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Nojin Malla Mirza, Cornelia Muth (Hrsg.): Dialogische Ansätze in der Arbeitslosenberatung

Cover Nojin Malla Mirza, Cornelia Muth (Hrsg.): Dialogische Ansätze in der Arbeitslosenberatung. Eine empirische Studie zu Grenzen und Perspektiven. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. 126 Seiten. ISBN 978-3-8382-1437-5. D: 19,90 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 23,40 sFr.

Reihe: Dialogisches Lernen - Band 19.
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Thema

Das vorliegende Buch setzt sich mit dialogischen Ansätzen in der Arbeitslosenberatung auseinander. Die Autorin beschreibt dazu die gesetzlichen Grundlagen der Arbeitslosenberatung, ein Beratungsverständnis und -konzept eines Jobcenters und das dialogische Prinzip in der Beratung. Sie stellt ihre empirische Studie zu dem Thema Grenzen und Perspektiven in der Arbeitslosenberatung vor.

Autorin

Die Autorin Nojin Malla Mirza studierte Soziale Arbeit in Münster und Angewandte Sozialwissenschaften in Bielefeld. Sie war Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung und ist aktives Gewerkschaftsmitglied. Derzeit arbeitet sie als Fallmanagerin im Jobcenter und bereitet ihre Promotion im Forschungsfeld Beratung vor.

Entstehungshintergrund

Durch ihre derzeitige Arbeit erfährt die Autorin Nojin Malla Mirza direkt aus ihrem Alltag Widersprüche zu den gesetzlichen Ansprüchen, dem Beratungskonzept des Jobcenters und dem dialogischen Prinzip in der Beratung.

Aufbau und Inhalt

Nojin Malla Mirza beschreibt in ihrem Buch die Beratung im Jobcenter. Dazu nutzt sie die Kapitel 1–7, um die Leser*innen von einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit diesem Thema hin zu ihren Forschungsergebnissen zu führen. Im achten Kapitel finden die Leser*innen Literaturhinweise.

1. Kapitel: Einführung

In der Einführung nimmt die Autorin Bezug zur Gesetzesänderung des zweiten Sozialgesetzbuchs im Jahr 2016 und beschreibt diese als besondere Wende in der Beratung von Arbeitslosen. Definiert wird dort u.a. die individuelle Beratung als Ansatz für die Gewährleistung bzw. Förderung eines menschenwürdigen Lebens. Sie weist darauf hin, dass die Erwartungsansätze dem Gesetz eindeutig zu entnehmen sind, aber diesen kein konkretes Beratungsverständnis zugrunde gelegt wird. Diese fehlende Vereinheitlichung oder auch Definition von Beratung benennt sie als Problem. Sie setzt sich daher zunächst arbeitsfeldunabhängig mit dem Beratungsbegriff auseinander.

2. Kapitel: Beratung im Jobcenter

Zu Beginn des 2. Kapitels wird die gesetzliche Arbeitsgrundlage erläutert. Die Kernaufgabe des Jobcenters ist es die (Wieder-)Herstellung einer Erwerbstätigkeit von Arbeitslosen. Diese Kernaufgabe lassen sich in zwei Schwerpunkte gliedern. Der erste Schwerpunkt stellt die Verwaltung des finanziellen Anspruchs dar und der zweite Arbeitsschwerpunkt liegt in der Arbeitsvermittlung. Nojin Malla Mirza beschreibt im weiteren Verlauf sehr eindrücklich, dass diese beiden Schwerpunkte durchaus miteinander im Widerspruch stehen können. So liegt in der Arbeitsvermittlung ein bedarfsorientiertes Beratungsverständnis zugrunde, in dem die Eigenaktivität der Klient*innen gestärkt werden soll. Zeitgleich wird im Rahmen der Verwaltung des finanziellen Anspruchs den Berater*innen eine Rolle des Kontrollierens und des Sanktionierens zugeschrieben. Die Autorin benennt Einflussfaktoren in der Arbeitslosenberatung, wie z.B. das Sozialrecht, die Heterogenität der Gruppe der Klient*innen und quantitative Erfolgsvorgaben, die es in einem Beratungskontext zu berücksichtigen gilt. Das stellt die Berater*innen vor großen Herausforderungen.

3. Kapitel: Beratung im Jobcenter XY (Anmerkung der Rezensentin: Das Jobcenter XY wurde von der Autorin so benannt.)

Die Autorin führt eine Studie im Jobcenter XY durch. Zunächst setzt sie sich mit dem dort gültigen Beratungsverständnisses auseinander. Dies soll geprägt sein, durch eine wertschätzende Haltung der Berater*innen, um eine Beratung auf Augenhöhe ermöglicht. Die Gesprächsführung soll entsprechend frei und stärkenorientiert sein. Für eine positive Zusammenarbeit wird eine unvoreingenommene Haltung mit dem „frische Blick“ als dienlich beschrieben. Auf dieser Grundlage des Beratungsverständnisses wurde ein -konzept entwickelt. Dieses läuft nach einem Zyklusmodell in sechs Phasen ab. Inhalte im Zyklusmodell sind die Potenzialanalyse, die Vereinbarung von Förderzielen, Bestimmung der Ressourcenbereiche, Festlegung Entwicklungsziele, Handlungsplan, Umsetzung des Handlungsplans und die Überprüfung der Zielerreichung. Es wird von der Autorin kritisch hinterfragt, ob in Beratungsgesprächen, die nach den oben genannten Zyklen durchgeführt werden, noch eine Offenheit in den Gesprächen besteht.

