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Katajun Amirpur (Hrsg.): MuslimInnen auf neuen Wegen

Cover Katajun Amirpur (Hrsg.): MuslimInnen auf neuen Wegen. Interdisziplinäre Gender Perspektiven auf Diversität. Ergon Verlag (Würzburg) 2020. 211 Seiten. ISBN 978-3-95650-709-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

Reihe: Islam & Gender - Band 1.
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Thema

Das Buch befasst sich mit dem Spannungsfeld des islamischen Feminismus. Und dieses Spannungsfeld ist nicht ohne. Die unten beschriebene Kontroverse um eine Übersetzung zeigt eine Facette der europäisch-amerikanischen Überheblichkeit auf und ist zugleich ein Beispiel für die kritisch-reflektierte Arbeitsweise der Herausgeberin. So funktioniert auch das Buch.

Herausgeberin

Die Herausgeberin des Buches, Katajun Amirpur, ist habilitierte Islamwissenschafterin (https://de.wikipedia.org/wiki/Katajun_Amirpur, aufgerufen am 27. Juli 2021). Ihr Vater ist Iraner, ihre Mutter Deutsche, sie selbst studierte Islamwissenschaft und Politologie in Deutschland und schiitische Theologie in Iran. Sie lebt mit ihrer Familie in Deutschland und ist neben ihrer akademischen Arbeit auch journalistisch tätig. Eine Kontroverse löste 2008 ihr Einsatz für eine moderierte Übersetzung einer Aussage des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadineschad aus dem Jahr 2005 aus (https://de.wikipedia.org/wiki/Katajun_Amirpur, aufgerufen am 27. Juli 2021). Statt zu sagen, der Staat Israel sei „auszulöschen“ (wiped off) schlug sie die Übersetzung vor: „Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte verschwinden“. Haarspalterei oder berechtigte Befürchtung, eine Atommacht Iran solle zum Bösen schlechthin und zur Bedrohung insbesondere der Existenz Israels hinaufstilisiert werden? Meines Erachtens vor allem ein Beispiel für Sorgfalt und stetiges Anarbeiten gegen Pauschalisierungen und Stereotypen, wie sie in der Diskussion rund um den Islam, um ein Vielfaches potenziert aber in der Diskussion um Islam und Gender vorherrschen.

Entstehungshintergrund

Mit dem vorliegenden Band begründet die Nomos Verlagsgesellschaft, zu welcher der Ergon-Verlag gehört, eine neue Reihe: Islam & Gender. Die akademischen Diskurse in Europa und den USA nehmen in dieser Frage eine seltsame Eindeutigkeit an: nicht-Westliches ist rückständig und kann daher nicht feministisch sein. Diese Ignoranz hat gravierende Folgen auf den Stand der Diskussion.

Auf muslimischer Seite wurden europäische und US-amerikanische feministische Ansätze vielerorts dem kolonialen und kapitalistischen Projekt in Verbindung gebracht und deshalb abgelehnt. In diesem Buch nun schreiben hauptsächlich muslimische Europäerinnen.

Aufbau und Inhalt

Der Aufbau des Buches ist klassisch. Nach einer übergreifenden, erklärenden und positionierenden Einleitung folgen gruppierte Beiträge zu unterschiedlichen Themen wie Frauenbild in der Literatur, Alltag gläubiger und gebildeter Frauen in Deutschland, Feminismus und Theologie. Entsprechend dieser Vielfalt sind auch die Autorinnen interdisziplinär aufgestellt.

Das Buch ist in zwei große Themen aufgeteilt. Zum einen geht es – theorie- und wissenschaftsbasiert – um das Verhältnis von Islam und feministischen Ansätzen. Zunächst werden dabei drei Gruppen identifiziert, welche sich gegen das feministische Projekt im Islam stellen. Es sind dies Vertreter und Vertreterinnen des islamischen Fundamentalismus, eines muslimischen Traditionalismus sowie jene eines säkularen Fundamentalismus.

Zum andern thematisiert das Buch das «Sujet Islam und Gender» in Deutschland. Es ist ein viel bewirtschaftetes Feld in den Medien und trotzdem (oder gerade deshalb?) sind die Bezüge zwischen Gender und Islam bis heute unterbeforscht. Islamischer Feminismus ist eine für viele noch sehr ungewohnte Wortkombination. Muslimische Frauenbilder in deutschen Medien («Kopftuchfrau») sind zu einem großen Teil überaus stereotyp.

Leila Ahmed zeigt auf, dass der Feminismus mitunter benutzt wurde, um die westliche Überlegenheit über rückständige muslimische Gesellschaften zu demonstrieren und damit Kolonialismus und Unterdrückung zu rechtfertigen. Diesen Feminismus können muslimische Gesellschaften nicht akzeptieren.

