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Werner Helsper: Professionalität und Professionali­sierung in pädagogischen Handlungsfeldern

Cover Werner Helsper: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2021. 396 Seiten. ISBN 978-3-8252-5460-5. 29,90 EUR, CH: 37,50 sFr.

Reihe: Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das Buch von Werner Helsper „Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns: eine Einführung“ ist Teil der Reihe „Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns“. In dieser Reihe sind drei Bände erschienen, die gleichzeitig als Kurseinheit innerhalb des gleichnamigen Moduls im Masterstudiengang Bildung und Medien: eEducation an der Fernuniversität Hagen fungieren. Die hier rezensierte Einführung gibt einen Überblick über historische, begriffliche und theoretische Bestimmungen professionellen Handelns. Auf der Grundlage von empirischen Studien und Fallbeispielen erläutert der Autor die Spezifik pädagogisch-professionellen Handelns in verschiedenen Lebensaltern und Handlungsfeldern.

Die weiteren Bände der Reihe fragen nach Professionalitäts- und Professionalisierungsaspekten in der Spezifik der jeweiligen Handlungsfelder Schule, Medienpädagogik und Erwachsenenbildung (Band 2, Jörg Dinkelaker, Kai-Uwe Hugger, Till-Sebastian Idel, Anna Schütz und Silvia Thünemann) und Soziale Arbeit (Band 3, Fritz Schütze). In beiden Veröffentlichungen finden sich Anknüpfungspunkte an die theoretischen Ansätze und zentralen Fragestellungen des hier rezensierten Bandes.

Die Reihe richtet sich zum einen an Studierende (nicht nur der Fernuniversität Hagen) und Lehrende im Feld der Erziehungswissenschaft und Sozialen Arbeit und zum anderen an pädagogisch Tätige der unterschiedlichen pädagogischen Handlungsfelder. In ihrem Vorwort formuliert die Herausgeberin, Cathleen Grunert, dass in der Gesamtschau die drei Bände danach fragen „inwiefern pädagogische Berufe als Profession zu begreifen sind, welche Logiken und Strukturmerkmale professionelles pädagogisches Handeln in unterschiedlichen pädagogischen Handlungsfeldern und vor dem Hintergrund differenter Adressat*innengruppen unterliegt und wie dies theoretisch und empirisch gefasst werden kann“ (S. 10).

Autor

Der Autor, Dr. Werner Helsper ist Professor em. am Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Die Herausgeberin der dreiteiligen Buchreiche ist Cahtleen Grunert, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt soziokulturelle Bedingungen von Erziehung und Bildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Aufbau

Auf 396 Seiten finden sich, nach dem Vorwort der Herausgeberin und der Einleitung, neun Kapitel des Autors.

  • Ausgewählte historisch-professionelle Entwicklungspfade (Kap 2),
  • Grundlegende Begriffsbestimmungen (Kap. 3),
  • Professionstheoretische Ansätze (Kap 4),
  • Pädagogische Professionalität und professionelles pädagogisches Handeln – Zentrale Bestimmungen (Kap. 5),
  • Pädagogische Professionalität als „stellvertretende Krisenlösung“ angesichts verschiedener Lebensalter – Einheit oder Differenz pädagogischer Professionalität? (Kap. 6),
  •  Neue Entwicklungen im Feld pädagogischer Professionalität (Kap. 7),
  • Zwischen Professionalisierung und Deprofessionalisierung – Herausforderungen und Risiken im professionellen Handeln (Kap. 8) und
  • Schluss: ‚Ende‘ der Profession und Professionalisierung ohne Ende? – Ein Ausblick (Kap. 9).

Inhalt

In einem Vorwort wird die Buchreihe kurz von der Herausgeberin vorgestellt.

In seiner Einleitung geht Helsper der Frage nach, wann sich berufliches Handeln als professionelles Handeln bezeichnen lässt? Es werden fünf berufliche Tätigkeiten vorgestellt (beim Friseur, ein Hausumbau, beim Tischler, ein ärztlicher Hausbesuch, eine IT Beratung), deren berufliches Handeln der Autor anhand von sechs Thesen einer Prüfung unterzieht und nur im einem Fall (praktische Ärztin) das Handeln als professionelles Handeln bestimmt wird, weil es „als einziges der fünf Beispiele im Kern als Krisenintervention und -lösung hinsichtlich einer existenziellen Krisensituation eines konkreten Gegenübers zu verstehen ist“ (S. 21). Im Weiteren entwirft der Autor fünf Formenkreise, anhand derer er das professionelle Handeln beschreibt.

Im zweiten Kapitel stellt der Autor ausgewählte historisch-professionelle Entwicklungspfade dar (S. 23 ff.). Als Beispiele geht er auf die „klassischen Professionen“ hier: Theologen, Juristen und Ärzte ein und nimmt darüber hinaus den“ Lehrberuf“ und den Beruf der Sozial Arbeit/​Sozialpädagogik in den Blick.

