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Ulrich Sonnemann, Paul Fiebig (Herausgeber): Land der Sprachlosigkeit

Cover Ulrich Sonnemann, Paul Fiebig (Herausgeber): Land der Sprachlosigkeit. Schriften 7: Deutsche Reflexionen (4). zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2020. 576 Seiten. ISBN 978-3-934920-67-5. 30,00 EUR, CH: 53,00 sFr.

Reihe: Schriften - BD 7.
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Entstehungshintergrund

Das hier besprochene Werk gehört zu einer auf zehn Bände angelegten Reihe der Schriften Ulrich Sonnemanns. Als deren siebter Teil schließt es die titelgebende Unterrubrik „Deutsche Re­flexionen“ ab. Publiziert wird die Schriftreihe im zu Klampen Verlag, Förderung erhält sie von der Ham­­bur­ger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur sowie der Ulrich Sonnemann-Ge­sell­schaft. Die Herausgabe bestellt Paul Fiebig (in diesem Band auch unter Mit­wir­kung der Au­to­rin Elvira Seiwert). Die österreichische Schriftstellerin Lisa Spalt leitet den vor­lie­gen­den Band mit einem Geleitwort ein.

Thema

Wo überhaupt noch über Sprache geurteilt wird, da ist ihr Kritikaster, der vorschnell auf Pau­scha­li­tät und Meinung sich verständigt, nicht weit. Im Brustton des gescheitelt gescheiten Experten peitscht er, scheint’s unverfänglich, „Begriffsverdinglichungen“ durch die Öffentlichkeit, „die als weltanschauliche Versatzstücke dann aus der Sprache herausfallen“ – um nicht zu sagen: plumpsen –, „weil sie zu Fetischen werden“ (S. 295), wovon der „Dativkomplex“, als „um sich greifende repressive Verwahrlosung“ (S. 353) nur ein Symptom unter vielen ist. Wenn heute im Morast der digitalen Sphäre unter jedem ‚Content’ sich abpanzernde Kommentare auftürmen: Dis­kussions­verweigerungen, die nicht mehr am Gewissen kratzen, dann zeugt dies von einer Verengung und Verrohung von Sprache nicht nur. Zugleich ist sie von jedweder gesellschaftlicher Erfahrung ab­ge­schnitten, die das Sprechen erst zu der Stupidität macht, als die es im virtuellen Raum sich ver­leug­net.

Schließlich: Mit der (Un-)Fähigkeit zum mündigen Denken steht und fällt auch das Sprachniveau, das sich dienstbeflissen zum „Objekt der Verwaltung“ (S. 131) macht und, institutionell verbürgt, versteinert als „urteilslose Kulturberieselung“ (S. 85), somit verwertbar wird. „Umgefälscht“ zum „Instrument reiner Bemächtigung“ (S. 319), läuft Sprache allerdings als Geschichts­di­al­e­k­tik „(…) durch die Subjekte hindurch, kann nicht ohne deren Beschaffenheit und das, was sich von ihr forterbt, begriffen werden“ (S. 330). Damit ist abgesteckt, worum es Sonnemann, nicht nur in diesem Band, geht: dass in der Sprache eben auch gedacht wird, eine potentielle „Einheit von Er­kennt­nis und Satzkunst“ (S. 120) existiert, eine Verständigung, vereitelt, und zwar von jenen „kul­tu­rellen Objektivationen der deutschen Ge­schichte“ (S. 115), die über Sprache am „Leichenzug der ver­paßten Geschichtssituationen“ (S. 58) mitwirken. So heftet sich Sonnemanns Kritik an den „Nexus zwischen scheiternder Syntax und der Pathologie der Gesellschaft“ (S. 42), zeigt auf, dass sich Wort und Sache auch dort nicht so einfach verrechnen lassen, wo das „Schwemm­gebiet des Jar­gons der Eigentlichkeit“ verhängnisvoll übereinkommt mit uferloser Red­se­ligkeit sowie „de­kre­tier­ter Erfahrungsverengung“ (S. 48) institutioneller Erkennt­nis­hin­tertreibung (vgl. S. 56).

Aufbau und Inhalt

Der Band ist unterteilt in zwei Abteilungen, die unter sich sehr heterogene Textformen fassen. Über Zeitschriftenbeiträge sowie Vorträge bis hin zu Rundfunkinterviews und Briefen kreisen sie jeweils um die belangvolle Frage einer deutschen Sprachkritik, die – sprachlich virtuos – in den Son­ne­man­schen Beiträgen nicht nur zur Ausführung gelangt, sondern entlang zeitgenössischer Dis­kus­sio­nen auf befreiende sprach­li­che Praxis zielt. Letztere schließt eine „Spontaneität praktischer Ver­nunft“ ein, deren Antizipation sich nicht in „vorbestimmte Geschichtsrollen“ fügt, um bloß auf „Stich­worte eines Prozesses zu warten, bei dem man immer schon weiß, was gewesen sein wird, da­her was werden will, umbringt“. Vielmehr wäre einzubekennen, dass die „Aufhebung ver­in­ner­lich­ten Herrschaftszwangs“, ohne die es „keine emanzipatorische Praxis“ gibt als auch ihre Ver­ei­te­lung „über die ständige Vermittlung von Sprache läuft“ (S. 321). Insofern die „Verhaltenspraxis“ einer Gesellschaft „selber schon weitgehend Sprachverhalten ist“, müsse auf dessen „Schliche geachtet werden“ (S. 322). Damit ist programmatisch angezeigt, was die Arbeiten Sonnemanns – in ihrer Kritik am Ephemeren, Banalen gekonnt und mitunter treffend pointierend – auszeichnet: nach den Worten von Lisa Spalt sei seine Sprachkritik keine resignierende, sondern er nehme „jedes Wort, das seit 1945 einen Sprengstoffgürtel trägt, in den Mund und wandelt es, gerade in dem er es scharfmacht, zur brauchbaren Pflugschar um“ (S. 14 f.). Zu tun ist es ihm um ein „Dagegenhalten“, ein Einmischen in kapitalistische Verhältnisse, um „sich dabei selbst zu riskieren“ statt in „einen Frieden mit der eigenen Bedingtheit [zu] münden“ (S. 16). Darin scheint auf ein Politisches, das auf die begriffliche Anamnese eines revolutionären Geschichtsbewusstseins geht: „Vielleicht wird es Zeit, daß diejenigen die für so durchsichtige Ab­sich­ten einer gegängelten Entmenschlichung nicht zu haben sind, sich der Vergangenheit an­neh­men: deren Gegenwärtigkeit aufdecken, die im Unerledigten, Verdrängten der Probleme besteht, die mit ihr lebend begraben wurden“ (S. 324).

