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Frank Neubacher: Kriminologie

Cover Frank Neubacher: Kriminologie. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2020. 4. Auflage. 270 Seiten. ISBN 978-3-8487-4453-4. 25,90 EUR.

Reihe: NomosLehrbuch.
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Thema

Es gibt nicht unwesentliche Stimmen, die den Bedarf an kriminologischen Lehrbüchern in Frage stellen. Als ein wesentliches Argument werden die umfangreich verfügbaren Informationen bzw. Publikationen im Internet ins Feld geführt. Dass sich dennoch einige Ausgaben auf dem Markt behaupten können, scheint diese These zu wiederlegen.

Die Kriminologie behandelt ein spannendes Feld, zählt dennoch zu den eher wirkungsärmeren Disziplinen, was nicht selten in der geringen Einflussnahme auf die kriminalpolitisch beeinflusste Gesetzgebung deutlich wird. Ebenso steht die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Polizei mitunter im Gegensatz zu dem, was die Kriminologie lehrt. Das, was sie lehrt, kann dem Buch von Neubacher entnommen werden.

Autor

Professor Dr. Frank Neubacher leitet das Institut für Kriminologie an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln. Als Autor bzw. Herausgeber kriminologischer Monografien, Sammelbände oder Aufsätze zählt er in der Kriminologie zu den bekannteren Stimmen in Deutschland.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund des Lehrbuches sollte bei den nachführenden Äußerungen immer mitberücksichtigt werden. Es handelt sich um ein Buch, das aus den Vorlesungen des Autors entstanden ist und für die Studierenden konzipiert wurde (S. 6). Das Lehrbuch erschien nun in seiner 4. Auflage. Nach der ersten Auflage im Jahr 2011 folgten die zweite Auflage im Jahr 2014 und die dritte Auflage im Jahr 2017. Insbesondere neben den kriminologischen Lehrbüchern von Kunz/Singelnstein (7. Auflage), Schwind (23. Auflage), Göppinger (6. Auflage – ohne Fortsetzung), Eisenberg/Kölbel (7. Auflage) und Bock (5. Auflage) zählt der Beitrag von Neubacher zu den bekanntesten Werken in Deutschland. Bock ordnet das Lehrbuch von Neubacher treffend dem kriminologischen Mainstream zu (vgl. Bock 2019: 407).

Aufbau

Zunächst gliedert sich das Lehrbuch in zwei Hauptteile. Teil 1 befasst sich mit den Grundlagen der Kriminologie und Teil 2 mit speziellen Tat- und Tätergruppen. Innerhalb dieser Hauptteile erfolgt eine Untergliederung in 26 Kapitel. Den Lehrbuchcharakter verdeutlichen die im Anschluss abgebildeten „10 Gebote für angehende Kriminologen und Kriminologinnen“ sowie Prüfungsfragen und -antworten. Am Ende des Lehrbuches finden sich ein Literaturverzeichnis und ein Stichwortverzeichnis.

Inhalt

Das Lehrbuch beinhaltet all das, was zu erwarten und zu fordern ist. Die 14 Kapitel des ersten Teils mit den Grundlagen der Kriminologie lassen sich in drei Kategorien zusammenfassen:

  1. Historische Bezüge der Kriminalwissenschaften
  2. Registrierung von Kriminalität
  3. Kriminalitätstheorien

Die Registrierung der Kriminalität beleuchtet der Autor aus den bekannten Blickrichtungen. Das sind vor allem die Polizeiliche Kriminalstatistik mit ihren bekannten Fehlerquellen, der Ausfilterungsprozess im Ermittlungsverfahren, das Hell- und Dunkelfeld, das Anzeigeverhalten und die Zusammenhänge von Alter bzw. Geschlecht und Kriminalität. Bei den Kriminalitätstheorien werden klassische und neuere Erklärungsansätze aufgezeigt. Darüber hinaus widmen sich weitere Kapitel beispielsweise dem Labeling Approach, der Viktimologie, der Kriminalprävention und der Sanktionsforschung. Der zweite Teil beschreibt im Anschluss verschiedene Kriminalitätsphänomene wie die Kriminalität von Zuwanderern (sog. Ausländerkriminalität), Eigentums- und Vermögenskriminalität, Wirtschaftskriminalität, organisierte Kriminalität, Gewaltkriminalität, Sexualkriminalität, Cybercrime oder Extremismus und Terrorismus.

