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Stefan Weinmann, Andreas Bechdolf u.a.: Psychiatrische Krisenintervention zu Hause

Rezensiert von Prof. Dr. Annemarie Jost, 23.02.2022

Cover Stefan Weinmann, Andreas Bechdolf u.a.: Psychiatrische Krisenintervention zu Hause ISBN 978-3-96605-050-0

Stefan Weinmann, Andreas Bechdolf, Nils Greve: Psychiatrische Krisenintervention zu Hause. Das Praxisbuch zu StäB & Co. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. 283 Seiten. ISBN 978-3-96605-050-0. D: 38,00 EUR, A: 36,00 EUR.
Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050883
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Thema und Zielgruppe

Es geht um die Grundlagen einer Psychiatrie ohne Betten, das heißt einer Akutbehandlung zu Hause. Das Buch thematisiert die bislang vorliegenden praktischen Erfahrungen und die empirischen Daten aus verschiedenen Versorgungsregionen. Beteiligte Akteure aus ganz Deutschland berichten über Finanzierung, Personalausstattung und Teamprozesse, Arbeitsweisen, Zielgruppen, Chancen, Erfolge und Stolpersteine. So wendet sich das Buch sowohl an Praktiker*innen, die psychiatrische Akutbehandlungen zu Hause, wie z.B. Stationsäquivalente Behandlungen implementieren möchten, als auch an psychiatrisch Interessierte und Wissenschaftler*innen, die sich einen Überblick über den wissenschaftlichen und praktischen Stand dieser Behandlungsformen verschaffen möchten.

Herausgeber und Autor*innen

An diesem Buch hat eine große Zahl von Autor*innen mitgewirkt, der bekannteste unter ihnen ist wohl Thomas Bock. Die 3 Herausgeber sind:

  • Dr. med. Dr. P.H. Stefan Weinmann: er ist Psychiater und Psychotherapeut mit Abschlüssen in Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften. Seine kritische Haltung zur Psychopharmakotherapie hat er in mehreren Publikationen dargelegt. Derzeit arbeitet er als Chefarzt im Rudolf-Sophien-Stift in Stuttgart.
  • Prof. Dr. med. Andreas Bechdolf: er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Köln und der University of Melbourne. Er ist Chefarzt der Kliniken für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Vivantes Klinikum Am Urban und des Vivantes Klinikum im Friedrichshain in Berlin.
  • Nils Greve ist Psychologe, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Vorsitzender des Dachverbands Gemeindepsychiatrie.

Aufbau 

Das Buch gliedert sich neben der Einführung in:

Teil 1 Entwicklungslinien und Rahmenbedingungen

  • Konzeptionelle Grundlagen … von Home Treatment
  • Wirksamkeit aufsuchender Behandlung: Evidenz aus dem deutschsprachigen Raum
  • Aufsuchende Krisenbehandlung aus Betroffenen-Sicht
  • Aufsuchende Krisenbehandlung aus Sicht eines Angehörigen
  • Rahmenbedingungen für StäB und Home Treatment in Deutschland
  • Aufsuchende Hilfen im Rahmen des gemeindepsychiatrischen Verbundes …
  • Sozialraumorientierung …
  • Die therapeutische Beziehung …
  • Psychiatrische Pflege im Home Treatment – neue Rollen?
  • StäB und Genesungsbegleitung: Beziehungen und Spannungen
  • Evaluierung … und Wirkfaktoren

Teil 2 Regionale Umsetzung: Erfahrungen und Stolpersteine

  • Zuhausebehandlung in den Modellvorhaben nach § 64 b SGB V
  • StäB im ländlichen Raum: Südwürttemberg
  • StäB im ländlichen Raum: Brandenburg
  • StäB als störungsspezifische Intervention bei Menschen mit Psychosen in Tübingen
  • StäB in der Großstadt: Berlin
  • StäB in der Großstadt: München
  • Offene Fragen und Weiterentwicklung

Jedes Kapitel besitzt ein eigenes Literaturverzeichnis

Inhalt

Die evidenzbasierte Konsensus-Leitlinie der DGPPN empfiehlt die flächendeckende Einführung von Home Treatment mit dem höchsten Evidenz- und Empfehlungsgrad, denn Akutbehandlungen im häuslichen Umfeld und intensiv-aufsuchende Behandlungen haben sich bezüglich verschiedener Parameter der stationären Behandlung gegenüber als gleichwertig bzw. überlegen und zugleich kosteneffektiv erwiesen. Hierbei solle nicht die Klinik nach Hause gebracht werden, sondern die Intensität der Unterstützung. Mit Stand Juni 2020 führten über 20 Kliniken in Deutschland Stationsäquivalente Behandlungen durch, die sich oft aus Modellvorhaben, Forschungsprojekten oder Verträgen der integrierten Versorgung entwickelt haben. Auch eingeführte Regionalbudgets bieten Chancen, ähnliche aufsuchende Behandlungen einzuführen. Im vorliegenden Buch werden wissenschaftliche Evaluationsergebnisse detailliert dargestellt und die noch laufende multizentrische Kohorten-Studie (AKtiV) erläutert.

Arbeitsweise und Kernbestandteile des Modells der aufsuchenden Behandlung können auf 2 internationale Prototypen zurückgeführt werden: das Assertive Community Treatment (ACT) und die Crisis Resolution Teams (CRT), auch Home Treatment (HT) genannt, die seit den 1970er Jahren bereits in den USA, Australien und England erprobt und positiv evaluiert wurden. Auch in Skandinavien, den Niederlanden und Italien gab es Vorläufer.

