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H. Shmuel Erlich, Martin Teising u.a.: Die Couch auf dem Marktplatz

Cover H. Shmuel Erlich, Martin Teising, Elisabeth Vorspohl: Die Couch auf dem Marktplatz. Psychoanalyse und soziale Wirklichkeit. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 220 Seiten. ISBN 978-3-8379-2949-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Bibliothek der Psychoanalyse.
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Thema

Während für die Psychoanalyse generell zu gelten scheint, dass sie meist mit der inneren Realität von Einzelnen befasst sei, fragt H. Shmuel Erlich in seinen Beiträgen nach dem Verhältnis zwischen innerer und äußerer Realität. Es geht um die Wirkungen der äußeren Realität auf innerseelische Prozesse und die Verbindung von sozialen Dynamiken, also der äußeren Realität mit dem inneren Erleben. Mit Bezug auf die Bionsche Gruppentheorie, den Group-Relations-Ansatz und die Theorie offener Systeme wird psychoanalytisches Denken auf soziale Dynamiken und Konfigurationen bezogen. Und umgekehrt fragt H. Shmuel Erlich nach den Wirkungen von sozialen Bedingungen und Ereignissen, wie etwa Terrorakten oder Krisen auf psychisches Erleben. Untersucht werden unbewusste psychodynamische Prozesse in sozialen Systemen wie Organisationen, aber auch die Wirkung von äußeren traumatisierenden Ereignisse auf die Psyche und auf psychoanalytische Behandlungen. Das Identitätskonzept, das H. Shmuel Erlich in seinen Beiträgen entfaltet, dient ihm als Verbindungsglied zwischen innerer und äußerer Realität.

Autor

H. Shmuel Erlich ist Psychoanalytiker, Gruppenanalytiker und Organisationsberater und lebt in Israel. Er wurde am 11. Juli 1937 in Frankfurt am Main in einer jüdisch-orthodoxen Familie geboren. Seine Eltern konnten mit ihm nach der Pogromnacht am 9. November 1938, in der auch ihre Wohnung gewaltsam zerstört und ausgeraubt wurde, der nationalsozialistischen Bedrohung entkommen und nach Palästina emigrieren. Sie kamen dort zu Beginn des Jahres 1939 an. Bis 1954 lebte Shmuel Erlich in Tel Aviv, danach ging er zum Psychologiestudium in die USA, wo er im Anschluss an sein Studium promovierte. 1971 kehrte er nach Israel zurück. Von 1990 bis 2005 hatte er den Sigmund-Freud-Lehrstuhl der Hebräischen Universität in Jerusalem inne.

1977 mit 40 Jahren kam H. Shmuel Erlich zum ersten Mal wieder nach Deutschland, wo er sich „zugleich zu Hause“ und doch „als Fremder“ fühlte, von manchen willkommen geheißen und von anderen abgelehnt, wie Martin Teising im Vorwort dieses Bandes schreibt (S. 11).

Die lebensgeschichtlichen Erfahrungen Erlichs verweisen auf die Fragen, die ihn in seiner wissenschaftlichen und psychoanalytischen Praxis beschäftigen. H. Shmuel Erlich ist einer der Gründerväter der „Nazareth-Konferenzen“, in denen sich zunächst deutsche und israelische Psychoanalytiker*innen um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Geschichte und deren vor allem auch unbewussten Aus- und Nachwirkungen bemühten. Aus den „Nazareth-Konferenzen“ erwuchsen die nachfolgenden Konferenzen der „Partners in Confronting Collective Atrocities“ (PCCA), mit dem Ziel vergangene hasserfüllte, gewaltsamen Konflikte zwischen nationalen oder ethnischen Gruppen bearbeitbar zu machen.

Neben seinen vielfältigen Tätigkeiten in der Internationalen Vereinigung der Psychoanalyse (IPV), als Lehranalytiker und Ausbildungsverantwortlicher der Israelischen Psychoanalytischen Vereinigung ist H. Shmuel Erlich auch Ehrenmitglied der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung (DPV).

