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Roland Reichenbach: Grenzen der interpersonalen Verständigung

Cover Roland Reichenbach: Grenzen der interpersonalen Verständigung. Eine Kommunikationskritik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 190 Seiten. ISBN 978-3-8379-2980-5. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Diskurse der Psychologie.
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Thema

Es geht in dem Buch um Kommunikationsbeziehungen in demokratischen Lebensformen und dabei auftauchende Verständigungsprobleme. In sieben essayartigen Kapiteln werden verschiedene Aspekte der interpersonalen Verständigung behandelt. Einigungsprozeduren werden beschrieben, die jedoch die Grenzen der interpersonalen Verständigung nicht grundsätzlich aufheben können.

Autor

Roland Reichenbach ist Professor für Allgemeine Erziehungswissenschaft an der Universität Zürich.

Aufbau und Inhalte

Das Buch enthält neben den Vorbemerkungen und einleitenden Worten sowie den Nachweisen und einem Literaturverzeichnis sieben nicht aufeinander aufbauende Kapitel. 

Vorbemerkungen und Einleitung

Man beginnt, wie der Autor ausführt, dann über etwas nachzudenken, wenn es nicht mehr wie gewohnt funktioniert oder eine sofortige Lösung nicht erkennbar ist. Schwieriger ist es, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Hier gilt es, die egozentrische Kleinlichkeit bzw. Selbstbezogenheit zu überwinden. Reichenbach führt zahlreiche Beispiele an für alles, was in sozialen Interaktionen stören kann. Es weist auf Sigmund Freud hin, der drei Ursachen menschlichen Leidens genannt hat: den eigenen Körper, eine feindliche Außenwelt und die Beziehungen zu anderen Menschen. 

Kapitel 1

Im ersten Kapitel werden drei für soziale Beziehungen bedeutsame Strategien und Reaktionsweisen vorgestellt, die Reichenbach, die Überlegungen des Ökonomen  Hirschman aufgreifend, als Exit, Voice und Loyality bezeichnet. Die Exit-Strategie bedeutet Abbruch der Beziehung. Die Voice-Strategie ist typisch für moderne Lebensformen, wobei die Mitspracheformen und argumentativen Einflussmöglichkeiten vielfältig sind. Jede soziale Bindungsform erfordert vom Einzelnen ein bestimmtes Maß an Loyalität. Nach Martin Seel, auf den sich der Autor bezieht, ist in der Pluralität der modernen Lebensformen keine Konvergenz vorgesehen. Demokratien bürden vielmehr dem einzelnen Menschen auf, mit Widersprüchen und Ambivalenzen zu leben. Das Problem ist jedoch, dass Offenheit und Toleranz auf Dauer keinen Zusammenhalt ergeben, was die Verständigung erschwert. Die demokratische Gemeinschaft ist eine Gemeinschaft des unentschiedenen Streits bzw. des schwebenden Konflikts. Andererseits ist der Befehl von grundlegender Bedeutung für das menschliche Zusammenleben.

Kapitel 2

Das zweite Kapitel befasst sich mit der Hervorhebung der Unterschiede, mit der die Einzigartigkeit des Individuums unterstrichen wird. Dennoch ähneln sich die Menschen in ihren Grundbedürfnissen. Was das Bedürfnis nach Anerkennung betrifft, unterscheidet der Autor drei Formen: Geliebt werden, Recht behalten und erlebte Gleichwertigkeit. Die Schule ist nach Ansicht des Autors der Praxis der Gleichheit verpflichtet – und eben nicht der Betonung der Unterschiede.

Kapitel 3

Im dritten Kapitel werden zwei Reaktionen auf Einschränkungen der persönlichen Freiheit beschrieben, nämlich Reaktanz und Hilflosigkeit. Reaktanz ist der Widerstand gegen Freiheitseinschränkungen. So haben Adam und Eva dem Verbot, die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen – ein machtvolles Bildungsangebot, wie der Autor meint –, nicht Folge geleistet. Gelernte Hilflosigkeit ist die Überzeugung, dass man keine Möglichkeiten hat, eine Situation zu verändern. Doch es gibt auch Kontrollillusionen: Menschen glauben, dass sie etwas kontrollieren können, was objektiv nicht der Fall ist.

