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Amina Trevisan: Depression und Biographie

Cover Amina Trevisan: Depression und Biographie. Krankheitserfahrungen migrierter Frauen in der Schweiz. transcript (Bielefeld) 2020. 511 Seiten. ISBN 978-3-8376-5079-2. D: 49,99 EUR, A: 49,99 EUR, CH: 61,00 sFr.

Reihe: Kultur und soziale Praxis.
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Thema

Weltweit ist ein steter Zuwachs an Depressionserkrankungen zu beobachten, wobei Frauen doppelt so häufig erkranken wie Männer. Gemäß Daten des Schweizer Bundesamtes für Gesundheit ist die Prävalenz der Depression in der Migrationsbevölkerung höher ist als in der Schweizer Referenzgruppe. Indes liegen bisher praktisch keine empirischen Befunde zu dieser Bevölkerungsgruppe vor. Das Forschungsinteresse der Autorin richtet sich auf „die biographische Bedeutung von Depressionen im Kontext von Migrationserfahrung, strukturelle Ursachen der Leidenserfahrung und die subjektiven Krankheitserfahrungen im Leben von Migrantinnen aus Lateinamerika“ (S. 17).

Autorin

Amina Trevisan, Dr. phil., ist Soziologin und Ethnologin. Sie ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Beraterin im Migrationsbereich sowie freiberuflich als Sozialwissenschaftlerin und Projektinitiantin und -leiterin in den Bereichen Prävention und Gesundheitsförderung sowie Migration und Gesundheit tätig.

Entstehungshintergrund

Das Werk wurde als Dissertation 2019 von der Philosoph-Historischen Fakultät der Universität Basel angenommen. Die Arbeit wurde für den Preis der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel 2019 nominiert. Hintergrund für diese soziologische Arbeit sind „einerseits meine eigenen migrationsbiographischen Erfahrungen als Tochter italienischer ArbeitsmigrantInnen, die Migrationserfahrungen meiner Mutter, meine beruflichen Erfahrungen in der Beratung und Begleitung von MigrantInnen sowie mein soziales Engagement im Migrationsbereich und für die Menschenrechte indigener Völker“ (S. 17). Hinzu kommt die Tatsache, dass bisher kaum qualitative Sozialforschung zum Thema Depression bei Migrantinnen in der Schweiz existiert. Insbesondere fehlt es an der Perspektive der Betroffenen selbst. In der Depressionsforschung wird hinsichtlich der Entstehung dieser Erkrankung zwar auf biologische, psychologische und soziale Faktoren hingewiesen, den gesellschaftlichen Einflüssen aber erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Diese Lücke zu füllen, ist das Anliegen des von Amina Trevisan verfassten Werkes.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Teile: Teil I „Theoretische Annäherungen an den Kontext der Forschung“, Teil II „Empirischer Teil 1“ und Teil III „Empirischer Teil 2“. Vorangestellt ist der Dank der Autorin an die Personen, die ihre Forschungsarbeit unterstützt haben, sowie eine Einleitung, in der sie das Ziel ihrer Arbeit benennt und den Aufbau des Buches darstellt. Das Ende des Werkes bildet ein ausführliches Literaturverzeichnis, gefolgt von einer Tabelle im Anhang, in der die wichtigsten Angaben zu den Interviewpartnerinnen zusammengestellt sind.

Im Teil I: „Theoretische Annäherungen an den Kontext der Forschung“ stellt die Autorin die theoretischen Ansätze und Perspektiven vor, die ihrer Arbeit zugrunde liegen, und gibt einen Überblick über den noch spärlichen Forschungsstand zum Thema Depressionen bei Migrantinnen. Da bei der Entstehung von Depressionen neben biologischen und psychologischen immer auch gesellschaftliche Faktoren beteiligt sind, diese aber vielfach kaum berücksichtigt werden, richtet die Autorin als Soziologin ihr Augenmerk speziell auf diese Dimension. Migration macht nicht per se krank (Kap. 2.4.), aber sie kann bei Migrantinnen durch das Stigma „psychisch krank“ zu einem erheblichen Belastungsfaktor werden, der zu anderen Stigmatisierungen (aufgrund des Geschlechts, der Ethnizität, der Schichtzugehörigkeit) hinzukommt, was verstärkt zu einem sozialen Ausschluss führen kann.

