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Fritz Schütze: Professionalität und Professionalisierung

Cover Fritz Schütze: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern. Soziale Arbeit. UTB (Stuttgart) 2021. 359 Seiten. ISBN 978-3-8252-5462-9. 26,90 EUR, CH: 34,70 sFr.

Reihe: Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns.
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Thema

Im Fokus des Buches steht die professionelle Handlungslogik der Sozialen Arbeit. Anhand einer Vielzahl empirischer Beispiele entwickelt der Verfasser seine Idee von Fallanalyse und Fallarbeit.

Autor

Fritz Schütze lehrte als Professor für Allgemeine Soziologie/​Mikrosoziologie bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2009 an der Otto-Guericke-Universität Magdeburg. Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte sind Biographieanalyse und professionelles Handeln. In Kooperation mit Gerhard Riemann entwickelte Fritz Schütze den symbolisch-interaktionistischen Ansatz der Professionstheorie.

Entstehungshintergrund

Die Monographie von Fritz Schütze ist der dritte Band der von Cathleen Grunert herausgegebenen dreiteiligen Reihe „Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns“. Die Bände sind ursprünglich als Kurseinheiten eines gleichnamigen Moduls innerhalb des Masterstudienganges „Bildung und Erziehung: eEducation“ konzipiert worden. In der dreiteilig angelegten Reihe thematisiert der Band von Fritz Schütze Fallanalyse und Fallarbeit in der Sozialen Arbeit.

In einer Nachbemerkung stellt der Autor den Entstehungshintergrund des Buches dar. Eingearbeitet wurden Textstücke aus sieben Veröffentlichungen, die in der Nachbemerkung aufgelistet sind (S. 323). Eine buchlange Gesamtbetrachtung der Sozialen Arbeit als Profession hat die Einarbeitung dieser Textstücke in der Sicht von Fritz Schütze nötig werden lassen. Zu mehr als der Hälfte des Bandes sind allerdings neue Textstücke formuliert worden.

Aufbau

Nach einem knappen Vorwort werden in zehn Kapiteln, beginnend mit einer Vorbemerkung, eine Sichtweise auf Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit entwickelt. Im zweiten Kapitel wird die Mehrebenen-Fallanalyse von Mary Richmond dargestellt. Dies ist insofern naheliegend, da Fritz Schütze in den weiteren Kapiteln immer wieder auf die Arbeiten von Mary Richmond – dem „Archetypus“ für Fallanalyse und Fallarbeit in der Sozialarbeit – eingeht. Das dritte Kapitel schafft den erkenntnisbezogenen Rahmen der Professions- und Wissenschaftsarchitektur der Sozialen Arbeit (den Rahmen für Sozialarbeit und Sozialpädagogik). Vergleichsgegenüber für die „bescheidene Profession“ Soziale Arbeit ist die „stolze Profession“ Medizin. Im vierten Kapitel nimmt der Autor diese beiden Professionen in den Blick. Unter Hinzuziehung von Beispielen steht die Biographieanalyse im Mittelpunkt des fünften Kapitels. Das sechste Kapitel widmet sich der Fallanalyse als erkenntnisgenerierendes Verfahren. Im Zentrum dieses Kapitels stehen Mary Richmonds Dimensionen der Fallarbeit und Fallanalyse. Um Fallanalyse und sozialarbeiterische Beratungsarbeit geht es im siebten Kapitel. Arbeitsbedingungen und Paradoxien des professionellen Handelns thematisiert Fritz Schütze im achten Kapitel. In den professionspolitischen Überlegungen zur „bescheidenen“ Profession der Sozialen Arbeit werden viele Gedankengänge der vorangegangenen Kapitel im neunten Kapitel verdichtet. Wie bereits angesprochen, wird in einer Nachbemerkung (Kapitel zehn) der Entstehungshintergrund des Buches verdeutlicht.