Bei asymmetrischen sozialen Beziehungen kommt es nicht selten zu verdeckten Dominanzmanövern, z. B. zur freundlichen Aufforderung, dies zu tun oder das zu unterlassen. Ein weiteres Thema sind soziale Austauschbeziehungen, die sich in ihrer Qualität und Intensität unterscheiden. Verständigung bei ungleichen Kommunikationspartnern z. B. zwischen Chirurg und Patient ist insofern unaufrichtig,  als die sozialen Rollen die Möglichkeiten und Grenzen der Verständigung bestimmen. Vergleichsweise ausführlich geht der Autor auf  die Bedeutung von Gefühlen im Bereich der Politik ein, wobei er die Metapher der „Herzensbildung“ verwendet. Negative Gefühle sind ein wichtiger Bestandteil des politischen Lebens.

Kapitel 4

Thema des vierten Kapitels sind „Dissenskulturen“ und damit die zentrale Frage nach der Fähigkeit, mit Dissenz umzugehen. Zu Beginn weist der Autor auf die mangelnde Tauglichkeit der Ratgeberliteratur zur Beseitigung von Dissenz hin. Das Abhängigsein von anderen macht das Verhandeln unausweichlich. Menschen lernen, dass es Sachverhalte gibt, über die man sich nicht einigen kann, und sie machen die Erfahrung, dass es unterschiedliche Sichtweisen gibt, was letztlich positiv zu werten ist: „Der Vorrang des Dissenses vor dem Konsens erhält seine Bedeutung also vorwiegend im Lichte einer angestrebten Pluralismustauglichkeit“ (S. 101). So ist der Streit von fundamentaler Bedeutung für die Bildung.

Kapitel 5

Das Freundschaftsverständnis, mit dem sich insbesondere Robert Selman eingehend befasst hat, und dessen in Stufen unterteilte Entwicklung dient dem Autor als Beispiel, um die Entwicklung des interpersonalen Verstehens darzustellen. In der Kindheit sind die Menschen zur Perspektiveübernahme und der Differenzierung  zwischen der eigenen und der anderen Perspektive noch nicht fähig. Von Robert Selman stammt auch das Modell der interpersonalen Verhandlungskompetenz, in dem vier Niveaus unterschieden werden. Stufe 0 ist z. B. die Strategie unreflektierter Gewalt, Stufe 1 bezeichnet eine einseitige Machtausübung. Die zentrale Frage ist jedoch, was geschieht, wenn Menschen mit unterschiedlicher Kompetenz miteinander verhandeln. Wenn ein hochkompetenter Mensch mit einer weniger kompetenten Person interagiert, wird er nicht verstanden und muss sich zumindest situativ auf ein niedrigeres Niveau einstellen. Nach Reichenbach heißt das, dass sich das „Primitivere“ durchsetzt. Er belegt dies anhand eines Simulationsexperiments und stellt dann fest:. „Nur jene Sprache ist wirkungsvoll, die von der Gegenseite verstanden wird“ (S. 133).  

Kapitel 6

Im sechsten Kapitel geht es um Einigungsprozeduren. Ideal ist die symmetrische Kommunikation. Sie ist möglich, wenn die Beteiligten ähnlich kompetent sind.  Probleme, die bei mangelnder Symmetrie auftauchen, sind häufiges Nein sagen, Widersprechen und Streit. Weghören, Kommunikationsverweigerung, Machteinsatz und Gewaltanwendung  sind typische  Folgen. Die ausschließliche Fokussierung auf die Persönlichkeit als Einflussfaktor der Kommunikation wie z.B. deren Empathie bezeichnet der Autor als Mythos. Die Spieltheorie, nach der die eigenen Entscheidungen von den Entscheidungen der Mitspielenden abhängen, ist besser geeignet, soziale Interaktionen zu erklären, denn der Verhandlungserfolg hängt zwangsläufig immer auch von der anderen Person ab, mit der verhandelt wird und auch davon, wie wichtig das Ergebnis für die miteinander Verhandelnden ist. Rollen in Verhandlungsprozessen sind diejenigen des Schiedsrichters, des Mediators und des Intravenienten. Der Autor geht ausführlich auf die verschiedenen Varianten der Mediation ein, deren Ziel das Finden einer für beide Seiten akzeptablen Lösung ist. Intravention unterscheidet sich von der Mediation dadurch, dass die Intervenierenden Einfluss nehmen können, weil sie Prozess- und Ergebniskontrolle besitzen. Der Autor plädiert dafür, sich ausgiebiger und differenzierter mit dem Dissenz und mit Einigungsprozessen zu befassen, als das zur Zeit im gängigen, vielleicht allzu politisch korrekten Diskurs der Fall ist.

