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Thomas Bock: Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten

Cover Thomas Bock: Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. 160 Seiten. ISBN 978-3-96605-070-8. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: In Beziehung stehende Ressource: ISBN: 9783966050715; 9783966050722.
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Thema

Der Titel des Buches formuliert sein therapeutisches „Programm“. Menschen mit Psychose-Erfahrung Hilfe anzubieten, bedeutet, sie zu begleiten, eine eigene Authentizität herausfordernde Begegnung mit ihnen zu wagen, in dieser ihre (auch bedrohlichen) Erfahrungen und deren Funktion zu verstehen suchen in einer Haltung, die Paradoxes als zum Leben zugehörig betrachtet. Anstatt Menschen mit Psychose-Erfahrung zum Objekt einer psychopathologischen Einordnung und Behandlung zu machen geht es darum, die pathologischen Kategorien zu „brechen“, indem die PatientInnen ihre Erfahrungen und Stellungnahmen zum eigenen Erleben in einem offenen Dialog thematisieren können und auf diese Weise dazu beizutragen, dass ihnen eine Integration ihrer Erfahrungen und Wahrnehmungen gelingt, sie diese nicht nur als dysfunktional bewerten, sondern sie sich auch als sinnvoll zu eigen machen können.

Autoren

Thomas Bock, Professor für klinische Psychologie und Sozialpsychiatrie, der Autor dieses Bandes aus der Reihe „Praxiswissen“, stellt seine 40 jährige innovative Praxis am Universitätskrankenhaus in Hamburg- Eppendorf zusammenfassend dar und erläutert die sie fundierende Grundhaltung und das sie fundierende Fachwissen.

Diese Grundhaltung hat ihr Fundament in einer anthropologischen Sichtweise, die neben dem Besonderen nach dem allen Menschen Gemeinsamen fragt (Fähigkeit zu Transzendenz, Selbstzweifeln und Realitätswechseln) und somit Psychotischwerden als zum Spektrum menschlicher Ausdrucksmöglichkeiten gehörend ansieht; Psychose sei Katastrophe und wahre zugleich Eigensinn (84). Darauf fußende psychotherapeutische Vorgehensweisen, wie Psychoseseminare und Trialog, hat der Autor (teilweise zusammen mit der Psychose-Erfahrenen Dorothea Buck) entwickelt. Psychotherapie bei Psychosen durchzuführen erfordere über Schulgrenzen hinweg methodische Souveränität und strukturelle Flexibilität (129).

Aufbau und Inhalt

Neben dem Einstiegskapitel in den Text, in dem der Autor über seine faszinierende Begegnung mit psychotischen Menschen berichtet, gibt es acht weitere Kapitel mit Unterkapiteln. An ihrem jeweiligen Schluss werden deren zentrale Aussagen zusammengefasst und graphisch hervorgehoben. Auf drei an den Einstieg anschließende Kapitel zu psychopathologischem Grundlagenwissen und zur Theorie der Praxis (1.) folgen zwei Kapitel, die beispielhaft das (selbst-)therapeutische Vorgehen beschreiben (2.) sowie zwei Kapitel zu Versorgungsstrukturen und Behandlungsprinzipien (3.). Das Schlusskapitel beschreibt inwieweit der vorgestellte Therapieansatz gegenwärtig realisiert ist (4.).

