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Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten

Cover Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert. Ullstein Buchverlage GmbH (Berlin) 2020. 368 Seiten. ISBN 978-3-550-08194-1. D: 22,00 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 24,90 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783550050695; 9783548060415; 9783550050718; 9783550200335; 9783550200793.
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Thema

Der Leugnung verbindlicher allgemeiner Werte werden nicht verhandelbare universale Grundwerte gegenübergestellt, die für alle Menschen gelten.

Autor

Markus Gabriel hat in Bonn, Heidelberg, Lissabon und New York studiert und ist Professor für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und der Gegenwart an der Universität Bonn und Direktor des Internationalen Zentrums für Philosophie und des interdisziplinären Center for Science and Thought, außerdem Gastprofessor an der Sorbonne (Paris I) und der New School for Social Research in New York City.

Entstehungshintergrund

Angesicht von Werterelativismus, Wertenihilismus und Abschottung durch nationale Identitäten entwickelt Gabriel eine universale Auffassung eines moralischen Realismus, gültig für alle Menschen. Durch die Globalisierung sei eine Kooperation in Wissenschaft, Politik und Wirtschaft notwendig, die auch zukünftig auf einen moralischen Fortschritt zielt.

Aufbau

Das Buch ist nach einer Einleitung in vier größere Kapitel unterteilt: 1) Was Werte sind und warum sie universal sind, 2) Warum es moralische Tatsachen, aber keine ethischen Dilemmata gibt, 3) Soziale Identität – Warum Rassismus, Xenophobie und Misogynie böse sind, 4) Moralischer Fortschritt im 21. Jahrhundert.

Im ersten Kapitel werden die Grundlagen für die Argumentation dargelegt, im zweiten die Begründung, im dritten die Anwendung, fortgesetzt mit einem Ausblick im vierten.

Inhalt

Einleitung

Der Gefahr neuer Kriege durch zunehmenden Nationalismus und ökologische Krisen kann nur durch einen moralischen Fortschritt begegnet werden. Deshalb sind Überlegungen über grundlegende, für alle Menschen geltende Werte notwendig und eine globale Kooperation anstelle von nationalstaatlichen Egoismen. Die Krisen zeigen, dass es nicht einfach so weitergehen kann wie bisher. Aufgabe der Philosophie ist es, Denkmuster kritisch zu hinterfragen und moralische Grundwerte und Tatsachen von nichtmoralischen zu unterscheiden. Denn das Gute ist universal unabhängig von Gruppenzugehörigkeit, Kultur, Geschmack, Geschlecht, Klasse und Rasse.

Der Anspruch ist einen ‚philosophischen Werkzeugkasten‘ zur Lösung moralischer Probleme zu entwickeln.

Erstes Kapitel: Was Werte sind und warum sie universal sind

Moralische Tatsachen sind nicht in Gott, sondern in uns selbst begründet. Sie enthalten die Aufforderung etwas zu tun oder zu unterlassen. Wichtig ist der grundlegende Unterschied zwischen Legalität (Stalins Schauprozesse waren legal!) und Legitimität. Außer Gut und Böse gibt es noch das moralisch Neutrale. Moralische Werte sind universal und unterscheiden sich von ökonomischen auch dann, wenn diese moralischen Zielsetzungen folgen. Moralischer Realismus geht von objektiven Werten aus, moralischer Antirealismus bestreitet das. In der Demokratie gibt es einen Werterahmen von Legitimität, der sich von der faktischen Legalität unterscheidet, die deshalb immer wieder (evtl. gegen Mehrheiten) überarbeitet werden muss, weil es auch Grenzen der Toleranz und Meinungsfreiheit gibt.

Kulturrelativismus verneint absolute moralische Werte unter Hinweis auf die Vielzahl von unterschiedlichen Kulturen und das Fehlen einer kulturübergreifenden Instanz. Dieser begünstigt das Recht des Stärkeren und rechtfertigt Gewalt, z.B. keine Schulbildung für Mädchen. Gabriel wendet sich auch kritisch gegen jüdisch-christliche religiöse Werte zugunsten universaler mit Spielräumen für Meinungsfreiheit. Wertepluralismus und Wertenihilismus werden diskutiert. Er wendet sich gegen die Relativierung von Werten (Verweis auf Nietzsche, dem er ‚logische‘ Fehler nachweist, da er nicht gesehen habe, dass es moralische Tatsachen gibt, die sich nicht auf etwas anderes (Mehrheiten, göttliche Gebote, Verhaltensökonomie) reduzieren ließen.