Die zentrale Fragestellung der von der Autorin durchgeführten Studie lautet (Kap. 2.5.): „Welche biographische Bedeutung hat das Krankheitserleben im Kontext der Migrationserfahrung und der Gesamtbiographie von an Depression erkrankten Frauen aus Lateinamerika“ (S. 40). Bisher gibt es kaum Forschungsbefunde zu diesem Thema (Kap. 2.6.). Ausgesprochen selten hat sich die Forschung mit Migrantinnen aus Lateinamerika beschäftigt. Insbesondere ist kaum etwas darüber bekannt, „wie eine Migrantin eine Depression erlebt und welche subjektive Deutung sowie persönlichen Erklärungen sie für ihren psychischen Zustand hat“ (S. 41).

Im Kapitel 3 „Biographie als theoretischer Zugang im Forschungsbereich Migration und Gesundheit“ schildert Amina Trevisan die „Biographie als soziales Konstrukt“ (Kap. 3.1), gibt einen Überblick über die Geschichte und die Grundannahmen der Biographieforschung (Kap. 3.2, 3.3 und 3.4) und verweist auf die „Prozessstruktur des Lebensablaufs“ (Kap. 3.5). In ihrer Studie orientiert sich die Autorin an diesem theoretischen Konzept der Prozessstrukturen des Lebenslaufs von Schütze, das ihr besonders geeignet erscheint, „um die wechselseitigen Bedingungen von sozialen und biographischen Prozessen im Migrationskontext herauszuarbeiten“ (S. 67).

Im Teil II: Empirischer Teil 1 steht die empirische Studie der Autorin im Mittelpunkt. Das „Methodologische und methodische Verfahren“ wird im Kapitel 4. dargestellt: Auswahl der Interviewteilnehmerinnen (17 Gesprächsteilnehmerinnen aus acht lateinamerikanischen Ländern mit Depressionserfahrungen), Profil der Forschungsteilnehmerinnen und Auswahl der Fälle für eine extensive Fallrekonstruktion. Im Verlauf ihrer Arbeit entschied sich die Autorin, zwei konträre Biographien ausführlich darzustellen und auszuwerten, weil sie sich als besonders ergiebig erwiesen und einen wichtigen Beitrag zur Beantwortung der Forschungsfragen lieferten. Die Interviews wurden nach dem Auswertungsverfahren von Schütze in einer Modifikation nach Rosenthal in den folgenden sechs Schritten analysiert (S. 110 ff.): Analyse der biographischen Daten (Ereignisdaten), Text- und thematische Feldanalyse (Analyse der Textsegmente – Selbstpräsentation/erzähltes Leben), Rekonstruktion der Fallgeschichte (erlebtes Leben), Feinanalyse einzelner Textstellen (kann jederzeit erfolgen), Kontrastierung der erzählten mit der erlebten Lebensgeschichte, Typenbildung.

Es zeugt von der Umsichtigkeit, mit der die Autorin ihre Studie durchgeführt hat, dass sie im methodischen Teil ihres Buches sehr offen auch ihre Rolle und Position als Forscherin im Feld mit ihren eigenen Migrations- und Depressionserfahrungen (Kap. 4.4) und die daraus resultierende Frage eines möglichen „Nähe-Distanz-Dilemmas zum Untersuchungsfeld“ (Kap. 4.5) diskutiert. Bei sozialwissenschaftlichen Studien stellt sich immer wieder diese Frage, wie „nah“ die Untersucherinnen und Untersucher ihrem Untersuchungsgegenstand sein dürfen und ob es sinnvoll ist, wenn sie eigene Erfahrungen einbeziehen. Sich stützend auf die Grounded Theory (Anselm L. Strauss), der gemäß bei der Interpretation von Forschungsdaten auch Kontextwissen aus persönlichen Erfahrungen einzubeziehen ist, nutzt Amina Trevisan ihr Kontextwissen als eine wichtige Dimension. Ihre Position als Forscherin ist durch Erfahrungen auf drei Ebenen geprägt, indem sie „eine Minderheit erstens aus der eigenen Minderheitsperspektive als Angehörige der Migrationsbevölkerung, zweitens als selbst betroffene Frau als Migrantin der zweiten Generation mit einer eigenen Depressionserfahrung und drittens als Tochter einer Migrantin der ersten Generation, die eine Depression im Kontext der Migration erfahren hat“ (S. 82).

