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Martin Becker: Handbuch Sozialraumorientierung

Cover Martin Becker: Handbuch Sozialraumorientierung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 274 Seiten. ISBN 978-3-17-037238-2. 39,00 EUR.

Reihe: In Beziehung stehende Ressourcen: ISBN: 9783170335035; 9783170341463.
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Thema

Der pragmatische Lebensalltag der Menschen bildet die Grundlage des Sozialen (Handelns) und die Bewältigung dieses Lebensalltags der Menschen wird zum zentralen Gegenstand Sozialer Arbeit. In den unterschiedlichen Handlungsfeldern der bio-psycho-sozialen Arbeit wird in den letzten Jahrzehnten zweierlei beobachtbar: Einerseits hat sich ein kompliziertes System einer sich stets stärker spezialisierenden und differenzierenden, sich gleichsam voneinander isolierenden professionellen Arbeit etabliert. Andererseits zeigt sich die nicht nur professionsethisch unabdingbare Notwendigkeit einer nachhaltigen, die Eigenkräfte der Adressat:innen zunächst zulassenden und dann stärkenden Unterstützung. Soziale Arbeit, um überhaupt wirksam werden zu können, befasst sich gleichwohl mit der Komplexität des Alltags der Menschen. Die zwei zentralen Wirkgrößen sind dabei eine ernsthaft umgesetzte, aktive Partizipation im Sinne einer einflussnehmenden und mitgestaltenden Teilhabe und Teilgabe der Adressat:innen selbst. Damit gewissermaßen einhergehend bedarf es einer koordinierten Kooperation der multiprofessionellen sowie lebensweltlichen Akteure in den sozialraumbezogenen Diskurs- und Handlungsräumen des Alltags. Die Zielstellung und professionsethische Leitlinie einer solchen ursprünglich als Alltagsorientierung, später im sich akademisch etablierenden Fachdiskurs immer stärker als Lebensweltorientierung gefassten Konzeptualisierung liegt folglich in der Ermöglichung eines selbstbestimmteren, gelingenderen Alltags der Adressat:innen. Mit diesem Grundverständnis korrespondiert das Fachkonzept Sozialraumorientierung (Fürst/Hinte, 2014) als ein zuvörderst und maßgeblich personenbezogener Ansatz bio-psycho-sozialer Arbeit, welcher neben handlungsmethodischer Ableitungen sowie durchaus und notwendiger Weise ebenfalls Rahmungen für organisationsstrukturelle, prozessuale und sozialraumbezogene Aspekte formuliert, die sich aus den seit gut zwanzig Jahren dezidiert ausgearbeiteten fünf Leitprinzipien ergeben.

Gleichwohl gibt es maßgeblich im akademischen Diskurs eine diese fachkonzeptionelle Klarheit nicht wahrnehmen wollende Ausblendung, der gleichwohl eine breite und stetig steigende Rezeption in den verschiedenen Handlungspraxisbezügen gegenübersteht. So erklärt sich die motivationale Ausgangsbeschreibung des Herausgebers Martin Becker, der formuliert: „ SRO ist als zwar ein bereits viel umschriebener Begriff, allerdings mit geringer inhaltlicher Stringenz und struktureller Konsistenz.“ (S. 5) Dies soll durch das vorgelegte Handbuch (sic!) Sozialraumorientierung nunmehr systematisch geklärt werden, wenngleich auch dieses Buch eben diesen bestehenden Diskurs zum Fachkonzept SRO geradezu ignoriert.

