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Rita Baches-Chryrek, Charlotte Röhner u.a. (Hrsg.): Handbuch frühe Kindheit

Cover Rita Baches-Chryrek, Charlotte Röhner, Heinz Sünker, Michaela Hopf (Hrsg.): Handbuch frühe Kindheit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. 849 Seiten. ISBN 978-3-8474-0688-4. D: 94,90 EUR, A: 97,60 EUR.
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Thema

Kindheit als eigenständiger basaler Entwicklungsbereich des Menschen wurde in den vergangenen Jahrhunderten divergent diskutiert, sodass Kindheit als eigenständige Lebensphase nicht immer gesellschaftlich anerkannt war. Die Betrachtungsweisen reichen vom Kind als abhängigem, unfertigem Subjekt über den „kleinen Erwachsenen“ bis hin zu autonomen Subjekten, die aktiv ihre Lebenswelt (mit-)gestalten. Diese unterschiedlichen Deutungsmuster der Kindheit machen deutlich, dass das, was Menschen über Kinder und Kindheiten denken, kultur-, millieu- und zeitabhängig ist. Daher ist die Grundsatzfrage, welchen Blick die Gegenwart auf Kindheiten einnimmt, berechtigt und vor allem notwendig. Unabhängig vom Inhalt des hier rezensierten Werkes wird deutlich, dass Kindheit ein gesellschaftliches und (bildungs-)politisches Verhandlungsfeld darstellt, das sich aktuell in der Corona-Pandemie deutlich zeigt. Wie wird die Schutzbedürftigkeit von jungen Menschen eingeschätzt? Wo sind Parallelen zum Umgang mit den Ältesten der Gesellschaft zu sehen? Wie kann Schutz ggf. auch zum „Gefängnis“ der Fremdbestimmung werden? Diese Publikation steht für einen interdisziplinären Austausch und wird als Beitrag zum aktiven Thematisieren von früher Kindheit verstanden. 

Entstehungshintergrund und Relevanz

Dieses Handbuch dient als Einführungswerk in die Thematik der frühen Kindheit. Der Schwerpunkt auf frühe Kindheit ist leitend, da sich viele empirische Studien und Diskurse zwar mit Kindheiten oder speziellen Phasen von Kindheiten befassen, mehrheitlich jedoch der Fokus auf der Phase der Schulkindheit liegt und frühe Kindheit daher oft nur geringe Aufmerksamkeit erhält. Dieses Werk zielt deshalb darauf ab, den empirischen als auch theoretischen Stand früher Kindheitsforschung zu repräsentieren und einen interdisziplinären Diskurs zu realisieren. Dabei werden nicht nur (sozial-)pädagogische und erziehungswissenschaftliche Sichtweisen berücksichtigt, sondern ebenso Erkenntnisse aus empirischer Bildungsforschung, sozialwissenschaftlicher Forschung, der Entwicklungspsychologie, der evolutionären Forschung und Forschungen zur Geschlechtersozialisation. Die zweite, aktualisierte Auflage wurde um diverse Fragestellungen erweitert, die in der ersten Auflage nicht oder nur marginal thematisiert wurden. Dies bezieht sich insbesondere auf die Thematik Migration und Flucht, Beiträge zur jungen Mutterschaft und zu Generationenbeziehungen und auf die curricularen Richtlinien früher Bildung zu politisch-sozialem Lernen, die in diesem Werk diskutiert werden.