Die Autorin ist sich der Herausforderung des daraus resultierenden Spagats zwischen Nähe und Distanz sehr bewusst. Wie die hohe Qualität der Interviews und der Auswertung dieses Materials zeigt, hat sich die Nähe der Autorin zu ihren Interviewpartnerinnen indes in keiner Weise nachteilig oder gar in Form unzulässiger Verzerrungen ausgewirkt. Sie hat die Nähe zum Untersuchungsfeld vielmehr positiv zu nutzen vermocht. Eine zentrale Erfahrung der Autorin ist: „Nur wenn ich dem Menschen in seiner Not, seinem Schmerz, Leid, seiner Freude oder allgemein in seiner Lebensgeschichte beziehungsweise in seiner Ganzheit mit echtem Interesse und empathischer und ungeteilter Aufmerksamkeit begegne, konnte ich mehr Vertrauen erwecken und dadurch eine wahre Verbundenheit zwischen den Interviewten und mir entstehen lassen. Das bewusste und aufrichtige Hinwenden zu einem Menschen sowie das Sich-Einlassen auf das Gegenüber ist meines Erachtens eine Voraussetzung, damit die interviewte Person die Bereitschaft verspürt, über ihre schmerzhaftesten und intimsten Erfahrungen zu erzählen. Die Beziehungsdynamik zwischen den Studienteilnehmerinnen und mir als Forscherin ist folglich von enormer Bedeutung für die Generierung neuer Erkenntnisse“ (S. 83/84).

Die Kapitel 5 und 6 sind den exemplarischen, ausführlichen Falldarstellungen von zweier Migrantinnen gewidmet. In Kapitel 5 schildert die Autorin die Geschichte von Amalia Torres, „Leben als ‚Ausländerin‘ in der Aufnahmegesellschaft und gleichzeitig in der Ehe“, einer Frau afro-venezolanischer Herkunft, die in Venezuela die Schule mit der Maturität abgeschlossen und ein Marketing-Studium absolviert hatte und danach als Event-Managerin tätig war. Die Lebensgeschichte von Amalia Torres ist weitgehend von der Sehnsucht nach einer Familie und nach Zugehörigkeit charakterisiert. In ihrer Ehe mit einem Schweizer Ehemann versuchte sie ihre Vorstellung einer egalitären Ehe zu erfüllen. Ihre Biographie in der Schweiz ist jedoch von Enttäuschungen, gesellschaftlichen Ausschluss- und Abwertungserfahrungen, Armut, Rassismus sowie von Brüchen und Krisen geprägt. Die Beziehung zu ihrem Mann ist durch ökonomische Abhängigkeit und, damit verbunden, durch ungleiche Machtverhältnisse und unterschiedliche Vorstellungen einer Ehe charakterisiert. Die Schwierigkeiten verschärfen sich nach der Scheidung der Ehegatten in Form eines Abstiegs des sozioökonomischen Status und eines erschwerten Zugangs zum Arbeitsmarkt. Die in Venezuela gut ausgebildete Frau erlebt eine Dequalifikation, muss unqualifizierten Arbeiten nachgehen und erlebt durch fehlende soziale Anerkennung und Degradierung erhebliche Belastungen.