Das Buch versammelt Studien zur Konstruktion von Wirklichkeit auf der Basis von empirischen Studien zu Musliminnen, Islam und Gender. Die Auseinandersetzung mit dem Dualismus von islamkritischen und islambefürwortenden Haltungen nimmt viel Raum ein, ebenso die Diskurse zu doing religion, doing culture. Zeitgenössische feministische Diskurse zum Koran fordern, die Exegese müsse offenbleiben. Musliminnen stehen in einem Spannungsfeld zwischen religiöser Norm und Lebensrealität. Ein eindrücklicher Beitrag von Canan Bayram zeigt dies am Beispiel von fünf gut ausgebildeten, religiös aktiven Frauen in Deutschland auf.

Weiter leistet das Buch eine Verbindung von gendertheoretischer und theologischer Perspektive. Intersektorale Bezüge, genderspezifische Motivationen und extremistische Radikalisierung werden untersucht und in den Kontext gestellt. Dabei zeigt sich, dass Radikalisierung primär nichts mit Gewalt zu tun hat und Gewalt oder Gewaltbereitschaft nichts mit Islam.

Zeitgenössische Diskurse muslimischer Frauenrechtlerinnen in Deutschland, etwa die «Kopftuch»-Diskussion werden ebenso thematisiert wie muslimische Frauenbilder in der Literatur und ihr Wandel. Noha Abdel-Hady untersucht die Themen der Literatur, was über Frauen gesagt wird und – besonders interessant – welche Funktionen Frauen in den Texten haben.

Diskussion

Die Idee des Buches geht zurück auf eine Ringvorlesung Islam & Gender an der Universität Hamburg im Wintersemester 2017/18. Die Beiträge decken eine große Breite an Themenfeldern ab, die alle für die Auseinandersetzung mit feministischem Islam oder muslimischem Feminismus oder Islam und Feminismus respektive Gender relevant sind. Diese Auseinandersetzungen sind wichtig und brauchen unbedingt Raum. Es ist beschämend, wie marginal und immer noch mit „kolonialem Duktus“ das Thema Islam und Gender immer noch behandelt wird. Wohin das führen kann, zeigen gerade auch Diskussionen, welche eben nicht die Kontroverse und den Diskurs suchen, sondern abgeschlossene, pauschale „Wahrheiten“ verkünden, wie etwa das neueste Werk von Ayaan Hirsi Ali mit dem vielsagenden Titel „Beute“. Da geht es nicht um Differenzierung und Wissenserweiterung, sondern um vereinfachende und polemisierende Politik.

Fremd- und Selbstbilder muslimischer Frauen und ihre Differenzierung stehen im Fokus des Bandes, welche die Forschungslücke im Thema «Islam und Gender» versucht zu verkleinern. Alle Themen haben noch nicht Platz gefunden, manche fehlen noch. So versichert die Herausgeberin Katajun Amirpur etwa, in einem nächsten Band die Auseinandersetzung queer und Islam aufzunehmen – das Thema kommt demnächst und passt gut zum Debütroman von Fatima Daas über eine junge, lesbische und gläubige Frau in Frankreich.

Die aus meiner Sicht bedeutende feministische Soziologin und Politologin Fatima Mernissi, welche das Thema Islam & Gender intensiv bearbeitet hat und in Rabat gelehrt hat, kommt im Buch zu meinem Erstaunen nicht vor. Die ägyptische Ärztin Nawal El Saadawi kommt am Rande vor, als säkulare Feministin, welche in diesem Sinn wenig Legitimation hat, sich zum Islam zu äußern. Es sind zwei Frauen, die sich aus einer privilegierten Position für die Verbesserung des Lebens von Frauen eingesetzt haben, in muslimisch geprägten Ländern, aber ohne religiösen Anspruch.

Fazit

Ein sehr abwechslungsreiches und angenehm zu lesendes Buch, welches viel Bekanntes, aber noch viel mehr in unseren Breitengraden noch überhaupt nicht in den Diskurs Aufgenommenes thematisiert. Muslimischer Feminismus – da gibt es noch vieles zu sagen und vieles zu lernen. Zum Glück liegt nun ein erster Band vor, hoffentlich werden noch viele folgen.

Literaturhinweise:

Fatima Daas (2021): Die jüngste Tochter. Berlin: Claassen/​Ullstein.

Ayaan Hirsi Ali (2021): Beute. München: Bertelsmann.


Rezension von
Simone Gretler Heusser
Dozentin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit
Homepage www.hslu.ch/de-ch/hochschule-luzern/ueber-uns/perso ...
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Zitiervorschlag
Simone Gretler Heusser. Rezension vom 26.08.2021 zu: Katajun Amirpur (Hrsg.): MuslimInnen auf neuen Wegen. Interdisziplinäre Gender Perspektiven auf Diversität. Ergon Verlag (Würzburg) 2020. ISBN 978-3-95650-709-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27472.php, Datum des Zugriffs 22.09.2021.


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