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Oliver Razum, Petra Kolip (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften

Cover Oliver Razum, Petra Kolip (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 7., überarbeitete Auflage. 1102 Seiten. ISBN 978-3-7799-3857-6. D: 128,00 EUR, A: 131,60 EUR, CH: 160,00 sFr.
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Thema

Das Handbuch Gesundheitswissenschaften soll nach den Vorstellungen der Herausgebenden dem Feld der Gesundheitswissenschaften ein wissenschaftliches Fundament verleihen und den Stand der theoretischen und methodischen Zugänge sowie die wissenschaftliche Evidenz in den verschiedenen, die Gesundheitswissenschaften konstituierenden Disziplinen präsentieren.

Herausgeber*in

Seit seiner ersten Auflage im Jahr 1993 wird das Handbuch Gesundheitswissenschaften von Vertreter*innen der Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Universität Bielefeld herausgegeben, zunächst von Klaus Hurrelmann und Ulrich Laaser. Seit der vierten Auflage ist Oliver Razum beteiligt, der den Band nun mit Petra Kolip auf den Weg gebracht hat. Oliver Razum ist Dekan und Leiter der Arbeitsgruppe 3 (Epidemiologie und International Public Health), Petra Kolip Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung. Auch viele der Autor*innen der 7. Auflage arbeiten an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften oder waren früher dort beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Das ‚Handbuch Gesundheitswissenschaften‘ liegt nun in der siebten Auflage vor. Damals wie heute will es zeigen, „wie gewinnbringend es ist, wenn verschiedene Disziplinen gemeinsam einen Blick auf die Probleme der Gesundheit der Bevölkerung, auf Prävention und Versorgung einschließlich Rehabilitation und Pflege und auf die Steuerung und Finanzierung des Gesundheitssystems werfen“. Vor dem Hintergrund, dass die Gesundheitswissenschaften als eigenständige Gruppe wissenschaftlicher Disziplinen 1993 im deutschen Sprachraum nicht existierten, verfolgten die Herausgeber mit der ersten Auflage das Ziel, zur Re-Etablierung der Gesundheitswissenschaften beizutragen. Die aktuelle Auflage will sichtbar machen, wie sich das Feld im Lauf der Jahre verändert hat, indem neue Akzente gesetzt und die Themen Vielfalt, Global Health, Zielgruppen- und Evidenzbasierung und Theorieorientierung stärker in den Fokus genommen werden sollten.

Aufbau und Inhalt

Das 1.089 Textseiten umfassende Handbuch ist in sechs Themenschwerpunkte gegliedert und wird um ein 10seitiges Sachregister sowie ein Autor*innenregister ergänzt. Die Teile thematisieren (1) Grundlagen der Gesundheitswissenschaften, (2) Methoden, Prozesse und Forschungsfelder, (3) Determinanten der Gesundheit, (4) Gesundheitsförderung und Prävention, (5) Strukturen des Versorgungssystems, (6) Organisation und Steuerung des Gesundheitssystems. Aufgrund des Umfangs des Handbuchs werden nachfolgend nicht alle Teile in gleicher Ausführlichkeit dargestellt.

Außerhalb dieser sechs Teile findet sich zu Beginn des Handbuchs ein Einführungskapitel der beiden Herausgebenden. Dieses Intro stellt einen gelungenen Überblick über das gesundheitswissenschaftliche Verständnis von Gesundheit, ihrer zentralen Determinanten und deren Zusammenwirken, über die Ziele, Definition und Handlungsfelder von Public Health sowie über die inter- und transdisziplinäre Konstitution, die Politikrelevanz und die aktuellen Herausforderungen der Gesundheitswissenschaften dar.

Unter der Überschrift „Grundlagen der Gesundheitswissenschaften“ in Teil 1 finden sich Kapitel, die zu den klassischen Bezugsdisziplinen von Public Health zählen: ‚Geschichte‘, Humanbiologie‘, ‚Medizin‘, ‚Psychologie‘, ‚Soziologische Grundlagen‘ und ‚Ethik‘. Die Kapitel geben wertvolle Einblicke in das – für Gesundheitswissenschaftler*innen relevante – Wissen der genannten Fächer. Dem Kapitel ‚Geschichte‘ gelingt es gut, die Bedeutung der historischen Entwicklung des Gesundheitswesens für heutige Probleme und Entscheidungen deutlich zu machen. Die Ausführungen zur Humanbiologie stellen nachvollziehbar die Balance und Verwobenheit des Menschen mit seiner sozio-ökologischen Umgebung und deren Wirkungen auf die Gesundheit dar. Die „Medizin“ stellt die epidemiologisch bedeutsamsten Erkrankungen und die dadurch verursachten aktuellen Herausforderungen für Public Health dar. Das Kapitel ‚Psychologie‘ reflektiert die fokussierten Theorien zur Verhaltensänderung mit Blick auf mögliche Interventionen und plädiert für eine stärkere Theoriebasierung praktischen Public-Health Handelns. Die ‚soziologischen Grundlagen der Gesundheitswissenschaften‘ geben einerseits einen Überblick über die sozialen Einflussfaktoren auf die Gesundheit, andererseits zeigen sie auf, mit welchen Themen sich die Gesundheitssystem- und Versorgungsforschung beschäftigt – ein Aspekt, der in Teil 6 des Bandes nochmals differenzierter aufgegriffen wird. Die Autor*innen des Ethikkapitels erläutern und diskutieren einige für die Gesundheitswissenschaften und Public Health relevante ethische Prinzipien und stellen so genannte „Ethik-Tools“ als Grundorientierungen für den interdisziplinären Diskurs vor.