Die Biographin ist als erwerbstätige Alleinerziehende zweier kleiner Kinder auf sich alleine gestellt. Sie erfährt Rassismus in Form physischer und psychischer Gewalt und erlebt Armut und die Angst als Sozialhilfeempfängerin vor einer drohenden Ausweisung in ihr Herkunftsland. Hinzu kommt das verinnerlichte Gefühl von Minderwertigkeit und mangelndem Selbstwert, was sich negativ auf ihre psychische Gesundheit auswirkt. Amalia Torres erkrankt an einer Depression. In dieser Situation hat sie keine Unterstützung durch ihre Familie, die in Venezuela lebt, oder durch den Vater ihrer Kinder, der nach der Trennung die Schweiz verlassen hat, ohne seinen Unterhaltsverpflichtungen nachzukommen. Der Versuch, professionelle Hilfe zu finden, misslingt, da Amalia Torres dort nicht die erhoffte Unterstützung findet. Hilfreich sind vielmehr die sozialen Beziehungen, die sie in einer Glaubensgemeinschaft findet. Einen biographischen Wendepunkt im Leben von Amalia Torres stellt die Trennung von ihren beiden Kindern dar, denen sie aufgrund ihrer Depression nicht gerecht zu werden vermochte, was sie aber als subjektiv erlebte Misserfolgserfahrung interpretiert. Dennoch wird diese Krise für Amalia Torres zu einer Zeit der Neuorientierung, die zu einer Reinterpretation ihrer eigenen Biographie führt. Retrospektiv betrachtet sie die Depressionserkrankung als eine Chance, die ihr dazu verhalf, auf die sozialen Missstände in ihrem Leben adäquat zu reagieren und ihr Leben zu ändern. „Die Fähigkeit, ihre Lebenssituation umzudeuten und ihren Erfahrungshintergrund sinnstiftend auszustatten, führt dazu, dass die Biographin mit der schmerzhaften Trennung besser umgehen kann“ (S. 180). Im Zuge einer selbstreflexiven Auseinandersetzung und einer aktiven Bearbeitung der psychischen Erkrankung hat Amalia Torres einen offensiven Umgang mit der Depression entwickelt. „Zwar ordnet Amalia Torres die erlebten Abwertungen und Benachteiligungen auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt ihrer lateinamerikanischen Herkunft zu und stellt somit einen direkten Zusammenhang mit gesellschaftlichen Strukturen her, die Depressionserkrankung empfindet sie aber als persönliches Versagen und gibt sich dafür die Schuld. Somit setzt sie die Erkrankung an einer Depression nicht mit strukturellen Problemen in Zusammenhang, sondern interpretiert Defizite auf einer individuellen Ebene“ (S. 181).

Die in Kapitel 6 dargestellte exemplarische Falldarstellung von Leonor Castro, einer aus einer wohlhabenden Akademikerfamilie stammenden Frau mexikanischer Herkunft, trägt den Titel „Als ob ich aus dem Dschungel komme‘“. Die Autorin stellt auch dieses Interview aus kontrastiven Gründen ausführlicher dar. Der deutlichste Unterschied zur Biographie von Amalia Torres liegt zum einen in den Migrationsmotiven und der Einreiseart und zum anderen in der subjektiven Bedeutung von Berufstätigkeit, in den belastenden Lebensereignissen, die eine Depression ausgelöst haben. Unterschiede bestehen auch im Hinblick auf den Umgang mit der Erkrankung und die Inanspruchnahme von Behandlung. Im Leben der Biographin mit drei universitären Abschlüssen spielen die Bildungs- und Leistungsorientierung sowie der berufliche Werdegang von Jugend an eine zentrale Rolle. Sie schildert sich als berufs- und aufstiegsorientierte Frau, die in einer Familie aufgewachsen ist, in der es eine traditionelle geschlechtsspezifische, aber auch am Oberschichtsmilieu orientierte Rollenverteilung gibt. Schon während der Schulzeit in Mexiko-City macht sie die bis in die Gegenwart andauernde Erfahrung, als nicht zugehörig und als „anders“ betrachtet zu werden. Leonor Castro distanziert sich in ihrem Heimatland ausdrücklich von den sozial gängigen Geschlechterrollenvorstellungen und sucht Autonomiespielräume im beruflichen wie auch im privaten Bereich. Damit verbindet sich ihr ausgeprägtes Streben nach Selbstverwirklichung und finanzieller Unabhängigkeit.