Die Sprache müsste dafür allerdings erst „syntaktisch mobilisiert“ werden (S. 22), da sie, wie be­reits 1937 unter dem Titel „Verteidigung des langen Satzes“ ausgeführt, unter einer „Ver­küm­mert­heit ihrer Sätze“ leidet, die „dem unnachdenklichen, distanzlosen und leichtgläubigen Zustand ihres Geistes angemessener sei“ (S. 24), in der „musikalische[n] Unergiebigkeit des Tele­gram­m­stils“ sei­nen „Lauf“ fände (S. 26). Der Satz selbst besteht nach Sonnemann aus „Sinnsignalen“ (S. 36): „Ein Lasso, un­ver­kenn­bar“, sei der „Gedankenstrich, da, wo er einen flüchtigen Nachgedanken gerade noch einfängt“ (S. 35). Hingegen der Punkt einerseits „ein feststellender Hammerschlag“ sein kön­ne, „den Gedanken in den Hintergrund des Ungedachten“ nagelnd, andererseits aber auch das „Sin­k­en­lassen des Atems“ anzeigt: „im reinen, nichtigen Ablauf und Dahinrinnen der Zeit der regelnde Augen- und Rückblick (…) [ist], der ihrem Weitermüssen Widerstand bietet, so daß sie ausruhen und sich sammeln darf und jene Wirklichkeit gewinnt, die Gegenwart heißt“ (S. 34).

Diese Analyse stellt nun keine virtuos-metaphorische Schönschreiberei dar, sondern sie antizipiert, ganz im Ernst, „Symptome des deutschen Sprachverlustes“, was u.a. am „Dativkomplex“ exemplifiziert wird (S. 38–50), jener „Hang“ zur „grammatikalischen Sorglosigkeit“, der sich auch im „Schullehrerbewußtsein“ sedimentiert (S. 38). Als Phänomen, das auch im akademischen wie journalistischen Berufszweig grassiert (vgl. S. 39), stelle sich die Frage, „was dieses spezifische, offenbar unwiderstehliche, epidemisch gewordene Abirren motiviert“ (S. 41). Zentral wird hier der Verlust „hörender Zeiterfahrung“, eingeschlossen „Defizite von Sinnlichkeit und Gedächtnistreue“. Daher löse „sich das Rätsel des Dativkomplexes als Problem einer Psychohistorie zuerst: als abrupte Beirrbarkeit kann die vermerkte Gedächtnisschwäche keine andere als die allzu notorische jenes ebenso diskontinuierlichen, ebenso leicht zu beirrenden, selbstflüchtigen Gedächtnisses für Geschichte sein“ (S. 42). Verdrängungsprozesse finden Eingang in ein taubes Gehör, konditioniert durch eine „Gesellschaftskultur, die mit dem Unbewußten überhaupt eben auch die dazugehörigen Sprachstrukturen von sich abspaltet“, womit diese teilnehmen an einem „sprachpraktischen Ge­samt­zustand“, „der die erfahrene Temperatur menschlicher Beziehungen in diesem Land nur noch weiter senkt“ (S. 45).

Breiten Raum, der zudem die erste Abteilung beschließt, nehmen mitunter tagesaktuelle Re­flex­i­o­nen ein, die unter dem Titel „Die Schulen der Sprachlosigkeit“ firmieren (S. 59–202). Wo bspw. der politische Schulunterricht zur „Gemeinschaftskunde“ „umgefälscht“ ist, da werden Werte zu „ma­gisch verfügbare[n] Stimulantien“, Worte zu „Wertwörtern“, die „den gesellschaftlichen Be­darf an Affektreizen wecken und decken“. Letztere zeihen eine „Erkenntniskraft“, welche in ihrer „Be­wußt­seinsform“ „nichts als faktisch“ sei, nachdem „deutsche Meinungen“ so entstünden, „daß ein inneres und ein äußeres Faktisches in ein Verhältnis zueinander treten, das beide schont: sie mit Absicherungen gegen dialogische Eingriffe in ihrer Äußerlichkeit füreinander bewahren hilft, die doch als diese gar nicht bemerkt wird, da sie die Undurchsichtigkeit jedes von ihnen für seine Angewiesenheit ist auf das andere; statt daß“, so Sonnemann weiter, „eines am anderen seinen Widerstand und kritischen Prüfstein findet, den es als sein Regulativ in sich aufnähme“ (S. 57).