Entstehungshintergrund

Die Beiträge in diesem Buch sind zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Inhaltlich verbunden sind sie durch die grundlegende Frage, der Beziehung zwischen innerer und äußerer Realität. Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel „The Couch in the Marketplace. Psychoanalysis and Social Reality“ bei Routledge, London.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 15 Kapitel, die auch unabhängig voneinander gelesen werden können.

In den ersten beiden Beiträgen skizziert Erlich zunächst sein theoretische Verständnis und Zugang im Spannungsverhältnis einer auf Patienten fokussierten Psychoanalyse und einer Psychoanalyse, die sich auch in Folge von Freud als Kulturtheorie versteht. Der Erkenntnisgegenstand der Psychoanalyse sei das unverfügbare Unbewusste. Wenn sie nun soziale Gegebenheiten einbeziehe, so sei auch hier die Frage nach dem Unbewussten, nach dem, was sich einem leichten Zugriff entzieht, zentral. Bezogen auf soziale Gruppen und Organisationen findet er im „Group-Relation-Ansatzes und der systemischen Psychodynamik“ (Kapitel 2) hilfreiche Zugänge zum Verstehen von unbewussten psychodynamischen Prozessen in sozialen Systemen, wie beispielsweise Organisationen. In der „Group-Relations-Theorie und -Praxis“ wird die Theorie der offenen Systeme, die die Organisation als „lebenden Organismus“ denkt, mit der Psychoanalyse verbunden (S. 26). Das Konzept der „primären Aufgabe“, dem er eine normative, phänomenale und existenzielle Dimension zuschreibt, dient zudem zur Diagnose dysfunktionaler Verhaltensweise und Abläufe, wie sie in Organisationen nicht selten gegeben sind. Mit dem Einbezug „zeitgenössischem“ psychoanalytischen Denkens sieht H. Shmuel Erlich die Möglichkeit die äußere und innere Realität und ihre Wechselwirkung zu verstehen und zu berücksichtigen.

Das darauf folgenden Kapitel „Arbeit an der Grenze und psychoanalytisches Überleben“ (Kapitel 3) schließt mit der Frage nach der Bedeutung und Funktion von „Grenzen“ direkt an den Group-Relations-Ansatz und das systemische Verständnis an. Führungs- und Managementfunktionen operieren „an der Grenze“, sie sind Grenzfunktionen. Erlich bezieht diese Einsicht auf die Psychoanalyse und die Arbeit des Psychoanalytikers. Das Wesen der Grenze ist gekennzeichnet durch das Aufeinandertreffen und die Begegnung von „unterschiedlichen und gegensätzlichen Parteien“ (S. 36). Die Arbeit an der Grenze „gleicht einer unaufhörlichen Bewegung“ (S. 37) im Spannungsfeld „zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Selbst und Anderem, Subjekt und Objekt“ (S. 38). Solche Arbeit an Grenzen kann nicht ohne Angst vonstattengehen, denn es geht um Grenzüberschreitungen, um das Übertreten der Grenze des Bekannten und Vertrauten hin zum Unbekannten und Unheimlichen.

Die nächsten beiden Beiträge „Identität, Realität und inneres Erleben“ (Kapitel 4) und „Die Identität des Psychoanalytikers“ (Kapitel 5) befassen sich mit dem Identitätskonzept, das als Vermittlungsinstanz zwischen innerer und äußerer Realität ins Spiel kommt. Erlich greift die psychoanalytischen Termini des Selbst und Ichs auf und diskutiert die Frage, warum die psychoanalytische Theoriebildung sich so schwer getan hat mit dem Identitätskonzept, das von Erikson eingeführt wurde. Es geht Erlich darum zu zeigen, wie „Identität und soziale Realität“ wechselseitig aufeinander verwiesen sind: „Als Verkörperung des individuellen Ichs/Selbst in einer bestimmten sozialen Rolle bildet die Identität die Brücke, die innere und äußere Realität miteinander verbindet“ (S. 59). Am Beispiel der Identitätsbildung des Psychoanalytikers verdeutlicht er die Herausforderungen, die mit einer Integration der sozialen Rolle und dem Selbst, als „entwickeltes Gefühl fortwährenden Seins und Existierens“ (S. 63) verbunden sein können.