Zu 1: Grundlagenwissen und Theorie der Praxis

Im Kapitel „Jeder Mensch ist anders, eine Annäherung an Psychosen“ wird die anthropologische Sicht erläutert, ihre Notwendigkeit begründet und ihr Ansatz illustriert. Es folgt die Darstellung der Grobeinteilung von Psychosen in kognitive und affektive nebst den ihnen zugehörigen Symptomen, epidemiologischen Befunden und Auslösefaktoren. Der Autor stellt daneben, wie Psychose-Erfahrene Symptome in die Sprache des Erlebens übersetzen. Das Kapitel „Begegnung mit Psychosen“ als Weg vom Erklären zum Verstehen beinhaltet die, die Geschichte der Psychiatrie dauerhaft begleitende, Auseinandersetzung um die relative Bedeutung von genetischen, somatischen, familiären, sozialen und religiösen Aspekten für die psychische Entwicklung. Einzelne Faktoren, denen Th. Bock einen Einfluss zuordnet, will er als Teile eines Puzzles im Zusammenhang sehen, sie also nicht nur additiv aneinanderreihen. Die Entwicklung einer psychotischen Dekompensation fasst er mit Bezug auf Ciompi (1998) und Alanen (2001) in Form eines über die psychosozialen und somatischen Faktoren vor allem um anthropologische Aspekte erweiterten Vulnerabilitäts-Stressmodells zusammen (83 f.). Sein Krankheitsmodell umfasst nicht nur die vermeintlichen Ursachen, sondern auch die Auswirkungen des Krankheitsgeschehens, d.h. die Faktoren, die für den weiteren Verlauf in Richtung Chronifizierung oder Genesung eine Rolle spielen. Bezogen auf den Verlauf sieht er die Aufgabe der Sozialpsychiatrie darin, Krankheit zu managen und für eine neue Machtverteilung zu sorgen, als Verfügungsgewalt von Menschen mit Psychose-Erfahrung über das eigene Leben einschließlich psychosozialer Versorgungsangebote. Krankheitsbedingte Beeinträchtigungen auszugleichen, sei darüber hinaus auch eine sozial- und wirtschaftspolitische Aufgabe (76f). Bezogen auf einige der Puzzleteile referiert Th. Bock neue Forschungszugänge und Erkenntnisse: solche, die bestehendes Wissen in Frage stellen bzw. korrigieren (aus Kommunikations- und Labeling-theorie und Genetik, sowie betreffs der Bedeutung der „High Expressed Emotions“) oder die es bestätigen (nämlich, dass soziale Faktoren eine bedeutsame Rolle spielen).

Zu 2.: (selbst-)therapeutisches Vorgehen

„Biographisches Verstehen“ wird anhand der Lebensläufe von zwei Künstlerinnen mit Psychose-Erfahrung (Hildegard Wohlgemuth und Dorothea Buck) beispielhaft gezeigt. Die „Dialogischen Behandlungsprinzipien“ (die bereits eingangs genannten Psychose-seminare, die nachweislich Krankheitsbewältigung fördern (93) und aus ihnen erwachsene trialogische Projekte) sollen Selbst- und Fremdheilung in eine Balance bringen, sie orientieren sich an Recovery (als Förderung von Gesundheit mithilfe von Ressourcensuche und Wertung eines Lebens auch mit Restsymptomen als erfüllt). Sie werden beschrieben und den am medizinischen Modell orientierten Prinzipien (Psychoedukation, Forderung von Krankheitseinsicht und Compliance) entgegengesetzt; genauere, teilweise weiter ausgeführte Veröffentlichungen dazu hat der Autor, schon anderenorts gemacht.

Zu 3. Versorgungsstrukturen und Behandlungsprinzipien

Im Kapitel „Wesentliche Bestandteile der Psychosentherapie“ geht es um eine strukturübergreifende Organisation therapeutischer Kontinuität, um langfristig tragfähige therapeutische Gruppen und Gemeinschaften, die eine Finanzierungsreform voraussetzen. Unterstütztes Wohnen und Arbeiten sind als Hilfen im Lebensumfeld zu gestalten, unnötige Hospitalisierung ist zu vermeiden. Weitere Bestandteile beinhalten Hilfe vor Ort durch private Netzwerke, frühzeitigen und gleichberechtigten Einbezug von Familien, Home-treatment sowie Sozialraumorientierung; Genesungsbegleitung und Peerberatung sowie kooperative Pharmakotherapie als geteilte Entscheidungsfindung vor dem Hintergrund einer differenzierten Betrachtung der Indikation, Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten. Behandlungsvereinbarungen müssen biographisches und kontextuelles Wissen einbeziehen. Sie benötigen andere Wissensgrundlagen als die aus einer Standardanamnese, das narrative oder problemzentrierte Interview habe an ihre Stelle zu treten (111).

Als „Besondere Herausforderungen“ thematisiert Th. Bock die Vermeidung von Zwang und Gewalt; die Anwendung von Zwang sieht er stärker an strukturelle und personelle Bedingungen gebunden als an Patientenmerkmale. Anhand der gegenwärtigen Herausforderung durch das Coronavirus zeige sich, dass sich bedroht zu fühlen, nicht mehr unbedingt krank ist.