Zweites Kapitel: Warum es moralische Tatsachen, aber keine ethischen Dilemmata gibt

Trotz Zweifeln, Unsicherheiten, können wir das Richtige tun. Überwiegend handeln Menschen so, wie sie sollen. Auch in komplexen demokratischen Gesellschaften folgen wir nicht automatisch dem Imperativ der Märkte und dem Wirtschaftsliberalismus. Universalismus ist nicht Eurozentrismus, denn er behauptet Werte unabhängig von Gruppenzugehörigkeit. Diese nehmen uns konkrete Entscheidungen, die durch einen ‚moralischen Kompass‘ angezeigt werden, nicht ab. Nach Gabriel sind Wertvorstellungen wahr oder falsch, allerdings in einem fortschreitenden Prozess zu eruieren.

Er beschreibt dann moralische Defizite im Alltagsleben (z.B. Altersdiskriminierung von Kindern, Rassismus). Jede menschliche Handlungssituation enthält moralische Anteile, das bedeutet, das wir, z.B. durch Irrtum, auch fehleranfällig sind. Zwar begegnen wir uns mit einem Wahrheitsanspruch, allerdings ohne Garantie. Selbst mit einer Täuschung kann man richtig liegen. In Coronazeiten mussten Entscheidungen ohne sichere Grundlagen getroffen werden. Werturteile und Wahrheitsansprüche treffen oft aufeinander denn es gibt keine wertneutralen Standpunkte und Gefühle, Subjektivität, spielen ebenfalls eine Rolle.

Moralischer Realismus ist im phänomenalen Bewusstsein (was bedeutet mein Tun für mich, für den anderen) begründet, auch wenn er Unlust hervorruft. Er beschäftigt sich mit realen Umständen – zwischen subjektiv und objektiv – je nach konkreter Situation, allerdings mit kulturellen Differenzen bei nichtmoralischen Tatsachen, denn eine Monokultur lässt sich nicht herstellen.

Der kategorische Imperativ von Kant (Universalisierungs- oder Selbstzweckformel) bezieht sich auf die Menschheit als Ganze, – auch in einer Person.

Es folgen dann Fallbeispiele (die Bahn betrügen, einen Polizisten belügen, jemand in einem Unrechtsstaat retten) und ein Katalog von moralischen Selbstverständlichkeiten, die aber durch Propaganda, Lüge, Manipulation, Selbstbetrug und Wunschdenken infrage gestellt werden können. Die Komplexität wird am Thema Abtreibung erläutert.

Die Wertontologie beschäftigt sich mit der Frage, wie moralische Tatsachen beschaffen sind. Die Wertepistemologie untersucht, wie wir moralische Tatsachen unter Bezug auf universale Werte ‚in komplexen Handlungssituationen‘ erkennen können. Es gibt in der Realität moralische Tatsachen, die von unserer Meinung unabhängig und damit real sind. Auch ein Gott darf kein Verdreher von Wahrheit sein, sonst wäre er ein Dämon. Bei unseren Wertvorstellungen beziehen wir uns wesentlich auf Menschen; sie sind zwar keine Naturtatsachen, doch heißt das nicht, dass sie keine Tatsachen sind. Es braucht keine Frömmigkeit, um Moral zu begründen. Häufig wird der Dekalog als sinnvoll für moralische Orientierung angesehen, doch Kritik ist angebracht, wenn z.B. Knechte und Mägde als ‚Besitz‘ angesehen werden. Gottesliebe und Nächstenliebe seien plausiblere Einstellungen als die zehn Gebote. Doch ist moralischer Realismus nicht auf Gott angewiesen: Es war noch nie gut, Kinder zu schlagen, auch als man es für ‚moralisch gut‘ gehalten hat. Es gibt auch eine Tier- und Umweltethik. Manche Akteure erkennen nichtmoralische Tatsachen nicht an und haben z.B. lange Zeit Krankheiten als moralische Defizite eingestuft.

Drittes Kapitel: Soziale Identität. Warum Rassismus, Xenophobie und Misogynie böse sind

Gabriel wendet sich gegen die Identitätspolitik und deren Stereotypisierungen. Fremdenfurcht sei Angst vor unerfüllten Erwartungen. Wir haben eine ontologische, metaphysische, personale und soziale Identität, die in öffentlichen Debatten mitunter verschmelzen, sodass z.B. eine soziale Identität metaphysisch (religiös) aufgeladen werden kann. Vorurteile beruhen oft auf Verallgemeinerungen. Falsche Stereotype, z.B. über Corona, sind gefährlich. Ausnahmezustände können dazu führen, dass Wertesysteme bekämpft, aber auch gefördert werden.

Das Konzept Rasse ist das Resultat von Rassismus; Unterschiede können nicht genetisch begründet werden. Sozialpsychologisch handelt es sich um Täuschungen, denn das Menschsein ist universal. Zuschreibungspraktiken sozialer Identität sind gefährlich, weil sie Stereotypien verstärken und unser Denken und Handeln nicht mit der Realität verknüpfen. Meinungen zeigen allerdings, dass man auch denken kann, was nicht real ist. Ohne Wahrheit gibt es ‚weder Irrtum noch Lüge, Ideologie, Propaganda und Manipulation‘.