Herausgeber

Martin Becker, Hochschullehrer für Stadt- und Quartiersentwicklung, Handlungskonzepte und Methoden Sozialer Arbeit sowie empirische Sozialforschung an der Katholischen Hochschule Freiburg, ist neben seinen zahlreichen fachwissenschaftlichen Publikationen renommiert durch seine Forschungen im Bereich eben der Sozialraumorientierung, der Stadt- und Quartiersentwicklung, der Kommunal- und Organisationsentwicklung sowie zu Partizipation und Bürgerschaftlichem Engagement.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Vorwort des Herausgebers zur fachlichen Motivation und dem Aufbau des Buches sowie den Inhalten der Beiträge, wird im ersten Kapitel durch Martin Becker selbst ein Zugang zu von ihm entwickelten Handlungskonzept Sozialraumorientierung ermöglicht. In zehn Unterkapiteln werden zunächst zentrale Begrifflichkeiten geklärt, das spezifische Raumverständnis geschärft und neben einer Darlegung der Sozialraumorientierung im Diskurs Sozialer Arbeit sowie als interdisziplinäres Handlungskonzept eben dieses in vier Schritten ausgeführt. Insbesondere die Skizzierung der Dimensionen des Handlungskonzeptes Sozialraumorientierung sowie die Kompetenzen der sozialraumorientiert arbeitenden Fachkräfte sind dabei zentral. Entlang dieses handlungskonzeptionellen „Strukturgerüstes“ (S. 5) werden im Folgenden durch verschiedene Autor:innen aus „Wissenschaft und Praxis der Sozialen Arbeit“ (S. 5), wobei diese mehrheitlich an der eben der Hochschule des Herausgebers tätig sind, neun verschiedene Handlungsfeldbezüge reflektiert.

Den Beginn macht ein Beitrag von Martin Becker zu Sozialraumorientierter Arbeit „in und mit dem Gemeinwesen“ (S. 60), in welchem er nach einer historischen und begrifflichen Klärung einer Gemeinwesenarbeit eben dieses Handlungskonzept Sozialraumorientierung entlang der sechs zentralen Konzeptdimensionen (Lebensbedingungen und Lebenswelt, Ressourcen und Potenziale, Partizipation und Engagement, Kooperation und Vernetzung, Themen- und Projektarbeit, Qualitätsentwicklung und Finanzierung) darlegt und jeweils mit „zehn Empfehlungen für das strategische und methodische Handeln“ (S. 85) skizziert.

Es folgt mit einem Beispiel aus der stationären Kinder- und Jugendhilfe eine praxisbezogene Adaption dieses Handlungskonzeptes durch Mone Welsche und Sabine Triska. Im Handlungsfeld Soziale Arbeit mit Familien werden von Christian Roesler „Innovative Strategien zur Prävention von Paarproblemen“ (S. 117) mit einem starken Plädoyer für deutlich präventivere Ansätze ausgeführt. Ulrike Jensen fokussiert die „Sozialraumorientierung in der Bewährungshilfe“ (S. 140) und ermöglicht anhand konkreter Praxisbezüge eine ermutigende Skizzierung für alltagsnahe, kommunalbezogene und aufsuchende Vorgehensweisen in diesem klassisch eher einzelfallbezogenen Handlungskontext. Sozialraumorientierung in der Gemeindepsychiatrie hat eine durchaus längere Tradition, wenngleich zumeist unter anderen Begrifflichkeiten gefasst. Fabian Frank legt das durch das Handlungskonzept Sozialraumorientierung entworfene Strukturgerüst über dieses Handlungsfeld und argumentiert entlang eines „Modells des Menschen als biopsychosoziale Einheit und fokussiert auf die Gestaltung lebensnaher Orte der Unterstützung, Begleitung und Begegnung.“ (S. 168) Nausikaa Schirilla befasst sich mit der Sozialraumorientierung im Handlungsfeld Migration und Soziale Arbeit, wobei sich die Autorin dieses Beitrags nicht maßgeblich auf das Handlungskonzept des Herausgebers zu beziehen scheint und zugleich „transnationale Soziale Räume“ (S. 188) als eine Erweiterung des Lebensweltverständnisse von Migrant:innen als notwendig erscheinen lässt. Peter Kuhnert hingegen fokussiert „Sozialraumorientierung in durch Armut, Arbeitslosigkeit, prekärer Arbeit und Wohnungslosigkeit bestimmten Lebenslagen“ (S. 193) und argumentiert für ein „Überschreiten bisherigen Zuständigkeitsdenkens“ (S. 216) durch das sektorenübergreifende Verständnis sozialraumorientierter Sozialer Arbeit als offensive Einmischungsstrategie. Es folgt ein Beitrag zur „Sozialraumorientierung im Handlungsfeld Suchthilfe“ (S. 224), verfasst von Jürgen Sehrig, welcher entlang einer deutlichen Praxiserfahrungsperspektive wiederum das Strukturgerüst des Handlungskonzeptentwurfs des Herausgebers über diese Thematik legt. Er argumentiert, „nach einer Phase der Therapeutisierung [… S.G.-B.] müssen Prävention und Soziale Hilfen in diesem Bereich viel umfassender angelegt werden, um der Trias der biopsychosozialen Faktoren in ihrer Gesamtheit gerecht zu werden“ (S. 241). Das Buch schließt mit einem Beitrag von Cornelia Krichelsdorff und Ines Himmelsbach zu Sozialraumorientierung in gerontologischen Handlungsfeldern der Sozialen Arbeit, der wiederum sehr konsequent der Strukturlogik des Handlungskonzeptes des Herausgebers folgt.