Kapitel 7

Die Praktiken des Verzeihens und Versprechens sind die wesentlichen Modi, um zu einer interpersonalen Verständigung zu gelangen. Versprechen, darunter auch  Wahlversprechen, die nicht eingehalten werden, sind sinnlos. Das Versprechen ist zukunftsgerichtet, das Verzeihen bezieht sich auf die Vergangenheit. Mit dem Versprechen fixieren wir ein Stück Zukunft, mit dem Verzeihen wird die fixierte Vergangenheit ein wenig aufgelöst. Für beide Praktiken ist Gemeinsinn erforderlich. 

Diskussion

Die sieben Kapitel des Buches sind keine wissenschaftlichen Abhandlungen, in denen beispielsweise die Ergebnisse der empirischen sozialpsychologischen Forschung über Prozesse und Probleme der interpersonalen Kommunikation dargestellt werden. Es sind stattdessen bis in die Philosophie hineinreichende Betrachtungen, in denen auch auf Immanuel Kant und Hannah Arendt Bezug genommen wird.

Der Untertitel des Buches lautet zwar: „Eine Kommunikationskritik“. Man ist dennoch  erstaunt, wenn der Autor in der Einleitung Kommunikation als ein vergleichsweise hässliches und abgenutztes Wort bezeichnet und einen weit verbreiteten Psychologismus anprangert, der sämtliche zwischenmenschliche Probleme als Kommunikationsprobleme deutet. Er geht so weit, Kommunikation als eine Art Gottesersatz zu bezeichnen (S. 26). Hier tritt offenkundig Polemik an die Stelle einer  sachlich neutralen Darstellung. Man kann Kommunikation auch als Oberbegriff und Verständigung als Unterkategorie auffassen. Manches wird nur angedeutet, aber nicht weiter vertieft wie z. B. im dritten Kapitel das Thema der Kontrollillusionen im Zusammenhang mit gelernter Hilflosigkeit. Wer glaubt, etwas kontrollieren zu können, nimmt sich nicht als hilflos wahr. Für den betreffenden Menschen ist es keine Illusion. Auf eine psychologische Interpretation, dass nämlich die wahrgenommenen Umweltbedingungen verhaltensrelevant sind, kann man an dieser Stelle kaum verzichten.  Zentrale Aussagen finden sich im sechsten Kapitel, das bei dem Ideal der symmetrischen Kommunikation ansetzt und davon ausgehend die durch Asymmetrie bedingten Probleme beschreibt, die eine interpersonale Verständigung erschweren.

An mehreren Stellen wird auf die demokratische Gemeinschaft als einer Gemeinschaft des unentschiedenen Streits bzw. des schwebenden Konflikts hingewiesen, und darauf, dass Menschen lernen müssen, dass es Sachverhalte gibt, über die man sich nicht oder nur schwer einigen kann. Dissens ist ein Wesensmerkmal von Demokratien und sollte positiv bewertet werden, auch wenn man dabei an die Grenzen der interpersonalen Verständigung stößt. Man vermisst als Leser ein Schlusskapitel, das die in den vorangegangen Kapiteln angesprochenen Aspekte und Probleme in Form zentraler Aussagen bündelt und Zusammenhänge aufzeigt. 

Fazit

In sieben essayartigen Kapiteln werden Überlegungen darüber angestellt, wie sich  Menschen in Demokratien miteinander verständigen. Dissenz und Meinungsvielfalt sind für demokratische Lebensformen typisch. Weil eine symmetrische Kommunikation zwar das Ideal, aber nicht die Regel ist, da die miteinander kommunizierenden Personen unterschiedlich kompetent und unterschiedlich mächtig sind, ergeben sich vielerlei  Probleme und Konflikte. Das Buch ist nicht nur für Mediatoren, sondern auch für all diejenigen von Interesse, die sich für Politik und die Problematik des Zusammenlebens von Menschen, deren Ansichten und Fähigkeiten sich unterscheiden, eingehender befassen möchten.  

Summary

Seven essay-like chapters reflect on how people in democracies communicate with each other. Dissension and diversity of opinion are typical of democratic ways of life. Because symmetrical communication is the ideal, but not the rule, and because the people communicating with each other have different levels of competence and power, many problems and conflicts arise. This book is of interest not only to mediators, but also to all those who wish to delve deeper into politics and the problems of living together of people whose views and abilities differ.


Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 18.09.2020 zu: Roland Reichenbach: Grenzen der interpersonalen Verständigung. Eine Kommunikationskritik. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-2980-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27474.php, Datum des Zugriffs 27.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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