Teil 2 umfasst unter der Überschrift ‚Methoden, Prozesse und Forschungsfelder‘ in elf Kapiteln ein breites Spektrum der in den Gesundheitswissenschaften vorkommenden Forschungsmethoden, Verfahrensweisen, Vermittlungsformen und Transferfelder. Hier finden sich sowohl Ausführungen zu ‚Statistischen Methoden‘, ‚Epidemiologie‘, ‚Demografischen Prozesse und Methoden‘, ‚Sozialwissenschaftlichen Verfahren‘, ‚Gesundheitsökonomischer Evaluation‘, ‚Gesundheitsberichterstattung‘, ‚Gesundheitssystem- und Versorgungsforschung‘, ‚Interventions- und Transferforschung‘, als auch zu ‚Gesundheitskommunikation‘, ‚Electronic Public Health‘ und ‚Evidenzbasierung‘.

Teil 3 fasst als ‚Determinanten der Gesundheit‘ die Themen ‚Soziale Ungleichheit und Gesundheit‘, ‚Arbeit(swelt) und Gesundheit‘, ‚Umwelt und Gesundheit‘, ‚Diversität und Diskriminierung‘, ‚Geschlecht und Gesundheit‘ sowie ‚Gesundheitskompetenz‘. Die genannten Themen fächern den Forschungsstand zu den wesentlichen Bestimmungsfaktoren von Gesundheit auf – allen voran das Thema ‚Gesundheitliche Ungleichheit‘, deren nachhaltige Verringerung – nicht nur zielgruppenspezifische und bedarfsorientierte Leistungen der Prävention, Gesundheitsförderung und Gesundheitsversorgung voraussetzt, sondern auch Maßnahmen in anderen Politikfeldern erfordert, welche die eigentlichen Ursachen adressieren, nämlich die soziale Ungleichheit der Lebensbedingungen und Teilhabechancen (S. 530). Fragen der gesundheitlichen Ungleichheit ziehen sich als ein zentrales Public Health Thema auch durch weitere Kapitel des Abschnitts und werden insbesondere in den Kapiteln „Umwelt und Gesundheit“ sowie „Diversität und Diskriminierung“, aufgegriffen, wobei hier auch die globale Dimension des Problems deutlich wird.

Der in Bezug auf Kapitel- und Seitenzahl kürzeste, mit Blick auf die Public Health-Relevanz der hier behandelten Fragestellungen jedoch ausgesprochen profilierte Teil des Handbuchs präsentiert das Feld der ‚Gesundheitsförderung und Prävention‘ anhand der Schwerpunkte ‚Legitimation und Rahmenbedingungen‘, ‚Zielgruppenspezifität‘ sowie ‚Partizipation‘ und strukturiert auf diese Weise das Feld der Gesundheitsförderung und Prävention jenseits der oft in Anspruch genommenen Aufbereitung in Form von Lebenswelten. Das erste Kapitel dieses Abschnitts liefert Begründungen, erläutert Konzepte, Strukturen und Akteure von Prävention und Gesundheitsförderung und setzt sich dabei kritisch mit dem Präventionsgesetz auseinander. Die Auseinandersetzung mit der derzeitigen Praxis von Prävention und Gesundheitsförderung setzt sich im Folgekapitel vor dem Hintergrund des Ziels der Verringerung gesundheitlicher Ungleichheit aus Sicht einer zielgruppenorientierten Gesundheitsförderung fort. Gegen den derzeitigen Trend einer subjektivierten Verantwortungszuschreibung für Gesundheit kommen die Autoren auf Seite 734 zu dem Schluss „Gesundheitsförderung ist ein gesellschaftliches Gut, von dem der Anspruch auf sozial gerechte Verteilung ausgehen muss“. Den Abschluss von Teil 4 bildet die Auseinandersetzung mit der Frage der Partizipation in Prävention und Gesundheitsförderung. Das Kapitel zeigt die Herausforderungen des Themas auf, stellt Methoden und Good Practice-Beispiele zusammen und nimmt eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Zielgruppe“ vor.