Inhalt

Gleich in der Vorbemerkung formuliert Fritz Schütze das zentrale Kennzeichen einer „echten Profession“. Zentrale Kennzeichen sind nicht-alltägliche bzw. höhersymbolische Wissensbestände. Sie sind Gegenstand eines wissenschaftlichen Studiums.

In der Vorbemerkung werden vom Autor darüber hinaus die wichtigsten Eckpunkte des Buches aufgelistet:

  • die arbeitslogische Struktur der Sozialen Arbeit,
  • die Paradoxien professionellen Handelns und Soziale Arbeit als Profession,
  • die Fallanalyse als Basis sozialarbeiterischen Handelns,
  • Soziale Arbeit und Medizin im Vergleich,
  • Soziale Arbeit als Profession,
  • Biographieanalyse und biographische Arbeit sowie
  • Soziale Arbeit und Forschung.

Fallarbeit und Fallanalyse können sich z.B. auf Einzelpersonen, auf Familien, eine Gruppe von Kindern, aber auch auf eine spezielle Problemstellung von Personen (z.B. unbegleitete minderjährige Geflüchtete), ein größeres Kollektiv sowie ein Stadtteilgemeinwesen beziehen. Sehr prägnant arbeitet Fritz Schütze die Differenz zwischen „kollektiv und generell“ im zweiten Kapitel heraus (S. 25) und verweist vor diesem Hintergrund darauf, dass es der Soziologie vorrangig darum geht, generelle Aussagen zu treffen. Dabei wird in der Soziologie häufig ignoriert, dass Einzelfallanalysen für diese auch von großer Relevanz sind. Im zweiten Kapitel wird ferner benannt, was ein Fall ist und was Grundmerkmale von Fallprozessen sind:

  • Fälle sind Sozialprozesse mit einmaliger Geschichtengestalt,
  • Erzählen ist die Grundlage für die Fallanalyse,
  • es lassen sich verschiedene Fallprozessformen unterscheiden (u.a. Verlaufskurvenprozesse),
  • wichtig ist auch der Mehrebenencharakter von Problementfaltungen (wird verdeutlicht am Beispiel von Winifred Jones und ihren Kindern, entnommen aus Mary Richmonds „What is Social Casework?“ [1922]).

Durch die jeweils am Ende eines jeden Kapitels aufgeführten Reflexionsfragen können Leser und Leserinnen einschätzen, ob und wie sie die wichtigsten Aussagen des Textes verstanden haben. So wird z.B. gefragt, was unter einem Fall und was unter Fallprozessen zu verstehen ist.

„Sozialarbeit ist […] eine Profession und keine Wissenschaftsdisziplin an sich und für sich – wie das auch nicht die Medizin ist. Der Sozialen Arbeit als Profession liegt ein komplexer Wissenschaftsaufbau zugrunde, wie das auch – in noch höherem Maße – in der Medizin als Profession der Fall ist“ (S. 39), so stellt Fritz Schütze fest. Die Soziale Arbeit sei aber eine intensiv und extensiv erkenntnisgenerierende Profession, die überdies viele Forschungsfelder anregt. Im weiteren Gang des dritten Kapitels skizziert Fritz Schütze den Aufbau der Profession der Sozialen Arbeit. Außerdem schematisiert er die Struktur ihrer Arbeitsbögen, gemeint ist damit die Fallarbeit in ihrer generellen Gestalt. Hervorzuheben ist u.a. ihr integrierter Praxisbezug im Kontext einer umgreifenden klientenbezogenen Beratungskommunikation, ihre sozialwissenschaftliche Fundierung und ihre Verwendung sowie Entwicklung interdisziplinärer Analysemethoden zur Fallanalyse. Schütze hebt hervor, dass die Profession der Sozialen Arbeit aufgrund der wissenschaftlichen Durchdringung der sozialarbeitsspezifischen Interventionsformen aktiv an der Ausarbeitung einer sozialwissenschaftlichen Grundlagentheorie teilnimmt. Schließlich verfüge die Soziale Arbeit „wie keine andere Profession über metareflexive Klärungsverfahren“ (S. 46).