Dies führt zur Entscheidung, ihr Herkunftsland zu verlassen und in die Schweiz zu kommen, mit der sie die Möglichkeit persönlicher und beruflicher Entfaltung und Offenheit für egalitäre Paarbeziehungen verbindet. Diese Erwartungen werden jedoch bitter enttäuscht durch eine unerwartete Kündigung, Mobbing am Arbeitsplatz und Erfahrungen beruflichen Ausschlusses, der für die Biographin einen Abstiegsprozess, begleitet von Depressionserkrankungen, darstellt. „Das subjektiv empfundene Misslingen ihres Migrationsprojekts, das mit einer Abwärtsspirale verwoben ist, hat einen Lebensbruch zur Folge“ (S. 274). In der Präsentation ihrer Biographie macht Leonore Castro eine deutliche Trennung zwischen ihrem Leben als erfolgreiche berufstätige Frau und dem Leben danach. Diese beiden Abschnitte kann sie nicht in Einklang bringen. Die Tatsache, dass in ihren Erzählungen die Zeit vor der Migration den größten Raum einnimmt, versteht die Autorin als Wunsch der Biographin, ausdrücklich auf die für sie so wichtigen Bildungs- und Berufserfolge in Mexiko zu verweisen, da die Zeit nach der Migration für sie mit negativen Erfahrungen am Arbeitsplatz, fehlendem Zugang zur Arbeitswelt und Dequalifizierung verbunden ist. Das gesamt kulturelle Kapital der Biographin, das für sie identitätsstiftend ist, wird in der Schweiz nicht bzw. nicht mehr anerkannt.

Als weitere zentrale Thematik in Leonor Castros biographischer Selbstkonstruktion erweist sich die Erfahrung von Stigmatisierung und Rassismus, die sich durch ihr ganzes Leben zieht. Das Gefühl, als Mensch diskreditiert, abgelehnt und geringgeschätzt zu werden, prägt ihre Selbstwahrnehmung negativ, wobei ihre Sensibilität für Fremdzuschreibungen und Differenzerfahrungen bereits in ihrer Jugend begründet liegt. In der Schweiz wird der Biographin der Status einer „Exotin“ zugewiesen, gegen den sie sich mit aller Kraft auflehnt. Im Berufsleben widersetzt sie sich vehement positiven wie auch negativen Differenzzuschreibungen. Wie am Arbeitsplatz ist Leonor Castro auch im Kontext staatlicher Institutionen sowie im öffentlichen und privaten Raum von rassistischen Beleidigungen und exotisierenden Zuschreibungen betroffen. „So zeichnet sich die soziale Positionierung der Biographin durch eine mehrfache Nichtanerkennung vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Differenzlinien aus. Mit der expliziten Bezugnahme auf ethnische und migrationsspezifische Differenzerfahrungen illustriert die Biographin, dass Rassismus, gesellschaftliche Abwertung und Ablehnung ihr Leben massiv beeinflussen“ (S. 275).