So wird ein „Deutschunterricht in der Bundesrepublik“ abgeklopft, der das Verb zugunsten von Sub­­stan­ti­vie­­rungen und „des bloß behauptenden Adjektivs“ (S. 119) verdrängt, unmerklich „Eti­ket­te“ in die Se­ele der Schüler einsenkt (S. 59). Mit­nichten steht dahinter allerdings bloß eine sprach­wissen­schaft­liche Marotte des Didaktikers, son­­dern die „normensetzende Macht des Faktischen“ (S. 62), die dort in ihrer sozialökonomischen Ver­mittlung auf­scheint und den Bann einer in den 1890er Jah­ren beginnenden „national­so­zia­lis­ti­schen Kulturregression“ (S. 64) nicht abzuwerfen ver­mag. Ganz im Gegenteil, und hierfür zieht Sonnemann in aller Ausführlichkeit die bun­des­deu­t­schen „Schul­le­se­bücher“ heran, herrsche eine „anpreisende, animierende Spekulation aufs Gefühl vor, die dessen Ver­billigung und Vermarktung“ sei: „immer, sonst ginge das nicht, hat das Gefühl ein bejahendes zu sein, Einverständnis mit der Weltordnung zu bekunden“ (S. 64 f.). Gedichtbände sowie Lese­bü­cher mit solchen Titeln wie „Blütenbaum“, „Blütenreigen“ oder „von guten Mächten“ mitsamt ih­ren Texten seien ein „ge­treuer Spiegel eines Bewußtseins, das seit den Anfängen der Bür­ger­epoche sich immer aus­gie­biger in solchem Verhalten geübt hat und das es zur Fortsetzung dieser Übun­gen seinerseits an­stiftet“ (S. 65; 67).

Im Sinne dieser „eingebläuten Spontaneitätsfurcht“ einer „li­teraturfeindlich verstockten Ge­sellschaft“ (S. 74) schlägt weiterhin durch eine „unbewußte Kon­ti­nuität: einerseits des me­cha­ni­schen Ausharrens im Gewohnten (…), andererseits der Angst, hinter dem Weltprozeß zu­rück­zu­blei­ben“ (S. 77). Entlang von Schüler­auf­sätzen, u.a. zensiert durch bay­er­ische Schulpädagogik, ver­folgt Sonnemann die Rand- und Kor­rek­tur­notizen, Benotungen der Tex­te, die eine „mechanisch dum­pfe Gereiztheit des Tons“ aufweisen und bis zur „Gesinnungs­schnüf­felei schon der Theme­n­stell­ungen“ reichen (S. 104 f.). Goutiert wird von der Notenerteilung nur selten eine „Dif­fe­ren­zie­rung der Gedanken- und Satzbildung, die auch un­abhängig von den The­sen schon den Argwohn der Me­diokren erweckt, ihre Ressentiments auf den Plan ruft“, weshalb es „unriskanter“ für die Schüler sei, besser „gar keine Gedanken im Kopfe zu haben als viele“ (S. 106). Pädagogisch bloß abgerichtet auf zu bewältigende „Stoffpensen und die sie vermittelnden Lehr­methoden“ (S. 109), wird darauf geachtet, dass der sprachliche Ausdruck „gefällig“ sei und also vom Gewohnten nicht abweiche (S. 107). Auch wenn es anders ginge, was der dialektische Geschichtsprozess verbürgt, findet sich dann weniger spontane Reflexion als Auf­nah­me von „zufällige[n] Wissensdaten“ (S. 78), womit die „Einheit deutscher Literaturgeschichte“ zu einem „unverbindlichen Namensregister (…) musealisiert und verdinglicht“ wird (S. 123). Hieran schließt sich ebenso an „das berufliche Böckeschießen beruflicher Textverfertiger“ (bspw. in der ‚ADAC motorwelt‘) – vom Publikum meist unbemerkte Symptome einer „sprachlosen Gesellschaft“ (S. 136), die etwaige „Begriffspervertierungen“ (S. 143) als Teil ihrer Ideologie und Welt­­­an­schau­ung nicht mehr durchblickt.

Dies alles sind auch „Spätfolgen der Unfähigkeit des deutschen Bürgertums (…), eine er­fol­g­rei­che Re­vo­lution zu haben“; es sei ein Zustand der „Vergammelung, der Verelendung, der Fäulnis ein­ge­tre­ten, von dem das ganze Dritte Reich ja nur ein einziges gewaltiges Symptom war. Diese Ka­tas­tro­phe unserer Gesellschaft“, so Sonnemann weiter, „ist zu schnell vergessen worden, und die da­mit begonnene Regression erweist sich nun als umso dauerhafter“ (S. 177). Dem Subjekt ab­zu­for­dern wäre dagegen zum einen, und hier folgt eine Reminiszenz an Walter Benjamin, die „Ge­dächt­nis­­leis­tung“ als Anamnese von „zu Unrecht verdrängter Erfahrungen und Hoffnungen der Ver­gan­gen­­heit, in deren Eingedenken der Gedanke innehalten soll, daß die Zeit selber ‚stillsteht‘: dem ent­spricht es für Sprachverhältnisse, daß im periodischen Satz, über seine ganze Länge hin, die Zeit sei­ner Suspension unterworfen ist, die vor dem Satzschluß nicht aufhört“ (S. 200). Zum anderen die Ver­weigerung einer „repressiven Toleranz“ (Marcuse), um den „Kulturverfall“ nicht weiter zu perpetuieren (S. 201).