In „Der Mann Moses und der Mann Freud: Führung, Erbe und Antisemitismus“ (Kapitel 6) verdeutlicht Erlich, in welcher Weise Freuds Aufsatz „Der Mann Moses und die monotheistische Religion – ein historischer Roman“ auf Freuds eigene biografischen Erfahrungen zurückverweist. Er liest Freuds Text wie einen Traum und nutzt ihn zur Reflexion über Führung, Erbschaft, Kontinuität und Wandel, sowie Antisemitismus und psychoanalytische Identität.

In den Kapiteln „Am Scheideweg des Engagements: Begegnungen und Austausch oder Isolationismus?“ (Kapitel 7), sowie „Das Unbehagen des Subjekts und das Wohlbehagen der Kultur“ (Kapitel 8) untersucht Shmuel Erlich die nicht gerade einfache Beziehung der Psychoanalyse zu angrenzenden Wissenschaften. Er fragt, ob neue psychoanalytische Erkenntnisse vor allem innerhalb der Psychoanalytischen Gesellschaften aufgenommen würden oder ob und wenn ja, in welcher Weise sie sich in der Außenwelt auch ein breites Publikum erreichen könnten. Shmuel Erlich analysiert die Rolle der Gegenwartskultur sowohl für die Aufnahme der Psychoanalyse in der Gesellschaft, als auch die Rolle, die der Psychoanalyse im Kontext der Kultur zukommen kann. Insbesondere geht es ihm um das Subjekt und dessen „Unbehagen“ in der Kultur, das Freud bereits 1930 konstatierte. Seine These lautet, dass das „Wohlergehen der Zivilisation das Unbehagen des Subjekts paradoxerweise auf mancherlei Art verstärkt“ (S. 103).

Im Fokus der nächsten Kapitel „Diskurs mit dem Feind“ (Kapitel 9), „Der Psychoanalytiker zwischen unheimlicher und faktischer Realität“ (Kapitel 10) und „Ein Strahl Dunkelheit: die Psyche des Terroristen verstehen“ (Kapitel 11) stehen die Themen Feindschaft, Gewalt und Terrorismus, wie sie aktuell präsent und zuweilen traumatisierend in das Alltagsleben einbrechen. Innerpsychische Reaktionen auf latente Bedrohungen, auf das direkte oder vermittelte Mit-Erleben von Terrorakten, auf gewaltsame Konflikte und Kriegshandlungen, wie etwa Angst und Panik oder auch Abwehrformen wie Deralisierung sind nach Erlich nicht einfach als individuellen Pathologien oder Formen von psychischem Ausagieren abzutun, sondern kennzeichnen in unterschiedlicher Intensität das gegenwärtige Alltagsleben, sind folglich als auch als soziale Phänomene zu fassen. Sie verlangen nach einem psychoanalytischen Verstehen, dass die Wirkung und Bedeutung der äußeren Ereignisse für das innere Erleben einbeziehen. Es geht Erlich einerseits darum die psychische Verfasstheit der meist jungen Männer, die zu Terroristen werden, zu verstehen und andererseits um die Frage, wie der Terror in den psychoanalytischen Raum, in die Behandlung selbst einwirkt.

Im letzten Teil des Buches, in den Kapiteln „Paranoia und Regression in Gruppen und Organisationen“ (Kapitel 12), „Das flüchtige Subjekt und die psychoanalytische Organisationsforschung“ (Kapitel 13), „Psychische Gesundheit unter Beschuss: Organisationsintervention in einem verwundeten sozialpsychiatrischen Zentrum“ (Kapitel 14) und „Psychoanalytische Gesellschaft auf der Couch“ (Kapitel 15) geht es um psychosoziale Dynamiken in Organisationen, um das Verstehen dieser Dynamiken und ihrer Wirkungen auf die Arbeit und die in den Organisationen tätigen Subjekte und es geht um mögliche Interventionen, die sowohl einem psychoanalytischen als auch systemischen Grundverständnis folgen. Erlich zeigt, wie verbreitet gegenwärtig Paranoia in Organisationen und Institutionen ist und verweist damit auf die „Containerfunktion sozialer Institutionen“ (S. 159) und deren Versagen. Es geht darum, Gruppen, Organisationen, bis hin zur gesamten Gesellschaft in der Nachfolge von Bions Gruppentheorie als eigenständige Entitäten zu betrachten und nicht als Summe von Einzelnen. Anhand einer von ihm und seiner Frau durchgeführten Krisenintervention in einem sozialpsychiatrischen Zentrum, indem ein Anschlag durch einen Patienten, der um sich schoss und dabei vier Mitarbeiterinnen ermordete, wird die Arbeits- und Vorgehensweise einer psychoanalytischen Intervention beispielhaft dargestellt.

