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Till Thimme, Hubertus Deimel u.a.: Bewegung und Psychische Gesundheit

Cover Till Thimme, Hubertus Deimel, Gerd Hölter: Bewegung und Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Grundlagen - Störungsbilder - Therapie. Schattauer (Stuttgart) 2021. 368 Seiten. ISBN 978-3-608-40014-4. D: 50,00 EUR, A: 51,40 EUR.
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Thema

„Bewegung und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“ ist das erste umfassende Lehrbuch zur Bewegungstherapie mit Kindern und Jugendlichen. Es ist wissenschaftlich fundiert und mit seinen vielen Fallbeispielen und Interventionsmöglichkeiten auch sehr praxisorientiert, wobei sich diese Praxis störungsspezifisch an den ICD-Klassifikationen orientiert. Vorlagen und Arbeitsmaterial liegen ergänzend zum Download bereit.

Autoren

Till Thimme, Dr. rer. medic., Sportwissenschaftler, Systemischer Familientherapeut (SG). Lehr- und Forschungstätigkeiten im Bereich Bewegungstherapie mit psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen. Fachliche Leitung der Bewegungs-, Sport- und Körpertherapie der Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie an der LVR-Klinik Bonn.

Hubertus Deimel, Dr. Sportwiss, bis 2014 Stud.-Direktor im Hochschuldienst an der Deutschen Sporthochschule Köln. Lehr- und Forschungstätigkeit für den Bereich der psychischen Erkrankungen im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter. Zahlreiche Publikationen zur Thematik. Psychotherapeutische Weiterbildung in Gestalttherapie (HP). Wiss. Beirat in der Zeitschrift „Bewegungstherapie und Gesundheitssport“.

Gerd Hölter, Univ. Prof. Dr., von 1984 bis 2011 Hochschullehrer an der Philipps-Universität Marburg (Motologie) und an der TU Dortmund (Rehabilitationswissenschaften). Bewegungstherapeut und Kinderanalytiker sowie Initiator einer bewegungstherapeutischen Hochschulambulanz. Wiss. Beirat von mehreren Fachzeitschriften und Mitglied der Konsensgruppe zu den S3-Leitlinien der DGPPN zu »Psychosozialen Therapien bei schweren psychischen Erkrankungen«.

Entstehungshintergrund

Mit diesem Fachbuch haben sich die drei Autoren auf eine gemeinsame Reise begeben, mit dem Ziel, die bisherigen Erkenntnisse aus Praxis und Forschung zur Bewegungstherapie mit Kindern und Jugendlichen zusammenzutragen und die vielseitigen und wirksamen Anwendungsmöglichkeiten für diese Zielgruppe aufzuzeigen. Dabei planten sie ein Lehrbuch, das wissenschaftlichen Kriterien genügen, gleichzeitig aber auch Menschen ansprechen sollte, die sich eine Hilfe bei der praktischen Arbeit oder bei der Vorbereitung für ihren Beruf erhoffen.

Aufbau

Im 1. Kapitel werden die theoretischen Grundlagen der Bewegungstherapie (BWT) als eigenständiges Verfahren dargelegt, beginnend mit einem historischen Einstieg um dann weiterzuführen mit der Auseinandersetzung mit zentralen Begriffen, den Rahmen- und Bezugstheorien. Die Autoren gehen ein auf die Problematik der Wirksamkeitsdiskussion der BWT und plädieren für eine Anerkennung der BWT als eigenständiges Verfahren.

Das 2. Kapitel beschäftigt sich mit Zielen, Inhalten und den Settings in denen die BWT angeboten wird.

Das 3. Kapitel, der Schwerpunkt des Buches, orientiert sich an den Störungsbildern

  • Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen
  • Störungen des Sozialverhaltens
  • Depressive Störungen
  • Angststörungen
  • Essstörungen
  • Sucht, Missbrauch und Abhängigkeit
  • Schizophrene Störungen
  • Autismus-Spektrum-Störungen

Dabei werden zu jedem Störungsbild zunächst klinische Informationen gegeben um dann Ziele und methodische Hinweise für eine gute Praxis zu anzubieten. Eine Darstellung der Forschungslage und eine Zusammenfassung runden die Teilkapitel ab.