Zur Erleichterung des Verständnisses von Fallarbeit und Fallanalyse kreiert Fritz Schütze eine Tabula-rasa-Sozialarbeiterin, eine umsichtige, einfühlsame, lernbereite Anfänger-Sozialarbeiterin. Sie ist konfrontiert mit konkreten professionellen Fallarbeits-Problemkonstellationen. Es werden erste Erkenntnisschritte der Anfängerin formuliert, erweiterte Kontextbetrachtungen, die Auswahl einer geeigneten Interventionsform, die Bearbeitung des Mehrebenencharakters der Problementfaltung, Paradoxien wie auch Fehler bei der Arbeit und schließlich auch metareflexive Klärungsarrangements formuliert. Am Ende des Abschnitts wird der Nutzen eines solchen unrealistischen Beispiels angesprochen (S. 67 f.). Einen facettenreichen Umfang nimmt im letzten Abschnitt des dritten Kapitels die orientierende Literatur zum Erkenntnisimpuls der Fallarbeits-Arbeitsbogenform in Sozialarbeit und Sozialpädagogik ein (genannt sei hier als Beispiel „Literatur zu den Mehrebenen- bzw. Mehrdimensionen-Problemfällen“).

Im vierten Kapitel geht es um den Vergleich der Medizin als „stolze Profession“ mit der Sozialen Arbeit als „bescheidene Profession“. Es beginnt mit der Professions- und Wissenschaftsarchitektur, dem elementaren Gesamtarbeitsbogen der Medizin, den Interventionsformen im ärztlichen Handeln und schließt im ersten Abschnitt mit Ausführungen über Ähnlichkeiten von Sozialarbeit mit der Medizin. Noch einmal hebt Fritz Schütze hervor (S. 99), dass Medizin wie auch Soziale Arbeit im Kern keine Wissenschaft, sondern Professionen seien, beide würden aber „natürlich auf den „höhersymbolischen“ Sinnquellen von Wissenschaft“ (S. 99) fußen. Hervorzuheben ist die Feststellung des Autors, dass Medizin wie auch Soziale Arbeit umso stärker wissenschaftlich fundiert seien, „je weniger sie ein ganz eigenes, nur für sie selbst geltendes wissenschaftliches Feld spezifischer integraler Professionswissenschaft zu konzipieren versuchen“ (S. 100). Eingehend widmet sich der Band dem Versuch der Entwicklung einer Sozialarbeitswissenschaft und auch Sozialpädagogik-Wissenschaft. Dabei werden die hinter den Bemühungen angenommenen Gründe ausbuchstabiert, u.a. das zentrale Bedürfnis, vor allem seitens der Sozialarbeitswissenschaft, eine Bezugswissenschaft für die Profession der Sozialarbeit zu schaffen. Fritz Schütze sieht die Versuche einer eigenen Theorie der Profession kritisch, formuliert jedoch produktive Aspekte der Weiterentwicklung dieser Theorieansätze. Letzthin wird vor diesem Hintergrund auf die Notwendigkeit der Offenheit für multiple sozialwissenschaftliche Bezüge verwiesen.

Die Biographieanalyse als Fallanalyse wie auch die biographische Beratung sind für die Soziale Arbeit von zentraler Relevanz. Um die Biographieanalyse an einem Beispiel (Bernd Funke) und um generelle Überlegungen zu ihr geht es im fünften Kapitel. Das Beispiel skizziert eine Krankheitsverlaufskurve, eine anschließende soziale Isolierung, eine Alkoholismus-Verlaufskurve, die bis zum Zusammenbruch führt sowie einen anschließenden biographischen Wandlungsprozess, der dem Klienten persönliche Entfaltungsressourcen weist. Auf der Grundlage zahlreicher Biographieanalysen, die auf narrativen Interviews und soziolinguistischen Erzählanalysen fußen, lassen sich auf der Grundlage narrativer Interviews und soziolinguistischer Erzählanalyse grundlegende Prozessstrukturen im Lebensablauf ermitteln (S. 131): biographische Handlungsschemata, biographische Erleidensverlaufskurven, institutionelle Erwartungsmuster in Lebensgeschichten und kreative Wandlungsprozesse. Diese vier grundlegenden Formen biographischer Prozessstrukturen zeigt auch das Beispiel von Zofia Pajak. Ausführlich geht Schütze auf die verschiedenen Phasen der Verlaufskurve des Erleidens ein. Grundlegendes Medium für analytische Rekonstruktionen lebensgeschichtlicher Verläufe ist das autobiographische Erzählen, dessen Grundstrukturen vorgestellt werden.