Die zweite Abteilung beginnt mit einer Rundfunkdiskussion zur „Information in der Demokratie“ (S. 205–219), gefolgt von einem Vortrag aus dem Jahre 1970 mit dem Titel „Pardon wird nur noch oben gegeben. Journalistensprache als Öffentlichkeitskastration“ (S. 220–234). Hier wird der Be­fund diskutiert, warum der Kulturteil des Feuilletons, die liberale Presselandschaft überhaupt, einer „Pressesprache des säkularisierten Nazismus“ kaum „Widerstand“ entgegensetzt habe und sich einreiht in jene ruhmlose „Geschichtskavalkade“ einer gescheiterten deutsche Geschichte (S. 222), worüber „die Sprachlogik verwildere, Be­kennt­nis­se sie durchwuchern“ (S. 228). Affektgeladene Wör­ter wie „Sittenstrolch“ nehmen Urteile nicht nur glatt vorweg; es lasse sich mit ihnen „so straf­lus­tig immer schon nach unten treten, wie sie vor einer Obrigkeit, die in den Habitués selber sitzt, buckeln“ (S. 231), was zu einem Verlust der Öffentlichkeit führt, einmündend in die „Diktatur des Ver­dachts“ (S. 241). Notwendig aber nicht zwangsläufig ist verhindert das Aufscheinen von „Spon­ta­neität ei­nes neuen journalistischen Verhaltens“ (S. 232), das sich anschlussfähig hält an „öffent­lich-pole­mi­sche Sitten“, „wie sie seit dem achtzehnten Jahrhundert immer wieder versucht worden und immer wieder gescheitert“ sind (S. 240). Einbegriffen sind hier nicht nur die Werke Karl Kraus’, sondern ebenso Autoren wie Georg Forster oder Carl Wilhelm Frölich, sodass Sonne­mann selbst polemisch pointillieren kann, „[w]ie prekär jedenfalls bis heute der Wie­der­auf­stieg aus der Ge­schichts­katastrophe ist, die eines der gebildetsten Völker – welches das deutsche um 1800 so ge­wesen ist, daß es noch lange Zeit nachher, ja bis Hitler die Macht ergriff, dafür galt – in eins der un­gebildetsten Europas verwandeln konnte (…)“ (S. 257).

Die Kritik Sonnemanns richtet sich darüber hinaus gegen solche „linke Periodika, die den Marx­is­mus nicht notwendig verarbeitet haben, ihn umso entschiedener voraussetzen“ (S. 265), überdies bei „deutschen Fernsehdiskussionen“ „Machtverhältnissen“ das Wort reden, die sie doch eigent­lich kritisieren wollten. Während das „Geheimnis der Rechten“ zum großen Teil im „Einfach-Wei­ter­reden“ bestünde, aufgeladen mit Wörtern, „die sich jede Begründung ersparen können, weil sie zu­verlässig vom deutschen Publikum so gehört werden, als wären sie selbst schon welche“ – ein „rein assoziativ[es] Vokabular von uferloser Nachlieferbarkeit“ (S. 283) –, so „unterliegt“ das „Un­be­wußte“ der Linken „dem Bann der emphatischen Gemeinplätze ihrer Gegner“, weswegen ihr Ver­halten voraussagbar, mechanisch wird (S. 282). Sie übernimmt die „unbewußte Teilhaberschaft“ am „Substantive mästenden Immobilismus der Weltanschauung als Sprachsperre“, „tischt“ „theo­rie­los[e] Beobachtungen auf, die Marx widerlegen sollen“ (S. 284). Aller revolutionsge­schicht­li­chen Inhalte entledigt, ist so einem „Regressionsdrang“ (S. 330) nachgegeben, dessen Existenz die Beteiligten vehement bestreiten. Dem entgegen stellt sich zum einen die Einsicht, dass „der Westen in seinem Kapitalismus nicht aufgeht: die Zeichen, unter denen seine Völker als Subjekte ihres eigenen Geschichtswillens einmal antraten, sich als mächtiger denn Verwertungsinteressen, die zu gezielten Kopfschüssen raten, erweisen könnten (…)“ (S. 332); zum anderen eine „Hellhörigkeit“ für eine in Deutschland „verballhornte Aufklärung“, das „Subversive an Lessing“ (S. 347), die solch „aufsässige Literatur“ nicht mit den „zeitgeistüblichen Gebrauchsschranken“ (S. 395) deckelt, unschädlich hält, sondern aus ihr die Kontinuität progressiver Erinnerung (vgl. S. 385), ihr „Ununterdrückbares“ (S. 391) frei schält, um der klassenbedingten Unzumutbarkeiten Einhalt zu gebieten. Anstatt in „fachstolzer Selbstüberhebung“ auf einer „akademischen Arguspose“ zu hocken, „die an Fliegenbeinen ihr Halt“ suche (S. 398; 408), könne man „das Bewußtsein des Pu­bli­kums über jene Inhalte aussperrenden Formbarrieren hinausfordern“ (S. 396).