Das 4. Kapitel ist eine Fundgrube für die PraktikerIn. Es gibt Hilfen zur Vorbereitung, zur Durchführung und zur Nachbereitung der Therapie, sowie spezifische Ratschläge zu einer „guten“ und „gesunden“ TherapeutIn.

Ein Fazit und der Ausblick runden das Buch ab.

Inhalt

Schon bei der „Einstimmung“ in dieses Buch setzen sich die Autoren mit dem Stellenwert der BWT im Rahmen der Behandlung von Kindern und Jugendlichen im klinischen Kontext auseinander und plädieren stark dafür, die BWT als eigenständiges Verfahren neben der Psychotherapie und der Pharmakotherapie anzuerkennen und nicht nur – wie bisher – als Erweiterung der Standardverfahren einzusetzen. Im Verlauf des Buches wird dies begründet, wobei auch anerkannt wird, dass ein fundierter Wirksamkeitsnachweis der BWT bislang nicht wirklich erbracht werden konnte.

Zur Annäherung an den zentralen Begriff des Buches, der „Bewegungstherapie“ wurde ein zunächst historischer Weg gewählt. Mit der Anerkennung von Kindheit und Jugend als eigenständiger Lebensabschnitt entstanden Ende des 19. Jahrhunderts erste kinder- und jugendpsychiatrische Überlegungen. In den folgenden Jahren entwickelte sich eine eigenständige Diagnostik und spezifische Behandlungsmethoden, die eine große Nähe zur Heilpädagogik zeigten. Bewegungstherapeutische Angebote waren zunächst funktionell ausgerichtet. Erst in den 1950er Jahren wurde der Anspruch geweckt, über die Motorik hinaus auf die Psyche einwirken zu können (der Begriff „Psychomotorische Übungsbehandlung“ wurde in diesem Zusammenhang geprägt). Eine weitere Facette orientiert sich mehr an psychotherapeutischen Theorien. „Dabei verlagert sich der Akzent von funktionellen und erlebnisorientierten Aspekten zum symbolischen Ausdruck von Konflikten, die sich in Bewegungs- und Spielaktivitäten ‚leibhaftig‘ offenbaren können“ (S. 5).

In den folgenden Teilen des 1. Kapitels wird zunächst das Bewegungsphänomen aus der Sicht unterschiedlicher Fachperspektiven dargestellt (Evolutionsbiologie und Entwicklungsphysiologie, Entwicklungspsychologie und Entwicklungspathologie, Bewegungswissenschaft, Bewegung in Pädagogik und Therapie, Bewegung in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen) um dann die theoretischen Überlegungen auf vier Rahmentheorien zu verdichten, die einen grundlegenden Einfluss auf das in diesem Buch vorliegende Konzept haben: Anthropologie und Phänomenologie, Sportwissenschaft, Neurobiologie, Salutogenese und Resilienz.

Dabei setzen sich die Autoren mit Überlegungen zu Evidenz und Wirksamkeit auseinander und stellen am Ende des Kapitels eine eigene Definition ihres Verständnisses von BWT vor, um dann mit Informationen zur aktuellen Verankerung der BWT im klinischen Setting und der Erläuterung von Wegen der Professionalisierung abzuschließen.

Im 2. Kapitel befassen sich die Autoren zunächst mit den Merkmalen und Besonderheiten der BWT mit Kindern und Jugendlichen. Sie gehen dabei differenziert auf die Frage der Ziele im therapeutischen Kontext ein, unterscheiden zwischen instrumentellen und finalen Zielen, sowie in der Tiefe der Ziele, die danach bemessen wird, „wie tief die Realisierung des Ziels in die Persönlichkeit und Lebensführung des Patienten eingreift“ (S. 87). Es folgt eine Darstellung der Ordnung von Zielen, welche später im 3. Kapitel wieder aufgegriffen wird: Motorik/​Sensorik, Emotion, Kognition und Soziales. Dem wird eine exemplarische Darstellung möglicher Inhalte im Rahmen der BWT im klinischen Setting angeschlossen: Spiele und Spielen, Üben und Trainieren, Erlebnis und Wagnis, Darstellen und Gestalten, Entspannung und Achtsamkeit, Bewegen im Wasser, Kampfkünste und als Exkurs die pferdegestützte Therapie.

