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Jürgen Straub: Vom Prothesengott zur Psychoprothese

Cover Jürgen Straub: Vom Prothesengott zur Psychoprothese. über Psychotherapie und Selbstoptimierung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. 167 Seiten. ISBN 978-3-8379-3018-4. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Reihe: Diskurse der Psychologie.
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Thema

Das Buch beruht auf den Ergebnissen eines Forschungsprojekts, das sich mit dem Thema „Normierung und Optimierung des Menschen“ befasst hat. Die Psychotherapie spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle, indem sie nicht allein der Heilung sondern darüber hinausgehend auch der Selbstoptimierung dient. Hier sind prothetische Kompensationen und Korrekturen gefragt.

Autor

Jürgen Straub ist Professor für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum. 

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält neben einem Vorwort und einem ausführlichen Präludium sowie zahlreichen Anmerkungen und einem Literaturverzeichnis vier nicht nummerierte Kapitel und eine Schlussnotiz. 

Vorwort und Präludium

Der Begriff Prothese wird, wie der Autor klar stellt, metaphorisch verwendet. Prothetische Kompensationen und Korrekturen spielen im Leben des Menschen eine beträchtliche Rolle. Die Frage ist jedoch, inwieweit Psychotherapie und verwandte Techniken als ein Verpassen von Prothesen gelten können. Die Psychoprothese reaktiviert, erweitert oder ergänzt die brachliegenden Ressourcen eines Menschen. Psychoprothesen wirken reparierend, restaurativ, kompensatorisch, kompetitiv und retardierend. Es geht also nicht allein um Reparatur, sondern auch um Verbesserung und Optimierung. Der Schritt von der Heilung zur Optimierung ist in der Psychotherapie bereits angelegt. So hat sich Sigmund Freud, vom Autor als „Vater der Psychoanalyse“ bezeichnet, in der Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ mit der gesellschaftlichen Etablierung von Psychoprothesen befasst. Durch technische Errungenschaften wie Schiff, Flugzeug, Brille, Fernrohr, Mikroskop, Telefon usw. hat der Mensch seine Verfügungsgewalt über die Natur erweitert. Mitsamt dieser Ausstattung ist er, wie es Freud formuliert hat, zu einer Art Prothesengott geworden. Die Entwicklung mündet in ein techno-organisches Mischwesen, einen Cyborg.

Der smarte Prothesengott im 21. Jahrhundert

Allmachts- und Vollkommenheitsfantasien sowie Vorstellungen vollendeten Glücks werden auch in manchen psychotherapeutischen Schulen genährt. Dem Menschen fehlt immer irgendetwas. Andererseits stellt sich bei dem rundum Versorgten und Dauerbedienten ein Verlust von Handlungsmacht, Wissen und Kenntnissen ein. Die Ambivalenz liegt damit auf der hand: Prothesen verhelfen dem Menschen zu mehr Macht, zugleich untergraben sie seine Macht, indem er davon abhängig wird. Mit der Verschmelzung vor allem digitaler Technik mit dem organischen Körper beginnt eine weitreichende Cyborgisierung des Menschen. Aus dem antiquierten Menschen wird ein Cyborg. 

Polyvalenz des Prothetischen

Das Prothetische ist ambivalent, was Donna Jean Haraway offen gelegt hat, auf deren Überlegungen der Autor sehr ausführlich eingeht. Unter dem Cyborg versteht sie nicht nur ein Mischwesen aus Organischem und Maschinellen, sondern ein weibliches Mischwesen, das von männlichen technokratischen Machtallüren weit entfernt ist. Haraway stellt die Cyborg überaus positiv dar. Dennoch attackiert sie dualistische Positionen, die alles und jedes auf ein einengendes Entweder-Oder festlegen, zumal sich ständig alles verändert. Ziel ist das Vielfältige, alles Einfältige ist abzulehnen. So sollten Wissenschaft und Technik einem übergeordneten Ziel dienen: der Herstellung produktiver Heterogenität. 

Prothesengott, Psychotherapie und optimierende Psychotechniken

Das umfangreiche Kapitel beginnt mit dem Zitieren eines Textes von Lantermann aus den 1980er Jahren, der aussagt, dass das, was restlos geklärt ist, sich nicht mehr bewegt, und dass ein genaues Wissen darüber, wer man ist und wie man sein möchte, starr macht. Psychoprothesen werden einem Vorstellungskomplex zugeordnet, in dem seelische Defizite und Schwächen nicht vorkommen oder nur dazu da sind, überwunden zu werden, indem sie diagnostiziert und therapiert werden. Von einer Steigerungslogik ist die Rede sowie einer unbändigen Selbstoptimierung. Anhand ausgesuchter Annoncen therapeutischer Praxen demonstriert der Autor, dass es allerlei Offerten gibt, die mit der Behandlung von Leiden und Störungen kaum noch etwas zu tun haben. So soll man zum Beispiel authentischer werden und vorhandene Ressourcen nutzen. Die Psychoanalyse wird als Mutter der modernen Psychoprothesen bezeichnet, deren Wirkungen zwischen Heilung und Verbesserung oszillieren. Der Mensch als Prothesengott wird nicht nur behandelt, weil er womöglich Defizite hat, sondern um ihn zu perfektionieren und rundum fit zu machen. Der Autor stellt einen Zusammenhang her mit den Ideen der 68er Generation, die auf Selbstfindung und eine Selbstoptimierung gerichtet waren. Zu dieser Zeit begann die Psychologisierung und Psychotherapeutisierung der Gesellschaft. Dass Prothetisierung auch lustvoll sein kann, wird vom Autor keinesfalls bestritten. Andernfalls wäre sie auch nicht so nachgefragt. 

