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Cornelia Brantner, Gerit Götzenbrucker u.a.: Vernetzte Bilder

Cover Cornelia Brantner, Gerit Götzenbrucker, Katharina Lobinger, Maria Schreiber: Vernetzte Bilder. Visuelle Kommunikation in Sozialen Medien. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2020. 320 Seiten. ISBN 978-3-86962-484-6. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.
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Information, Anschauung und Manipulation

Sich ein Bild von etwas machen, das sind alltägliche, selbstverständliche Gewohnheiten und Eigenschaften. Wir sind von tatsächlichen und eingebildeten Bildern umgeben. Das richtige oder falsche Bild entscheidet nicht selten über das Wohl und Wehe der Menschen. „Eikôn“ (εἰκών, imago) wird in der griechischen und römischen Philosophie als Abbild bezeichnet, das – im Gegensatz zum Vorbild (paradeigma/​exemplum) – auf etwas aktuell Bestehendes und Vorhandenes, in der Vergangenheit Gewesenes oder für die Zukunft Gedachtes hinweist. Bilder als Abbildungen sind visuell und sprachlich Wahrnehmungen, die uns in Sprichwörtern begleiten, Wirklichkeiten aufzeigen, tatsächliche Sichtbarkeiten darstellen, oder Täuschungen, Beschönigungen oder Katastrophen wiederspiegeln. Bilder also können Eindrücke erzeugen, Illusionen vorgaukeln und Emotionen bewirken: „Was im Leben uns verdrießt,/Man im Bilde gern genießt“ (Goethe).

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Zustand und Bedeutung von Bildern vollzieht sich in mehreren Disziplinen: sprachlichen, psychologischen, philosophischen, soziologischen, politischen und pädagogischen. In der visualisierten, virtuellen Entwicklung ist es vor allem die Kommunikationswissenschaft, die den Fragen und Phänomenen von positiven und negativen Wirkungen (Lars Nowak, Bild und Negativität, 2018, www.socialnet.de/rezensionen/​25406.php), von Dystopien (Bernhard Pörksen/Andreas Narr, Schöne digitale Welt, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​26586.php) und – im Rahmen der visuellen Kommunikation in Sozialen Medien – den „vernetzten Bildern“ nachgeht. Die Fachgruppe Visuelle Kommunikation der Deutschen Gesellschaft für Publizistik und Kommunikation hat 2018 in Wien ein Symposium durchgeführt, in dem disziplinär und interdisziplinär darüber reflektiert, Erfahrungen ausgetauscht und Forschungsergebnisse vorgestellt wurden, wie durch das Teilen und Zeigen von Bildern Identitäten und Biographien konstruiert, Sozialität und Zusammengehörigkeit gestiftet werden, aber auch Missverständnisse und Provokationen entstehen können.

Die Kommunikationswissenschaftlerin und Sprecherin der Fachgruppe „Visuelle Kommunikation“, Cornelia Brantner, die Wiener Kommunikationsforscherin Gerit Götzenbrucker, die Schweizer Medienwissenschaftlerin Katharina Lobinger und die Soziologin Maria Schreiber geben den Sammelband heraus. Ihnen und den weiteren ReferentInnen des Tagungsbandes ist gemeinsam das theoretische, praktische und methodische „Interesse an den Spezifika des Visuellen, das … zu einem zentralen Charakteristikum der Kommunikation auf den meisten Social-Media-Plattformen geworden ist“.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einführung in die Thematik durch die Herausgeberinnen wird der Sammelband in drei Kapitel gegliedert. Im ersten werden „Visuelle Lebensentwürfe in Sozialen Medien“ thematisiert; im zweiten geht es um „Professionelle Bilder in Sozialen Medien“, und im dritten Kapitel werden mit „Viralität, Mobilisierung, Skandalisierung, Überwachung“ kritische Aspekte der Ubiquität von Bildern in Sozialen Medien und ihrer Erforschung diskutiert.

Die Wiener Biographieforscherin Elisabeth Mayer informiert mit dem Beitrag „Lebensgeschichten in Bildern erzählen“ über ihre Analysen zur Bedeutung von Bilditerationen bei der Konstruktion von visuellen Biographien. Sie verdeutlicht dies an einem Fallbeispiel zur visuellen Lebensgeschichte eines Users bei Facebook und Instagram. Die sich dabei herausbildenden typischen Kommunikationsformen verweisen auf die Rolle und Nutzung von visueller Kommunikation in den sozialen Netzwerken.

