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Hans Gutzmann, Susanne Zank: Demenzielle Erkrankungen

Cover Hans Gutzmann, Susanne Zank: Demenzielle Erkrankungen. Medizinische und psychosoziale Interventionen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2005. 227 Seiten. ISBN 978-3-17-017658-4. 17,00 EUR, CH: 30,20 sFr.

Reihe: Grundriss Gerontologie - Band 17.
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Zur Thematik des Buches

Das Janusköpfige einer alternden Gesellschaft drückt sich in der Zunahme der Alterskrankheiten aus. Vor allem die Demenzen des Alters und hier vor allem die Demenz vom Alzheimer-Typ sind die drohenden Geißeln eines langen Lebens sowohl für den Betagten als individuelles Schicksal als auch für das Gesundheits- und Sozialsystem. Aus diesem Grunde wird auf allen Ebenen fast fieberhaft geforscht. So wird z. B. augenblicklich in Schweden mit einer Impfung zur Immunisierung gegen krankhafte Beta-Amyloid-Ablagerungen bei Alzheimer-Patienten begonnen. Vor drei Jahren musste ein ähnlicher Impfversuch mit einem anderen Wirkstoff in den USA abgebrochen werden, da einige Versuchspersonen bei dem Versuch an einer Gehirnhautentzündung erkrankten.

Auf diesem Hintergrund ist es verständlich, dass ständig über diese Thematik auch jenseits der meist englischsprachigen Fachzeitschriften publiziert wird. Das vorliegende Buch kann in die Rubrik "neue Erkenntnisse über Demenzen" eingeordnet werden.

Autoren

Bei den Autoren handelt es sich um einen Psychiater (Prof. Dr. med. Hans Gutzmann, Chefarzt im Krankenhaus Hedwigshöhe in Berlin) und einer Psychologin (Priv.-Doz. Dr. phil. Susanne Zank, Freie Universität Berlin).

Inhalt

Das Buch ist in zwei Abschnitte (Teil I: Medizinische Grundlagen und Interventionsmöglichkeiten und Teil II: Psychosoziale Interventionsmöglichkeiten und gesellschaftliche Rahmenbedingungen) mit insgesamt sechs Kapiteln unterteilt. Jedes Kapitel enthält eine Zusammenfassung und jeweils fünf Kontrollfragen.

  1. Kapitel 1 (Einführung: Seite 11 - 24) enthält kurze Erläuterungen über den Gegenstandstandsbereich.
  2. Kapitel 2 (Diagnostik und Klinik der Demenzen: Seite 25 - 115) enthält die bekannten Grundlagen über Demenzen: u. a. Epidemiologie einschließlich Prävalenz und Inzidenz, Beschreibung der primär degenerativen Demenzen und hierbei besonders der Alzheimer-Demenz, Risikofaktoren, Neuropathologie und Biochemie. In diesem Kontext wird auch darauf hingewiesen, dass die Krankheitsursache der Alzheimer-Demenz "im Wesentlichen noch unbekannt" ist (Seite 46). Recht ausführlich wird auf die verschiedenen Bereiche der medikamentösen Therapie eingegangen: es werden die einzelnen Wirksubstanzen erläutert und auch eingehend auf die Nebenwirkungen und oft sehr geringe Wirksamkeit bestimmter Psychopharmaka sowohl bei der Kernsymptomatik als auch bei den Begleitsymptomen (Unruhe, Angst u. a.) hingewiesen. Des Weiteren enthält dieses Kapitel Diagnose, Klinik und Therapie der Demenzform vom Lewy-Körperchen und der vaskulären Demenzen. Besonders hervorzuheben sind hierbei die Ausführungen über den Zusammenhang zwischen Schlaganfall und vaskulärer Demenz: nur bei so genannten "strategischen Insulten", die zu Ausfällen wichtiger Schaltzentren des Gehirns führen (u. a. Thalamus), entsteht eine Demenz vom vaskulären Typ.
  3. Kapitel 3 (Psychosoziale Interventionsmöglichkeiten bei Demenzpatienten: Seite 116 - 148) führt die verschiedenen psychosozialen Interventionsformen für Demenzkranke auf. Es werden in recht knapper Form die Psychotherapie, kognitive Trainingsprogramme, das Realitäts-Orientierungs-Training, Validation, Erinnerungstherapie und Musik- und Maltherapie erläutert. Auch auf ökologische, die räumliche Umwelt betreffende Faktoren und soziale Interventionsformen wird kurz eingegangen. Darüber hinaus wird das Thema Wirksamkeit und Schaden psychosozialer Interventionsformen erörtert und mit der Forderung verbunden, ähnlich wie in der pharmazeutischen Forschung sorgfältige Wirksamkeitsnachweise für diese Behandlungsweisen zu erstellen. Es sollten somit klare Zulassungskriterien für diese Therapien erarbeitet werden.
  4. Kapitel 4 (Die pflegenden Angehörigen: Seite 149 - 173) beschäftigt sich mit den vielschichtigen Aufgaben und Belastungen der pflegenden Angehörigen, die noch die Mehrzahl der Demenzkranken im häuslichen Umfeld betreuen und versorgen. Es werden die verschiedenen stützenden und stabilisierenden Interventionsformen für diese Personengruppe wie Selbsthilfegruppen und Kurse über Pflegehandlungen, Stressbewältigung und Grundlagen der Demenzen angeführt. Des Weiteren werden Institutionen wie ambulante Dienste (Sozialstationen), gerontopsychiatrische und geriatrische Tageskliniken und die Tages- und Nachtpflege vorgestellt.
  5. Kapitel 5 (Professionelle Helfer und Institutionen: Seite 174 - 187) enthält Ausführungen über die behandelnden Ärzte (Hausärzte) und die Pflegekräfte im ambulanten und stationären Bereich der Altenpflege, wobei auch auf psychosoziale Interventionsformen wie Supervisions- und Balintgruppen und Verhaltensorientierte Trainingsprogramme im Umgang mit Demenzkranken für diese Berufsgruppen eingegangen wird.
  6. Kapitel 6 (Versorgungsrealität und Desiderate: Seite 188 - 202) geht auf die gegenwärtigen Rahmenbedingungen in der Versorgung Demenzkranker ein, beschreibt die Richtlinien einer angemessenen Versorgung (u. a. der Wunsch nach flächendeckender Einführung von Gerontopsychiatrischen Zentren) und verweist auf verschiedene Möglichkeiten, aber auch Grenzen der Prävention bei Demenzerkrankungen.

