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Jürgen Zerth, Hedwig François-Kettner (Hrsg.): Pflege-Perspektiven

Cover Jürgen Zerth, Hedwig François-Kettner (Hrsg.): Pflege-Perspektiven. Ordnungspolitische Aspekte: Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung und Implikationen für eine "gute Praxis" der Pflege. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. 183 Seiten. ISBN 978-3-86216-626-8. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR.

Reihe: Gesundheitsökonomie für die Versorgungspraxis - Gesundheit und Pflege - 2..
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Thema

Die Zukunft der Pflegeversicherung, bzw. der pflegerischen Versorgung der Bevölkerung ist derzeit in aller Munde. Wichtigster Schwerpunkt ist und bleibt die Finanzierung dieser steigenden Herausforderung für unsere Gesellschaft. Hier stellt sich nicht nur die Frage wer das alles bezahlen soll, sondern auch wie dies geschehen kann und welche nachhaltigen Verfahren hier neu eingerichtet werden müssten. Auch wenn die pflegerische Versorgung eine generationenübergreifende Aufgabe ist, so sollte diese auch von allen und gemeinsam gestaltet und erfüllt werden.

Die historische Entwicklung der Pflegefinanzierung stimmt nicht mehr mit den aktuellen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Prämissen überein.

Herausgeber*innen

Prof. Dr. habil. Jürgen Zerth ist studierter Volkswirt und seit 2012 als Professor für Wirtschaftswissenschaften, mit dem Schwerpunkt Gesundheitsökonomie, und Leiter des Forschungsinstituts IDC an der Wilhelm-Lohe Hochschule Fürth, mit der Forschung zu Themen und Fragestellungen des Gesundheit- und Sozialmarktes.

Hedwig François-Kettner ist Pflegefachkraft mit Studium zum Pflegemanagement und Inhaberin von ProGeWi, Strategie und Prozessbegleitung in der Gesundheitswirtschaft. Neben diversen Vorstandstätigkeiten und Lehrbeauftragungen an Hochschulen ist sie seit 2014 wissenschaftliche Leiterin des Pflegekongresses im Hauptstadtkongress.

Aufbau und Inhalt

In zwölf unabhängigen Beiträgen über ausgewählte Themen zur pflegerischen Versorgung zeigen die Autor*innen die unterschiedlichsten Problemlagen auf und bieten entsprechende Zukunftsperspektiven und Verbesserungsmöglichkeiten an.

Der Beitrag 1 von A. Westerfellhaus kann als Impulstext gesehen werden dessen Blick über die Jetzt-Zeit auf die in die Zukunft gerichteten politischen Weichenstellungen geht. Hervorgehoben wird dabei der Zusammenschluss aller politischen Akteure auf Bundes- und Landesebene zur „Konzertierten Aktion Pflege“ (KAP). Der besondere Fokus liegt dabei auf den Arbeitsbedingungen in den Einrichtungen der pflegerischen Versorgung. Damit einhergehend vor allem auf den Arbeitsbedingungen vor Ort die maßgeblich für die Attraktivität oder besser gesagt für die fehlende Attraktivität des Pflegeberufes stehen.

Im Beitrag 2 nehmen S. Greß und C. Jesberger den Versorgungsbereich Pflege als Objekt im Finanzierungsdreieck Eigenleistung, gesellschaftlicher Versicherung und staatlicher Fürsorge in den Blick. Sie machen dabei auf die gravierenden Problemfelder im Versorgungsbereich aufmerksam. Die beiden Autoren setzen dieser prekären Situation eigene Lösungsansätze entgegen, die zu einer Nivellierung und Entschärfung führen könnten. Stichworte sind dabei die Neujustierung der Finanzierungsverantwortung aller Akteure und Kostenträger sowie sektorenübergreifende Reformen zur Finanzierung von Leistungen im Versorgungsfeld Pflege.