Die abschließenden „10 Gebote für angehende Kriminologen und Kriminologinnen“ fasst Kernaussagen aus der Kriminologie zusammen, die vor etlichen Jahren im Rahmen einer Vorlesung zusammengetragen wurden, beispielsweise:

  1. Du sollst Bedeutung und Leistungskraft von Kriminalitätstheorien nicht unterschätzen.
  2. Du sollst nicht denken, dass Du selbst nicht kriminell werden könntest.
  3. Massenmedien und Kriminalpolitik verfolgen eigene Interessen. Ihre Kriminalitätsdarstellungen sollst Du nicht für die Realität halten.

Die anschließenden 25 Prüfungsfragen (einschl. Antworten) dienen der Vorbereitung auf die Prüfungen.

Diskussion

Die enge Bindung des Lehrbuchs an den Lehrbetrieb ist für eine allgemeine Rezension im Kontext der übrigen Kriminologie-Lehrbücher nicht unproblematisch. Im Vorwort zur ersten Auflage zeigt der Autor auf, dass es Ziel des Lehrbuches ist, „das Wesentliche fest[zu]halten und zu eigenen Überlegungen anzuregen“ (S. 6). Dennoch vorab: Kritik am Lehrbuch ist nicht mit Kritik am Lehrbetrieb gleichzusetzen.

Die kriminologischen Ausführungen befinden sich auf den Seiten 21 bis 224, womit deutlich wird, dass die umfangreichen Themen sehr komprimiert dargestellt sind. Die kleine Schriftgröße trägt dazu bei, den begrenzten Umfang möglichst gut nutzen zu können. Etliche Abbildungen, Tabellen – insbesondere Karikaturen – lockern den Lesefluss angenehm auf. Vor allem die Nutzung von Karikaturen erweist sich in einem kriminologischen Lehrbuch als ein gutes Stilmittel.

Im Vorwort für die vierte Auflage erfahren die Leser/​-innen recht wenig über inhaltliche Veränderungen. Im Wesentlichen, so scheint es, geht es um Aktualisierungen (S. 5). Mit Blick auf die Quellenhinweise in den Fußnoten weist die aktualisierte Auflage eher auf ein kleines Update hin. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Kriminologie ohnehin nicht regelmäßig mit spektakulären Neuerungen aufwartet. Zudem erscheinen im deutschsprachigen Raum die wenigen kriminologischen Zeitschriften mitunter unregelmäßig, insbesondere die renommierte Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform.

Generell werden die einzelnen Themen recht kurz behandelt; die Leser/​-innen erfahren jeweils grundlegendes über die vorgestellten Inhalte, doch ist in der Regel kein Platz für die Vermittlung von Grundlagenwissen. Hier hätte sich ein ausdifferenzierteres Literaturverzeichnis angeboten, wie es beispielsweise Bock in seinem kriminologischen Lehrbuch anbietet (vgl. Bock 2019: 407 ff).

Gut lässt sich dies am Beispiel der sozialökologischen Ansätze (S. 95 ff) veranschaulichen. Der Untertitel dieses Kapitel lautet: „Kriminalgeographie – broken windows – defensible space“ (S. 95). Zusammengefasst werden die Inhalte auf 4 Seiten dargestellt, in denen weder Adolphe Quetelet, André-Michel Guerry als historische Bezüge, noch die prägenden kriminalgeografischen Untersuchungen in Deutschland von Opp, Hellmer, Herold oder Schwind Berücksichtigung finden. Von den vier Seiten bezieht sich bereits eine Seite auf die broken windows-Experimente aus Groningen und München. Dem Zusammenhang von Raum und Kriminalität hätte sicherlich ein eigenes Kapitel gut getan.