In aufsuchenden Behandlungen können sich psychiatrische Teams von den stationären Routinen lösen, offen werden für das Lebensfeld der Patient*innen und Menschen mit schweren seelischen Erkrankungen unterstützen, aus der Vielzahl von Eindrücken und Wahrnehmungen wieder ein kohärentes Ganzes im eigenen Alltag zu schaffen.

Chancen und Herausforderungen bei in der Regel von psychiatrischen Kliniken ausgehenden aufsuchenden Behandlungen werden aus Sicht von Patientinnen, Angehörigen, unterschiedlichen Teammitgliedern und Genesungsbegleiter*innen beleuchtet: Die in der Selbsthilfe Psychiatrieerfahrener engagierte Elke Prestin betont, dass letztlich die Grundhaltung der Behandler*innen entscheidend sei und fordert Recoveryorientierte psychiatrische Hilfen mit großem Respekt gegenüber der Lebenswelt der Patienten. Ein Angehöriger äußert die Hoffnung, dass mit aufsuchenden Behandlungen bislang schlecht vom Versorgungssystem Erreichte schneller behandelt werden und Zwangseinweisungen vermieden werden könnten. Deutlich wird auch, dass in dieser Behandlungsform Genesungsbegleiter*innen eine wichtige Funktion haben, jedoch ihre Stellung und Bezahlung noch nicht immer angemessen geklärt ist. Aus Sicht der Pflegekräfte stellen sich Fragen der Substitution ärztlicher Tätigkeiten. Der Gesetzgeber fordert in jedem Fall eine fachärztliche Leitung der Teams. Besondere Chancen liegen auch in der Integration von Kreativ- und Bewegungsangeboten durch Ergo- und Physiotherapeut*innen und in der flexiblen Ausgestaltung des Interventionsortes (Spaziergänge, Besorgungen, Behördengänge, aber auch die Teilnahme an Gruppenangeboten oder medizinischen Untersuchungen in der Klinik). Zudem spielt die Soziale Arbeit eine wichtige Rolle im Team. Insgesamt macht das vorliegende Buch deutlich, welche Chancen der Stärkung einer lebensweltsensiblen und hoffnungsvollen Haltung der aufsuchende Ansatz für die beteiligten Fachkräfte bietet. In einigen Teams findet eine systemische Weiterbildung der Fachkräfte statt. Die Zielgruppe besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Diagnosen, wobei jedoch Menschen mit schizophrenen Psychosen und Depressionen den größten Anteil haben.

Herausforderungen liegen

  • im Aushandeln der Rahmenbedingungen mit den Kostenträgern,
  • in den Schwierigkeiten der Finanzierung bei gleichzeitiger Fortsetzung bewährter ambulanter Unterstützungsangebote (z.B. im Rahmen der Eingliederungshilfe),
  • in langen Anfahrtswegen im ländlichen Raum,
  • in der Erreichbarkeit der oft recht kleinen Teams nachts und am Wochenende (hier werden in der Regel Kooperationen mit Klinikmitarbeiter*innen wirksam) und
  • bei der personellen Kontinuität im Rahmen längerfristig nötiger Unterstützung oder doch zwischendurch erfolgter stationärer Aufenthalte.

In vielen kleineren Details gibt es noch Weiterentwicklungsbedarf: Einstellung von Assistenzkräften zur Routen-/​Dienstplanung und zum Fahrzeugeinsatz, mobile Dokumentation, Funklöcher, Raumfragen für Teamsitzungen und Supervision, Rekrutierung des Personals im ländlichen Raum ohne stationäre Ressourcen zu schwächen, Arbeitsverträge mit Wochenenddiensten für Berufsgruppen, die gewohnt sind, nur in der Woche zu arbeiten.

Diskussion

Das Buch bietet einen wissenschaftlich fundierten Einblick in die Entwicklung der Akutbehandlung zu Hause und ist von engagierten Forscher*innen und Praktiker*innen mit umfangreichen Detailkenntnissen verfasst. Es thematisiert die StäB aus vielen unterschiedlichen Perspektiven und macht Mut, diesen erfolgreichen Ansatz flächendeckend in Deutschland zu implementieren.

Einige Aspekte werden nur am Rande gestreift bzw. kaum behandelt: Wie gehen die Behandler*innen mit den Kindern der Patient*innen um? Werden Mutter-Kind-Behandlungsansätze wie marte meo oder die Jugendhilfe einbezogen?

Nur eine kurze Passage findet sich zu den pandemiebedingten Einbußen; aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen mit Bezug zur Lebenssituation der Menschen mit psychischen Erkrankungen bleiben außen vor.

Auch fragte ich mich bei der Lektüre, wie eine evtl. notwendige hauswirtschaftliche Unterstützung (Reinigung der Wohnung, Wäsche) bei schwer erkrankten Patient*innen organisiert wird, ohne die Angehörigen weiter zu belasten. Ist dies problemlos über die Häusliche Krankenpflegerichtlinie kurzfristig zu organisieren und welche Kompetenzen benötigen Reinigungskräfte, die bei Menschen in Krisen Hilfestellungen geben?

Fazit

Das vorliegende Buch bietet einen wissenschaftlich solide untermauerten Einblick in die Praxis der psychiatrischen Akutbehandlung zu Hause und ermutigt, diesen Ansatz im Hilfesystem trotz noch bestehender bürokratischer Hürden zügig auszubauen.

Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
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Es gibt 137 Rezensionen von Annemarie Jost.

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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 23.02.2022 zu: Stefan Weinmann, Andreas Bechdolf, Nils Greve: Psychiatrische Krisenintervention zu Hause. Das Praxisbuch zu StäB & Co. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-96605-050-0. Reihe: Fachwissen. In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050883. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27399.php, Datum des Zugriffs 30.09.2022.


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