Kritische Würdigung

Es handelt sich um eine äußerst schillernde Publikation dergestalt, dass hier Licht- und Schattenseiten dicht beieinander liegen. Zu den positiven Seiten dieses Buches zählt der strikt empirisch ausgerichtete Forschungsstandpunkt im therapeutischen Vorgehen bei den Medikamenten und auch bei den psychosozialen Interventionsformen. Diese nüchtern objektive Haltung ist der Rezensent besonders bei Psychiatern gar nicht mehr gewohnt, denkt man an die diversen Kontroversen über die Wirksamkeit verschiedener und oft sehr teurer Demenzmedikamente in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Dass nach Auffassung der Autoren auch die Vielzahl psychosozialer Interventionsformen einen empirisch abgesicherten Wirksamkeitsnachweis und gleichzeitig auch Nachweis der Unschädlichkeit vor Zulassung in der Versorgung Demenzkranker erbringen soll, spricht dem Rezensenten aus der Seele. Diese Forderung sollte im Zeitalter der diversen Qualitätsstandards in der Altenpflege umgehend von den einschlägigen Bundes- und Landesministerien und Berufsverbänden aufgegriffen werden.

Nicht überzeugen konnten den Rezensenten die Ausführungen über die psychosozialen Interventionsformen wie Realitäts-Orientierungs-Training oder Validation. Das bloße Anführen dieser Vorgehensweisen ohne kritische Analyse und Darstellung der kontroversen Fachdiskussion ist für den Rezensenten unzureichend angesichts der immensen Bedeutung dieser Konzepte für die Demenzpflege in den stationären Einrichtungen.

Fazit

Die vorliegende Publikation ist besonders im medizinischen Teil sehr faktenreich und auch aktuell, sieht man von der Einschätzung der Wirksamkeit von Donepezil (Seite 191) einmal ab. Auch die sachliche Grundhaltung hinsichtlich der verschiedenen Interventionsformen kann als ein Qualitätselement aufgefasst werden. Aus diesen Gründen kann das Buch allen Lesern, die bereits über Basiswissen im Bereich der Demenzen verfügen, zur Lektüre empfohlen werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 27.09.2005 zu: Hans Gutzmann, Susanne Zank: Demenzielle Erkrankungen. Medizinische und psychosoziale Interventionen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2005. ISBN 978-3-17-017658-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2741.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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