socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jochen Krautz: Kunstpädagogik

Cover Jochen Krautz: Kunstpädagogik. Eine systematische Einführung. UTB (Stuttgart) 2020. 200 Seiten. ISBN 978-3-8252-5427-8. 22,00 EUR, CH: 29,50 sFr.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Buch befasst sich mit Grundlagen, Inhalten, Zielen, Didaktik, Praxis und Forschung der schulischen Kunstpädagogik. Entworfen wird eine fünf-stufige Systematik, die unter Einbeziehung von Referenztheorien aus Philosophie, Pädagogik, Anthropologie und (Neuro-)Biologie das Fach neu ordnen und denken will. Der Fokus liegt dabei auf der Herausarbeitung von Grundstrukturen und Grundprinzipien kunstpädagogischen Denkens und Handelns. Historische Entwicklungslinien werden peripher gestreift. Das Buch adressiert vorrangig Studierende und Lehrende an Hochschulen, aber auch Lehrkräfte im Schuldienst sollen mit Impulsen, Reflexions- und Handlungsansätzen für die eigene Unterrichtspraxis angesprochen werden.

Autor

Jochen Krautz ist seit 2013 Professor für Kunstpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal, Fakultät für Design und Kunst. Zuvor war er als Professor für Kunstpädagogik und Kunstdidaktik an der privaten, dem anthroposophischen Menschenbild verpflichteten, Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter tätig. Zudem ist er Gründungsmitglied des IMAGO. Forschungsverbunds Kunstpädagogik und Mitherausgeber gleichnamiger Zeitschrift, die seit 2015 erscheint.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist dem Autor zufolge das Ergebnis eines langen und engen Diskurses mit Kolleginnen und Kollegen des Forschungsverbundes IMAGO. sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Studierenden verschiedener Hochschulen (S. 9). Movens war das Vorhaben, das ganze Fach Kunstpädagogik „systematisch neu zu denken“ (ebd.) und seine spezifische Bildungsaufgabe und Legitimation im Kanon der Schulfächer zu verdeutlichen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich, flankiert von Vorwort und Ausblick, in neun Kapitel:

  • Systematische Kunstpädagogik: Begriffsklärungen und Zugangsweisen
  • Visuelle Darstellung: Der Gegenstand der Kunstpädagogik
  • Ich, Wir, Welt: Menschenbild und Bildungsverständnis der Kunstpädagogik
  • Kunst, Mensch, Gesellschaft: Begründungen und Ziele der Kunstpädagogik
  • Wahrnehmen, Vorstellen, Darstellen: Die bildsamen und in der Kunstpädagogik zu bildenden Fähigkeiten
  • Inhalt, Gestaltung, Handwerk: Die Elemente visueller Darstellungen und kunstpädagogischer Aufgabenstellungen
  • Freude und Begeisterung, Üben und Können, Mimesis und Kreativität: Lernen in der Kunstpädagogik
  • Kunstdidaktik: Bildhaftes Gestalten und Bildverstehen lehren
  • Forschung und Praxis: Kunstpädagogik als Wissenschaft

Jedes Kapitel wird durch einen Anhang mit Literaturangaben zur vertiefenden Lektüre abgeschlossen. Das Literaturverzeichnis ist mit 20 Seiten umfangreich. Das beigefügte Stichwortverzeichnis erleichtert ein gezieltes Nachschlagen von Begriffen und unterstützt den potentiellen Wunsch nach einer schnellen, übersichtsartigen Orientierung und vergleichenden Lektüre in Studium und Lehre.

Inhalt

Jochen Krautz entfaltet den Inhalt des Buches von einer grundsätzlichen Vorentscheidung ausgehend: Die Begründung einer systematischen Kunstpädagogik „in Hinsicht auf die Bildung des Menschen“ (S. 13). Das Unterrichtsfach Kunst verortet er als Teil der Pädagogik und grenzt sich bewusst von Positionen ab, die eine Didaktisierung und Pädagogisierung der Kunst kritisch sehen. Vielmehr fordert er eine anthropologische und bildungstheoretische Begründung des Faches, nicht zuletzt deshalb, um sich innerhalb eines zunehmend ausdifferenzierten Fächerkanons an Schulen selbstbewusst positionieren und legitimieren zu können. Als methodischen Zugriff wählt er die hermeneutische Vorgehensweise, die ihn dabei unterstützen soll, das „Gemeinsame und Grundlegende“ (S. 14) vergangener und gegenwärtiger Theorie und Praxis der Kunstpädagogik herauszuarbeiten.