Das dritte Kapitel stellt die grundlegenden Begriffsbestimmungen und Definitionen wie Arbeit und Beruf in den Fokus und stellt einen historischen Bezug dar. Im Weiteren geht der Autor auf die Begriffe Profession, Professionalität und den Begriff der Professionalisierung ein. Bereits in diesem Kapitel definiert er auch den Begriff der Deprofessionalisierung.

Professionstheoretische Ansätze, Perspektiven und Modelle werden im vierten Kapitel gesichtet und zum Ende des Kapitels mit einem „bilanzierenden Blick“ (S. 121) auf ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen hin befragt. Im Besonderen sind es, der Merkmalsansatz, der strukturfunktionalistische Ansatz, die machttheoretische Perspektive, der wissenssoziologische Ansatz, der Persönlichkeitsansatz, das Experten-Kompetenzmodell, die systemtheoretische Perspektive, der symbolisch-interaktionistische Ansatz, die strukturtheoretische Professionstheorie, die berufsbiographische Professionsperspektive.

Zentrale Bausteine für eine Theorie pädagogischer Professionalität werden im fünften Kapitel bestimmt. Als zentralen Bezug wählt der Autor den strukturtheoretischen Professionsansatz (Ulrich Oevermann) der um andere professionstheoretische Perspektiven erweitert wird.

„Pädagogische Professionalität als ‚stellvertretende Krisenlösung‘ angesichts verschiedener Lebensalter – Einheit oder Differenz pädagogischer Professionalität?“ ist der Titel des sechsten Kapitels. Der Autor unternimmt den „Versuch“, die „Einheit des Pädagogischen in all seiner Differenz zu bestimmten“ (S. 177). Er geht im Verlauf auf die unterschiedlichen Akteure ein (Elementarbereich – kleine Kinder, Jugendliche in der Adoleszenzkrise und Erwachsene in der Fort- und Weiterbildung).

Im siebten Kapitel werden neue Entwicklungen und Veränderungen in den Feldern pädagogisch professionellen Handelns skizziert. An Themen wie Expansion und Diversifizierung zeigt der Autor die Notwendigkeit auf, das Kooperationen zwischen den verschiedenen pädagogischen Teilprofessionen stattfinden müssen (Intra-, inter oder auch multiprofessionelle Kooperation S. 260). Insbesondere im Kapitel 7.2 zum gesellschaftlichen Wandel und zu hybriden Berufsfeldern weist der Autor auf neue Herausforderungen, Anforderungen und Möglichkeiten hin und stellt hybride berufliche Konstellationen vor. Auch in diesem Kapitel wird ein Bezug zu den Reflexionsanforderungen im pädagogischen Kontext genommen. „Professionelle müssen generell ihr Handeln begründen können und diese mit Bezug auf reflexive, wissenschaftliche Wissensbestände“ (S. 272).

Im Unterschied zu Kapitel sieben steht in Kapitel acht die Frage im Fokus, ob sich aus diesen Veränderungen Konsequenzen für die weitere Professionalisierung oder auch die drohende Deprofessionalisierung insbesondere im pädagogischen Handeln ergeben? Der Titel des Kapitels lautet „Zwischen Professionalisierung und Deprofessionalisierung – Herausforderungen und Risiken im professionellen Handeln. Der Autor geht auf die Ökonomisierung und Prekarisierung pädagogisch-professionellen Handelns ein, auf neue Steuerung und neue Organisationszwänge. Er fragt, welche Relevanz ökonomische Prinzipien im pädagogisch-professionellen Handeln gewinnen? Bezugnehmend auf Höhne (S. 292 ff.) stellt der Autor sechs zentrale Merkmale vor, die eine wachsende Ökonomisierung kennzeichnen. Bezüglich der Ausprägung und Stärke der Ökonomisierung professioneller Handlungsfelder wird ein sieben Stufenmodell vorgestellt (S. 298). Eine äußerst gravierende Form fehlender Professionalität oder Deprofessionalität wird im Unterkapitel 8.5 ab Seite 341 vorgestellt: Die Entgrenzung und sexualisierte Gewalt im pädagogisch-professionellen Handeln.

Im Schlussteil, dem neunten Kapitel, wagt Helsper einen Ausblick mit dem Titel: Schluss ‚Ende‘ der Profession und Professionalisierung ohne Ende? Er geht auf Veränderungen und Entwicklungen ein und zeigt anhand von neun Punkten zentrale gesellschaftlichen Entwicklungen auf.

Diskussion

Das Buch versteht sich nach Aussage des Titels als eine Einleitung. Helsper widmet sich einem sehr komplexen Thema und versteht es, dieses umfassend und detailliert vorzustellen.

