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Vera Apel-Jösch: Leichte Sprache

Cover Vera Apel-Jösch: Leichte Sprache. Barrierefreie Kommunikation in helfenden und beratenden Berufen. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2020. 2. Auflage. 260 Seiten. ISBN 978-3-7519-7012-9. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Bei Leichter Sprache handelt es sich um eine an festen Regeln orientierte Schreib- und Sprech-Sprache in einfach verständlichem Deutsch. Von Leichter Sprache können mehrere Personengruppen in den verschiedenen Lebensbereichen profitieren. Leichte Sprache hat den Abbau von (Sprach-)Barrieren zum Ziel.

Die Geschichte der Leichten Sprache geht bis in die 1960er Jahre zurück. Der Abbau von Barrieren wird seit der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), die 2009 geltendes Recht in Deutschland wurde, verstärkt in den Fokus gerückt. Im Verständnis der UN-BRK entsteht eine Behinderung (der Teilhabe) aus der Wechselwirkung zwischen der Beeinträchtigung einer Person und umwelt- und/oder einstellungsbedingten Barrieren. Sprache hat also das Potenzial (Teilhabe) zu behindern, wenn sie auf eine Person trifft, die aufgrund ihrer Sprachkompetenz die verwendete Sprache nicht (gut) verstehen kann.

Sprachbarrieren vorzubeugen wird öffentlichen Stellen von der Verordnung zur Schaffung barrierefreier Informationstechnik (kurz: BITV 2.0) von 2011 sowie seit 2016 vom Behindertengleichstellungsgesetz (BGG) im Zusammenhang mit der Kommunikation mit Menschen mit Behinderung explizit aufgegeben. Die Sensibilität für barrierearme bzw. -freie Kommunikation mit anderen Zielgruppen und in weiteren Anwendungsfeldern nimmt zu.

Die Befassung mit Leichter Sprache in der Wissenschaft ist vergleichsweise jung; die Anwendung in der Praxis dringt gerade stärker ins Bewusstsein. Die verfügbare Literatur spiegelt beispielsweise die sprachwissenschaftliche Perspektive auf Leichte Sprache wieder, stellt Regelwerke zur Verfügung, fokussiert Teilaspekte der Leichten Sprache oder Leichte Sprache in einem spezifischen Anwendungskontext.

Das vorliegende Werk kann als Handbuch aus der Anwendungspraxis Leichter Sprache für die Praxisanwendung Leichter Sprache verstanden werden.

Autorin und Entstehungshintergrund

Vera Apel-Jösch ist Volljuristin. Seit drei Jahrzehnten ist sie als selbstständige Trainerin und Referentin zu verschiedenen Themen in der Erwachsenenbildung tätig. Als ihre Spezialgebiete bezeichnet sie unter anderem Interkulturalität und Inklusion. Die Autorin gibt bundesweit Seminare und Vorträge zu Leichter Sprache und hat ein Übersetzungsbüro für Leichte Sprache. Zu ihren Kunden gehören beispielsweise Wohlfahrtsverbände, Bildungseinrichtungen oder kommunale Stellen.

In seinem Vorwort würdigt Prof. Dr. Heinrich Greving (KatHo NRW, Münster; Lehrgebiet Allgemeine und Spezielle Heilpädagogik) das Buch als „gute Grundlage“ für das Lehren und Lernen der Leichten Sprache. Mit dem Werk schließe sich „eine Lücke in den methodischen und konzeptuellen Veröffentlichungen im Bereich der Heilpädagogik und der Sozialen Arbeit“.

Die Lektüre des Buchs lässt deutlich erkennen, dass die Autorin ihre Erfahrungen aus der Praxis als Übersetzerin für Leichte Sprache einbringt und sie zur Basis der praxisorientierten Ausführungen macht. Vera Apel-Jösch formuliert als ihr Anliegen, „immer wieder leidenschaftlich dafür zu werben, dass Leichte Sprache vermehrt Einzug in unseren gesellschaftlichen Alltag erhält. Leichte Sprache ist ein wesentlicher Bestandteil von gelebter Inklusion und damit menschenrechtsrelevant“ (S. 8). An Menschen in helfenden und beratenden Berufen richtet sie den Appell, Pioniere für den sprachlich niedrigschwelligen Einstieg in Bildung und Informationsgesellschaft zu werden (vgl. ebd.).

Aufbau

Das Buch ist, inklusive der Einführung und einem Anhang, in neun Kapitel mit jeweils mehreren Unterkapiteln gegliedert. Die Gliederungsstruktur ermöglicht das Nachschlagen und Auffinden ausgewählter inhaltlicher Aspekte. Die Kapitel sind überwiegend auch unabhängig voneinander lesbar und informativ. Anzumerken ist, dass es geringfügige Abweichungen der Kapitelbezeichnungen im Inhaltsverzeichnis von denen im Textteil des Buches gibt. Auch weichen die Seitenangaben zu den Kapiteln 1 bis 2.16 im Inhaltsverzeichnis um eine Seite von den tatsächlichen Seitenzahlen im Textteil ab.

