Fritz Schütze: Professionalität und Professionalisierung
Rezensiert von Farina Eggert, 27.11.2025
Fritz Schütze: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit.
Verlag Barbara Budrich GmbH
(Opladen, Berlin, Toronto) 2023.
359 Seiten.
ISBN 978-3-8252-5462-9.
26,90 EUR.
CH: 34,70 sFr.
Reihe: Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension
Thema
Der Band widmet sich der Frage, was professionelles pädagogisches Handeln im spezifischen Feld der Sozialen Arbeit ausmacht und wie es wissenschaftlich fundiert werden kann. Im Zentrum stehen die Logiken und Strukturen professionellen Handelns, die Bedeutung rekonstruktiver Fallarbeit sowie die wissenschaftlichen Grundlagen, auf denen Sozialarbeit als Profession aufbaut. Schütze verfolgt dabei das Ziel, die charakteristischen Herausforderungen, Paradoxien und Entwicklungsprozesse der Sozialarbeit empirisch und theoretisch sichtbar zu machen. Der Band ordnet sich damit in den aktuellen Diskurs zur Professionalisierung und Professionstheorie der Sozialen Arbeit ein und richtet einen besonderen Fokus auf die Bedeutung qualitativer Forschung für Fallverstehen und Handlungswissen.
Autor
Fritz Schütze ist emeritierter Professor für Allgemeine Soziologie und Mikrosoziologie an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Er gilt als eine der zentralen Figuren der deutschsprachigen Biografieforschung und hat mit der Entwicklung des narrativen Interviews sowie rekonstruktiven Fallanalysen die erziehungswissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und sozialarbeiterische Forschung maßgeblich geprägt. Seine Arbeiten zu Paradoxien professionellen Handelns und zur Logik sozialpädagogischer Praxis gehören zu den meistrezipierten Grundlagen im Feld.
Entstehungshintergrund
Der Band ist Teil der dreibändigen Reihe „Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns“, die als Kurseinheiten für das Mastermodul Bildung und Medien: eEducation der FernUniversität Hagen entwickelt wurde (S. 9). Die Reihe verfolgt das Ziel, Studierenden wie pädagogischen Fachkräften theoretische und empirische Grundlagen professionellen Handelns zu vermitteln und gleichzeitig Reflexionsfragen für die vertiefte Auseinandersetzung bereitzustellen. Der Band zur Sozialen Arbeit greift dabei vollständig oder teilweise auf mehrere frühere Publikationen Schützes zurück – u.a. zu Fallanalyse, Paradoxien professionellen Handelns und biografischer Forschung – und führt diese im aktuellen Kontext zusammen (S. 323). Das Buch fungiert damit sowohl als Lehrmaterial im universitären Kontext als auch als theoretisch-empirische Grundlage für ein vertieftes Verständnis professioneller Logiken der Sozialen Arbeit.
Aufbau
Der Band ist systematisch gegliedert und umfasst insgesamt elf Kapitel, die theoretische Grundlagen, empirische Analysen und professionsbezogene Reflexionen verbinden.
Der Aufbau zeigt deutlich, dass Schütze das Buch als verzahntes Theorie- und Praxisfundament konzipiert: Die ersten Kapitel klären Grundbegriffe und theoretische Grundlagen, die mittleren Kapitel widmen sich Fallanalyse, Beratung und Paradoxien, während Kapitel 9 die professionspolitischen, wissenschaftstheoretischen und forschungsbasierten Konsequenzen zusammenführt.
Ein umfangreicher Literaturteil (S. 328 ff.) schließt den Band ab und unterstreicht seine Positionierung als wissenschaftliche Grundlage für Studium und Forschung.
Damit ergibt sich ein Werk, das sowohl methodisch-analytisch, wissenschaftstheoretisch als auch praxeologisch strukturiert ist und die Soziale Arbeit als Profession umfassend in ihren Grundlagen erschließt.
Inhalt
Die inhaltliche Auseinandersetzung beschränkt sich aufgrund des Umfangs des gesamten Bandes auf die Kapitel 4 und 9.
„Die Professions- und Wissenschaftsarchitektur der Medizin … und die Frage einer integralen Sozialarbeitswissenschaft“
In diesem Kapitel zeichnet Schütze die Professions- und Wissenschaftsarchitektur der Medizin nach, um sie anschließend kontrastiv mit der Sozialarbeit zu vergleichen. Er betont zunächst, dass die Medizin historisch als „stolze Profession“ etabliert sei, deren professioneller Status seit Langem anerkannt werde (S. 105–106), während die Soziale Arbeit häufig als „bescheidene Profession“ wahrgenommen werde und sich in ihrem Selbstverständnis immer wieder an der Medizin messe (S. 269).
Der Vergleich solle jedoch nicht dazu dienen, die Sozialarbeit abzuwerten, sondern vielmehr Gemeinsamkeiten und strukturelle Parallelen beider Professionen sichtbar machen (S. 18–19).
