabe die Bildungs- und Erziehungswissenschaften für die fachliche Fundierung der „gezielten ‚Gestaltung‘ heranwachsender Menschen“ (S. 16) spielen (sollen).

Theoretische Erschließung

Die zentralen Themen der Erziehungswissenschaft (Erziehung, Bildung und Sozialisation) werden skizziert und wissenschaftlich eingeordnet. Pädagogisches Handeln kann vor diesem Hintergrund als gesellschaftseingelagerte Tätigkeit herausgearbeitet werden, auf die der Mensch zwingend angewiesen ist. Die Ausführungen in diesem Kapitel beziehen wichtiges Wissen von Nachbardisziplinen ein und führen viele für die erziehungswissenschaftliche Ideengeschichte wichtige Stichwörter ein.

Kulturvergleichende Einordnung von Erziehung und Sozialisation

Das 3. Kapitel leuchtet mit ausgewählten Studien, Beispielen und theoretischen Bezügen den Einfluss der Kultur auf pädagogische Ideen und Handeln aus. Ganz nebenbei vermittelt dieses Kapitel eine grundlegende Idee von Kultur und regt damit an, auch andere Lebensbereiche als kulturell verankert zu begreifen. Im Kern der Darlegung stehen die umfangreichen Arbeiten des Ehepaars John und Beatrice Whiting (und MitarbeiterInnen) in unterschiedlichen Kulturen. In unterschiedlichen Phasen und sich ausdifferenzierenden Fragestellungen, Forschungsdesigns betrachten die Whithings das Verhalten von Müttern, das Aufwachsen von Kindern im Kulturvergleich, in späten Arbeiten werden auch universale Aspekte des Umgangs mit Heranwachsenden betrachtet. Die Studien machen für die 1950er bis 1970er Jahre sichtbar, dass Strenge ein überwiegend westliches Erziehungskonzept ist (S. 61), dass weniger psychoanalytische Erklärungen als die kulturelle Prägung eine Persönlichkeit beschreiben (S. 63), die Erziehung in nichtwestlichen Gesellschaften individuelle Durchsetzung eher unterbindet (für die USA gilt der gegenteilige Effekt) (S. 65). Interaktionen und Erziehungsvorstellungen sind von den Strukturen, Vorstellungen und Möglichkeiten in einer Kultur stark bestimmt. „Die Studien haben gezeigt, dass Sozialisations- und Erziehungsformen nicht zufällig entstehen, sondern mit den Lebensbedingungen eines Gemeinwesens zusammenhängen.“ (S. 71).

Neben der Einschränkung auf ländliche Gemeinden sind die Studien der Whithings auch thematisch einseitig. Im Kapitel drei werden daher noch weitere, auch jüngere kulturvergleichende Studien mit ihren interessanten Fragestellungen und Befunden vorgestellt. Das Kapitel 3.7 blickt auf religiöse Weltbilder und arbeitet u.a. auf Grundlage der Überlegungen des deutschen Soziologen Max Weber den großen Einfluss der Religion auf die Erziehung heraus. Obwohl die Religion in vielen westlichen Gesellschaften an Bedeutung einbüßt, schreiben sich im religiösen Weltbild begründete Erziehungsvorstellungen auch in der globalisierten Welt fort (der Kulturvergleich zwischen Deutschland und Japan macht dies sichtbar). „Die Erziehungsvorstellungen der Eltern bilden dabei die Brücke, durch die kulturelle Tradition in elterliche Erziehungsverhaltensweisen und in die Entwicklung der Kinder übergeführt wird.“ (S. 91).

Historische Einordnung von Erziehung und Sozialisation

Erziehungsvorstellungen, das Bild vom Kind und der Umgang mit Heranwachsenden sind im historischen Fluss. Diese Erkenntnis ist beim Blick in Familiengeschichten bereits offenkundig. Weiter zurückliegende Zeiten sind uns nur in historischen Berichten zugänglich, die teilweise etablierten Bildern vergangener Zeiten entgegenstehen. Die Autoren zeigen dieses Missverhältnis, indem sie die Überhöhung einer traditionellen Gesellschaftsordnung des Erziehungswissenschaftlers Wolfgang Brezinka (1928-2020) mit historischen Quellen kontrastieren: Tod, Hunger, Entbehrung und vor allem der wenig planvolle Umgang mit Kindern scheinen lange an der Tagesordnung gewesen zu sein. Die Säkularisation wird als wichtige Wegmarke für ein stärkeres Engagement zugunsten von Heranwachsenden genannt: „Die Säkularisation macht zudem die Vertröstung auf Erfüllung im Jenseits zweifelhaft, sodass dieses irdische Leben gelingen muss.“ (S. 99).