Im zweiten Teil des Kapitels stehen biographische Arbeit und biographische Beratung im Zentrum der Darstellung. Sie seien nicht mit der Interventionsform der Biographiearbeit zu verwechseln, so Schütze (S. 151). Wie bereits in Bezug auf die Verlaufskurve des Erleidens werden sowohl die Dimensionen biographischer Arbeit wie auch ihre Ziele skizziert bzw. benannt.

Das sechste Kapitel liefert einen verallgemeinernden Aufriss zu den Arbeitsschritten und Merkmalen der Fallanalyse als erkenntnisgenerierendes Verfahren in der Sozialen Arbeit. Zu unterscheiden ist die Ebene der Erlebnis-Erfahrungsweisen der Problemkonstellationen der betroffenen Person(en) von den erkenntnislogischen Strukturmerkmalen und Verfahrensnotwendigkeiten der Fallanalyse. Die Merkmale beider Ebenen werden benannt. Problemkonstellationen der Betroffenen können u.a. sein: Erklärungsversuche und Eigentheorien der Betroffenen wie auch Ausblendungsversuche. Pointiert stellt Fritz Schütze heraus, dass der Fall „immer ein sozialer, biographischer oder soziobiographischer Prozess ist, dem die jeweilige Person, Familie oder eine (noch andersartige größere) kollektive Einheit unterliegt“ (S. 174). Im zweiten Teil des sechsten Kapitels werden wesentliche erkenntnislogische Strukturmerkmale (u.a. Gestalttypen von Fällen) und Verfahrensnotwendigkeiten der Fallanalyse bis hin zu Fehlertendenzen benannt. Nach den generalisierenden Skizzen zur Fallanalyse widmet sich schlussendlich das Kapitel noch einmal ausführlich den von Mary Richmond entwickelten Dimensionen der Fallarbeit und den Arten ihrer Fallanalyse. Eine wichtige Facette bildet Mary Richmonds implizite Vierfeldertafel der sozialen Fallarbeit.

Die enge Verbindung zwischen Fallanalyse und biographischer Beratungsarbeit wird im siebten Kapitel an einem Beispiel (Frau Enkel) herausgearbeitet. Im Blickpunkt der Reflexion stehen Ablaufschritte und -struktur sowie Gelingensbedingungen und Erkenntnismechanismen des Beratungshandlungsschemas.

Ein Herzstück des Buches bildet das achte Kapitel. Wie andere Professionen auch hat sich die Soziale Arbeit mit Paradoxien im Prozess des Handelns auseinanderzusetzen. In der Perspektive von Fritz Schütze hat die Soziale Arbeit die Reflexion über die Paradoxien professionellen Handelns am weitesten entwickelt und mit der Supervision eine spezifische Metaprofession geschaffen (S. 242). In seinen Überlegungen hat der Autor 15 Paradoxien herausgearbeitet. Sie finden sich in allen komplexen Arbeitsbögen des professionellen Handelns. Paradoxien sind u.a.: geduldiges Zuwarten versus sofortige Intervention; professionelle Ordnungs- und Sicherheitspunkte und die Eingrenzung der Entscheidungsfreiheit der Klienten; die biographische Ganzheitlichkeit der Projekt- bzw. Fallentwicklung versus die Expertenspezialisierung und exemplarisches Vormachen und die Gefahr, den Klienten unselbstständig zu machen. Die Paradoxien werden im Buch an Beispielen näher expliziert, z.B. das geduldige Zuwarten versus sofortiges Intervenieren am Beispiel des von Mary Richmond erwähnten „George Foster“. Problematisch werden Paradoxien dann, wenn sie massiv gebündelt auftreten.