Es folgt das dritte und auch das umfangreichste Kapitel des Buches. Hier werden 8 psychiatrische Störungsbilder bei Kindern und Jugendlichen nach einheitlichen Gliederungspunkten beschrieben und in einen direkten Bezug zu fachspezifischen Zielen und methodischen Vorgehensweisen gesetzt. Zahlreiche Fallbeispiele verdeutlichen die Vorgehensweise und stellen einen Bezug zur Praxis her. Abgeschlossen werden die Teilkapitel mit der Darstellung des aktuellen Forschungsstandes zum jeweiligen „Störungsbild“.

Zur Verdeutlichung von Umfang und Tiefe dieses Kapitels wird exemplarisch das „Störungsbild“ „Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung“ ausführlicher dargestellt.

Nach einer „Einstimmung“ in das Thema werden klinische Informationen zur Definition, Klassifikation und Symptomatik angeboten. Ein historischer Überblick verweist auf die unterschiedlichen Sichtweisen und Interpretationen dieses Krankheitsbildes vom „Zappelphilipp“ aus dem Kinderbuch Struwwelpeter bis zur Diagnose „Hyperkinetische Störung“, wie sie aktuell im ICD-10 unter der Ziffer F 90 beschrieben wird.

Die Epidemiologie zeigt eine Prävalenzrate von 5 % für die Altersgruppe von 3 – 17 Jahren, wobei die Erkrankungen bei Jungen im Verhältnis 3 bis vier zu eins überwiegen.

Bezüglich der Ätiologie finden wir sehr unterschiedliche wissenschaftliche Erklärungsmodelle wieder. Die erste Gruppe stützt sich dabei auf biologische Erklärungen bzw. auf Erkenntnisse der Genetik und Neurobiologie, bei der zweiten Gruppe von Modellen wird eher auf die Bedeutung von makro- und mikrosoziokulturellen Gegebenheiten verwiesen. In einer mehr auf das Verstehen orientierten Sichtweise wird hyperaktives Verhalten in einem Zusammenhang mit frühkindlichen Traumatisierungen physischer oder psychischer Art gestellt.

Die Therapie ist heute in der Regel multimodal orientiert, wobei die Pharmakotherapie neben Psychoedukation und psychosozialen Maßnahmen den größten Stellenwert besitzt.

Für die BWT ergeben sich – in Abhängigkeit von den aktuellen Problemlagen und den institutionellen Rahmenbedingungen – folgende Ziele:

  • Motorisch-sensorischer Bereich (S. 177ff): Verminderung des hyperaktiven Bewegungsverhaltens, Regulation und Modulation des Aktivierungsniveaus, Verbesserung der Selbstkontrolle bei Bewegungsaktivitäten und Verbesserung motorischer und sensorischer Defizite
  • Kognitiver Bereich (S. 180): Verbesserung der Fähigkeit, die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten, Verbesserung der Aufmerksamkeit durch die Kontrolle von Störreizen, Verbesserung der Handlungsplanung und -ausführung
  • Emotionaler Bereich (S. 181): Verbesserung der Affektsteuerung, Minderung der Impulsivität, Stärkung des Selbstwertgefühls, Verbesserung von Zuversicht im Hinblick auf Veränderung und Erfolg bei Leistungsaufgaben
  • Sozialer Bereich (S. 181f): Verbesserung des Sozialverhaltens durch Training sozialer Kompetenzen, Verbesserung der Akzeptanz von Regeln und Grenzen, Eröffnung von gruppenorientierten Trainingsmöglichkeiten in der Freizeit.

Dem Teilkapitel zu den Zielen folgen methodische Hinweise zum Umgang mit den Motivationslagen der Kinder und Jugendlichen, den unterschiedlichen Rahmenbedingungen bis hin zur „therapeutischen Beziehungsgestaltung“.

Im Folgenden wird ausführlich auf die Forschungslage eingegangen. Hier zeigt sich, dass kein Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie so intensiv beforscht wurde wie die kindlichen Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung, wobei die BWT nur recht marginal erwähnt wird.

Abgeschlossen wird dieses Kapitel durch eine Zusammenfassung, in der nochmal die wesentlichen Informationen zusammengefasst werden.