Zu 4. Psychosentherapie in der Gegenwart

Psychosentherapie ist aus dem Kontext des Trialogs und der Psychoseseminare entstanden. In der Schlussbemerkung „Wir sind unterwegs“ verweist Th. Bock auf den seit 1944 bis 2014 erfolgten kulturellen Umwandlungsprozess von der Euthanasiepraxis bis zur Psychosentherapie als Kassenpflichtleistung. Er betrachtet das vorgelegte Buch als Ideenlieferant dafür, den Weg der Begleitung von Menschen mit Psychose-Erfahrung als Kunst des „Trotzdem-Normalen“ und als Bemühen um eine symmetrische Beziehung, weiter fortzusetzen. Niemand sei nur gesund oder krank. Auch therapeutisch Handelnde sollten sich „zur eigenen Brüchigkeit, Krisenerfahrung und Bedrohtheit durch reale Gefahren bekennen“ (153). Dieses Bemühen um eine symmetrische Beziehung zeigt er an einigen konkreten praktischen Erfahrungen mit psychisch Kranken. Literaturhinweise beschließen die Ausführungen.

Diskussion

Der überzeugende, vom Verfasser vorgeschlagene, von ihm erprobte und an Beispielen dokumentierte therapeutische Zugang nimmt PatientInnen als ExpertInnen in eigener Sache ernst. Das zeigt sich in der Art der Anamnese und des therapeutischen Dialogs sowie in der kooperativen Behandlungsplanung und Forschung. Eingefahrene Praxen, die PatientInnen zum Objekt von Behandlung machen, werden verlassen. Bis in die Einzelheiten eines therapeutischen Gesprächs ist das im Text nachzuvollziehen. Sich z.B. inhaltlich für die Botschaft der Stimme eines Patienten zu interessieren und sich damit ein Stück auf wahnhafte Inhalte einzulassen, galt lange Zeit als Kunstfehler; hier ist es vom Verfasser als Anbahnung einer Beziehung zum Patienten gedacht.

Das Schlusskapitel „ wir sind unterwegs“ richtet den Blick auf das halb volle Glas. Ein Blick auf das halbleere Glas, der gemäß der Ausführungen ebenfalls naheliegend erscheint, lässt festhalten, dass die vom Verfasser entwickelten trialogischen therapeutischen Angebote zwar in der psychiatrischen Community integriert sind. Aber die Abgrenzung des Verfassers von Frühintervention, Psychoedukation, Compliance und Zwang aufgrund von Versorgungsdefiziten nimmt nur ein Teil der FachkollegInnen vor. Diese Angebote sind weiterhin Gegenstand von fachlichen Kontroversen. Auch werden strukturelle Veränderungen regional unterschiedlich stark in Angriff genommen.

Der Text ist gut lesbar. Die Formulierungen sind konkret, sie vermeiden, wo immer möglich, Fachausdrücke. Das Buch erfordert trotzdem fachliches Vorwissen. Selten kommt es vor, dass in den Ausführungen genauere Quellenhinweise fehlen. Das ist z.B. im Folgenden der Fall: „ in der Genetikforschung anerkannte Wissenschaftler beschreiben… (55)“… oder neue Interpretation der Studien zu High-Expressed – Emotions (67 und 119), und an zwei Stellen stimmen die Jahreszahlen im Text nicht mit denen im Literaturverzeichnis überein.

Fazit

Das Buch stellt die jahrzehntelange Begleitung von psychisch erkrankten Menschen als eine wissensbasierte, partizipatorische und reflektierte Praxis nachvollziehbar vor. Diese Praxis basiert auf einem anthropologisch orientierten Krankheitsverständnis, das psychische Erkrankung nicht mehr als das qualitativ Andere und Defizitäre betrachtet. Sie bringt Menschen mit Psychose-Erfahrung Neugier und Achtung entgegen und eröffnet Wege, eine Psychose zu bewältigen oder sich erträglich mit ihr zu arrangieren. Am medizinischen Modell orientiertes Vorgehen wird nicht pauschal abgelehnt, es soll erweitert und damit auch relativiert werden.


Rezension von
Prof. Dr. Angelika Franz
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden
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Zitiervorschlag
Angelika Franz. Rezension vom 21.12.2020 zu: Thomas Bock: Menschen mit Psychose-Erfahrung begleiten. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2020. ISBN 978-3-96605-070-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27400.php, Datum des Zugriffs 26.01.2021.


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