Prothetische Psychotherapie

In diesem Kapitel wird näher auf die Methoden und Techniken der prothetischen Psychotherapie eingegangen. Psychotherapie wird definiert als bewusstes und geplantes soziales Handeln, das nicht nur auf die Beseitigung von Störungen und Leidenszuständen, sondern insbesondere auch auf Verbesserungen und die Entfaltung der Persönlichkeit gerichtet ist. Das Aussprechen von bislang Ungesagtem sowie die uneingeschränkte Möglichkeit der Imagination, Assoziation und Selbst-Artikulation ist kennzeichnend für das psychotherapeutische Setting. Der Autor bezieht sich des Öfteren auf Boesch, nach dessen Ansicht es vor allem Ordnungs- und Orientierungsdefizite sind, die therapiebedürftig machen. 

Schlussnotiz und Bilanz

Die vorherrschenden Definitionen von „Prothese“ sind medizinischer Art: Es sind Dinge, die etwas Körperliches ersetzen. Psychoprothesen sind dagegen nicht dinglich, sondern unsichtbar, es sind zum Beispiel Gefühlsstützen, um emotionale Labilität zu beheben. Der Mensch wird mit deren Hilfe an eine Welt angepasst, in der permanentes Funktionieren und Perfekt sein die Norm sind. 

Diskussion

Sigmund Freud, auf den sich der Autor bezieht, hat schon in seiner 1931 erschienenen Schrift „Das Unbehagen in der Kultur“ von einem „Prothesengott“ gesprochen. Die Metapher drückt aus, dass Menschen Unvollkommenheiten kompensieren können, indem sie sich mit Prothesen ausstatten. In der Psychotherapie geht es um unsichtbare immaterielle Prothesen, die zweierlei Zwecken dienen: der Heilung und der Optimierung. Wie Freud dargelegt hat, braucht der nach Allmacht und Allwissenheit strebende Mensch die Götter nicht mehr; er ist, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt, selbst zu einem recht großartigen Prothesengott geworden. Der Autor greift hier direkt auf Freud zurück. Fakt ist, dass psychotherapeutische Dienstleistungen aus modernen Gesellschaften kaum mehr wegzudenken sind. Der Mensch wird zu einem psychoprothetisierte Subjekt geformt. Straub sagt jedoch nichts darüber aus, welches die Elemente der Formung sind. Gehört zum Beispiel dazu auch die Veränderung des Erscheinungsbilds? Prothesen können wie die Frisur und Kleidung oberflächlich sein, sofern man hier überhaupt von Prothesen sprechen würde. Es muss nicht gleich ein oder eine Cyborg dabei heraus kommen. Eine sich aufdrängende Frage ist, was für konkrete Ergebnisse das Forschungsprojekt, das Grundlage des Buches ist, gebracht hat. 

Um den Ausführungen des Autors stets folgen zu können, sollte man sich in der antiken Mythologie auskennen und nicht nur über Prometheus, sondern auch über dessen Bruder Epimetheus Bescheid wissen. Andernfalls wird man mit der Bezeichnung „epimetheisches Kompliment“ (S. 22) kaum etwas anfangen können.

Viel Raum widmet der Autor der feministischen Theorie von Haraway, die dualistische Positionen, die alles und jedes auf ein einengendes Entweder-Oder festlegen, attackiert. Sie widerspricht sich selbst, indem sie zwischen weiblich und männlich eine klare Linie zieht und die Cyborg gegenüber dem Cyborg präferiert. Straub geht auf diesen Widerspruch nicht ein.

Dass die Übergänge zwischen heilsamer Kur und Selbstwert steigernder Optimierung fließend sind, wird wiederholt dargestellt. Doch die Frage, ob man zwischen Reparatur und Optimierung überhaupt eine Grenze ziehen sollte, wird nicht wirklich beantwortet. Wahrscheinlich wäre davon abzuraten. Dass es schwierig wäre, liegt nicht zuletzt daran, dass sich soziale Normen verändern. Die Konzeption eines Rahmenmodells, das gesellschaftlichen Einflüsse einbezieht, wäre wünschenswert gewesen. Dazu würde zum Beispiel auch gehören, dass die Ausrichtung von Psychotherapie auf Selbstoptimierung einen immensen Bedarf an entsprechenden therapeutischen Angeboten hervorrufen würde.

Fazit

Das Buch geht der Frage nach den Zielen psychotherapeutischer Behandlung nach. Es wird festgestellt, dass es gar nicht mehr oder vor allem um Heilung und Wiederherstellung der psychischen Gesundheit geht, sondern dass Psychotherapien immer mehr auf Selbstoptimierung ausgerichtet sind. Diese gleichen immer mehr einer „Cyborgisierung“. Das Buch rückt die psychologische und gesellschaftlich relevante Frage nach der anzustrebenden Lebens- und Daseinsweise in den Blickpunkt und ist damit allen zu empfehlen, die sich für solche Grundfragen interessieren.

Summary

The book pursues the question of the goals of psychotherapeutic treatment. It is stated that it is no longer or primarily about healing and restoring mental health, but that psychotherapy is more and more geared towards self-optimization. This increasingly resembles a „cyborgization“. The book focuses on the psychological and socially relevant question of the way of life and existence to be strived for and is therefore recommended to all those who are interested in such basic questions.


Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 13.10.2020 zu: Jürgen Straub: Vom Prothesengott zur Psychoprothese. über Psychotherapie und Selbstoptimierung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2020. ISBN 978-3-8379-3018-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27482.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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