Grundsätzlich finden sich in den wissenschaftlich fundierten Professionen aller moderner Gesellschaften Paradoxien. So ermöglichen professionelle Arbeitsbögen oftmals ein besonders voraussetzungsreiches verkünstlichtes soziales Handeln. Das voraussetzungsreiche verkünstlichte soziale Handeln kann Klienten in nicht bewältigbare Problemkonstellationen führen und damit in Verlaufskurvenzwänge des Erleidens, bevor auf einer höheren Kompetenzstufe ein selbstständiges problemlösendes Handeln des Klienten an die Stelle tritt, welches jedoch auch professionell zu unterstützen ist. Ein solches substituierendes Handlungsarrangement ist in sich potentiell paradox: „Einerseits geht es darum, unterstützend einzuspringen, und andererseits darum, sich überflüssig zu machen“ (S. 259). Ein solcher komplexer Umstand ist ständige Quelle paradoxer Anforderungsanspannungen des professionellen Handelns. In diesem Zusammenhang unterscheidet Fritz Schütze verschiedene Arten von Paradoxien, z.B. Interaktionsparadoxien, Modalitäten- und Verfahrensparadoxien, Organisationsparadoxien und auch Diskursparadoxien. Am Ende des achten Kapitels widmet sich der Autor der Alltagswissensbasis (der „menschlichen Urteilskraft“) des professionellen Handelns und der in ihr vorhandenen Paradoxienproblematik. Letztere zeigt sich vielfach bei Typisierungen, Kategorisierungen und Klassifizierungen mit dem Ziel, Behandlungsverfahren zu entwerfen.