Nach diesen Vorüberlegungen steigt Jochen Krautz in den ersten inhaltlichen Themenkomplex ein: Die Visuelle Darstellung als Fachgegenstand der Kunstpädagogik. Er betont den Mitteilungs- und Nutzungscharakter sowie Sinndimensionen von Bildern, Kunst und Gestaltung und wendet sich gegen eine Fokussierung auf Prozess und subjektive Erfahrung, mit der eine Vernachlässigung qualitativer Aspekte einherginge. Wie Qualitätskriterien an Gestaltungen aus dem Kunstunterricht anzulegen sind, erläutert er unter den Begriffen „Geltungsanspruch“ (S. 32) und „Geltungsprüfung“ (S. 39). Dabei zieht er unter Rekurs auf ein Zitat von Marr (2014) den Schluss, dass bei einer Geltungsprüfung allein das Dargestellte zähle, die Wirkung des Bildes.

In Kapitel 3 legt Jochen Krautz unter Einbeziehung von ausgewählten Schriften aus Anthropologie und Phänomenologie die Basis für ein relationales Bildungsverständnis in der Kunstpädagogik. Die Welt, Mit-Welt, das Ich/Selbst und das Wir/Uns stehen in Relationen zueinander und zu der visuellen Darstellung, die ein reflexives Verhältnis des Subjekts zu den Weltbezügen ermöglicht. Dieses relationale Verhältnis (im Buch als Dreiecks-Figur dargestellt) begründet die Kunstpädagogische Systematik I. Mit Anlehnung an das Konzept des Embodiments konzediert Krautz, dass im gestaltenden Umgang mit Material ein sinnlich-leiblich-geistiges Verhältnis zur Welt“ (S. 48) entstehe. Kunst und Gestaltung seien „insofern verkörperte Selbst-, Mit- und Weltbezüge“ (S. 49). Betont wird zudem, dass vom Material an sich eine Affordanz ausgehe, auf die das antwortende Subjekt mit seiner Gestaltung reagiere. Aufgabe des Kunstunterrichts sei es, Anleitung zur Bewältigung dieser Affordanz zu geben.

Im nächsten Schritt entfaltet Krautz Begründungshorizonte und Ziele für das Unterrichtsfach Kunst. Mit Ladenthin (2012) geht er von drei Horizonten aus: traditionell, funktional und anthropologisch. Dem anthropologischen Begründungshorizont widmet Krautz sich im Besonderen und schlägt den Bogen über die Phylogenese zur Ontogenese, um daraus die spezifische Bildfähigkeit des Menschen als Grundkonstante und Grundvoraussetzung der Kunstpädagogik abzuleiten. Den funktionalen Begründungshorizont sieht er in den Aufgaben und Möglichkeiten der Mitwirkung des Fachs an Bildungszielen in den Bereichen Kultur, Demokratie und Wirtschaft gegeben. Den traditionellen Aspekt bezieht er auf die Tradition der Lehre von Kunst in Schulen und Akademien. Kunst, Mensch, Gesellschaft und die Bezüge zum Fach Kunst stellen die Kunstpädagogische Systematik II dar.

Um die bildsamen und in der Kunstpädagogik zu bildenden Fähigkeiten geht es im Kapitel 5 des Buches – Wahrnehmen, Vorstellen, Darstellen. Analog zu der Grundfrage der Pädagogik, ob der Mensch erziehungsbedürftig und erziehungsfähig sei, geht Krautz hier auf die Aspekte der Bildsamkeit und Bildungsbedürftigkeit ein. Diese verortet er in der Aufgabe für das Fach Kunst die Fähigkeiten von Vorstellen, Wahrnehmen und Darstellen, die in einem triadischen Wechselbezug zueinanderstehen, herauszubilden und durch entsprechende Aufgabestellungen weiter zu entwickeln. Dieser Wechselbezug, den er auch als „Resonanzverhältnis“ (S. 91) bezeichnet, bildet die Kunstpädagogische Systematik III.