Diskussion

Psychoanalytiker*innen vernachlässigen oftmals die Wirkungen der sozialen Realität und umgekehrt nehmen Sozialwissenschaftler*innen oder Akteure in sozialen Systemen, wie Organisationen die Wirkungen unbewusster psychosozialer Dynamiken meist gar nicht zur Kenntnis. H. Shmuel Erlichs großes Verdienst ist es, die Verbindung zwischen sozialer Realität, den sogenannten harten Fakten und psychosozialen Dynamiken, sowie innerseelischem Erleben theoretisch fundiert aufzuzeigen und ihre Bedeutung sowohl für die therapeutische als auch für die Arbeit mit Gruppen, in Organisationen oder bezogen auf gesellschaftlichen Fragen und Probleme deutlich werden zu lassen.

Das Buch wurde vor der Coronapandemie in seiner Originalfassung ja bereits 2013 fertiggestellt. Das Vorwort von Martin Teising wurde im April 2020 während der Pandemie geschrieben. Teising verweist darin zu Recht, dass die Frage nach der Verbindung von innerer und äußerer Realität, die H. Shmuel Erlich in diesem Buch bearbeitet, auch auf diese Krise angewandt werden könnte und sollte, aber ebenso ließe sich z.B. der Klimawandel und das gesellschaftliche, sowie individuelle Umgehen und Erleben mit ihm unter dieser Fragestellung thematisieren. Im Falle der Pandemie etwa könnte nach regressiven Mechanismen gefahndet werden und es gälte zu verstehen, in welcher psychosozialen Dynamik Politik agiert und selbst solche Dynamiken mit befeuert oder zu containen hilft.

Fazit

Der theoretische Ansatz und die Fragestellungen, die in diesem Band aufgeworfen werden, regen zum Nachdenken an. Sie tragen dazu bei, oberflächliche Phänomene zu befragen und Dynamiken und Wirkungsweisen entdecken zu helfen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Gerade für die Arbeit in und mit Organisationen bietet der psychoanalytisch fundierte Group-Relations-Ansatz hilfreiche und erhellende Perspektiven. Aber auch die Frage nach der Identität, die hier als Bindeglied zwischen sozialer Rolle und einem Selbst, einem primären inneren Gefühl des Selbstseins, konzipiert wird, ist ein für das Verstehen des Zusammenhangs von äußerer und innerer Realität spannend.

Faszinierend ist auch wie die Verbindung zwischen H. Shmuel Erlichs lebensgeschichtlicher Erfahrung, seinen theoretischen Konzeptionen und auch seiner psychoanalytischen Praxis mit Einzelnen und Gruppen immer wieder durchscheint. In dieser Verbindung tritt dem Leser, der Leserin zugleich der Zusammenhang zwischen äußerer und innerer Realität exemplarisch vor Augen.


Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Scherer
Kompetenzthemen: Supervision und Beratung, Psychoanalyse, Gruppendynamik und Individuum, Team, Führungskompetenz, Management in sozialen Organisationen, Mediation, Konfliktmanagement, Sozialpsychologie, Operatives/strategisches Management, Organisationspsychologie; Arbeits- und Forschungsschwerpunkte: Veränderungsmanagement und Mitarbeiterbeteiligung, Widerstände in Veränderungsprozessen, Motivation und Identifizierung in Arbeitsorganisationen
Homepage www.kh-freiburg.de/de/contact/scherer-brigitte_110?
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Zitiervorschlag
Brigitte Scherer. Rezension vom 19.05.2021 zu: H. Shmuel Erlich, Martin Teising, Elisabeth Vorspohl: Die Couch auf dem Marktplatz. Psychoanalyse und soziale Wirklichkeit. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2949-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27405.php, Datum des Zugriffs 28.09.2021.


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