Der Umgang mit Kindern in der Moderne ändert sich grundsätzlich. Wurden sie früher auch stark als Ware betrachtet (zumindest in armen Lebensverhältnissen), kommt es nun zu einer „Humanisierung und Emotionalisierung“ (S. 101, Hervorhebung im Original) – im vorliegenden Buch wird dies anhand des 1977 erschienenen Buches „Hört ihr die Kinder weinen“ des Psychohistorikers Lloyd deMause veranschaulicht. „Die Erziehungsform der Unterstützung, die auf der Kenntnis aufbaut was ein Kind in welcher Lebensphase braucht, ist ein Produkt der unmittelbaren Moderne.“ (S. 105).

In Kapitel 4.4 blicken die Autoren in kurzen chronologischen Abschnitten ausgehend von der Antike bis ins 20. Jahrhundert auf den Wandel von Kindheit. Autobiographische Berichte und kulturhistorische Einblicke illustrieren wichtige Entwicklungen. In Gegenüberstellungen werden Veränderungen in unterschiedlichen Lebensbereichen plastisch. Für die gegenwärtige Familienkindheit werden die wichtigen „Miterzieher“ (S. 131) „Schule, Peers und Medien“ (ebd.) bereits genannt, die dann im 5. Kapitel näher beleuchtet werden.

Erziehung und Aufwachsen heute

Im 5. Kapitel kehren die Autoren wieder stärker zu etablierten Inhalten der Erziehungswissenschaft zurück und fokussieren vor allem auf die Wirkung pädagogischen Handelns und ihrer Erforschung. Trotz vielfältiger situativer und umweltbedingter Einflüsse, sind es in erster Linie die Erwachsenen, die kindliche Entwicklung beeinflussen. In einem abgeschwächten Maß sind Heranwachsende bidirektional „am erzieherischen Interaktionsgeschehen aktiv beteiligt“ (S. 137). Das Wegbrechen der „normativen Leitbilder“ (S. 138) hat in der Moderne zu Unsicherheit in Bezug auf das richtige pädagogische Handeln geführt. Die prägenden Erziehungsvorstellungen im 20. Jahrhundert waren aufgrund gesellschaftlicher und politischer Umbrüche (vor allem im Nationalsozialismus) von extremen Wechseln in den Grundüberzeugungen bestimmt, die sich teilweise auch heute noch in parallelen Spuren zeigen.

Nachdem Erziehung und Sozialisation in „Die Erfindung der Erziehung“ bis auf kleine gesellschaftsschichtspezifische Einschränkungen für die jeweilige Zeit und Kultur als weitgehend homogen dargestellt werden, wird mit der Erziehungsstilforschung insbesondere durch Diana Baumrind herausgearbeitet, wie sehr sich das Eingehen auf Kinder und der Anspruch von Eltern in einer Gesellschaft auch unterscheidet und welche Folgen dies für die kindliche Entwicklung hat.

Vor allem für Jugendliche sind Peers wichtige Interaktionspartner, deren Einfluss durch die Scholarisierung stark gestiegen ist. Die Autoren können dieses Thema durch sehr aufschlussreiche eigene Schülerstudien gut belegen. Der große Einfluss der Medien wird zumindest kurz angesprochen. Die Bedeutung der Schule als zentraler Lebensraum (S. 172) sowie die Auseinandersetzung von Heranwachsenden mit den Bildungsansprüchen und Leistungserwartungen ist das abschließende Thema in Kapitel fünf.

Diskussion

„Die Erfindung der Erziehung“ ist dicht geschrieben und vermittelt einen beeindruckenden Einblick in interessant gewählte Literatur aus unterschiedlichen Disziplinen (etwa der Soziologie, der Psychologie, der Ethnologie und der Geschichtswissenschaft).

Die Einleitung und das 2. Kapitel machen den thematischen Hintergrund des Buches als erziehungswissenschaftliche Einführung auf und das abschließende Kapitel fünf nimmt diese Spuren wieder auf und leuchtet einige klassische Inhalte aus pädagogischer Psychologie und Erziehungswissenschaft aus. Die Auswahl muss dem Anliegen und Umfang des Buches geschuldet knapp und damit unvollständig ausfallen. Die Kapitel drei und vier erweitern das Buch um einen fundierten historischen und kulturwissenschaftlichen Blick, der sich in die Gliederung wunderbar einfügt und in der aufgearbeiteten Form eine kluge Basis für erziehungswissenschaftliches Denken ist. Die Bedeutung der Erziehungswissenschaft sowie die wirkmächtige Rahmung pädagogischer Praxis wird auf diese Weise gut dargelegt.

Die kulturübergreifende und historische Einbettung von Erziehung und Sozialisation macht das Buch zu einem kostbaren Bezugspunkt für erziehungswissenschaftliches Denken. Die umfangreichen, gut gewählten und schlüssig aufgearbeiteten Beispiele und Bezüge des Buches machen die Bedeutung pädagogischen Handelns für das individuelle Leben und für die Gesellschaft insgesamt verständlich. Die Darstellung der teilweise grausamen Erziehungspraktiken früherer Tage illustriert die Humanisierung der Kindheit, kann StudienanfängerInnen jedoch auch zu einem naiven Erziehungsverständnis verleiten, das durch die Ausführungen zu den Erziehungsstilen im 5. Kapitel hoffentlich ausreichend eingefangen wird.