Das neunte Kapitel setzt sich mit professionspolitischen Überlegungen zur „bescheidenen“ Profession der Sozialen Arbeit auseinander. An den Anfang des Kapitels stellt Fritz Schütze die Frage (S. 269), ob die Erkenntnisdynamik der beruflich-professionellen Fallanalyse in der Sozialen Arbeit und die der qualitativ-rekonstruktiven Sozialforschung als ihre wissenschaftliche Grundlage defizitär im Vergleich mit Falluntersuchungen der Medizin und der sozialwissenschaftlichen Fundierungsdisziplinen ist. Mit Rückgriff auf die Ausführungen im fünften und achten Kapitel lässt sich feststellen, wenngleich die Profession der Sozialen Arbeit vornehmlich mit alltagsweltlich vorgegebenen sozialen Problemen zu tun hat, dass damit ihre Erkundungs- und Forschungsprozesse keineswegs weniger wissenschaftlich fundiert und analytisch ausgerichtet sind. Vonnöten ist allerdings ein selbstbewussterer Umgang mit professionellem Wissen und Können. Die „bescheidene“ Profession der Sozialen Arbeit sollte sich nicht gegenüber den „stolzeren“ Professionen, wie die Medizin, die Jurisprudenz und die Lehrertätigkeit verstecken (S. 274). Nicht zuletzt deshalb wird im neunten Kapitel ein Vergleich mit der als besonders hochrangig in ihrer Arbeitskomplexität eingeschätzten und mit einem besonders hohen sozialen Prestige ausgestatteten Profession der Medizin vorgenommen. Der Vergleich zeigt, dass der wissenschaftsarchitektonische Aufbau der medizinischen Profession viele Ähnlichkeiten mit der Profession der Sozialen Arbeit aufweist. Vor diesem Hintergrund befasst sich ein Abschnitt (9.2) noch einmal mit professionellen Typisierungen in der Medizin und in der Sozialen Arbeit. In beiden Professionen bewegen sich Typisierungen zwischen wissenschaftsnahen und wissenschaftsfernen Kategorien (S. 281), wie an Beispielen verdeutlicht wird. Dies ist nicht per se als Mangel anzusehen, sondern schafft, bezogen auf die Medizin, eine Brücke „zwischen der wissenschaftsorientierten Rationalität der Behandlung und der ganz anderen Ordnung bzw. Chaotik der lebensweltlichen Situation der Patienten“ (S. 283). Ähnliche Funktionen fallen auch den Zuschreibungen der Sozialen Arbeit zu. Gleichzeitig sind jedoch auch Zuschreibungs- und Typisierungsfehler feststellbar, in der Medizin deshalb, weil behandelnden Ärzten oft ein ganzheitlicher Blick auf die Lebenssituation und Lebensgeschichte der Patienten fehlt. Dies trifft auf die Soziale Arbeit zumeist nicht zu. Trotz bedeutender professioneller Wissensbestände und Klärungsverfahren (wie z.B. Supervision, Coaching, Familienaufstellung und Organisationsentwicklung), so der Autor, sei die Profession der Sozialen Arbeit nicht selten von Selbstzweifeln geplagt und von Selbstkritik getragen. Vor diesem Hintergrund geht das Buch ausführlich auf Mary Richmonds Vergleich der Sozialarbeiterin mit der Schriftstellerin ein. Beide müssen „der Totalität biographischer und situativer Entfaltungen ihrer dramatis personae gerecht werden, dabei aber auch die systematische Beschränktheit der Handlungs-, Wahrnehmungs-, Reflexions- und Kommunikationsperspektiven dieser dramatis personae und zudem die Verschränktheit der eigenen Sichtweisen in Betracht ziehen“ (S. 288). Als Stärke der Profession der Sozialen Arbeit wird ihre komplexe Wissenschaftsarchitektur gesehen. Gleichzeitig wird gewarnt vor Verengungen einer professionell-praxeologischen Spezialhandlungswissenschaft Sozialarbeit gewarnt, zumal die Soziale Arbeit über ein großes kreatives Anregungspotenzial tiefgehender Sozialarbeits-Fragestellungen für die sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung verfügt Ebenso bietet sich die Möglichkeit der Anerkennung der Sozialarbeitsforscherinnen und ihrer empirischen Untersuchungen in den jeweiligen sozialwissenschaftlichen Fundierungsdisziplinen. Von großer Bedeutung sind ebenfalls Kooperationen. Dies zeigt Fritz Schütze am Beispiel fallvergleichender qualitativ-rekonstruktiver Studien zwischen Sozialarbeitsforscherinnen und Sozialwissenschaftlerinnen.

Die Schlusseinschätzung (S. 318 ff.) mündet folgerichtig in die das neunte Kapitel abschließende Feststellung, in der der Autor „auf die tiefgehenden erkenntnisgenerierenden Anregungen der Sozialarbeit und ihrer Forschungsimpulse für die sozialen Fundierungsdisziplinen, für die transdisziplinäre sozialwissenschaftliche Grundlagentheorie und auch für die beratungs- und betreuungspädagogischen Untersuchungsfragestellungen der medizinischen Profession“ hinweist.

Diskussion

Das von Fritz Schütze in der Reihe „Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns“ veröffentlichte Lehrbuch mit dem Schwerpunkt „Soziale Arbeit“ ist phasenweise keine leichte Lektüre für Masterstudierende, aber zumeist lohnend, da sie grundlegend über Fallarbeit und Fallanalyse in der Sozialen Arbeit informiert. Die Architektur des Bandes ist facettenreich,

  • indem der Autor differenziert auf die wegweisenden Arbeiten für Fallarbeit und Fallanalyse eingeht,
  • anhand einer Vielzahl von Beispielen konkret wird und von diesen höhersymbolische Wissensbestände ableitet,
  • in Vergleichen vor allem mit der Medizin die professionelle Dignität der Sozialen Arbeit herauskristallisiert,
  • durch die Vergleiche mit der Medizin der Sozialen Arbeit als „bescheidene Profession“ zu mehr Mut in ihrem professionellen Handeln auffordert, und
  • zudem die Soziale Arbeit ermutigt, ihre Forschungsimpulse für die sozialwissenschaftlichen Grundlagentheorien zu erhöhen.