Schütze führt aus, dass der Professions- und Wissenschaftsaufbau der Medizin trotz seiner größeren Komplexität grundlegend ähnlich strukturiert sei wie der der Sozialen Arbeit: Beide seien keine reinen Wissenschaftsdisziplinen, sondern Professionen, die auf ein plural zusammengesetztes wissenschaftliches Fundament zurückgriffen (S. 93–94). Die Medizin verfüge zwar über starke naturwissenschaftliche Fundierungsdisziplinen, dennoch betont Schütze, dass wesentliche Erkenntnismomente nicht naturwissenschaftlicher Natur seien, sondern aus der sozialen Beziehungstätigkeit zwischen Ärztin und Patient hervorgingen, etwa im Anamnesegespräch oder in der Deutung subjektiver Leidenslagen (S. 98–100).
Er illustriert dies anhand detaillierter Auflistungen zum professionsbezogenen Arbeits- und Wissensaufbau der Medizin (S. 93–95) sowie anhand des elementaren Gesamtarbeitsbogens der medizinischen Fallbearbeitung (Anamnese, Spezialuntersuchungen, Diagnose, Prognose, Behandlungsmöglichkeiten) (S. 96–97). Diese praxeologischen Dimensionen zeigten, dass auch die Medizin über implizite, erfahrungsbasierte, kommunikative Wissensbestände verfüge, die nicht aus ihren wissenschaftlichen Disziplinen abgeleitet werden könnten (S. 94–96).
Vor diesem Hintergrund lehnt Schütze die Idee einer nach außen abgeschlossenen, integrierten Sozialarbeitswissenschaft ausdrücklich ab. Eine solche Homogenisierung eines Wissens- und Forschungsgebildes sei „nicht erstrebenswert“ (S. 300–301). Schütze betont, dass die Profession ihr Wissen aus praktischen Problemerkundungs-, Beratungs- und Interaktionsprozessen gewinnt (S. 20–21). Gleichzeitig warnt er davor, dass der Aufbau einer eigenen, abgeriegelten Sozialarbeitswissenschaft zu einer gefährlichen Abkopplung von diesen produktiven Sinngrundlagen führen könne (S. 112–113).
Die Versuche der letzten Jahrzehnte, eine einheitliche Sozialarbeitswissenschaft zu etablieren, ordnet Schütze eher als Ausdruck eines professionellen Konsolidierungswunsches denn als wissenschaftlich zwingende Notwendigkeit ein. Er verweist dabei etwa auf Arbeiten von Engelke, Wendt, Mühlum und Staub-Bernasconi, denen er attestiert, wichtige Impulse für das professionelle Selbstverständnis geliefert zu haben, ohne jedoch eine integrale Leitdisziplin begründen zu können (S. 107–108).
Abschließend hält Schütze fest, dass die Erkenntnisproduktivität sowohl der Medizin als auch der Sozialarbeit letztlich aus der „Logik des professionellen Handelns“ selbst hervorgehe – aus den Arbeitsbögen, Fallverläufen, Interaktionsbeziehungen und den spezifischen Problemlagen von Patientinnen oder Klientinnen. Diese praxeologische Grundlage sei die eigentliche Quelle für Innovation, Reflexion und Weiterentwicklung beider Professionen (S. 101).
„Professionspolitische Überlegungen zur bescheidenen Profession der Sozialen Arbeit“
In diesem Kapitel setzt Schütze sich mit der Frage auseinander, ob die Soziale Arbeit als „bescheidene Profession“ tatsächlich über geringere wissenschaftliche und analytische Kompetenzen verfüge als andere Professionen. Er argumentiert, dass der Umstand, dass Sozialarbeitende überwiegend mit alltagsweltlich manifesten Problemlagen arbeiteten, keineswegs bedeute, ihre Erkenntnis- und Fallanalyseprozesse seien weniger wissenschaftlich fundiert oder weniger differenziert als jene in der Medizin oder in sozialwissenschaftlichen Fundierungsdisziplinen (S. 269).
Schütze widerspricht explizit Positionen, die der Sozialen Arbeit eine defizitäre Wissensbasis zuschrieben, und verweist darauf, dass professionelle Fallanalyse in der Sozialarbeit ebenso anspruchsvoll, mehrschichtig und methodisch kontrolliert sei wie in anderen Professionen (S. 271). Zugleich betont er, dass Sozialarbeiter*innen hochgradig fehleranfällig seien, wenn sie zu vereinfachenden Deutungen griffen oder bestimmte Aspekte von Problemkonstellationen ausblendeten. Gerade diese Fehleranfälligkeit mache jedoch die metareflexiven Klärungsverfahren – wie Supervision, Fallbesprechungen oder Coaching – zu unverzichtbaren Elementen der Profession (S. 287).