Das 17. Kapitel widmet sich der Eigentums- und Vermögenskriminalität. Im Untertitel tauchen die Begriffe „Kriminalität der Normalen“ sowie „Abrechnungsbetrug“ auf (S. 172). Treffend weist der Autor auf die Nähe des medizinischen Abrechnungsbetrugs zur Wirtschaftskriminalität hin (zur Wirtschaftskriminalität gibt es ein eigenes Kapitel). Damit wird der Autor den bekannten kriminellen Strukturen im Gesundheitswesen allerdings nicht gerecht und banalisiert dieses, in dem er den Schwerpunkt des Themas in den Kontext der „Kriminalität der Normalen“ stellt. Das zentrale Problem sind eben nicht die Abrechnungsbetrügereien der Patienten, sondern der leider nicht seltene systematische Abrechnungsbetrug von Ärzten, Apothekern oder Pflegediensten, der von normativen Rahmenbedingungen begünstigt wird. Der Beitrag zum Abrechnungsbetrug sollte in einer späteren Auflage entweder im Kapitel zur Wirtschaftskriminalität oder zur organisierten Kriminalität erscheinen. Im Kapitel über die Wirtschaftskriminalität sollte ohnehin noch das einschlägige Bundeslagebild des Bundeskriminalamtes Aufnahme finden (S. 184 ff).

Zur Vermeidung von verkürzten Darstellungen wäre zu prüfen, künftig weniger prominente Themen zu streichen, wie das Kapitel über die Straßenverkehrskriminalität, oder für mehr Konsistenz zu sorgen, indem beispielsweise die Kapitel Alterskriminalität (S. 161 ff) und Kriminalität und Alter (S. 71 ff) zusammengefasst werden. Zudem könnte die Gewichtung bei einzelnen Themen Anlass zur Prüfung geben: Während die Beschreibung der Kriminalitätsfurcht als eine der zentralen kriminalpolitischen Themen seit den 1990er Jahren mit 2,5 Seiten unterrepräsentiert ist, erhält die Beschreibung des Milgram-Experiments auf sieben Seiten ungewöhnlich viel Platz (S. 122 ff).

Fazit

Bei dem Lehrbuch von Neubacher handelt es sich einen gut lesbaren Beitrag zur Kriminologie, in dem die erforderlichen Themen Berücksichtigung finden. Der geringe Preis von 25,90 € trägt zur Steigerung der Attraktivität bei. Mit Blick auf die allgemeine Ausrichtung des Lehrbuches sowie den geringen Preis gibt es wenig Konkurrenz auf dem Markt. Andere Lehrbücher sind entweder teurer oder unterscheiden sich in der inhaltlichen Ausrichtung. Wünschenswert wäre, wenn sich das Lehrbuch noch etwas mehr der Vermittlung von Grundlagenwissen widmen würde oder zumindest auf die hierzu erforderliche Literatur verweisen könnte.

An wen richtet sich das Buch? Als Lehrbuch deklariert stehen natürlich Studierende im Vordergrund. Daneben wird das Werk auch Polizeischülerinnen und -schülern empfohlen, zumal deren kriminologischen Kenntnisse nicht immer im wünschenswerten Umfang ausgeprägt sind (die Kritik richtet sich vornehmlich an die Bildungseinrichtungen der Polizei, die für die Lehrplangestaltung verantwortlich sind). Auch für die an der Kriminologie interessierten Personen bietet Neubacher einen gut lesbaren Zugang. Die vierte Gruppe bilden die Kriminologen und/oder Lehrende, denen mit dem Lehrbuch ein schnelles und zuverlässiges Erstnachschlagewerk zur Verfügung steht. Die Zusammenstellung der potentiellen Adressaten zeigt: Das Lehrbuch von Neubacher bietet unterschiedlichen Zielgruppen eine wertvolle und verlässliche Hilfestellung in einem sehr guten Preis-/​Leistungsverhältnis. Wünschenswert ist die baldige Veröffentlichung eines recherchefreundlichen E-Books.

Literatur

Bock, Michael (2019): Kriminologie, 5. Auflage. München: Verlag Franz Vahlen.


Rezension von
Karsten Lauber
M.A. (Kriminologie, Kriminalistik, Polizeiwissenschaft), M.A. (Public Administration)
Homepage www.researchgate.net/profile/Karsten_Lauber
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Zitiervorschlag
Karsten Lauber. Rezension vom 18.09.2020 zu: Frank Neubacher: Kriminologie. edition sigma im Nomos-Verlag (Baden-Baden) 2020. 4. Auflage. ISBN 978-3-8487-4453-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27465.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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