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Lisa Janotta: Moral und Staatlichkeit

Cover Lisa Janotta: Moral und Staatlichkeit. Fallgeschichten von Mitarbeitenden in Bundespolizei, Ausländerbehörden und Aufenthaltsberatungsstellen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 303 Seiten. ISBN 978-3-8474-2420-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.

Reihe: Qualitative Fall- und Prozessanalysen - Band 16.
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Autorin

Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik, Sozialarbeit und Wohlfahrtswissenschaften an der Technischen Universität in Dresden.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation fokussiert im Bereich Migrations-, Flucht- und Asylforschung die Migrationsverwaltung; Polizei, Verwaltung und Berater*innen werden mitunter nach jahrelang gebildetem Erfahrungswissen befragt, wie sie ihre Arbeit bei der Einreisekontrolle, der Vergabe von Aufenthaltstiteln und der Beratung zum Aufenthaltsrecht verstehen. Dabei werden längerfristige Bedingungen, Routinen und Wissensformen eruiert, wobei explizite und implizite Wissensbestände generiert werden.

Komplexe, sich kontinuierlich wandelnde Ensemble von Gesetzen und Verwaltungsrichtlinien auf Bund-, Länderebene sowie Kommune werden für die Arbeit der Grenzakteur*innen formuliert: Doch auch die Kenntnisse darüber hinaus, die Frage nach dem „gelebten“ Wissen der Akteure wird anhand leitfadengestützter, narrationsgenerierender Interviews erhoben und ausgewertet.

Es handelt sich um Band 16: Qualitative Fall- und Prozessanalysen. Biographie – Interaktion – soziale Welten, Herausgegeben von Bock, Karin; Dinkelaker, Jörg; Fiedler, Werner u.a.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation besteht aus drei Teilen:

Teil I: Nationalstaat – Migration – Wissen. Gegenstandstheoretische Zugänge (Staatssoziologie – Grenzsoziologie – empirisches Wissen über die Grenzakteur*innen)

Ziel ist es an dem zeitgenössischen sozialwissenschaftlichen Diskurs zum Verhältnis von Staatlichkeit einerseits und Wissen andererseits anzuknüpfen. Dabei werden Homogenität und Multiplizität von Wissensformen im staatlichen Raum weiterentwickelt. Ebenso fokussiert die Autorin verwaltungstheoretische Überlegungen zum Verhältnis von Gesetzen, deren Interpretation und Praxiswissen.

Dafür erfolgt zu Beginn eine gegenstandstheoretische Klärung, um welche Art sozialer Konstruktion es sich beim Konstrukt Nationalstaat in Bezug auf den globalisierten Kontext handelt. Welche Rolle spielt dabei die Migration? Wo steht die Diskussion über Wissensformen im Nationalstaat?

Hierbei konkurrieren zwei mögliche Perspektiven: Unter Abschnitt 1 werden Konzepte, die Nationalstaatlichkeit absolut setzen und bei Migration noch Grenzen in den Blick nehmen, betrachtet. Nach einer Betrachtung der Homogenisierung des Sozialen im Nationalstaat, soziale Raum etc. erfolgt ein Diskurs zur Verwaltung als Organisationsform mit dem Arbeitsprinzip der Sachentscheidung und dem Prinzip der Aktenführung. Abschnitt 2 diskutiert dagegen sowohl die Homogenität des Nationalstaats (mit all den Homogenisierungs- und Monopolisierungsprozessen) als auch Grenzsoziologien mit Blick weg vom Nationalstaat hin zur Europäisierung des Migrationsmanagements, globalen Arbeitskräftebedarf etc.

Die bisherige gegenstandstheoretische Darstellung wird in Abschnitt 3 in Bezug zu aktuellen Studien betrachtet, die das Wissen der Grenzakteur*innen zum Gegenstand machen, u.a. zu Grenzregimeforschung, Akten als Wissensträger sowie behördlicher Migrationsverwaltung/​Polizeiarbeit. Eine Forschungsperspektive wird daraus entwickelt, in einem Spannungsfeld von monopolisiertem staatlichem Wissen, lokaler Praxis und professioneller Vorgehensweise.