Im 4. Kapitel werden der LeserIn praktische „Tipps und Tools“ zur Hand gegeben, die sich in jahrzehntelanger Arbeit in unterschiedlichen Kontexten mit dieser Zielgruppe bewährt haben: Hilfen zur Vorbereitung, zur Gestaltung und zur Nachbereitung der Therapie, sowie spezifische Ratschläge zu einer „guten“ und „gesunden“ TherapeutIn. Dabei sollen diese Anregungen als Orientierungs- und Strukturierungshilfen dienen und je nach Bedarf modifiziert und den jeweiligen Rahmenbedingungen angepasst werden. Da es vor allem um „Praxistipps“ geht, wird dabei auf die theoretische Rahmung der einzelnen Themen verzichtet.

Ein Ausblick und das sehr umfangreiche Literaturverzeichnis, sowie ein Sachverzeichnis schließen das Buch ab.

Diskussion

Mit diesem Buch zur Bewegungstherapie für Kinder und Jugendliche bieten die Autoren einen systematischen Überblick über störungsspezifische Zielsetzungen, methodische Besonderheiten und relevante Forschungsergebnisse. Dabei wird an zahlreichen Fallbeispielen die Arbeit mit unterschiedlichen bewegungsorientierten Zugängen verdeutlicht. Anregungen und Handreichungen für die Vor- und Nachbereitung der Therapie und den Umgang mit herausfordernden Situationen unterstützen den Lerntransfer in die Praxis. Dadurch ist auch der Spagat gelungen zwischen Theorie und Praxis. Das Buch ist theoretisch fundiert. Das belegen die etwa (geschätzt) 750 Literaturangaben. Die Fallvignetten, die vorwiegend aus dem klinischen Kontext kommen zeigen die Praxiserfahrungen der Autoren.

Sie betonen, dass nach ihrem Verständnis die BWT ein „beziehungsorientiertes Verfahren“ (S. 418) ist, das auf der Basis einer vertrauensvollen und tragfähigen Beziehung stattfindet – was nach zahlreichen Wirksamkeitsstudien für den Therapieerfolg von entscheidender Bedeutung ist. Und sie verweisen darauf, dass Bewegung und Spiel einen besonderen Zugang zu Kindern und Jugendlichen ermöglichen. Deshalb plädieren sie – zurecht – dafür, die BWT als eigenständiges Verfahren anzuerkennen und nicht nur als Begleitung zu Psychotherapie und Pharmakotherapie einzusetzen, wie es sehr umfassend getan wird. Diesem Wunsch steht der bisher nicht belegte Nachweis der Wirksamkeit dieser Maßnahme entgegen. Diesem Problem stellen sich die Autoren und plädieren in ihrem Ausblick für Evaluierungsmethoden, die sich nicht auf das Modell der „externen Evidenz und an einer einseitigen Form der Evidenzgraduierung orientieren“. Sondern es bedarf „einer kreativen Kombination von ethnographischen und mikroanalytischen Studien, narrativen Berichten, Beobachtungsverfahren, Experten- und Patientenbefragungen sowie praxeologischen Schilderungen und theoretischen Reflexionen (S. 424)“.

Es ist zu wünschen, dass sich diese Sichtweise in der Forschung durchsetzt um damit der BWT die angemessene Anerkennung zukommen zu lassen.

Fazit

Ein sehr gut gelungenes Buch, dem man die Mühe des Entstehens anerkennen muss. Es bietet für Bewegungs- und SporttherapeutInnen, Fachstudierenden der Bewegungs- und Sportwissenschaften, der Psychologie und Medizin, Kinder- und JugendlichenpsychiaterInnen und -PsychotherapeutInnen, Tätige im ambulanten therapeutischen und heilpädagogischen Bereich wie Förder- und Sonderpädagogen sowie für Entscheider im Gesundheitswesen eine fundierte Grundlage um den Wert und die Bedeutung der BWT einzuschätzen und sie auch kompetent anwenden zu können.


Rezension von
Dr. Richard Hammer
Dipl. Motologe
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Zitiervorschlag
Richard Hammer. Rezension vom 18.02.2021 zu: Till Thimme, Hubertus Deimel, Gerd Hölter: Bewegung und Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Grundlagen - Störungsbilder - Therapie. Schattauer (Stuttgart) 2021. ISBN 978-3-608-40014-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27475.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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