Die Wiener Religionspädagogin Viera Pirker stellt mit dem Beitrag „Konstruktion von Katholizität durch Frauen auf Instagram“ eine theologisch orientierte Einzelbildanalyse vor. Die römisch-katholische, US-amerikanische Gemeinschaft „Blessed is She“ transportiert mit ihren visuellen, virtuellen Bildern gewünschte spirituelle Sichtweisen eines Frauenbildes: „Die Prozessstruktur des inszenierenden Handelns besteht in einer hochprofessionellen Gestaltung und Verknüpfung von Bildern und Texten, in der die Möglichkeiten einer individuellen, alltagsnahen religiösen Praxis für Frauen innerhalb klarer Grenzen konturiert werden, die sie nicht von sich aus erweitern“.

Die InterMedia-Expertin von der Fachhochschule Vorarlberg, Margarita Köhl und Gerit Götzenbrucker berichten mit dem Beitrag „Bilder als Affektgeneratoren“ über Forschungsergebnisse einer transkulturellen Studie zur bildlichen Verhandlung von Nähe und Distanz in Social-Media-Umgebungen. In den sich bildenden und entwickelnden virtuellen, kollektiven, affektiven und emotionalen Kommunikationsprozessen und (Gruppen)Bildpräsentationen zeigen sich psychologische und anthropologische Formen, die neue Erfahrungen und Gesten eines „anderen“ Miteinanders als „vernetztes Selbst“ erzeugen.

Die Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin von der FH Wien, Ute Russmann, analysiert mit den Beitrag „Wahlkampf auf Instagram und was bei den WählerInnen ankommt und was nicht“ anhand von zwei Instagram-Profilen von Spitzenkandidaten im österreichischen Nationalratswahlkampf 2017, Formen von Selbstdarstellungen. Die Aufmerksamkeiten über Bild- und Textaussagen unterscheiden sich dabei rational und emotional. Sympathien und Antipathien bilden sich durch gelingende oder misslingende Bilderzählungen.

Die Politikwissenschaftlerinnen Petra Bernhardt und Karin Liebhart thematisieren mit dem Beitrag „Storytelling im digitalen Wahlkampf“ transmediale Kampagnen am Beispiel der österreichischen Bundespräsidentschaftswahl 2016. Sie zeigen auf, wie Schlagörter und -bilder, wie z.B. „Heimat“, Aufmerksamkeiten bewirken ( vgl. zu „Storytelling“ auch: Werner Früh/Felix Frey, Narration und Storytelling. Theorie und empirische Befunde, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/​16883.php ).

Sigrun Lillegraven verweist mit „Framing Feminism“ auf Strukturen und Aktivitäten, wie sie z.B. bei der Darstellung von Frauen innerhalb Hillary Clintons visueller Wahlkampfkommunikation auf Instagram stattfanden. Es sind bildhafte Darstellungen von „race“ und „gender“, die Bedeutsamkeiten und Defizite bei der virtuellen Präsentation offenbaren.

Die Untersuchung von Phänomenen, wie sie sich „Zwischen ‚natürlichem‘ Bild und ‚Eye-Catcher-Moment‘“ ereignen und erkennbare wie auch phantasierte Bilder erzeugen, werden von der Wiener Doktorandin Phoebe Maares vorgenommen und vom Professor für Journalismus an der Universität in Wien, Folker Hanusch, begleitet. Es geht um die Relevanz von visueller Authentizität für professionelle Instagram-MikrobloggerInnen.

Heike Kanter promovierte 2015 zum Thema „Ikonische Macht“. Sie und der Fotojournalist Felix Koltermann reflektieren mit dem Beitrag „Astro-Alex auf dem Weg zur ISS“ den Kontextwandel bei der bildjournalistischen Kommunikation im digitalen Journalismus. Sie zeigen auf, dass sich dabei neue Formen von Formaten und Kommunikationsstrukturen entwickeln: „Die Plattformen als Intermediäre konstruieren spezifische Designweisen und bestimmen damit letztlich mit darüber, wie Bilder überhaupt verwendet werden“.

Evelyn Runge vom Institut für Medienkultur und Theater an der Kölner Universität informiert mit dem Beitrag „Zwischen ‚Bildproduktionsmaschine‘ und dem ‚geilsten Job auf der Welt‘“ über die Arbeitsbedingungen von FotojournalistInnen, FotoredakteurInnen und FotoproduzentInnen in Deutschland. Sie verweist damit auf die Herausforderungen und Bedingungen, die sich (auch) zwischen Professionalität und Hobbyfotographie, und dem Zeigen und Verwerten von Produkten ergeben.