Überdies stellt Schütze heraus, dass das breite implizite Praxiswissen der Sozialarbeit häufig „gesehen, aber nicht bemerkt“ sei – also wirke, ohne bewusst reflektiert zu werden. Er verweist hierbei auf empirische Studien (u.a. Riemann), die nachgewiesen hätten, dass gelingende Unterstützung in der Sozialen Arbeit stets von solchen impliziten Wissensbeständen getragen werde, die über Erfahrung, professionelle Intuition und situatives Verstehen erworben würden (S. 303). Dieses implizite Wissen könne jedoch auch zu gravierenden Fehlinterpretationen führen, wenn es nicht systematisch reflektiert und wissenschaftlich rückgebunden werde (S. 305).
Schütze argumentiert weiter, dass die Soziale Arbeit über ein erstaunlich differenziertes wissenschaftliches Fundament verfüge, das sich aus gemeinsamen sozialwissenschaftlichen Grundlagentheorien speise – etwa zu biografischen Prozessen, sozialen Beziehungen, Interaktionen, Arbeitsbögen, Milieus oder kollektiven Veränderungsprozessen. Ergänzt werde dies durch ein breites Repertoire rekonstruktiver Methoden wie narrativen Interviews, Interaktionsanalyse, Ethnografie, Dokumentenanalyse oder Diskursanalyse (S. 299).
Das Kapitel endet mit der These, dass die Soziale Arbeit gerade aufgrund ihrer Fallorientierung und ihrer spezifischen Problemkontexte eine besonders umsichtige, lebensgeschichtlich genaue und situativ sensible Fallanalyse benötige. Ihre angebliche „Bescheidenheit“ sei daher weniger Ausdruck einer Schwäche, sondern vielmehr Spiegel ihrer besonderen professionellen Herausforderungen – und ihrer besonderen Stärken (S. 272).
Diskussion
Da der Band inhaltlich sehr breit angelegt ist, konzentriert sich die Diskussion ebenfalls auf das vierte und neunte Kapitel. Kapitel 4 liefert einen anspruchsvollen, aber ertragreichen Vergleich der Professionslogiken von Medizin und Sozialarbeit. Besonders überzeugend zeigt Schütze, dass medizinische Professionalität keineswegs nur auf naturwissenschaftlicher Expertise beruht, sondern genauso auf kommunikativen, erfahrungsbasierten und praxeologischen Wissensbeständen. Diese Perspektive relativiert den häufig angenommenen qualitativen Abstand zwischen beiden Professionen und verdeutlicht, dass professionelle Kompetenz immer auch in der Interaktion und im Fallverstehen entsteht.
Stark ist das Kapitel zudem dort, wo Schütze strukturelle Parallelen hervorhebt: Beide Professionen arbeiten mit plural zusammengesetzten Wissensfundamenten und entwickeln zentrale Erkenntnisse erst im konkreten Handeln. Daraus leitet er nachvollziehbar ab, dass die Soziale Arbeit keine integrierte Leitwissenschaft benötigt, sondern die Stärke ihres professionellen Anspruchs in der praxeologischen Logik ihrer Handlungssituationen liegt.
Kapitel 9 knüpft hier an, indem es die Selbstwahrnehmung der Sozialen Arbeit als „bescheidene Profession“ kritisch hinterfragt. Schütze zeigt anhand empirischer und theoretischer Argumente, dass sozialarbeiterische Wissensproduktion keineswegs defizitär ist, sondern methodisch anspruchsvoll, rekonstruktiv ausgerichtet und auf komplexe Problemlagen zugeschnitten. Gerade die Vielfalt und Unvorhersehbarkeit sozialer Wirklichkeiten mache eine präzise, reflexive Fallarbeit notwendig – und nicht etwa optional. Zugleich begründet er den hohen Stellenwert metareflexiver Verfahren, die Fehlerquellen im professionellen Handeln nicht nur reduzieren, sondern geradezu strukturierend für die Qualität sozialarbeiterischer Praxis wirken.
Beide Kapitel machen sichtbar, dass Professionalität in der Sozialen Arbeit aus der Kombination von analytischem Anspruch, Fallorientierung und reflexiver Methodik entsteht. Das Buch leistet damit einen wichtigen Beitrag zur professionsbezogenen Standortbestimmung und stärkt ein Selbstverständnis, das auf fachliche Komplexität statt vermeintlicher Bescheidenheit setzt.
Fazit
Schütze legt ein Werk vor, das die Soziale Arbeit sowohl theoretisch als auch empirisch scharf konturiert und ihre professionelle Eigenlogik überzeugend sichtbar macht. Die Verbindung aus Fallrekonstruktion, Professionstheorie und reflexiver Praxis liefert wertvolle Impulse für Studium und Fachpraxis. Ein anspruchsvolles, aber lohnendes Buch für alle, die die Profession tiefer verstehen wollen.
Rezension von
Farina Eggert
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A; M.A), Systemische Beraterin (DGSF)
Website
Mailformular
Es gibt 12 Rezensionen von Farina Eggert.