Im Beitrag 3 führt Prof. Dr. H. Rothgang den Leser noch einen Schritt weiter in der Betrachtung der bestehenden Modalitäten der Pflegeversicherung. Nach einer kurzen Revue der historischen Entwicklung der Pflegeversicherung gewährt der Autor Einblick in notwendige Veränderungsbedarfe und Optimierungspotenziale dieses Versorgungsbereiches. Er plädiert dabei für eine radikale Reform und bezieht sich ähnlich wie die anderen Autoren auf den Finanzausgleich zwischen den beteiligten Akteuren mit gleichzeitiger Steuerfinanzierung der Pflege.

Im Beitrag 4 nehmen T. Neldner, V. Peters, Prof. Dr. M. Wolfinger die besonderen Bedürfnisse und Belange von berufstätigen Angehörigen von pflegebedürftigen Menschen in den Blick. Der Fokus liegt dabei auf der teilstationären pflegerischen Versorgung. Die Ergebnisse aus einem Pilotprojekt dazu dienen der Annäherung an das Thema. Schwerpunkt ist der Wandel im Versorgungsbereich Bereich Pflege mit Blick auf die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf. Die teilstationäre Versorgung ist dabei ein bedeutender Baustein im Versorgungs- und Hilfemix, der jedoch einer Flexibilisierung und Steigerung der Interdisziplinarität zugeführt werden muss. Nur so kann er seine volle Wirkung in Bezug auf die Entlastung berufstätiger pflegender Angehöriger entfalten.

Im Beitrag 5 steht das unternehmerische Handeln im Fokus der Überlegungen der Autoren S.Kopp und Prof. Dr. D. Matusiewicz. Pflege ist gekennzeichnet als eine Wachstumsbranche, wenn es um die Nachfragesituation geht. Im Gegenzug dazu ist sie eine der schwächsten Branchen, in der die Angebotsgestaltung kaum der Nachfrage gerecht werden kann. Die Spannbreite der Herausforderungen ist dabei für die Verantwortlichen enorm. Sie reicht vom Pflegefachkraftmangel bis zu einen sowohl inhaltlich wie finanziell stark reglementierten Arbeitsbereich. Schlagworte sind hier die Digitalisierung und die Agilisierung.

Im Beitrag 6 konzentriert sich die Autorin Prof. Dr. habil. M Hasseler auf die theoretischen Grundlagen für die Qualität pflegerischen Handelns. Dabei weist die Autorin darauf hin, dass die bislang ausschließlich lineare Betrachtung der Qualitätsprozesse nicht mehr ausreichend und zukunftsgerichtet ist. Sie lenkt die Aufmerksamkeit auf weitere Ebenen, die die Qualität von Pflege beeinflussen bzw. bestimmen. In den Blickgenommen werden hier Mikro- und Makroebene, einrichtungsbezogene und berufsgruppenbezogene Elemente, die auf die Qualität der pflegerischen Versorgung ihre jeweils eigenen Einflussgrößen haben und diese zu einem hoch sensiblen und komplexen System machen.

Im Beitrag 7 weist Prof. Dr. T. Klie auf die nach dem Pflegestärkungsgesetz mit Beginn des Jahres 2015 neu bzw. wieder aktivierte kommunale Rolle im Pflegegeschehen. Neben einer Darstellung der Neuerungen und Strukturveränderungen zielt der Autor auf die Finanzierung der Pflege ab und schließt sich der Forderung nach einer Neustrukturierung der Finanzierung der Pflege als wichtige und zukunftsträchtige Branchen.

Im Beitrag 8 stellt der Autor Prof. Dr. habil. J.Zerth die Pflege als personenbezogene Interaktionsarbeit den technischen Möglichkeiten der Digitalisierung gegenüber. Er beleuchtet deren Möglichkeiten und das Zusammenspiel der Akteure mit dem Hinweis auf die nutzbaren Potenziale. Er verweist dabei aber auch auf die notwendige und sinnvolle Verknüpfung dieser beiden vermeintlich unvereinbaren Gegenspieler als Zukunftssicherung der Pflegebranche.