Herausgeber*innen

  • Braches-Chyrek, Rita, Dr.in, ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg und hat den Lehrstuhl für Sozialpädagogik inne. Ihre Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Theorie und Geschichte Sozialer Arbeit, Generationenbeziehungen sowie Geschlechter- und Kindheitsforschung.
  • Röhner, Charlotte, Dr.in, ist Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit und der Primarstufe (em.) an der Bergischen Universität Wuppertal und als Seniorprofessorin an der Goethe Universität in Frankfurt. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Grundschulpädagogik, Schulentwicklung, Erst- und Zweitspracherwerb und außerdem Kindheitsforschungen.
  • Sünker, Heinz, Dr., ist Professor für Sozialpädagogik/Sozialpolitik (em.) an der Bergischen Universität in Wuppertal. Seine Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind u.a. kritische Gesellschaftstheorie und Gesellschaftskritik, Geschichte und Theorie Sozialer Arbeit, Kinderpolitik und Kindheitsforschung.
  • Hopf, Michaela, Dr.in, ist Professorin für Wissenschaft, Theorien und Forschungsmethoden der Kindheitspädagogik. Sie lehrt an der Hochschule Düsseldorf. Ihre Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Elementardidaktik, frühkindliche Bildungsprozesse und pädagogische Konzepte der frühen Kindheit, wobei sie sich dort insbesondere der sprachlichen Bildung und dem naturwissenschaftlichen Lernen widmet.

Neben den Herausgeber*innen haben insgesamt 77 weitere Autor*innen Beiträge in diesem Handbuch veröffentlicht, die namentlich, mit zugehöriger Institution, Arbeits-/Forschungsschwerpunkten und E-Mail-Adresse ab Seite 833 vorgestellt werden.

Aufbau und Inhalt

Die zweite aktualisierte und erweiterte Auflage des „Handbuch Frühe Kindheit“, unter Herausgeber*innenschaft von Rita Braches-Chyrek, Charlotte Röhner, Heinz Sünker und Michaela Hopf zeigt in Aufbau und Gliederung die Vielschichtigkeit von Kindheiten auf, innerhalb dessen sich auf Entwicklung, Bildung und Lernen in früher Kindheit fokussiert wird.

Im ersten Teil „Kindheit, Bildung und Gesellschaft“, der insgesamt acht Beiträge enthält, werden u.a. die Pädagogik der frühen Kindheit mit Blick auf Erziehung und Bildung, Inklusion als Leitbegriff für die Pädagogik der frühen Kindheit und die Geschlechtersozialisation von Kindern thematisiert und argumentativ ausgestaltet. Dabei werden vorwiegend sozialwissenschaftliche Grundlagen und Theorien zu früher Kindheit erörtert.

Kapitel 2 mit neun Artikeln steht unter dem Titel „Interdisziplinäre Perspektiven auf Entwicklung und Lernen“. Hier werden kognitionstheoretische Perspektiven, der kindliche Spracherwerb und Mehrsprachigkeit differenziert erarbeitet, sodass hier der Fokus auf der kognitiven, sprachlichen und sozialen Entwicklung von Kindern liegt.

Der dritte Teil des Buches enthält vier Beiträge und befasst sich mit „Frühpädagogische[n] Theorie[n] und Handlungskonzepte[n]“. Hier werden Fragen nach historischen Organisationsgegebenheiten gestellt, sodass sich mit der Geschichte des Kindergartens und der Frühpädagogik befasst wird. Darüber hinaus werden Natur- und Waldkindergärten in den Blick genommen. Das kindliche Spiel wird abschließend thematisiert und gibt einem der wichtigsten Bestandteile der Kindheit Raum zur Erarbeitung.

Der vierte Teil des Werkes mit ebenfalls vier Beiträgen befasst sich mit „Methoden der frühen Kindheitsforschung“, in dem ein differenzierter Überblick über relevante Kindheitsforschungen in Form von Perspektiven, Methoden und Ethnographie der Kindheitsforschung gegeben wird.

In Kapitel 5, der zwei Artikel enthält, werden nationale und internationale „Frühpädagogische[n] Studien und Forschungsbefunde“ illustrativ und differenziert dargestellt und diskutiert. Hier bilden Erkenntnisse aus empirischer Bildungsforschung den Schwerpunkt. 

Der sechste Teil widmet sich mit insgesamt 14 Beiträgen in angemessener Ausdifferenzierung und Vielschichtigkeit der Thematik „Lebenslagen und Kindeswohl“. Hier werden statistisch mitunter das Kinderpanel und die amtliche Kinder- und Jugendhilfestatistik thematisiert. Des Weiteren finden Themen wie frühe Kindheit und Familien, junge Mutterschaft, Kinderrechte, Kinderarmut, Kinderschutz und Traumatisierungen von Kindern Berücksichtigung.