Diskussion

Es mag zunächst irritieren, bei einem Denker, dessen Existenz durch das Grauen des Nazismus noch unmittelbar bedroht wurde, Worte wie ‚Volk‘, ‚Heimat‘ oder ‚das Deutsche‘ wiederkehrend und prominent auf­tau­ch­en zu sehen. Weder, und dem verweigert sich die Analyse Sonnemanns im An­satz schon beharrlich, reüssiert hier aber jene (rechts-)nationalistische Aufstallung, die ‚dem Deut­schen‘ eine „Ur­sprungs­mäch­tig­keit“ (Plessner) zuerkennen will, noch ein Zurechtstutzen von Spra­che auf ge­fühls­du­selige und – offenbar wieder für die ‚Massen‘ verfängliche – Deutschtümelei á la Björn Höcke & Bagage, verdeckt oder nicht, jedenfalls Einlass findend, und darin nichts we­sent­lich Neues, auch über Verwertungsinteressen von Buchverlagen sowie weniger Öffentlich­keit als ‚Klicks‘ erheischenden, privaten Plattformen im ‚Netz‘. Zu tun ist es Sonnemann, wie er an anderer Stelle (der kritische Wachtraum) heraushebt, um eine „Psychoanalyse des Geschichtsgedächtnisses“, die nicht (nur) zum Thema habe, was es loswurde. „Verdrängt wird nicht“, so heißt es da weiter, „das Hin­fäl­lige, Abgetane, das so widerstandslos der Zeit unterworfen ist, daß es mit seiner eigenen Nich­tig­keit ihrem Vernichtenden entgegenkommt, bis es sich auflöst, sondern was unbequem und un­er­le­digt ihr widersteht, weil es vor dem Bewußtsein nicht wahr sein darf; darum be­wahrt es in seiner Ver­drän­gung (…), wenn man sie aufgehoben hat – seine Frische“. Diese ge­schicht­lichen Ver­drän­gungs­prozesse, die durch das Subjekt hindurch sich erhalten, sind in der Tat, und darauf führt Son­ne­mann den ‚deutschen‘ Leser nachdrücklich hin, wie er sich da im übrigen zudem auf Lessing berufen kann, der, einschlägig und treffend, von „deutscher Denkungsart“ sprach, je nach ‚Nation‘ verschieden: der deutsche Fall, be­­sonders, weil er kei­ne bürgerlich-liberale Re­volution ‚von Unten‘ vorzuweisen hat wie der fran­­zösische Nachbar, holt die Erfahrung nach, aller­dings kon­ser­va­tiv verstockt, i. e. im na­tio­na­lis­­tischen Eifer überschießend – wo­gegen nicht nur Marx und Niet­z­sche sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vehement stemmten -: ohne „ja­ko­bi­nische An­re­gun­gen“ (S. 222), die es im deutsch­sprachi­gen Raum, wenn auch nur kurz, und zügig nach jeder Seite verunglimpft, eben auch ge­­geben hatte (Mainzer Republik). An dieser his­to­ri­schen ‚Last‘ ei­ner versäumten (bürger­li­chen) Revolution, die auch 1989/90 nicht eingeholt wur­de, trägt das Be­wusst­sein noch heute, die spe­zifisch deutschen Verdrängungsprozesse reichen in ihrer Form aber wohl zurück bis zum Sie­ben­jährigen Krieg und dessen prominente natio­nalis­tisch-kit­tende Auf­be­rei­tung durch von Archen­holz, ein Werk, dass eine breite Wirkung entfaltete, gelesen, in ihrer ‚Sub­stanz‘ weiter getragen wurde noch bis 1945. Nicht ganz zufällig um diesen Zeitpunkt herum manifestiert sich die kollektive Verdrängung (erstveröffentlicht wurde das Werk 1793), da sich, auch unter Einflüssen der Aufklärung, allmählich ein Bewusstsein von der eigenen Geschichte zu ent­wickeln begann, das durch die Erfahrung des vergangenen Krie­ges auf deutschem Boden Nar­rative cli­chiert, die noch später das sog. Nationalbewusstsein der Deutschen durchwalten wer­den: vom tapf­eren, ehrwürdigen preußisch-deutschen Soldaten, sittlich und treu, ausschließlich zur Grausam­keit sich herab­lassend, wenn die ausweglose Situation ihn dazu zwinge (ein sentimentales Wi­der­stre­ben, das sich später bei Goebbels wieder finden wird), hingegen ‚der‘ Franzose und Russe seine Feinde barbarisch und wild, eben unzivilisiert, hinmorde, nach „satanischer Lust“ brand­schatze, bekanntlich bezeugt durch Manifeste der auch anderen Kriegsparteien, die eine sich kons­tituierende „Volksmeinung“ ideologisch verein­nah­men wollten. Wenn aus einer dezidiert ‚deu­t­schen‘ Sicht der Fremde nur das bekommt, was er ohnehin verdient, das nationale Selbst­be­wusst­sein – entweder glückbesoffen oder manisch destruktiv – in einer seiner Selbst über­schätz­enden Über­legen­heit sich wähnt, so greift Sonnemann auf das Wie und Warum im Sinne einer „un­be­män­tel­ten Aufklärung darüber, daß die deutsche Geschichte gescheitert ist, weiter schei­tert: welches die Mächte sind, diejenigen in der Gesellschaft und die in der Publikumsseele selbst, die das Scheitern nicht enden lassen“ (S. 228).