Das Zusammenspiel zwischen Inhalt, Gestaltung und Handwerk in der Kunst formt die Kunstpädagogische Systematik IV. Am Beispiel der Erarbeitung eines Kochlöffels aus einem selbst gefällten Baumstamm im Werkunterricht einer Waldorfschule demonstriert Krautz die Bedeutung des handwerklich-technischen Aspekts des Unterrichts. Handwerkliche Fähigkeiten und Gestaltungsübungen sind dabei Teilmomente in kunstpädagogischen Aufgabenstellungen, die Materialerfahrung steht hier im Vordergrund und „erzieht gewissermaßen direkt und ohne Vermittler“ (S. 106). Handwerklichkeit und Materialität ordnet Krautz eine doppelte relationale Sinndimension zu: als Träger von inhaltlich motivierten Gestaltungsabsichten und als eigene Form des Weltbezugs.

Um Freude und Begeisterung, Üben und Können, Mimesis und Kreativität geht es in Kapitel 7. Beschrieben werden Lernvorgänge, die den Erwerb von Wissen und Können durch praktische Übung ermöglichen sollen. Zeigen (Deixis) und Nachahmen (Mimesis) stellen dabei in der Kunstpädagogischen Systematik V zentrale Lehr- und Lernformen dar. Wollen, Können und Kreativität bilden Elemente, die erst im Zusammenspiel künstlerisch-bildnerische Lernvorgänge bilden. Lernen in der Kunstpädagogik sei mehr als Kompetenzerwerb, beobachtbare Verhaltensänderung und Konstruktion. Lernen wird vielmehr als relationaler Vorgang verstanden, als ein „ganzheitliches, leiblich-geistiges Sich-Verhalten zur Welt“ (S. 114). Der anthropologisch-phänomenologische Blick auf das Fach Kunst, wie Krautz ihn in Kapitel 3 entworfen hat, wird hier folglich auf die Ebene von Praxis und Didaktik transponiert.

Aufgaben der Kunstdidaktik – bildhaftes Gestalten und Bildverstehen lehren – werden in Kapitel 8 dargestellt. Kunstdidaktik bezeichnet Krautz auch als Lehrkunst. Um diese auch schulstufenspezifisch entwickeln und anwenden zu können, brauche es kunstdidaktische Forschung und die Erarbeitung curricularer Strukturen. Die komplexe Aufgabe, bei der Planung von Unterrichtseinheiten einen kohärenten didaktischen Zusammenhang herzustellen, wird an einem konkreten Unterrichtsbeispiel aus dem Band I des „KUNST Arbeitsbuches“ exemplifiziert. In der Besprechung dieses Unterrichtsprojekts werden die in Kapitel 3–7 theoretisch hergeleiteten Kunstpädagogischen Systematiken I bis V als Analyserahmen angelegt.

Im abschließenden Kapitel 9 Forschung und Praxis widmet sich Krautz der Kunstpädagogik als Wissenschaft. Skizziert werden mögliche Forschungsgegenstände und Forschungsmethoden. Mit Blick auf die Spezifik des Faches Kunst werden drei methodische Zugänge näher erörtert: die hermeneutische Forschung, die empirische Forschung und die phänomenologisch-hermeneutische Praxisforschung.

Diskussion

Jochen Krautz hat sich mit seinem Vorhaben, eine systematische Ordnung in die Gesamtheit des Faches schulische Kunstpädagogik und seiner Diskurse zu bringen, eine anspruchsvolle Aufgabe gestellt. Das Unterfangen, die Breite und Heterogenität des Faches sowie die Kontroversität seiner Diskurse in einer fünf-schrittige Systematik erfassen zu versuchen, kann nicht ohne Verkürzungen, Ausblendungen und Auslassungen gelingen. Das liegt im Vorhaben selbst begründet. Eine komplette Leerstelle bildet beispielsweise das Thema der Heterogenität und Inklusion und damit einhergehend das Unterrichten und Lernen unter zieldifferenten Vorzeichen.