Gleichzeitig weist das Lehrbuch unmissverständlich auf Irrwege von Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit hin. Einen solchen in seiner Sicht zumindest fragwürdigen Weg sieht Fritz Schütze auf der disziplinären Ebene im Versuch zur Entwicklung einer „Sozialarbeitswissenschaft“ und auch „Sozialpädagogik-Wissenschaft“. Hitzige Debatten zu einer solchen Entwicklung in den 90er Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts sind abgeebbt, indem sich beide Seiten zwischenzeitig weitgehend verständigt haben, sich unter einem gemeinsamen Dach der Sozialen Arbeit zu versammeln. Der Sinn dieser wiederbelebten Debatte aus den 1990er Jahren ist mir nicht zuletzt deshalb verborgen geblieben.

Streitbar ist zweifelsohne ebenso Fritz Schützes markante Feststellung, die das dritte Kapitel eröffnet, Sozialarbeit sei keine Wissenschaftsdisziplin, ihr liege hingegen ein komplexer Wissenschaftsaufbau zugrunde, gespeist durch ihre Bezugswissenschaften bzw. in der Sprache des Autors ihrer wissenschaftlichen Fundierungsdisziplinen.

Nicht gerade erleichtert hat die Lektüre die Einführung einer Tabula-rasa-Sozialarbeiterin. Soll sie für Studierende und Berufseinsteigerinnen ein Identifikationsangebot anbieten?

Ohne Vorverständnis erschließt sich ferner nur mühsam, was mit der Arbeitsbogen-Form (S. 47 ff.) gemeint ist.

Verwirrend und nicht mitvollziehbar sind für den Rezensenten die unterschiedlichen Benennungen der Profession: So ist mir nicht ersichtlich, wann Soziale Arbeit und wann Sozialarbeit Verwendung gefunden hat. Wird ein synonymer Gebrauch unterstellt? Oder haben sich die unterschiedlichen Benennungen der Profession ergeben, weil verschiedene Textstücke aus früheren Veröffentlichungen stammen? Problematisch ist ferner, dass es in gleichen Abschnitten zum einen soziale Arbeit heißt, dann wieder Soziale Arbeit. Hier ergibt sich bei einer zweiten Auflage ein begrifflicher Klärungsbedarf. Bei der Wiedergabe des Inhalts habe ich die „mal so-mal so“-Nutzung von Sozialarbeit, Soziale Arbeit und soziale Arbeit mitmachen müssen. Die auf mich unsortiert wirkenden unterschiedlichen Benennungen der „bescheidenen“ Profession sind wahrscheinlich für Studierende in beunruhigender Weise verwirrend und insbesondere in einem Lehrbuch höchst problematisch.

Fazit

Insgesamt vermittelt das Lehrbuch „Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern: Soziale Arbeit“ Masterstudierenden aber einen Erkenntnisgewinn zu Fallarbeit und Fallanalyse. Darüber hinaus bietet das Lehrbuch für in der Praxis der Sozialen Arbeit tätige Professionelle der Sozialen Arbeit (insbesondere für in der biographischen Beratungsarbeit Tätige) Anregungen, möglicherweise die eigene praktische Arbeit noch besser oder gar neu zu ordnen und zu strukturieren.


Rezension von
Prof. Dr. Hans Günther Homfeldt
Prof. em. an der Universität Trier, Fach Sozialpädagogik/ Sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Hans Günther Homfeldt. Rezension vom 08.03.2021 zu: Fritz Schütze: Professionalität und Professionalisierung in pädagogischen Handlungsfeldern. Soziale Arbeit. UTB (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-8252-5462-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27468.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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