Teil II: Über Grenzarbeit sprechen. Methodologie und Empirie (Theoretische Überlegungen zu Interviews – Bundespolizei – Ausländerbehörde – Beratungsstellen)

Im Anschluss an einen Diskurs zu metatheoretischen Modellen von Wissensformen der Akteure bei der Realisierung der alltäglichen Arbeit erfolgt eine Diskussion darüber, ob und wie diese durch die Methode Interviews eruiert werden können. Die wissenssoziologische Darstellung der Ergebnisse erfolgt durch eine Interviewanalyse. Unter Abschnitt 1 erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff der Expert*innen sowie ein Exkurs zum Kontext des Experteninterviews. Mittels Interviews werden auf der einen Seite die Dimensionen expliziten (staatstragenden) Wissens und auf der anderen Seite die (administrative und beraterische) implizierte Art und Weise des Umgangs betrachtet. Gefunden wurde dabei eine „praxeologische wissenssoziologische Metatheorie“ (Seite 67) mit sowohl organisationssoziologischer als auch praxisorientierter, beruflicher Betrachtung.

Unter Abschnitt 2 bis 4 wird eine Ergebnispräsentation der Wissensformen der Bundespolizisten, Sachbearbeiter*innen in den Ausländerbehörden sowie der Aufenthaltsberater*innen dargestellt mit den rekonstruierten Besonderheiten der jeweiligen Erzählformen der Organisationen. Je nach Berufsgruppe werden die Klienten als „Reisende“ bzw. „Ausländer“ bzw. „Ratsuchende“ beschrieben; betrachtet werden ferner die jeweilige eigene berufliche Praxis sowie (explizite) Legitimationsformen und (implizite) Moralisierungen. Während die Gruppe der Bundespolizisten ihr „Recht durchsetzen als Erziehung“ (S. 119) und dabei beispielsweise auf Aufklärungs- und Erklärhandlungen verweisen, erfährt der Leser im Bereich der Ausländerbehörde das „Ringen um Durchsetzungsmacht“ (S. 155) in Zusammenhang mit dem einhergehenden Handlungsparadox sowie Moralisierungen. Fachkräfte in der Beratung sehen „Grenzarbeit als Vermittlungsarbeit“ (S. 207), erkennen dabei aber deutlich die Ambivalenzen. Weitere und detaillierte Ergebnisse dieser Studie werden gezielt nicht vorweggenommen.

Teil II: Moral und Staatlichkeit

Nach der analytischen Präsentation der Interviews mit Grenzakteur*innen wird in diesem Kapitel die Grenzarbeit als Arbeit mit Moral (S. 255) reflektiert. Exemplarisch seinen Diskussionen über „Normen und Moral als Eigenschaften und Gegenstände von Organisationen“ (S. 264) bzw. „Moralisches Handeln und moralische Dilemmata“ (S. 266) genannt.

Im Ausblick wird auf das unterschiedliche Verständnis ihrer Arbeit als Grenzakteur*innen eingegangen sowie auf Spannungsverhältnisse und somit auf moralisierende Aspekte. Die Publikation endet mit dem Apell zu einer substanziellen Veränderung der Wahrnehmungsroutinen, Haltungen, Habitus und Denkweisen.

Diskussion

Alleinstellungsmerkmal dieser Publikation im Kontext der Migrations-, Flucht- und Asylforschung sind die konsequenten wissenssoziologischen Überlegungen zum Verhältnis Staatlichkeit, Migrationsverwaltung und (explizitem sowie implizitem) Wissen im Arbeitskontext von Bundespolizei, Soziale Arbeit und Aufenthaltsberatung. Das Ziel dieser Studie, „(…) die Differenzen der Darstellung zwischen den Behörden sowie den Beratungsstellen heraus zu arbeiten, die alle in 'einem' Staat arbeiten (…) und doch verschiedene Wissensformen in ihrer Arbeit generieren.“ (S. 118) wurde sehr facettenreich erreicht. Dies erfolgte mittels sehr fundierter, vielfältiger sowie kritischer Auseinandersetzung mit sämtlichen für die Forschungsfrage relevanten Aspekten und einer anschließenden eigenen klaren begründeten Positionierung. Hervorzuheben sind ferner die Verweise auf zahlreiche für dieses Forschungsgebiet relevante Studien und die stets fundierte und kritisch reflektierte wissenschaftstheoretische Verortung.