Hervorzuheben ist z.B. das Unterkapitel Soziale Arbeit/​Sozialpädagogik (S. 41) das, nach Ansicht der Rezensentin, trotz seiner Kürze, gut und prägnant zusammengefasst ist. Der Autor selbst geht darauf ein, dass weitere pädagogische Bereiche hätten in den Blick genommen werden müssen, so z.B. die berufliche Bildung, die Entwicklung des Elementarbereichs und des Kindergartens sowie die ausdifferenzierten Bereiche der Erwachsenenbildung.

Dem Autor gelingt es besonders im Kapitel drei, die grundlegenden Begriffsbestimmungen darzulegen und insbesondere in Kapitel vier die unterschiedlichen Professionstheoretischen Ansichten, Perspektiven und Modelle zu beschreiben und auf ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen hin zu überprüfen. In einer übersichtlichen Tabelle (122-130) werden die Inhalte gut strukturiert und aufbereitet.

Die Rezensentin möchte insbesondere die Definition des professionellen Handelns hier noch einmal hervorheben. Helsper geht in Kapitel fünf auf das wissenschaftlich fundierte Begründungswissen ein und schreibt: „Das heißt nichts anderes, als dass professionelles Handeln notwendigerweise einer wissenschaftlichen Wissensbasis bedarf, weil die Begründung für die konkrete Form der Problemlösung gegenüber dem Klientel auf wissenschaftliches Wissen, als einer methodisierten erzeugten und besonders deutlich überprüften Wissensform, verwiesen ist. […] Ein derartiges wissenschaftlich fundiertes Begründungswissen ist für Professionelle hoch bedeutsam, weil sie sowohl gegenüber ihrer Klientel, aber auch gegenüber einem außenstehenden Publikum stets damit rechnen müssen, dass ihr Handeln – gerade weil es hoch verantwortlich ist und tief in die Lebenspraxis von Menschen eingreifen muss – auf seine Begründung und Angemessenheit befragt werden kann.“ (235 f.) Diesen Zusammenhang zu verstehen ist insbesondere für die Fachkräfte in den unterschiedlichen pädagogischen Handlungsfeldern in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen sehr wichtig. Stichwort: kritisches Reflexionswissen (136).

Der Autor schafft in den einzelnen Kapiteln historische Bezüge, die gekonnt zu den unterschiedlichen Themen eingebracht werden.

Ein sehr empfehlenswertes Buch, das verständlich geschrieben und gut lesbar ist. Dieses insbesondere durch die Aufnahme und Erläuterung empirischer Studien und Anhand von Fallbeispielen aus den unterschiedlichen Handlungsfeldern und Lebensaltern. Geeignet für Studierende des Masterstudiengangs der Fernuniversität Hagen, für Dozierende und Studierende unterschiedlichster Fächergruppen und auch für Lehrer:innen, Sozialarbeiter:innen und Erzieher:innen. Im Besonderen vermittelt der erste Band der Reihe einen umfassenden Einblick.

Sehr hilfreich sind die am Ende eines Kapitels aufgenommenen Reflexionsfragen oder auch Aufgaben zur Vertiefung. Jeder Absatz endet darüber hinaus mit weiteren Literaturempfehlungen.

Fazit

Das Buch „Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns“ versteht sich als eine Einführung in das Themengebiet. Helsper, der „die Diskussion um Profession, Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns in der deutschen Erziehungswissenschaft entscheidend vorangetrieben und geprägt hat“ (S. 10) versteht es, tiefgründig und doch sehr umfassend in das komplexe Thema einzuführen.

Neben den historisch, begrifflichen und theoretischen Bestimmungen professionellen Handelns und dem Blick auf Ökonomisierungstendenzen in pädagogischen Handlungsfeldern, ist für die Rezensentin insbesondere die Aufnahme und Diskussion des wichtigen Themas „Entgrenzung und sexualisierte Gewalt im pädagogisch-professionellen Handeln“ (S. 341 ff.) hervorzuheben.

Das Buch richtet sich an Studierende erziehungswissenschaftlicher Studiengänge und pädagogisch Tätige in den unterschiedlichen pädagogischen Handlungsfeldern. Durch die Vielzahl an gekonnt platzierten Beispielen und den Reflexionsfragen bzw. Aufgaben am Ende jeden Kapitels ist es ein lesenswertes Buch, das nach jedem Abschnitt, durch den Hinweis auf weiterführende Literatur, zu weiterer Lektüre einlädt.

Die Rezensentin freut sich auf die Lektüre der in der Buchreihe erschienenen weiteren Bände.


Rezension von
Dr. Michaela Quente
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Zitiervorschlag
Michaela Quente. Rezension vom 10.11.2021 zu: Werner Helsper: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern. Eine Einführung. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5460-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27426.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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