Das kollektive Geschichtsgedächtnis ‚der‘ Deutschen war von Beginn an kompromittiert. Zur deutschen „Sprachlosigkeit“ gehört, bisher zumindest, eine falsche Spontaneität, eben jene ‚völ­ki­sche‘, die sich ihrer Entstellungen nicht einbekennt, sie nicht loswird und durch geschichtliche Ver­hal­tens­kons­tan­ten sowie Pauschalabfertigungen als bekennerhafte Entäußerungen von mechani­schen Satzt­rüm­mern dem Denken, das sich windet, auftrumpfen will. Die Folge: eine Indolenz des deu­tschen Patrio­tis­mus als Kastration der Sprache, woran der „empfindsame Verstand“ (Friedrich Ni­co­lai) ab­stumpft, darüber vergisst, dass da etwas war, was hätte sein können, aber nicht wurde, ein Unerledigtes, das nicht Ruhe gibt, aber, sediert, im unkritischen „Wachtraum“ verdämmert. Da­rum auf den ‚gesunden Menschenverstand‘ des Deutschen sich besser nicht verlassen, ein Ver­stand überdies, der das Licht der Aufklärung, schnüffelnd, auch da aufsucht, wo längst keines mehr ist. Dies ist keine metaphorische Lappalie. Eher schon eine Haltung, die zur Vorsicht alles Progressive bereits im Ansatz ausmerzt, die Unzumutbarkeiten einer kapitalistischen Gesellschaftsform dem neugierigen Subjekt, das sich auch syntaktisch ausprobieren will, also abweicht, als „Le­bens­be­jah­ung einmassiert“ ( S. 65). „[U]nter dem stumpfmachenden Druck ihrer beklemmenden Zustände“ (S. 65), hat es zu leisten, was abzuleisten gefordert ist, um am Ende meist doch nur aufs Ab­stell­gleis ge­wor­fen zu werden. Der Schnüffler, unbemerkt zu einem geworden, diskreditiert jede Ah­nung „für das selber Unfertige, historisch nicht Beschlossene und Liegenbleibende“, ebenso, um wei­ter mit Bloch zu sprechen, dass die Bourgeoisie „die Errungenschaften ihrer revolutionären Früh­zeit per­vertiert“ hat. Dem gesellt sich hinzu eine pädagogische Attitüde, nicht selten schul­meis­ternd (vgl. S. 102), die am Ge­dächt­nis schraubt, um seine Wahrnehmungsschwelle auf das Ge­woh­nte hin zu raf­­fi­nie­ren.

Auch der professorale Piefke nimmt sich dabei nicht aus. Noch heute würde das Werk Sonnemanns wohl unter dieselben „Be­griffs­deckel“ (S. 394) fallen wie damals: sprachlich zu kompliziert und un­zu­mut­bar (S. 391), Nach­ah­mung eines „schwülstigen verblasenen Stil Adornos“ (S. 408), un­zu­läs­­siger dialektischer „Jar­gon“ (S. 400). Aufgesetzt würden die üblichen Re­fle­xe, das leere, da er­fah­rungs­lose Re­petieren auf entweder ‚Em­pi­rie‘ oder argumentative Sprach­lo­gik, beides längst schon Fetisch eines „erfahrungswidrigen Be­griffs­­zau­bers“ (S. 316) geworden, der keine Gegen­re­de mehr duldet, und sei sie in der Sache noch so wissenschaftlich begründet. Ent­ge­gnungen auf jene, nicht zufällig schon ans Ressentiment erinnernde, „abqualifizie­ren­de Vokabeln“ (S. 403), nachzulesen in die­sem Band, bleiben in ebendieser Sache, und nach wie vor, so stich­hal­tig wie ak­tu­ell. Als nur eine Auswahl, die sich auf den ‚Stil‘ bezieht: als habe Hegel nie gedacht, fahre der Betrieb also fort, „zwischen Form und In­halt eines Satzes zu unterscheiden, zwischen einem Ge­dan­ken und seinem Ausdruck: als sei ihr Ver­hältnis, was es eben nur in der Welt der Hör­schwäche ist, ein beliebiges“ (S. 293). Woher diese ‚Hörschwäche‘ kommt, inwieweit sie durch gesell­schaft­li­che Vermittlungs­pro­zesse sich kon­sti­tuiert, darüber stolpert nur ungern derjenige, der ohne­hin alles schon besser weiß, wogegen schlusse­ndlich, aber nicht abschließend, lakonisch mit der Frage auf­zuwarten wäre, ob denn dort Kritik sich regen könne, „wo unter der Seelenfuchtel eines Zunft­zwan­ges, Eti­kette zu kleben, das Le­sen verlernt wurde?“ (S. 411). Allein eine institutionelle Ver­­kar­stung, die im­merzu auf das Ein­trei­ben von Drittmitteln schielt, wird ihre Augen nur schwer auf an­deres rich­ten kön­nen.

Ihr Mittelbau, in permanente Existenzbedrohung qua Befristung versetzt, schiebt, statt kon­ti­nu­ier­lich-kritische Forschung, Dauerbewerbung auf Stellenangebote und Projektausschreibungen, deren Aus­schrei­bungs­texte, auch hier ließe sich erneut an Sonnemann anknüpfen, „in ein schäbiges Ein­heits-Deutsch der Industrie und des staatlichen Apparats mün­den, das auch die Erbaulichkeiten und die Diffamierungen, nicht bloß die Kultformeln, für die Wachs­tumsrate, fertig ins Haus liefert“ (S. 324). ‚Erbaulichkeit‘ meint in diesem Zusammenhang den Erwerb von Kompetenz im Zuge von Kom­petenzbegriffen, die sich als Leitbild didaktischer Maßstäbe durchgesetzt haben, äußerlich an­fü­gen lassen an eine fragmentierte Lebensbiografie, was, auf Psychologie gestutzt, erbaulich ist, sein kann. Im Sinne einer Lebenslüge, die, ideologisch, zur ‚Lebensleistung‘ umgeschafft ist, wird der Kompetenzerwerb im selben Atemzug, darum ‚Diffamierung‘, wieder angefochten, zur Nullität erklärt. Im Konkurrenzkampf am Ar­beitsmarkt gibt’s halt immer jemanden, der ein Stück­chen besser ins Profil passt, das Be­we­r­ber­feld sei eben ‚kompetitiv‘. ‚Kompetitiv‘: ein Be­griffs­fe­tisch, der nicht nur an Schnödigkeit kaum mehr zu überbieten ist, zudem Erfahrung verdinglicht und so an der „Diskontinuität des Bewusstseins“ (S. 171) weiter baut. Wie viel emanzipatorische Po­ten­tia­li­tät, nicht bloß wissenschaftliche, auch künstlerische, überhaupt geistig-praktische, bisher durch die bür­ger­lich-kapitalistische Gesellschaft in die, wie es beim Aufklärer Turgot heißt, buch­stäb­lich „in die Dun­kelheit versenkt“ wurde, darüber schweigt sich der Apparat, das Ak­ku­mu­la­tions­regime, aus. Das Kapital mitsamt seiner Profit- und Verwertungsinteressen hat nun mal kein Gewissen, an das zu nagen wäre.