‚Strukturen des Versorgungssystems‘ sind Thema von Teil 5 des Handbuchs. Allein die Rezeption der Überschriften der diesem Teil zugeordneten, acht Kapitel gibt einen guten Überblick über Aufbau, Zuständigkeiten, Finanzierung und Herausforderungen des gesundheitlichen Versorgungssystems in Deutschland. Thematisiert werden im Einzelnen die ‚ambulante ärztliche Versorgung‘, ‚die Krankenhausversorgung‘, ‚regionale Variationen in der Versorgung‘, der ‚Öffentliche Gesundheitsdienst‘, ‚rehabilitative Versorgung‘, ‚pflegerische Versorgung‘, ‚Selbsthilfe‘ sowie ein Kapitel zu Versorgungsstrukturen für psychisch kranke Kinder und Erwachsene. Allein der Umfang der Ausführungen in Teil 5 macht die Komplexität des Gesundheitssystems in der BRD deutlich.

Wie diese komplexen Strukturen gesteuert werden, erläutert Teil 6 des Handbuchs. Ausgehend von einer kritischen Bestandsaufnahme der Gesundheitspolitik in Deutschland, ihrer Ziele, Akteure, Schwerpunkte, Finanzierung, Regulierung und Herausforderungen beziehen die Autoren hier auch andere Gesundheitssystemtypen und den europäischen Kontext in ihre Überlegungen mit ein. Zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben für die Gesundheitspolitik zählen dem Fazit der Autoren zufolge „die Entwicklung gesundheitsfördernder Lebenswelten, die Qualitätsverbesserung in allen Handlungsfeldern sowie die Schaffung einer solidarischen Bürgerversicherung“ (S. 954). Das darauffolgende Kapitel beschreibt den Forschungsstand zur ‚Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen‘, ein weiteres gibt einen Überblick über das immer breiter werdende Spektrum der Gesundheits- und Sozialprofessionen und verbindet dieses mit der Forderung, dass diese Professionen angesichts des Strukturwandels im Versorgungssystem deutlicher strukturiert werden sollten. Kapitel 4 definiert Grundzüge und Formen der Evaluation im Gesundheitswesen und erläutert Anspruch und Wirklichkeit der einschlägigen Qualitätssicherung. Das Abschlusskapitel von Teil 6 und gleichzeitig des gesamten Bandes stellt ‚internationale Organisationen mit gesundheitspolitischer Bedeutung‘ vor. Ausgehend von einer Darstellung der internationalen Dimension von Gesundheitsproblemen werden die Organisationen ‚WHO‘, die Vereinten Nationen, die Weltbank, die UNICEF, das UNDP, der UNFPA, die ILO sowie weitere Global Health Initiatives vorgestellt. Ein weiterer Teil ist der EU und einigen ihrer Exekutivorganisationen (SANTE, DEVCO und RTD) gewidmet, außerdem werden einige Stiftungen vorgestellt. Den Abschluss des Kapitels bildet ein Resümee zur globalen Bedeutung des Themas Gesundheit und die Forderung nach Kooperation und Koordination einer globalen Gesundheitslandschaft in einer zunehmend von Fragmentierung geprägten Welt.

Diskussion

Das umfangreiche Werk gibt einen guten Überblick über die Grundlagen des gesundheitswissenschaftlichen Wissensstandes einschließlich offener Fragen und aktueller Herausforderungen. Hilfreich sind die jedem Kapitel vorausgehenden Abstracts sowie die Gesamtstruktur in Form einer Zusammenfassung zu größeren Themenkomplexen. Eine durchgehende Nummerierung hätte die Orientierung im Buch erleichtert.

Fazit

Das Handbuch Gesundheitswissenschaften hat seit seiner ersten Auflage dazu beigetragen, die Gesundheitswissenschaften zu etablieren. Die 7. Auflage setzt dieses Verdienst fort und integriert aktuelle Entwicklungen. Der Band ist als Grundlagenwerk und Basislektüre für alle Studierenden, Fachleute und interessierten Praktiker*innen, die ihr Handeln durch Hintergrundwissen untermauern wollen, sehr zu empfehlen.


Rezension von
Prof. Dr. Gudrun Faller
MPH, Professorin für Kommunikation und Intervention im Kontext Gesundheit und Arbeit an der Hochschule für Gesundheit in Bochum
Homepage www.gudrun-faller.de
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Zitiervorschlag
Gudrun Faller. Rezension vom 29.09.2020 zu: Oliver Razum, Petra Kolip (Hrsg.): Handbuch Gesundheitswissenschaften. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 7., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-3857-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27477.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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