Sinnvoll wäre es gewesen, die Adressat*innen seines Buches über sein methodisches Vorgehen präzise zu informieren: Wie wurden Primärquellen recherchiert, nach welchen Kriterien hat er diese gesichtet und für die Erstellung einer Systematik ausgewählt bzw. ausgeschlossen? Auf welcher Grundlage wurden Wissensbestandteile und Referenztheorien aus den Bezugswissenschaften einbezogen? Auf welcher Datenbasis beruhen die – eine scheinbar verbreitete und gängige – Unterrichtspraxis kritisierenden Aussagen, die über das gesamte Buch verteilt sind, jedoch schwerlich auf ihre Validität überprüft werden können? Wie gelangt der Autor beispielsweise zu der Äußerung, dass die „Forderung nach bildungsbedeutsamen Inhalten in deutlichem Kontrast zur weitverbreiteten Praxis des Kunstunterrichts“ stehe (S. 98)? Handelt es sich um subjektive Einschätzungen oder um erforschte, mit Daten belegbare Sachverhalte? Dasselbe gilt für Setzungen wie „Dass auch im Kunstunterricht gelernt wird, ist sowohl in Wissenschaft wie schulischer Praxis wenig bewusst“ (S. 111) und viele weitere Aussagen, aus denen hier nur zwei exemplarisch herausgegriffen wurden.

So sehr sich der Autor eine Systematik der Kunstpädagogik auf die Fahnen schreibt, so wenig transparent legt er die Systematik seines eigenen methodischen Vorgehens dar. Rezeption und Nachvollziehbarkeit seiner Überlegungen und Schlussfolgerungen werden dadurch erschwert und Fragen nach der Ausgewogenheit und begründeten Setzung von Relevanzkriterien aufgeworfen. Bei der Lektüre des Buches entsteht dadurch ein Unbehagen, sich dem Mindset des Autoren anzuvertrauen und seinen Analysen zu folgen. Dies ist bedauerlich, denn auf der anderen Seite trägt Kreutz interessante, der Phänomenologie entlehnte, Konzepte und Theorien zusammen, die wichtige Impulse für Materialität, Leiblichkeit und Reflexivität im Kunstunterricht eröffnen. Wünschenswert wäre zudem die ausschließliche Verwendung neuer, aktualisierter Auflagen von zentralen Publikationen der Kunstpädagogik (hier Peez 2002 statt 2018) gewesen, insbesondere, wenn die inzwischen überarbeitete Auflage den Anlass zur Kritik darstellte.

Fazit

Das Buch „Kunstpädagogik – Eine systematische Einführung“ ist ein anspruchsvoller und interessanter Versuch, das Schulfach Kunst und seine Lehre auf seine Gegenstände, Begründungen und Ziele hin in eine systematische Ordnung zu bringen. In einer komplexen Textur werden unter Bezugnahme auf Theorien und Konzepte aus Philosophie und Anthropologie „Resonanzverhältnisse“ (S. 91) zur Kunst als Unterrichtsfach hergestellt, die zu einer fünf-stufigen Systematik führen, die sowohl in Lehre und Ausbildung als auch in konkreter Unterrichtspraxis orientierend wirken soll. Aktuelle bildungsrelevante Themen, wie zum Beispiel das Unterrichten in inklusiven Settings, werden ausgeklammert. Eine weitere Leerstelle bildet die nachvollziehbare Darlegung des methodischen Vorgehens zu der Erstellung der Systematik. Mit Blick auf den vorrangig adressierten Leser*innenkreis in Studium, Lehre und Forschung verwundert dies.


Rezension von
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
Homepage www.sw.hs-mannheim.de/baldus.html
E-Mail Mailformular


Alle 12 Rezensionen von Marion Baldus anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 26.03.2021 zu: Jochen Krautz: Kunstpädagogik. Eine systematische Einführung. UTB (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8252-5427-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27425.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht