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Michael Tomasello: Mensch werden

Cover Michael Tomasello: Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. 542 Seiten. ISBN 978-3-518-58750-8. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Der Mensch, das evolutionäre Lebewesen

Den Begriff „Ontogenese“ benutzt der zwei Jahrzehnte lang (1998 – 2018) am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie und derzeit an der Duke University lehrende und forschende Anthropologe und Verhaltensforscher Michael Tomasello bei seinen wissenschaftlichen Arbeiten (vgl. u.a.: Michael Tomasello, Eine Naturgeschichte der menschlichen Moral, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​21987.php). Es ist keine neue, sensationelle Erkenntnis, dass bei der Entwicklung der Menschen die Bedingungen, Einflüsse und Möglichkeiten eine besondere Rolle spielen, die sich in den ersten Lebensjahren vollziehen. In den von der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates in den 1960er/​1970er Jahren initiierten und durchgeführten Forschungsarbeiten zu „Begabung und Lernen“ kommt in vielfacher Weise zum Ausdruck, welche physische und psychische Bedeutung die Entwicklung des Menschen in den frühen Jahren hat. Man könnte vom „evolutionären Perspektivenwechsel“ sprechen, der in den anthropologischen, evolutionären Forschungen dadurch zum Ausdruck kommt, „dass Menschen nicht nur eine Spezies mit noch nie dagewesenen kognitiven und sozialen Errungenschaften sind, sondern gleichzeitig auch eine solche, die eine neue Art gesellschaftlich erzeugter Diversität auf der Gruppenebene aufweist“ (S. 13). Der Blick richtet sich dabei darauf, wie sich der Mensch als Homo faber und Homo creator darstellt und entwickelt hat. In der Verhaltensforschung ist es der Vergleich, der wesentliche Erkenntnisse liefert. Phylo- und ontogenetische Fragestellungen zur psychologischen und anthropologischen Entwicklung des Menschen lassen sich z.B. in der Analyse des menschlichen Verhaltens mit dem seiner nächsten, biologischen Verwandten ermitteln: „Ich möchte die Ontogenese der einzigartigen menschlichen Psychologie beschreiben und erklären, indem ich die Ontogenese der Menschenaffen zum Ausgangspunkt nehme. Menschenaffen weisen elementare Wahrnehmungs-, Gedächtnis- und Kategorisierungsprozesse auf sowie auch komplexere Prozesse intentionaler Kommunikation, prosozialen Verhaltens und sozialen Lernens“ (S. 17). Tomasello stützt sich dabei auf Forschungen, wie sie z.B. der sowjetische Psychologe Lew Semjonowitsch Vygotskij (1896 – 1934) vorgenommen hat. Dessen Erkenntnisse, dass sich menschliche Formen der Kognition und Sozialität durch soziokulturelle Verhaltensweisen und Tätigkeiten bilden, spezifiziert und erweitert er, indem er das neuere, evolutionstheoretische Wissen einbezieht: „Ein Fisch erbt nicht nur die Flossen, sondern auch das Wasser. Menschenkinder erben einen soziokulturellen Kontext, der voller kultureller Artefakte, Symbole und Institutionen ist“ (18f); sie bleiben allerdings unwirksam oder entwickeln sich nur eingeschränkt ohne den aktiven, soziokulturellen Kontext. 

Es ist ein Plädoyer, das sich in dreierlei Perspektiven zeigt (und damit auch das stützt, was sich als Bildungs- und Aufklärungsparadigma im lokal- und globalgesellschaftlichen Diskurs äußert, nämlich die Menschen zu motivieren, dass sie gebildet und aufgeklärt sein wollen; in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff): Zum einen ist es der Blick auf die Reifungsprozesse, wie sie sich in der Evolutionsgeschichte der Menschheit darstellen. Zweitens sind es die individuellen, soziokulturellen Erfahrungen in den Interaktionsprozessen mit den Bezugspersonen und der Umwelt. Drittens schließlich sind es die Prozesse der Selbstregulierung und der Interaktionen, die Erfahrungen bewirken und Identitäten bilden.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert die Studie, neben dem Vorwort und der Schlussbetrachtung, in drei Kapitel. Im ersten formuliert er Fragen und Aspekte zum „Hintergrund“ seines Forschungsthemas. Im zweiten zeigt er an zahlreichen Theorien und Beispielen die „Ontogenese der einzigartig menschlichen Kognition“ auf. Und im dritten Kapitel weitet er diese Betrachtungsweisen auf die „Ontogenese der einzigartig menschlichen Sozialität“ aus.