Im gesamten Buch werden zahlreich Beispiele eingeflochten und Lesetipps zur Verfügung gestellt. Zusammenfassungen werden optisch vom Text abgesetzt präsentiert.

Inhalt

Bei Kapitel 1 „Plädoyer für Leichte Sprache“ handelt es sich um einen Beitrag der Autorin zu einer Sonderausgabe des Hospiz-Dialogs Nordrhein-Westfalen von 2016. Nach einer knappen Einführung in Leichte Sprache (Ausgangslage, Definition, Zielgruppen) stellt die Autorin hier Zusammenhänge zwischen Sprachverstehen, Selbstbestimmung und Partizipation her. Diese bilden die Grundlage des an die Lesenden gerichteten Appells, „jedem Menschen unabhängig von seinen Beeinträchtigungen eine weitgehende Autonomie [zu gewähren]“ (S. 21). Leichte Sprache bringe im Sinne des Empowerments Bildung und Partizipation zu denen, die bislang ausgeschlossen gewesen seien (vgl. S. 23).

Kapitel 2 widmet sich in 17 Unterkapiteln, deren Reihenfolge sich nicht unmittelbar erschließt, den „Grundlagen: Was ist Leichte Sprache“. Auf eine Definition von Leichter Sprache (Kap. 2.1) folgen die Darlegung und Erläuterung der Grundregeln von Lesbarkeit und Verstehbarkeit (Kap. 2.2 bis 2.4). In den weiteren Unterkapiteln wird auf Literatur mit Leseerleichterungen (Kap. 2.16) hingewiesen und sich mit weiteren bedeutsamen grundlegenden Aspekten rund um Leichte Sprache befasst. Die Autorin geht auf Geschlechtergerechtigkeit und -neutralität in der Leichten Sprache (Kap. 2.6) sowie auf Zusammenhänge von Sprache und Macht (Kap. 2. 11) ein und betrachtet „Leichte Sprache als Instrument der ‚Enthinderung‘“ (Kap. 2.7) und als Beitrag zum „Ende der Exklusion (Segregation)“ (Kap. 2.8). Weiter finden sich Ausführungen zur Bebilderung von Texten in Leichter Sprache (Kap. 2.5), zu Barrierefreiheit im Internet (Kap. 2.17), zu Prüfsoftware (Kap. 2.12) und zu Erfahrungen der Autorin mit Prüflesenden (Kap. 2.10). Auch wird Leichte Sprache mit Klientenzentrierter Kommunikation (Kap. 2.9) in Zusammenhang gebracht und die Orientierung der Leichten Sprache an ihrer/n Zielgruppe/n betrachtet (Kap. 2.14). Auch eine Abgrenzung der Leichten Sprache zu Einfacher Sprache wird vorgenommen (Kap. 2.15).

Der Frage „Für wen ist Leichte Sprache gut?“ widmet sich Kapitel 3. Der Adressatenkreis sei breiter, als auf den ersten Blick vermutet. In acht Unterkapiteln stellt die Autorin folgende Personengruppen aus dem Adressatenkreis der Leichten Sprache vor und erläutert Anwendung und Nutzen der Leichten Sprache bei bzw. für die jeweilige Personengruppe:

  • Menschen mit Lernbeeinträchtigungen
  • Menschen mit einer Beeinträchtigung des Hörvermögens
  • Menschen mit einer Beeinträchtigung des Sehvermögens
  • Menschen mit Aphasie
  • Menschen mit einer dementiellen Erkrankung
  • funktionale Analphabeten
  • ungeübte Leser und Leserinnen
  • Migranten und Migrantinnen

Die „Geschichte und Verbreitung der Leichten Sprache“ wird in Kapitel 4 nachgezeichnet. Berücksichtigt werden hier u.a. auch die Gesetzeslage in Deutschland (Kap. 4.2) und ein Vergleich Deutschlands mit anderen Ländern (Kap. 4.4).

Unter der Überschrift „Konzepte und Methoden“ stellt Kapitel 5 fünf Akteure und ihre Ansätze der Entwicklung, Verbreitung und teils Beforschung der Leichten Sprache vor (Kap. 5.1 bis 5.5). Zudem diskutiert und positioniert sich die Autorin zur Frage nach einer Akademisierung der Leichten Sprache (Kap. 5.6) und betrachtet „Leichte Sprache als Erwerbszweig und Geschäftsmodell“ (Kap. 5.7).