Die Medienwissenschaftlerin und Erwachsenbildnerin Petra Bernhardt nimmt sich in ihrer Analyse das „virale G7-Foto“ vor, das der deutsche Regierungsfotograf Jesco Denzel beim G7-Gipfel am 9. Juni 2018 im kanadischen La Malbaie aufgenommen und auf dem offiziellen Instagram-Account des deutschen Regierungssprechers Steffen Seibert gepostet hat. Das Foto zeigt mehrere Regierungschefs inmitten einer konfrontativ erscheinenden Situation zwischen der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Die verschiedenen, analytischen bis karikierenden Deutungen dieser Momentaufnahme hin zum Symbolbild einer internationalen, politischen Auseinandersetzung machen auf die Bedeutung von Bild-Elementen aufmerksam.

Rebecca Venema von der Università della Svizzera italiana in Lugano setzt sich auseinander mit „Brennende(n) Barrikaden, Riot Hipster(n) und Verdächtige(n)“, wie sie als vernetzte Protestbilder zwischen Repräsentation, Legitimierung, Strafverfolgung und Überwachung während der G20-Proteste 2017 in den Sozialen Medien präsentiert und sowohl von den offiziellen Ordnungskräften, als auch von den Kritikern und Protestierenden genutzt wurden: „Die Fragen danach, wie Sichtbarkeit in vernetzten Gesellschaften hergestellt und auch gedeutet werden kann, sind aktueller denn je und erfordern auch das Fachwissen und eine kritische Stimme aus dem Feld der Visuellen Kommunikationsforschung“.

Die Medien- und Kommunikationswissenschaftlerinnen von der Universität Siegen, Dagmar Hoffmann und Laura Velten stellen mit dem Beitrag „Zum Empörungspotenzial visualisierter Mütterlichkeit“ einen Fallvergleich am Beispiel der Postings von „Celebrty-Müttern“ bei Instagram her. Es ist die Skandal- und Shitstorm-Forschung, die auf typische Argumentationslinien und Bildformate verweist. Bei den „Celebrities“ handelt es sich um Personen, „die nicht durch Leistung oder besondere Kompetenzen, sondern durch eine bestimmte Repräsentation durch die Medien zur Berühmtheit“ werden. Es sind Follower und Likes, die Öffentlichkeit und bekuniäre Gewinne bewirken, wie auch mediale und virtuelle Kritik und Schelte erzeugen.

Rebecca Venema und der Philologe Daniel Pfurtscheller stellen fest: „Doing Visual Analysis Online“, indem sie forschungsethische Aspekte und Handlungsempfehlungen zur Analyse von vernetzten Bildern diskutieren. Mit dem Schlussbeitrag wird eine Bestandsaufnahme zum wissenschaftlichen Innovationsstand bei der Visuellen Kommunikationsforschung vorgenommen und Perspektiven und Orientierungen zu den theoretischen und praktischen Entwicklungen aufgezeigt: „Ethische Reflexionen (sind) kein Verbots- und Verhinderungsinstrument für die Visuelle Kommunikationsforschung… (sondern) ein zentrales Qualitäts- und Reflexionsmerkmal guter Forschung, das auch Orientierung und Sicherheit gibt“.

Fazit

Vernetzte Bilder sind zu selbstverständlichen, alltagsrelevanten wie professionellen Werkzeugen und Signalen geworden. Damit sie hilfreiche und nützliche Werkzeuge bleiben und nicht zu vereinnahmenden, diktatorischen und ideologischen Mächten werden, braucht es Forschungen als Richtungs-, Wegweiser und Taktgeber; denn: „Soziale Medien sind visuelle Medien!“. Die im Sammelband „Vernetzte Bilder“ vorgestellten und diskutierten, fachspezifischen und fächerübergreifenden Analysen und Forschungsergebnisse bieten Studierenden und Lehrenden der Kommunikations-, Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften Informations- und Forschungswissen an.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 28.09.2020 zu: Cornelia Brantner, Gerit Götzenbrucker, Katharina Lobinger, Maria Schreiber: Vernetzte Bilder. Visuelle Kommunikation in Sozialen Medien. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2020. ISBN 978-3-86962-484-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27415.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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