Die beiden depressiven Episoden im Leben von Leonor Castro werden von ihr selbst im Kontext der Arbeit und den dort erlebten Ausgrenzungen und Mobbing-Erfahrungen verstanden. In Anbetracht der Konzentration der Biographin auf ihre Leistungen ist der Verlust der Arbeitsstelle für sie zu einer krisenhaften Erfahrung geworden, welche die berufliche Identität und das Selbstbild zentral angreift. Aufgrund mangelnder Perspektiven versinkt sie in einen Zustand tiefer Hoffnungslosigkeit. Der Zugang zum Schweizer Arbeitsmarkt bleibt Leonor Castro versperrt, und ihr Leben als erwerbslose Frau ist von sozialem und beruflichem Abstieg, sozialer Isolation sowie von finanziellen Schwierigkeiten und von Abhängigkeit gekennzeichnet, was auch zum Verlust ihrer Selbstachtung führt. Die Autorin stellt fest, „dass die Diskrepanz zwischen ihrem sozialen Status in Mexiko und der neuen sozialen Position in der Schweiz negative Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit hat“ (S. 277). Ohne Aussicht auf Berufstätigkeit stellt Leonor Castro die Sinnhaftigkeit ihres Lebens in Frage. „Durch die Nichterfüllung der eigenen Erwartungshaltung und der Ambitionen im Kontext der Erwerbsarbeit wird das Migrationsziel als gescheitert empfunden“ (S. 278), was von ihr als eigene Schuld interpretiert wird und den Selbstvorwurf nach sich zieht, eine „Versagerin“ zu sein.

Der Teil III: Empirischer Teil 2 ist der Analyse aller Interviews, der beiden exemplarischen Biographien von Amalia Torres und Leonor Castro sowie der übrigen 15 Migrantinnen, gewidmet. Das fallübergreifende Ergebnis ihrer Analyse ist für Amina Trevisan: „Die Migration ist nicht per se Auslöser einer Depression, sondern es sind negative Erfahrungen im Kontext der Migration, gesellschaftliche Bedingungen und belastende Lebenssituationen im Aufnahmeland, die für Frauen aus Lateinamerika krankheitsauslösend sind. Darüber hinaus tragen Ungleichbehandlung und andauernde Ungerechtigkeitserfahrungen sowie das Gefühl des sich Nicht-angenommen-Fühlens wesentlich dazu bei, dass Migrantinnen in chronische Belastungssituationen geraten“ (S. 282).

In den Kapiteln 8. bis 12. diskutiert die Autorin die zentralen fünf Themenbereiche, in welche die lateinamerikanischen Frauen ihre Krankheitserfahrungen einer Depression eingebettet haben:

Rassismus und sein Einfluss auf die psychische Gesundheit

Alle 17 interviewten lateinamerikanischen Frauen waren von Rassismus und rassistisch konnotierter Diskriminierung betroffen. Rassismus ist in der deutschsprachigen Schweiz „ein beständiger Teil des Alltagserlebens der befragten Migrantinnen“ (S. 489). Die Interviews zeigen, dass es keine einmaligen Vorfälle sind, sondern das wiederkehrende Erleben und die Abfolge rassistischer Ereignisse, die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Dabei besteht die Gefahr, dass öffentliche Stigmatisierung in Selbststigmatisierung umschlägt., wodurch die negativen Fremdzuschreibungen in das Selbstbild übernommen und verinnerlicht werden. Dies hat Gefühle von Minderwertigkeit und Selbstabwertung zur Folge. Die Autorin kommt zum Schluss: „Rassismus (…) darf als Risikofaktor für die psychische Gesundheit nicht ausgeblendet oder unterschätzt werden“ (S. 490).

Depression im Kontext von beruflichem Ausschluss und Dequalifizierung

Die Erfahrung beruflichen Ausschlusses und des erschwerten Zugangs zum Arbeitsmarkt in der Schweiz stellen weitere erhebliche soziale Belastungsfaktoren dar. Die interviewten Frauen leiden insbesondere unter der Nichtanerkennung ihrer mitgebrachten Kompetenzen und der Entwertung ihres Wissens, was oft mit ökonomischen Nachteilen einhergeht. Die Depression ist bei ihnen in zahlreiche Verlusterfahrungen eingebettet, wobei der Verlust der Arbeit bzw. der fehlende Zugang zu qualifizierter Arbeit mit schlecht bezahlten Stellen eine wesentliche Rolle spielt. „Die Depression im Leben der migrierten Frauen ließ sich in diesem Zusammenhang als eine ‚berufsbiographische Depression‘ rekonstruieren“ (S. 491).