In Kapitel 6 nimmt die Autorin folgende sechs „Handlungsfelder“ z.B. hinsichtlich der dort vorherrschenden Kommunikation, den Notwendigkeiten für und Anforderungen an (Leichte) Sprache sowie Verbesserungsbedarfe unter die Lupe:

  • Medizin
  • Recht und Verwaltung
  • Soziale Arbeit und Pädagogik
  • Kultur und Sport
  • Pflege und Hospiz
  • Alltag

Das Kapitel „Arbeitsbeispiele und best practice“ soll den Lesenden „eine ‚Schnupperstunde‘ zu den Möglichkeiten der Leichter [!] Sprache geben“ (S. 214). Es enthält Kurzdarstellungen von und Links zu Texten in Leichter Sprache, die die Autorin als Übersetzerin für Leichte Sprache erarbeitet hat. Des Weiteren finden sich Kurzdarstellungen (inklusive Links) zu anderen Akteuren, Projekten und Angeboten im Zusammenhang mit Leichter Sprache.

Für Vera Apel-Jösch ist es „eine Kernaufgabe des 21. Jahrhunderts Sprach- und Kulturbarrieren abzubauen“ (S. 234). In Kapitel 8 zeichnet die Autorin ihre persönlichen „Perspektiven“ auf die Entwicklung der Leichten Sprache nach.

Der Anhang (Kap. 9) stellt u.a. einen Überblick über das Regelwerk der Leichten Sprache Kap. 9.1) und Übungsaufgaben (Kap. 9.2) zur Verfügung. Des Weiteren finden sich Erläuterungen zu einer Auswahl an Logos, Prüfsiegeln und Lizenzen zur Leichen Sprache (Kap. 9.3).

Diskussion

Im Werk kommt das leidenschaftliche Anliegen der Autorin zum Ausdruck, mittels Leichter Sprache dem Recht der Menschen mit unterschiedlichen Sprachkompetenzen auf Teilhabe zur Verwirklichung zu verhelfen. In der Darlegung werden immer wieder kritische Abwägungen getroffen, die aufzeigen, dass der Nutzen Leichter Sprache von der Orientierung an den Bedürfnissen der Zielgruppe bestimmt wird.

Über diese kritischen Abwägungen des „Wie“ der Leichten Sprache (also über die Fragen nach der Ausgestaltung der Anwendung) hinaus wäre eine kritische Diskussion über das grundsätzliche „Ob“ der Leichten Sprache (also über das zur Anwendung Bringen einer Sprache abseits der als gewöhnlich erachteten Sprache) wünschenswert gewesen. Es lässt sich beispielsweise diskutieren, inwiefern der Einsatz Leichter Sprache das Potenzial hat, genau das Gegenteil dessen zu bewirken, was Leichte Sprache aus Sicht der Autorin zu erreichen sucht: Stigmatisierung und somit Ausschluss statt Einschluss und Verhinderung von Entwicklung statt Zugang zu Lernen und Bildung. Weiter kann in Frage gestellt werden, inwiefern die vorgegebenen Regeln der Leichten Sprache der Heterogenität der Bedürfnisse der verschiedenen Zielgruppen entgegensteht und inwiefern die Aufforderung zur Zielgruppenorientierung unter Umständen in Konflikt mit dem Gedanken des Universal Designs steht.

Ob Sprache zum Nutzen oder Schaden des Empfängers genutzt werde, liege in der Macht des Senders, heißt es in der Auseinandersetzung zu Sprache und Macht (vgl. S. 49). Diese Auffassung lässt sich auch auf Leichte Sprache übertragen.

Fazit

Die Absicht des vorgelegten Buches, das Regelwerk der Leichten Sprache „prägnant und mit hoher Praxisrelevanz vor[zu]stellen“ (S. 6) ist erfüllt. Es bietet den Lesenden, insbesondere den adressierten Menschen in helfenden und beratenden Berufen, sowohl eine anschauliche Übersicht über die Grundlagen der Leichten Sprache als auch eine praxisorientierte Anleitung zur Anwendung der Leichten Sprache in unterschiedlichen Handlungsfeldern und mit verschiedenen Zielgruppen sowie eine große Bandbreite an weiterführenden Tipps und Informationen.

Das Buch eignet sich für Leser*innen, die sich neu oder erneut mit Leichter Sprache befassen genauso, wie für Anwender*innen, die bestimmte Aspekte nachschlagen wollen.

Die eingebrachten Beispiele regen aufgrund ihrer Anschaulichkeit zur Reflexion des eigenen professionellen Handelns an und erleichtern die Übertragung ins eigene Tun.

Das Anliegen der Autorin, barrierefreie Kommunikation als Ermöglichung von Selbstbestimmung und Teilhabe sowie als Beitrag zur Verwirklichung von Inklusion zu betrachten, wird vom appellativen Charakter des Werkes getragen.


Rezension von
Lena Bertelmann
M.A. Bildung und Soziale Arbeit, B.A. Soziale Arbeit, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich „Teilhabe und Inklusion“ des Zentrums für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) der Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Lena Bertelmann. Rezension vom 03.11.2020 zu: Vera Apel-Jösch: Leichte Sprache. Barrierefreie Kommunikation in helfenden und beratenden Berufen. Books on Demand GmbH (Norderstedt) 2020. 2. Auflage. ISBN 978-3-7519-7012-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27454.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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