Die Komplexität der an diesem Prozess Beteiligten durchleuchtet die Autorin in vielen Facetten. In Punkto Beratungsarbeit werden allerdings Herausforderungen der Sozialarbeiter*innen und Jurist*innen nur sehr kurz und knapp, unter ausgewählten Aspekten herausgearbeitet. Dies könnte darauf zurückzuführen sein, dass in diesem Feld schon zahlreiche Studien und Publikationen zu finden sind.

In Ergänzung der bisherigen Erforschung expliziter Wissensgehalte in der Verwaltung und Polizei sowie der ethnographisch basierten Auseinandersetzung setzt sich diese Publikation dezidiert mit impliziertem Wissen, der Selbstwahrnehmung von Akteuren im Feld der Flucht und Migration, der Arbeit mit Non-Citizens auseinander und bearbeitet eine Forschungslücke detailliert.

Positiv hervorzugeben ist ferner die kontinuierliche Einordnung von neuen Wissensbeständen in bisherige Strukturen sowie die kontinuierliche Verwendung von Zwischen- und Kapitelfazit mit gelungenen Interpretationen, der Herstellung von Bezügen/Zusammenhängen und prägnanter theoretischer Einbettung. Zahlreiche Graphiken visualisieren relevante Inhalte und zeigen Zusammenhänge auf.

Fazit

Im Feld der Migrations-, Flucht- und Asylforschung erfolgt ein Diskurs zum Thema „Deutsches Aufenthaltsrecht“ in Aufenthaltsberatungsstellen, Ausländerbehörden und der Bundespolizei – mit dem Fokus sozialarbeiterischer und beraterischer Praxis im Verhältnis zum Arbeitswissen staatlicher Entscheidungsträger. Soziale und pädagogische Arbeit ist bei dieser Publikation mitten in den staatlichen Grenzverhältnissen zu finden.

Inzwischen ist in Deutschland eine Etablierung des Forschungsfeldes Flucht und Flüchtlingsforschung mit Interdisziplinarität und Wissenstransfer festzustellen, was beispielsweise zahlreiche Studien dazu, die in diversen Forschungsdatenbanken zu finden sind belegen. Die Gründung vielfacher einschlägiger wissenschaftlicher Zeitschriften verstärkt diese Aussage. Doch die Fokussierung auf ein Verständnis für die am Entscheidungsprozess Beteiligten, für deren Sichtweise (beispielsweise auf Systeme), deren Berufsrolle, deren Agieren aufgrund von deren Deutungs- und Erfahrungsqualität ist eine wertvolle Ergänzung. Deutlich wird der Blick auf das Verhältnis von organisationaler beruflicher Arbeit und dem gesellschaftlich-staatlichen Kontext. Sehr gespannt können Leser*innen dieser Publikation auf die Forschungsergebnisse sein, auf das gezielt bei dieser Rezension nicht eingegangen wird, um die Neugier zu steigern. Ziel ist zudem die Verbindung der empirischen Daten mit verwaltungs- und gesellschaftstheoretischen Überlegungen. Untersucht wird das implizierte Wissen in den Organisationen, die das deutsche Aufenthaltsrecht durchsetzen und verwalten. Dies wird systematisch mit Überlegungen zu Wissensformen in Bezug auf Staatlichkeit einerseits und Wissen bezüglich Verwaltungspraxis andererseits betrachtet.

Aufgrund der sowohl wissenschaftstheoretischen Einbettung von entsprechendem Forschungswissen als auch der an zahlreichen Stellen zu findenden konkreten und gut verständlichen Darstellung der Ergebnisse – auch auf Handlungsebene – ist diese Publikation sowohl für Wissenschaftler*innen in diesem Feld als auch für Sozialarbeiter*innen/​Jurist*innen bis hin zu Verwaltungsverantwortlichen und Ehrenamtlichen eine Erkenntnis stiftende Lektüre. Dabei erhalten sie ein besseres Verständnis für das Arbeitshandeln und Entscheiden der am Prozess Beteiligten unterschiedlicher Disziplinen.


Rezension von
Dr. Monika Pfaller-Rott
Akad. ORin, Dipl. Sozialpäd., Dipl., Pädagogik, Dipl. Management, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
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Zitiervorschlag
Monika Pfaller-Rott. Rezension vom 12.10.2021 zu: Lisa Janotta: Moral und Staatlichkeit. Fallgeschichten von Mitarbeitenden in Bundespolizei, Ausländerbehörden und Aufenthaltsberatungsstellen. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2420-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27459.php, Datum des Zugriffs 17.10.2021.


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