In der Darstellung der Evolutionsgeschichte der Menschen wird meist Bezug genommen auf die letzten gemeinsamen Vorfahren vor rund sechs Millionen Jahren: die heutigen Schimpansen und Bonobos. Dabei zeigen sich eine Reihe von Merkwürdigkeiten und Besonderheiten; etwa die Annahme, dass diese „den heutigen Schimpansen und Bonobos viel ähnlicher als den heutigen Menschen“ waren. Diese beinahe sensationell anmutende (spekulative?) Aussage Diese vom Autor als „perspektivische kognitive Repräsentationen“ bezeichneten Verhaltensformen, die sich in der Nahrungssuche und -beschaffung, der Partnerwahl, der Verteidigung und der sozialen Kontakte zeigten, veränderten sich: „Während Menschenaffen gemeinsame Merkmale von Einzelgegenständen abstrahieren und eine abstrakte Repräsentation einer Menge von Entitäten bilden konnten, waren die Frühmenschen nicht nur ebenfalls dazu in der Lage, sondern konnten denselben Gegenstand auch aus verschiedenen Perspektiven, unter verschiedenen Beschreibungen… sehen, und zwar gleichzeitig“. Auf dieser Grundlage scheint es sinnvoll zu sein, nach der Kognition und Sozialität des Menschen heute zu fragen. Die ontogenetische Forschungstheorie und -methode bietet dafür Möglichkeiten an: Es sind die drei Formen von evolutionärer Anpassung – die individuelle Intentionalität der Menschenaffen, die gemeinsame Intentionalität der Frühmenschen und die kollektive Intentionalität moderner Menschen – die als Reifegrundlagen für die psychologische, frühkindliche Entwicklung herangezogen werden können.

Diskussion

Es sind die vielfältigen, unterschiedlichen Theorien, Instrumente und der Werkzeugkasten der Verhaltensforschung, die den ontologischen Gleichheiten, Ähnlichkeiten und grundlegenden Unterschieden beim Vergleich von Aktivitäten und Reaktionen der Menschenaffen mit Menschenkindern auf die Spur kommen können. Es sind sowohl gemeinsame Aufmerksamkeiten, wie z.B. das Zeigen und Teilen von Gefühlen, von Sollens- und Wollenserwartungen, von Fertigkeiten und Verweigerungen, als auch Beobachtungen der verschiedenen Reifeprozesse bei Kleinkindern. So dürfte mittlerweile als gesichert gelten, dass die menschliche soziale Kognition als Prozess verläuft, der gefördert oder vernachlässigt werden kann. In der psychologischen Entwicklung stellt dabei das Alter von drei Jahren gewissermaßen eine „Wasserscheide der kognitiven und sozialen Funktionen von Kleinkindern“ dar. Es sind die interessanten und bemerkenswerten, vergleichenden Experimente und Forschungsergebnisse, die über die Fähigkeiten von Kleinkindern und Menschenaffen bei kognitiven, kommunikativen, konventionalen, selbst- und fremdregulatorischen Verhaltensweisen Auskunft geben und Vergleiche ermöglichen.

Die anthropologische, philosophische Feststellung, dass nur Menschen fähig und in der Lage sind zu denken, wird durch die ontogenetischen Forschungen relativiert. „Viele Tierarten (sind) fähig, auf einer konkreten Ebene über instrumentelle Probleme nachzudenken, indem sie ihre vergangenen Erfahrungen nutzen, um kognitiv zu simulieren…, was unter verschiedenen Umständen geschehen könnte“ – genauso wie Menschenkinder. Jedoch nicht ohne Grund bezeichnet Tomasello in seiner ontogenetischen Studie die Entwicklung der menschlichen Existenz und Sozialität als „einzigartig“; freilich nicht in dem Sinne, dass menschliche Verhaltensweisen vom Himmel fallen, in den Genen liegen oder per Ordre du Mufti erlassen oder gesteuert, sondern als soziale Formen entwickelt werden; wie z.B. die Motive und Fähigkeiten zur Zusammenarbeit mit anderen Menschen, der Bildung des „Wir“-Gefühls (vgl. z.B. dazu auch: Friedrich Voßkühler, Ich – Du – Wir. Liebe als zwischenmenschliche Wahrhaftigkeit? Eine philosophische Erkundung in elf Durchgängen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​23740.php), des emotionalen, empathischen, prosozialen, altruistischen und normorientierten Gerechtigkeitsempfindens. Es sind die Kompetenzen, wie sie in der sich immer interdependenter, entgrenzender und global entwickelnden (Einen?) Welt immer notwendiger werden: Interkulturalität als Lebensform. Dass dabei die moralische Identität eine besondere Bedeutung hat, darauf verweist Tomasello in der 2016 erschienen Studie.

Fazit

Die der ontogenetischen Untersuchung zugrunde liegende Frage, ob und wie sich der anthrôpos als animal socialis und zôon politikon (Aristoteles) vom Zôon, dem Tier unterscheidet, beziehungsweise welche gleiche oder ähnliche Eigenschaften sie verbindet, wird von Michael Tomasello in umfangreichen, differenzierten Theorien, Argumenten und Forschungsergebnissen thematisiert. Auf den „ontogenetischen Pfaden“ führt uns der Autor immer wieder hin zu der humanen Herausforderung, „was 'ich' und 'du' als Teil unseres 'wir' tun sollten“. Es ist das Bildungs-, Erziehungs- und Aufklärungsbewusstsein, wie es in der Gedichtstrophe zum Ausdruck kommt: „Lass mich Ich sein, damit du Du sein kannst!“. Die ontogenetischen Theorien und Forschungen, wie sie in der Studie „Mensch sein“ thematisiert und diskutiert werden, verweisen im entwicklungspsychologischen, evolutionären Diskurs darauf, dass das, was uns menschlich macht, sich entscheidend in den frühen Lebensjahren der Menschen herausbildet.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.09.2020 zu: Michael Tomasello: Mensch werden. Eine Theorie der Ontogenese. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-518-58750-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27385.php, Datum des Zugriffs 19.10.2020.


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