Diskussion

Die Beiträge aus bzw. zu den verschiedenen Handlungsfeldern erscheinen als ein, wenngleich durchaus von unterschiedlicher Qualität, lesenswerter Gewinn, um sich mit sozialraumorientierten Praxisumsetzungen entlang verschiedener Handlungsfeldspezifika zu befassen. Insbesondere die Beitrage von Ulrike Jensen sowie Fabian Frank stechen hierbei durch ein sehr praxisbezogen reflektiertes sowie zugleich durch ein gleichsam als Paradigmenwechsel zu bezeichnendes Verständnis einer sozialraumfokussierten Sozialen Arbeit, das einerseits eine radikale Adressat:innenpartizipation und damit eine institutionenkritische Perspektive zur Grundlage nimmt sowie andererseits den Alltag und damit den Sozialraum als Steuerungsfolie als die zentralen Maxime für eine koordinierte Kooperation entlang der Alltagsbezüge der Menschen besonders herausstellt. Es zeigen sich durchaus inhaltlich etwas irritierende Beiträge, wenn bspw. behauptet wird, dass das Fachkonzept Sozialraumorientierung „ein von Hinte/​Trees (2007) geprägter Begriff für ein sozialräumliches Konzept der Kinder- und Jugendhilfe und nicht deckungsgleich mit dem für diesen Band beschriebenen handlungs-feldübergreifenden ‚Handlungskonzept Sozialraumorientierung‘ “ (S. 101) sei, was durch einen Blick in die entsprechende Fachbibliothek umgehend revidiert werden müsste [bspw. Fürst/Hinte 2020 https://www.socialnet.de/rezensionen/​27796.php; Wössner 2020 https://www.socialnet.de/rezensionen/​27120.php; Schönig 2020 https://www.socialnet.de/rezensionen/​27479.php; Herrmann 2019 https://www.socialnet.de/rezensionen/​25366.php; Noack 2015 https://www.socialnet.de/rezensionen/​18568.php; Fürst/Hinte 2014 https://www.socialnet.de/rezensionen/​18333.php; oder bereits Hellwig/​Hoppe 2007 https://www.socialnet.de/rezensionen/6531.php ]. Gleichwohl sind wie benannt die Praxisbezüge der Einzelbeiträge eine lesenswerte Reflexionsfolie zu unterschiedlichen Erfahrungswerten in der Umsetzung sozialräumlicher Zugänge. Was jedoch ausgesprochen irritierend an diesem Band wirkt, ist der etwas angestrengt wirkende Versuch, erst durch diesen vorgelegten Entwurf würde „SRO als Handlungskonzept konzipiert, das für unterschiedliche Handlungsfelder Sozialer Arbeit Relevanz beanspruchen kann“ (S. 5). Das von Martin Becker zwar durchaus zaghaft erwähnte, gleichwohl fachlich eher ignorierte Fachkonzept Sozialraumorientierung wurde in den letzten zwei Dekaden deutlich elaboriert und mit entsprechenden sowie zahlreichen Publikationen systematisch dargelegt. Es stellt sich daher die Frage, ob nicht gerade dieser eigene Konzeptentwurf eher zur weiteren Verwirrung beiträgt und „Studierende und Praktizierende die Orientierung […S.G.-B.] nicht gerade erleichtert“ (S. 5.), wenngleich der Herausgeber das Gegenteil als Motivation darlegt. Besonders beeindruckend ist dies, da dieser Entwurf weder inhaltlich noch in der Systematisierung einen gewinnbringenden Beitrag an neuer Erkenntnis bzw. Weiterentwicklung enthält. Beispielhaft sei dies an dem Aspekt der Finanzierung angeführt, der zwar in dem Handlungskonzept angedeutet, gleichwohl in keiner Weise tiefergehend bearbeitet noch konzeptionell weiterentwickelt wird. Zudem fehlen auch für ein Handlungskonzept wesentliche Aspekte bspw. der Personal- und Organisationsentwicklung. Das bestehende Fachkonzept Sozialraumorientierung hat zu all dem bereits bestehende Systematisierungen elaboriert, die durch diesen Band keinerlei Rezeption finden. In einem ernsthaften fachwissenschaftlichen Diskurs wäre die Kenntnisnahme des bisherigen Wissensbestands eine Grundlage, die Weiterentwicklung geradewegs ein lohnenswerter Gewinn. Was den Lesenden jedoch in Gänze verwirrt ist der Titel, da das Buch im üblichen Verständnis nichts von einem fachwissenschaftlichen Handbuch enthält.