Insofern die Erziehung zum „doppelt freien Lohnarbeiter“ (Marx) auf Kosten der Erziehung zum Men­­­schen betrieben wird, nur betrieben werden kann: darunter leiden, mögen es auch „unbewusste Schmer­zen“ (Leibniz) sein, Schüler wie Studierende. Von Beginn an madig gemacht wird ihnen eine Form der Kritik, die, ihrem Wortursprung nach, aufs Unterscheiden zielt. Statt das zu Re­flek­tie­rende auf eine „dialektische Verständigkeit“ hin zu arrangieren (S. 89), werden, intellektuell ver­armt (vgl. S. 160), nach Re­zept ge­ar­beitete, „zufällige Wissensdaten, ohne die leiseste Resonanz in ei­nem Gegen­warts­ver­ständnis“ (S. 78) aufgeschwatzt, „Gedanken“ zum „Erlebnis“ umetikettiert (S. 87), um nachher jene „aus­drucksdefekte Generation“ (S. 100), „die die Verhältnisse nach­stot­tert“ (S. 196), billig zu mo­nieren, hingegen man selber an der „Einebnung des Abweichenden“ (S. 131), am Unterlaufen des Mündigwerden mitgetan hat. Ein „auf Zustimmung rechnendes Vo­ka­bu­lar“ (S. 132), eingepaukt, das der „Regression der deutschen Gesellschaft zur Horde“ (S. 126) vor­ar­beitet, trimmt die prospektive Arbeitskraft auf mehrwertschaffende Tauglichkeit oder funk­tio­nelle Untauglichkeit, die sich immerzu als Tauschwert bewähren muss, später, wo nicht zur über­leg­ten Schlinge greifend, prekär sich über Wasser hält. Nicht zwingend aber müssen darüber ge­schicht­liche Umschlagsstellen vorüber gehen. Diese blieben nur solange unbemerkt, bis dass es die Er­niedrigten und Beleidigten doch kümmern muss, was da einst verloren ging, weil es Teil der ei­ge­nen Erfahrung geblieben ist, die, verdrängt und sublimiert, im Unbewussten kontinuiert. Eine Er­fah­rung also, die aufgeschlossen werden kann. Dies allerdings wäre, und hieran schaffte Sonne­mann mit, eine Gedächtnisleistung, die nicht im Handstreich zu besorgen ist.

Auch müsste sie eine Öffentlichkeit herstellen, die besetzt ge­halten wird, pseudokritisch, durch For­mate nach Art von Jan Fleischhauers ‚9 Minuten Netto‘ auf dem privaten Sender ‚ServusTV‘, läs­sig ko­ket­tierend mit einer gefälligen Polemik, durch­ge­skrip­tet bis hin zur Studio­lam­pe, die den Mei­­nungs­macher auch anderswo bestens ausleuchtet, doch dem Zu­schau­er kein Licht auf­steckt. Allein die hart aneinander gereihten Schnitte, die den gedankenlosen Telegrammstil auch visuell mas­sen­tauglich machen sollen, gemahnen an jene Zerrissenheit des Bewusstseins, mit dem, phan­ta­sie­los, einem ‚rechten Mainstream‘ die Aufwartung gemacht wird. Wenn so die Ka­na­li­sie­rung ins Bar­­ba­ri­sche sich bewerkstelligen lässt, wären auch andere Fernseh- und Ex­per­ten­dis­kus­sionen auf den Prüfstand zu stellen, wo zwar miteinander ‚geredet‘ wird, Personen, und mit diesen ihre gesellschaftlich vermittelte Erfahrung, aber „kaum sichtbar“ wer­den, da allein „ihre Inner­lich­keiten (…) regellos durcheinanderschwimmend wie mit Schwanz­be­wegungen die elektrischen Schlä­ge aus[tauschen], die den Ar­gumen­ta­tions­ver­lauf ausmachen“ (S. 284). Sub­versiv zu unterlaufen hätte die noch herzustellende Öffentlichkeit außerdem den Äußerungs­­drang eines kritischen Geraunes, das verlockt aber nur lärmt.