Im Beitrag 9 wird das Thema Digitalisierung von Pflege vertieft und auf die Ebene der Pflegekräfte gehoben. S. Palmdorf u.a. sehen die Akzeptanz durch die Pflegekräfte als zukünftige Nutzer als einen wichtigen Baustein zum Gelingen einer sinnvollen und effektiven Digitalisierung diesees Arbeitsbereiches. Sie zeigen vor allem notwendige Kompetenzen der Handelnden auf und Möglichkeiten der Förderung einer Akzeptanz im Handlungsfeld Pflege.

Im Beitrag 10 verweist die Autorin, H. François-Kettner, auf das Case-Management als zukünftige Pflege- und Versorgungspraxis. Nur im Zusammenspiel aller Akteure kann die Pflege als Branche zukunftsfähig gestaltet und nachhaltig verankert werden. Dazu stellt sie das Case-Management als Methode der Wahl vor. Schlüsselbegriffe sind hier Aufnahme- und Entlassmanagement und eine entlastende, weil strukturierte und zielführende Bürokratie.

Im Beitrag 11 findet die Akademisierung der Pflege durch die Autorin, H. François-Kettner, ihren Platz in Bezug auf das Gelingen einer guten Pflege. Der Fokus liegt hier auf einem sinnvollen Qualifikationsmix bei den Beschäftigten in der Pflege mit der Herausforderung diese sinnvoll in eine gute Vernetzung und Kooperation zu führen, um die so entstehenden Ressourcen für die Pflegebranche zu nutzen.

Im Beitrag 12 vom Autor, Prof. Dr. W. Becker wird der Erfolg der Umsetzung einer gelungenen Digitalisierung verknüpft mit der Pflegefachlichkeit der Beschäftigten und einer vorherigen Vermittlung digitaler Kompetenzen. Dabei sind unterschiedliche Ebenen der Vermittlung zu betrachten, die personenbezogene Ebene der Handelnden und die betrieblich-organisatorische Ebene der Unternehmen. Nur im Zusammenspiel beider Ebenen kann Digitalisierung zu Gunsten der Pflege und aller daran beteiligten gelingen

Diskussion

Die Herausgeber*innen vereinen in ihrem Werk eine Vielzahl von Autor*innen die je nach ihrer eigenen fachlichen Profession Lösungsansätze beleuchten und Impulse für eine Neugestaltung geben. Diese vielfältigen Positionen zeigen in beeindruckender Weise die Bandbereite der Möglichkeiten aber auch die Begrenzung durch die unterschiedlichen Ebenen auf denen Handlungsbedarf besteht. Gerade diese Diversität könnte aber zu einer gemeinsamen Lösung des Problems führen. Derzeit aber macht es lediglich noch mehr deutlich wo die Unterschiede sind, welche vielfältigen Schnittmenge es gibt und wie weit teilweise Ideen und Vorstellungen voneinander entfernt sind.

Fazit

Mit den unterschiedlichen Beiträgen zur zukünftigen Branchenentwicklung im Kontext pflegerischer Versorgung werden viele grundlegende und begleitende Themen angesprochen, die für die Zukunftsaussichten der Pflegebranche maßgebend sein können. Die hier gegebenen Impulse und die damit verbundenen Möglichkeiten und Chancen könnten weitergedacht und in die zukunftsfähige und strategische Weiterentwicklung der Praxis eingesetzt werden.


Rezension von
Monika Jansen
Erziehungswissenschaftlerin (M.A.) und Master of Organizational Management (MoM), ist tätig als Referentin für ambulante Dienste, Bereich Wirtschaft und Statistik eines großen Wohlfahrtsverbandes. Langjährige Berufserfahrung in Führungspositionen der unterschiedlichen Arbeitsfelder der Altenhilfe. Herausgeberin der beiden Werke „Pflege & Management“ und Pflegehandbuch des DUZ-Verlages.
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Zitiervorschlag
Monika Jansen. Rezension vom 13.08.2021 zu: Jürgen Zerth, Hedwig François-Kettner (Hrsg.): Pflege-Perspektiven. Ordnungspolitische Aspekte: Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung und Implikationen für eine "gute Praxis" der Pflege. medhochzwei Verlag GmbH (Heidelberg) 2020. ISBN 978-3-86216-626-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27458.php, Datum des Zugriffs 29.11.2021.


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