Fazit

Durch die Beiträge aus den angeführten Handlungsfeldbezügen ergeben sich zumeist interessante und lesenswerte Reflexionen fachlicher Praxis(erfahrungen) sowie Aspekte zu notwendigen Herausforderungen bzw. Weiterentwicklungen. Gleichwohl ergibt sich aus dem diesen Band rahmenden Handlungskonzept Sozialraumorientierung kein wirklich fachlicher Gewinn, da wie benannt aus unverständlichen Gründen die bestehende fachwissenschaftliche Literatur zum Fachkonzept Sozialraumorientierung nicht ausreichend rezipiert wird, zumal der Titel als ‚Handbuch‘ in Gänze etwas anderes erwarten lässt. Gegebenenfalls dient das Buch eher einer Diskurssystematisierung an der Hochschule des Herausgebers, da der deutlich mehrheitliche Teil der Autor:innen dort tätig ist. Dies wird sicherlich für die Studierenden die Orientierungsabsicht des Herausgebers ermöglichen, solange sie sich nicht in die darüberhinausgehende Diskurslandschaft und Praxis eintauchen.


Rezension von
Prof. Dr. Stefan Godehardt-Bestmann
Professor für Soziale Arbeit im Fernstudium an der IUBH Internationale Hochschule und Studiengangleiter sowie seit 2000 in freier Praxis als Sozialarbeitsforscher, Praxisberater und Trainer tätig.
Schwerpunkte: Sozialraumorientierte Soziale Arbeit, Gesundheitsförderung von Kindern und Jugendlichen, Lösungsfokussierter Beratungsansatz, Inklusion, Partizipation, Organisationsentwicklung, Personalentwicklungsmaßnahmen in Organisationen Sozialer Arbeit, Gestaltung von Qualitätsmanagementprozessen, Praxisforschungen und Evaluationen.
Homepage www.eins-berlin.de
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Zitiervorschlag
Stefan Godehardt-Bestmann. Rezension vom 25.06.2021 zu: Martin Becker: Handbuch Sozialraumorientierung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-037238-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27462.php, Datum des Zugriffs 24.07.2021.


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