Depression im Kontext von Armut und ökonomischen Schwierigkeiten

Als Ursachen für die Armut dieser Frauen und die daraus resultierende Depression arbeitet Amina Trevisan aus den Interviews die folgenden Faktoren heraus: familiäre Einkommensarmut, erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt aufgrund der fehlenden Anerkennung der in Lateinamerika erworbenen Abschlüsse und die marginale Arbeitsmarktpartizipation. Hinzu kommt Scheidung der Ehe, das Leben als alleinerziehende Frau mit den Problemen der Vereinbarkeit von Kind und Beruf aufgrund mangelnder kostengünstiger Kinderbetreuungsangebote, keine Unterhaltszahlungen für die gemeinsamen Kinder, Verwitwung sowie Erwerbslosigkeit.

Depression im Kontext von fehlender sozialer Unterstützung

Die Entstehung einer Depression wird begünstigt, wenn zu den erwähnten Belastungsfaktoren fehlende soziale Unterstützung hinzukommt. Dies kann vor allem bei Migrantinnen mit Kleinkindern und schulpflichtigen Kindern zu einer Überforderungssituation werden, die zu einer Depression führt. Dabei wirkt sich die mangelnde soziale Unterstützung von engen Angehörigen für die Bewältigung der Erkrankung besonders nachteilig aus.

Depression im Kontext einer binationalen Ehe

Eine wichtige Erkenntnis aus den Interviews ist, „dass Rassismus nicht nur in der Aufnahmegesellschaft, sondern auch innerhalb einer binationalen Ehe erlebt wurde“ (S. 492), was bei den interviewten Frauen zu besonders großem Leid führt und eine der Ursachen ihrer Depression ist. Die lateinamerikanischen Frauen erleben in diesen Beziehungen oft erhebliche Geschlechterungleichheiten und asymmetrische Machtverhältnisse. Diese Situation verschärft sich nochmals im Falle finanzieller Abhängigkeit vom Ehemann infolge Erwerbslosigkeit bzw. einer Arbeit im Niedriglohnbereich. Die Enttäuschung über die Geschlechterungleichheit ist deshalb besonders groß, da die Mehrzahl der befragten Frauen durch die Heirat mit einem Europäer angenommen hatte, eine gleichberechtigtere Beziehung als mit einem Mann aus dem Herkunftsland eingehen zu können. Viele Schweizer Ehemänner hatten hingegen eine ausgesprochen traditionelle Rollenerwartung.

Was den Umgang mit der Depression und die eingeschlagenen Heilungswege angeht, ergeben sich aus den Interviews sehr unterschiedliche Strategien. Einige Frauen wussten, wie sie professionelle Unterstützung finden konnten, andere waren dazu nicht in der Lage. Einige Frauen brachen die Psychotherapie wieder ab und rekurrierten auf Selbstbehandlung. Manche Frauen lehnten eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung prinzipiell ab, da sie das Stigma der „psychischen Erkrankung“ fürchteten. Hilfreich und als Ressource erwiesen sich im Leben vieler lateinamerikanischer Migrantinnen der katholische Glaube und speziell die kirchliche Glaubensgemeinschaft, aus denen sie Kraft und Rückhalt zu gewinnen vermochten.

Amina Trevisan kommt in ihren abschließenden Betrachtungen aufgrund der von ihr durchgeführten Interviews zum Schluss, „dass sich die biographische Bedeutung der Depression aus den Erfahrungen und Bedingungen der Migration, aus einem Zusammentreffen von belastenden Lebensereignissen sowie aus dem gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Kontext des Aufnahmelandes konstituiert“ (S. 494). Daraus ergibt sich für die Autorin die Forderung an jede einzelne Person ebenso wie an unsere Gesellschaft als Ganze: „Wenn wir aufhören, uns vom Leid von Menschen berühren zu lassen, die einen neuen Lebensmittelpunkt suchen, dann verlieren wir selber etwas von unserer Menschlichkeit. Wir müssen das seelische und soziale Leid von MigrantInnen in ihrem vielfältigen Ausmaß verstehen, anerkennen und würdigen lernen. Wir müssen mehr Liebe und Empathie wagen – als Individuum und als Gesellschaft – gegenüber MigrantInnen“ (S. 495).