4. Kapitel: Das dialogische Prinzip

Die Autorin setzt sich grundsätzlich mit dem Thema Dialog und dem „echten Gespräch“ auseinander. Das dialogisches Beratungsverständnis beschreibt sie als lebendiges Geschehen. Orientiert an der jeweiligen Beratungspraxis kommt es auf die Persönlichkeiten der Berater*innen, die institutionellen Rahmenbedingungen, den politischen Vorschriften und die einzelfallgerechte Beratungskonstellation an. Eine Beratung nach dem dialogischen Prinzip sollte eine wertneutrale und gegenseitige Austauschform in der Beziehung der Prozessverantwortlichen sein.

5. Kapitel: Zusammenführung: Beratung im Jobcenter XY und Dialogorientierung

Nojin Malla Mirza verbindet in diesem Kapitel die vorangegangenen Auseinandersetzungen und benennt, dass im Beratungsverständnis des Jobcenters XY die dialogische Haltung beschrieben ist. Durch den „frischen Blick“ und die Beratung auf Augenhöhe wird dieses u.a. deutlich. Sie stellt dabei eine Diskrepanz im Beratungskonzept zwischen dem formalisierten Rahmen der Beratung und der Dialogorientierung fest und schlussfolgert daraus, dass das Konzept nicht dialogisch orientiert angelegt ist.

6. Kapitel: Forschungskonzeption

Die Autorin stellt sich die Frage in ihrer Forschung, wie die tatsächliche Beratungspraxis aussieht. Dazu hat sie ein Expertinneninterview geführt. Sehr detailliert geht sie im Buch auf das Forschungsinteresse, der Methodologie, der Methodik, der Leitfadenentwicklung, der Transkriptionsregeln und der Auswertungsmethode ein. Die Realisierung der Forschung und deren Auswertung werden beschrieben.

7. Kapitel: Fazit und Ausblick

Auf der Grundlage inhaltlichen Auseinandersetzung zum Thema Beratung im Jobcenter und der Ergebnisse der Studie stellt die Autorin fest, dass sich diese Beratung in einem Spannungsfeld eines doppelten Mandats befindet. Die Berater*innen finden sich zwischen bedarfsorientierten Maßnahmen und rechtlich-organisierten Rahmenbedingungen wieder. Insgesamt lassen sich Diskrepanzen zwischen Beratungsverständnis und -konzept feststellen und auch zwischen quantitativen Dimensionen der Beratungsleistung und einer Einzelfallorientierung. Hier erkennt Nojin Malla Mirza eindeutige Grenzen der Beratung in Jobcenter.

Diskussion

Die Beratung von Arbeitslosen gehört zu den bekannten Handlungsfeldern beraterischer Tätigkeiten in Deutschland. Nojin Malla Mirza gelingt es, in ihrer Veröffentlichung auf die Schwierigkeiten und Widersprüche aufmerksam zu machen. Die Haltung des dialogischen Prinzips, die im Beratungsverständnis beschrieben wird, trifft auf ein Beratungskonzept, welches einen sehr strukturierten Rahmen vorgibt.

Dies hat sie zunächst in der inhaltlichen Auseinandersetzung sehr deutlich dargestellt und im Anschluss durch eine Forschung verifiziert. Durch die sehr ausführliche und transparente Darstellung der Forschung mit den jeweiligen Einzelschritten, gelingt es den Leser*innen gut, dass abschließende Fazit von der Autorin, dass individuelle Beratungsprozesse nur sehr schwer zu realisieren sind, nachzuvollziehen.

Fazit

Durch das Buch „Dialogische Ansätze in der Arbeitslosenberatung“ bekommen Leser*innen einen guten Einblick in die der Beratung in Jobcentern. Der Autorin gelingt es durch eine sehr verständliche Sprache die Perspektiven in der Beratung darzustellen und die Herausforderungen in Beratungssettings mit einem doppelten Mandat deutlich zu machen.


Rezension von
Ingrid Blankefort
Fachberaterin für Kitas; Studierende des Masterstudiengangs „Kindheits- und Sozialwissenschaften“ mit dem Vertiefungsschwerpunkt „Management und Beratung“ an der Hochschule Koblenz
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Zitiervorschlag
Ingrid Blankefort. Rezension vom 30.10.2020 zu: Nojin Malla Mirza, Cornelia Muth (Hrsg.): Dialogische Ansätze in der Arbeitslosenberatung. Eine empirische Studie zu Grenzen und Perspektiven. ibidem-Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-8382-1437-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27445.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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