Der siebte Teil „Professionalisierung und institutionelle Anforderungen“ zeigt mit ebenfalls 14 Beiträgen die hohe Bedeutung professionsbezogener Diskurse in dem noch relativ jungen Feld der Kindheitswissenschaften. Dabei reichen die Beiträge von Frühen Hilfen über pädagogische Professionalität und Betreuung/Bildung/Erziehung von Kindern bis zu Elternarbeit als Erziehungs- und Bildungspartnerschaft und Partizipation in der frühen Kindheit. Hier stehen zentrale Herausforderungen der (institutionellen) pädagogischen Betreuung im Mittelpunkt der Erarbeitungen.

„Bildungs- und Erziehungsbereiche in der frühen Kindheit“ werden im achten Teil des Buches mit 13 Artikeln verhandelt. In diesem Kapitel wird frühkindliche Bildung thematisiert, sodass exemplarisch Bildungspläne im Elementarbereich, didaktische Konzepte, musische, mathematische und sprachliche Bildungsbereiche und Bewegungs- und Ernährungserziehung fokussiert werden. Ebenso finden Geschlechtererziehung, sexuelle Themen von Mädchen und Jungen und Medienerziehung Berücksichtigung.

Fazit

Das vorgelegte „Handbuch Frühe Kindheit“ ermöglicht es, eine Vielzahl an Einblicken und Vertiefungen innerhalb verschiedenster Diskurslagen zu früher Kindheit zu erhalten und fokussiert sich auf Theorien früher Kindheit im Bereich der Wissenschaft, Forschung und Praxis. Dabei werden zentrale Diskurse abgebildet, die jedoch laut Herausgeber*innen „nicht den Anspruch auf Vollständigkeit“ (S. 21) erheben. Gerade an den letzten beiden Artikeln, die sich mit den in den Kindheits- und Sozialwissenschaften wenig differenzierten Aspekten der Geschlechts- und Sexualitätsfragen befassen, wird dies deutlich. Es ist erfreulich zu sehen, dass diesen Bereichen Raum gegeben wird, gerade unter dem Umstand, dass Teile der Gesellschaft Formen angemessener Sexualpädagogik einer Frühsexualisierung unterstellen. Die Tatsache, dass geschlechtlich-sexuelle und amouröse Aspekte inkludiert werden, ist daher als positiv und weiter ausbaubar zu beurteilen. Allerdings, und dies zeigt auch eine grundsätzliche Herausforderung innerhalb der Kindheitswissenschaften, bilden binäre Denkkonventionen gerade im Kinderkontext eine immer noch ungebrochene Darstellungspraxis. Die Erzählung von Kindheiten und Geschlecht ist und bleibt binär und somit zweigeschlechtlich ausgerichtet, sodass entweder von Kindern allgemein oder aber von Mädchen und Jungen gesprochen wird. Trans* oder Inter*Kinder werden auch in diesem Werk nur ungenügend zur Kenntnis genommen und gewürdigt und das trotz der differenzierten Debatten, die dem Sammelwerk insgesamt zu attestieren sind. Hier gilt es, für eine dritte Auflage, dem sonst durchaus eingelösten Anspruch eines differenzierten Handbuches zur frühen Kindheit gerecht zu werden, indem eine Erweiterung um ein bislang marginalisiertes Desiderat realisiert wird.


Rezension von
Stefan Hierholzer
Erzieher, heilpraktischer Psychotherapeut, Fachbuchautor und Sexualpädagoge, Träger des deutschen Lehrerpreises sowie Schulleitung des Campus 29 in Hamburg.
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Zitiervorschlag
Stefan Hierholzer. Rezension vom 17.08.2020 zu: Rita Baches-Chryrek, Charlotte Röhner, Heinz Sünker, Michaela Hopf (Hrsg.): Handbuch frühe Kindheit. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 2. aktualisierte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8474-0688-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27387.php, Datum des Zugriffs 23.09.2020.


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