Neben wichtigen empirischen (vor allem psychologischen) Spuren und das familiäre Zusammenleben ergänzende Bereiche (Schule, Peers), werden die im Buch herausgearbeiteten Erkenntnisse wenig in den aktuellen fachlichen Diskurs eingeordnet. Eine kurzer Blick zu Entwicklungen in der erziehungswissenschaftlichen Disziplin und Profession (mit welchem Fokus wird aktuell auf Bildung, Erziehung und Sozialisation geschaut?), hätten die Ausführen im Buch stärker geerdet und zu einem lebendigen Bezugspunkt eines Studiums der Erziehungswissenschaften werden lassen. Aber auch ohne diese Ergänzungen hinterlässt das Buch einen beglückenden Eindruck, da die Autoren auf 188 Seiten eine fundierte Kulturwissenschaft der Erziehung und eingeschränkter der Sozialisation vorlegen.

Fazit

Implizit in der Einleitung, subtil jedoch im gesamten Buch machen die beiden Autoren ihre lange währende und tiefe Faszination für erziehungswissenschaftliche Themen deutlich. Mit „Die Erfindung der Erziehung“ geben Fend und Berger einen reichen Wissensschatz und eine engagierte Haltung an zukünftige ErziehungswissenschaftlerInnen weiter. Beeindruckend ist die Stringenz der Ausführungen bei gleichzeitiger Fülle an Bezügen. Neben vielfältigen theoretischen wie empirischen Informationen gilt dies insbesondere für die fundierte historische wie kulturwissenschaftliche Verankerung der Darstellung.

Das auf Seite 17/18 formulierte Ziel des Buches, zu erklären, „wie dicht verwoben mit gesellschaftlichen und kulturellen Phänomenen Erziehung, Sozialisation und Bildung sind“ löst „Die Erfindung der Erziehung“ mühelos ein. Der gewählte Titel des Buches bleibt jedoch etwas rätselhaft, da Erziehung als universales Phänomen vorgestellt wird, das zu allen Zeiten und in allen Kulturen zu finden ist. Menschliches (Über-)Leben ohne Erziehung und Bildung ist nicht denkbar. Ein selbstbewusster Titel wie „Erziehung ermöglicht Gesellschaft“ wäre dem Inhalt des Buches eher gerecht geworden.

Nicht nur für fremde Kulturen und zurückliegende Zeiten gilt: das jeweilige Bild vom Kind aber auch normative Vorstellungen und gesellschaftliche Ordnungen haben einen starken Einfluss auf den Umgang mit Kindern. Die zunehmende Institutionalisierung der Kindheit, die starken Bildungsbemühungen schon in der frühen Kindheit oder die Debattenkultur in vielen Familien sind willkürliche Beispiele für gegenwärtige Phänomene, die kulturhistorisch ebenfalls systematischer zu verstehen sind. Das Buch leistet über das selbstgesteckte Ziel der Autoren (ein grundlegendes Einführungsbuch für StudienanfängerInnen verfasst zu haben) wichtige zusätzliche Beiträge. Es stärkt die Allgemeine Erziehungswissenschaft als eine notwendige Grundlage der vielfältigen Bindestrich-Pädagogiken. In den Erziehungswissenschaften kann das Buch zu einem stärkeren Bewusstsein der Eingebundenheit pädagogischen Handelns in gesellschaftliche Kontexte anregen. Die Ethnologie, die Geschichtswissenschaft aber auch die Soziologie (insbesondere die Diskursforschung) werden als wichtige Bezugspunkte der Erziehungswissenschaft sichtbar aufgewertet. Das Buch zeigt außerdem, wie leichtfüßig eine interdisziplinäre Kulturanalyse gelingen kann.

Das vorliegende Buch kann als Grundlage für die vielfältigen pädagogischen Teildisziplinen (etwa die Frühpädagogik, die Schulpädagogik, die Sozialpädagogik) einen wichtigen Beitrag leisten, gerade weil es Erziehung wieder bewusst ins Zentrum pädagogischer Überlegungen stellt sowie einen breiten gesellschaftswissenschaftlichen Blick anregt.


Rezension von
Claudia Frank
Ethnologin, Psychologin und Traumafachberaterin
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Zitiervorschlag
Claudia Frank. Rezension vom 25.02.2021 zu: Helmut Fend, Fred Berger: Die Erfindung der Erziehung. Eine Einführung in die Erziehungswissenschaft. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2019. ISBN 978-3-17-034515-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27378.php, Datum des Zugriffs 31.07.2021.


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