Gabriel kommt dann auf den Brexit, nationale Stereotype, die Wirksamkeit von Glaubensgemeinschaften, Populismus und die Widersprüche linker Identitätspolitik zu sprechen und schlägt vor, von einer Identitäts- zu einer Differenzpolitik zu kommen, die das Anderssein des Anderen einschließt. Wer Differenz verleugnet sei farbenblind.

Viertes Kapitel: Moralischer Fortschritt im 21. Jahrhundert

Durch Fake News, digitale Überwachung, Propaganda und Cyberkrieg verlieren wir das Vertrauen in Wahrheit, Wirklichkeit und Wissen (Beispiel Sarrazin über Muslime). Wissen ist allerdings nicht Allwissen, deshalb gibt es keine absolute Gewissheit. Aber es ist ein Irrglauben, dass naturwissenschaftlich-technologischer Fortschritt auch zu moralischem Fortschritt führt. Auch rein ökonomisches Kalkül ist nicht rational weil unethisch und nur am Konsum interessiert. Die Corona-Krise konfrontiert uns mit einem biologischen Universalismus, dem wir nur gemeinsam begegnen können, indem wir den Herausforderungen mit entsprechenden moralischen Entscheidungen begegnen. Auch Entscheidungen für eine Wirtschaftsordnung, die ermöglicht, dass der ökonomische Mehrwert allen Menschen zugute kommt und die Marktwirtschaft nicht auf unendliches Wachstum angelegt ist, stehen an. Ethische Maßstäbe müssen für alle gelten, gleich welcher Herkunft, Religion, Vermögen, Geschlecht oder Bildung; es gibt auch eine ethischen Analphabetismus. Wahrheit ist ein Findungsprozess in einer demokratischen Debatte; dabei dürfen Religion und Ethik nicht in einem Konflikt stehen. Deshalb plädiert Gabriel für ein Schulfach Philosophie, das Ethik, Logik, Argumentations- und Erkenntnistheorie einschließt.

Epilog

Zusammenfassend geht es Gabriel darum, Vorurteile zu überwinden und nicht darum ein ‚System der Ethik des 1. Jahrhunderts‘ zu entwickeln. Es gibt objektiv bestehende moralische Tatsachen, die nicht extern begründet werden müssen. Die Praxis des Nachdenkens darüber hat eine jahrtausendealte kulturübergreifende Geschichte, deren Ziel das ‚gute Leben‘ ist. Mit einem Appel wendet er sich an alle, sich am Projekt einer neuen Aufklärung über moralische Tatsachen zu beteiligen.

Diskussion

Das Anliegen des Autors ist klar: Jenseits von Kultur, Religion und Nationalismen über allgemein gültige moralische Tatsachen nachzudenken. Was das bedeutet wird an vielen historischen und aktuellen Beispielen erläutert, die sich auch kontrovers diskutieren lassen und damit gut für den Unterricht und Diskussionen zum Thema eignen. Das humanistische Anliegen ist klar: Es geht um das, was der Autor ein ‚gutes Leben‘ nennt, für alle und zwar auch dann, wenn die Meinungen darüber, was ein ‚gutes Leben‘ ist, auseinander gehen. Denn ein Nachdenken über grundsätzliche und das heißt allgemein verbindliche moralische Tatsachen gehört zum erwachsenen Verantwortungsbewusstsein und schließt sich selbst, den Anderen und die Gemeinschaft ein.

Die Grundlagen dazu müssen, oft gegen heftige individuelle Widerstände, wie jeder weiß, in der Kindheit gelegt werden. Damit sei kritisch vermerkt, dass die emotionale Seite – nicht nur von moralischen Einstellungen sondern auch von moralischen Handlungen – kaum berücksichtigt wurde. Das verringert nicht den Wert dieses Buches, denn auch das Nachdenken darüber beginnt in der Kindheit und sollte schon frühzeitig – vor allem auch diskursiv – aufgenommen werden.

Viele Wiederholungen haben mich beim Lesen etwas ermüdet und den Wunsch nach einer kürzeren, vielleicht weniger akademischen Zusammenfassung geweckt.

Fazit

Lesenswert und diskussionswürdig, aber man braucht Zeit.


Rezension von
Prof. Dr. Gertrud Hardtmann
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Zitiervorschlag
Gertrud Hardtmann. Rezension vom 04.02.2021 zu: Markus Gabriel: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert. Ullstein Buchverlage GmbH (Berlin) 2020. ISBN 978-3-550-08194-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27396.php, Datum des Zugriffs 14.06.2021.


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