Auch hier nur eine Sottise unter vielen: Ingo Elbes so genannte und auf „YouTube“ verfügbare „Einführung in die kritische Theorie“, immer­hin mit fast 9000 Aufrufen beschenkt, die u.a. den Beginn der Ana­ly­ti­schen So­zial­­psychologie aus dem Werke Erich Fromms herleitet, ein Lapsus, freilich einer unter meh­reren, der kaum mehr auffällt, was sich aber auch nicht mehr zurechtbiegen lässt, wenn man die im nachhinein immer leicht anführbare Schutzbehauptung, ‚es sei doch eben nur eine Ein­füh­rung‘, vorbringen wollen würde. Zur Theologisierung nicht nur der Marxschen Theorie trägt in diesem Vortrag bei, neben einer Scheinkritik am ‚Stil‘ (s.o.), Ausdruck eines persönlichen Miss­fallens gegenüber den nun Herbeizitierten, der Einwurf, dass Horkheimer und Adorno in der „Dia­lek­tik der Aufklärung“ den Wandel von der Ka­pi­ta­lismus- zur Kultur- und Vernunftkritik voll­zo­gen hätten. Die zentrale These darin lau­te: nach­dem die Autoren anfänglich, ‚klassisch marx­is­tisch‘, an die Entwicklung der Pro­duk­tiv­kräf­te als Basis für die Befreiung der Menschheit geglaubt hätten, es ihnen unter den Schrecken des Na­zismus nun aufging, dass die Aufklärung selber nicht zur Emanzipation geführt habe, sondern, in di­rekter Linie, eben zum Unheil; das ‚technische Po­ten­tial‘ würde nun als Problem wahrgenommen wer­den. Im übrigen, heißt es weiter, ein Buch voller ‚Widersprüche‘, wo man ‚die Position A‘ auf der einen Seite fände und ‚wenige Seiten später‘ die Po­sition ‚non-A‘. Man solle ihm, dem Vortragenden, nicht erzählen, dass das Dialektik sei (Viel­leicht aber dann doch, inwieweit bereits Friedrich Schiller und Zeit­genossen, mit denen die Au­toren der „Dialektik der Aufklärung“ eingehend vertraut waren, Kultur-, Vernunft- und Auf­klä­rungs­kritik geübt haben, dabei aber, ähnlich wie die hier Geschmähten im übrigen auch, das Pro­gres­sive darin nicht einfach nivellierend. So etwa in den Schillerschen Briefen an den Herzog von Au­gustenburg oder den Briefen „über die ästhetische Erziehung des Menschen“, von denen sich Marcuse später be­kanntlich in­spi­rieren ließ).

Schließ­lich meldet sich später, angezogen von solchen Pasquillen, noch folgender Kom­mentar:„Guter Über­­­­blick mit schöne klare Sprachel ohne dialektisches Geschwurbel!“ Allein der Tippfehler – dem Kom­men­tator eilte es offen­sicht­lich, irgendetwas, heißt: dem Vortrag An­ge­mes­se­nes, in die Tas­ten zu hau­en – wird meist zuerst ins Auge stechen, wo­rüber der echauffierenden Wahr­neh­mung durch die Ma­schen schlüpft, was Son­ne­­mann an­dern­orts (s.o.) mehrfach belegte: dass selbst die Dialektik noch zum bil­ligen Ad­jektiv her­hal­ten muss, mit dem dann alles schon gesagt sein soll, was nicht mit ‚sprach­­li­cher Nach­läs­sigkeit‘ weg­zu­wischen ist. Und am Ende dürfte wohl auch hier berechtigt einzuhaken sein: „wird man die Be­grün­dung, die man schul­dig bleibt, durch ein Aus­ru­fungs­zeichen ersetzen dür­fen?“ (S. 99). Dies alles trägt nun nicht bei zum „Wachstum (…) pra­xis­fäh­iger Hu­ma­ni­tät“ (S. 65), was eine Kritische The­orie, die an die Arbeiten Sonnemanns anknüpft, nicht irritieren kann und wird. Und vielleicht mag sich gar ein „moralischer Widerstand von innen“ re­gen, der den „Mangel an theoretischer Kultur“ als einer der „nächsten Ursachen der Ver­wil­der­ung, an den unsre Zeitgenossen Krank liegen“, identifiziert: „eine der nächsten Ursachen“, so Schil­ler, „aber die letzte nicht“.

Fazit

Dass der zu Klampen Verlag die Schriften Ulrich Sonnemanns herausgibt, ist ein Glücksfall. Auch und gerade, weil durch die Lektüre deutlich wird, dass, wie die letzten Dekaden ge­schehen, der sys­te­matische Ausschluss der ‚älteren‘ Kritischen Theorie aus den Studien­ver­lauf­s­plänen und Se­mi­narräumen, mitsamt ihres Marxschen wie Freudschen Erbes, zwar aus einem sich ak­tuell brüs­ten­den Reputationsgehabe einer projektorientierten Wissenschaftspolitik, nicht aber aus Grün­den der wissenschaftlichen Erkenntnis selbst eigentlich zu rechtfertigen war und ist. Sollte im Ernst sich zukünftig eine neue Phase der Aufklärung ankünden, dürfte sie an den Schriften Sonne­manns nicht vorbeigehen können, auch deshalb, da diese das „Eingebläute am Denken der Menschen“ (S. 315) schonungslos offen legen, noch dazu anregen, eine Sprache wieder zu erinnern, die den Menschen von den Klassenverhältnissen, die ihn zu Boden drücken, ein Stück weit emanzipiert. Dazu gehört, un­bedingt, die Anamnese eines Geschichtsbewusstseins, das von seinen Ver­drän­g­ungs­­prozessen nichts mehr weiß, aber etwas ahnt, sein revolutionär Verborgenes zur aufsässigen Kritik am heute Bestehenden, reflexiv verbürgt, auswachsen lassen kann.


Rezension von
Dr. phil. Kevin-Rick Doß
Lehrbeauftragter an der Universität Osnabrück
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Zitiervorschlag
Kevin-Rick Doß. Rezension vom 06.10.2020 zu: Ulrich Sonnemann, Paul Fiebig (Herausgeber): Land der Sprachlosigkeit. Schriften 7: Deutsche Reflexionen (4). zu KLAMPEN! Verlag (Springe) 2020. ISBN 978-3-934920-67-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27473.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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