Diskussion

Mit ihrer Dissertation zum Thema „Depression und Biographie“ legt Amina Trevisan eine hervorragende, sorgfältig durchgeführte und differenziert ausgewertete Studie zur Migration lateinamerikanischer Frauen vor. Dieser Arbeit kommt insofern große Bedeutung zu, als es bisher kaum empirische Studien zu diesem Themenbereich gibt. Was die Autorin am Beispiel der Schweiz schildert, lässt sich in vielerlei Hinsicht zweifellos auch auf andere europäische Länder übertragen. Sehr hilfreich für die Planung anderer ähnlicher Studien sind auch die Ausführungen im methodologischen Teil des Buches, wo sich die Autorin ausführlich mit den wichtigen Fragen der Nähe und Distanz der Untersuchenden zum Untersuchungsfeld auseinandersetzt. Ich stimme ihr voll zu, dass bei Forschungsvorhaben dieser Art Kontextwissen einzubeziehen ist und persönliche Erfahrungen (bei der Autorin die Migrationserfahrungen ihrer Eltern, ihre eigene Situation als Angehörige der zweiten Generation, die Depression ihrer Mutter und eine selbst durchgemachte depressive Episode) sich als hilfreich für den Umgang mit InterviewpartnerInnen und den ermittelten Daten erweisen. Dafür, dass dies bei einer selbstkritischen Haltung und einem fundierten Wissen um methodisch korrektes Vorgehen möglich ist, ist die Studie von Amina Trevisan der beste Beweis. Die fünf von der Autorin herausgearbeiteten, im Teil III ihres Buches dargestellten Bereiche, die bei die Entstehung von Depressionen zu beachten sind, lassen sichtbar werden, wie wichtig es ist, neben biologischen und psychologischen Faktoren auch die gesellschaftlichen Determinanten zu berücksichtigen. Aus diesem Befund ergibt sich für mich die Schlussfolgerung, dass wir auch bei der therapeutischen Arbeit mit anderen an Depressionen erkrankten Personen prinzipiell den sozialen und politischen Bedingungen, unter denen die Kranken leben, größere Beachtung schenken sollen als wir es im Allgemeinen tun.

Fazit

Das Buch von Amina Trevisan stellt eine fundierte Studie zum Thema der Depression dar, die Migrantinnen in der Schweiz durchgemacht haben. Trotz seiner Wissenschaftlichkeit und seines großen Umfangs von gut 500 Seiten ist es von der ersten bis zur letzten Seite spannend zu lesen. Dies ist nicht zuletzt dem anschaulichen Stil der Autorin und ihrer Fähigkeit geschuldet, anschauliche Schilderungen der Interviewpartnerinnen und analytische Bearbeitung der Gespräche miteinander zu verbinden. Das Buch ist hervorragend geeignet für sozialwissenschaftlich Interessierte, Praktizierende im Bereich Migration, Gesundheit und Psychotherapie ebenso wie für alle, die sich mit gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinandersetzen.


Rezension von
Prof. emer. Dr. rer. nat. Udo Rauchfleisch
Dipl.-Psych., Psychoanalytiker (DPG, DGPT). Ehem. Leitender Psychologe Psychiatrische Universitätspoliklinik Basel. In privater psychotherapeutischer Praxis.
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Zitiervorschlag
Udo Rauchfleisch. Rezension vom 22.09.2020 zu: Amina Trevisan: Depression und Biographie. Krankheitserfahrungen migrierter Frauen in der Schweiz. transcript (Bielefeld) 2020. ISBN 978-3-8376-5079-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27463.php, Datum des Zugriffs 27.10.2020.


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