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Georg Jochum, Karin Jurczyk u.a. (Hrsg.): Transformationen alltäglicher Lebensführung

Cover Georg Jochum, Karin Jurczyk, G. Günter Voß, Margit Weihrich (Hrsg.): Transformationen alltäglicher Lebensführung. Konzeptionelle und zeitdiagnostische Fragen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. 399 Seiten. ISBN 978-3-7799-6128-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 33,75 sFr.

Reihe: Wirtschaft, Gesellschaft und Lebensführung.
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Thema

Thema sind Transformationen der Rahmenbedingungen von Lebensführung und der Lebensführung selbst sowie die Erneuerung und Weiterführung des Konzeptes der alltäglichen Lebensführung am Übergang zu einer sozialen und ökologischen 'Gemeinschaftlichkeit'.

Herausgeber*innen

Georg Jochum ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wissenschaftssoziologie der TU München. Karin Jurczyk war bis 2019 Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut in München. G. Günter Voß war bis 2015 Professor für Industrie- und Techniksoziologie an der TU Chemnitz. Margit Weihrich ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Forschungseinheit für Sozioökonomie der Arbeits- und Berufswelt an der Universität Augsburg.

Entstehungshintergrund

Der Band geht auf eine gleichnamige Tagung in München vom 1.-2. März 2018 zurück, zu dem die Herausgeber*innen einen interdisziplinären und internationalen Kreis von Lebensführungsforscher*innen eingeladen hatten (Veranstalter: isifo, Institut für sozialwissenschaftliche Information und Forschung gemn. e.V. – Die Vereinigung subjektorientierter Soziologinnen und Soziologen – und Deutsches Jugendinstitut (DJI).

Aufbau

Der Band beginnt mit einer ca. 30seitigen inhaltlichen Einleitung der Herausgeber*innen, in der zunächst das Ende der 1980er Jahre im Rahmen des Münchner DFG-Sonderforschungsbereiches 333 „Entwicklungsperspektiven von Arbeit“ entwickelte Konzept Alltägliche Lebensführung darlegt wird. Im Anschluss werden in der Einleitung die zu fünf gesellschaftlichen Transformationsfeldern zusammengestellten Beiträge der Autor*innen vorgestellt. Die fünf thematischen Blöcke sind: Individuelle und gemeinschaftliche Lebensführung, Sozialstruktur und Lebensführung, Lebensführung im Alter, Digitale Transformationen der Lebensführung sowie Nachhaltigkeit und Lebensführung. Zur Reflexion der Inhalte wird weiterhin einleitend auf das Verhältnis von Transformation und Stabilität in den Forschungen zur alltäglichen Lebensführung und unter Rückgriff auf zwei Klassiker (Max Weber und Karl Polanyi) das Verhältnis von sozialem Wandel bzw. gesellschaftlicher Transformation und alltäglicher Lebensführung eingegangen sowie offene Fragen und Forschungsbedarf dargelegt.

Inhalt

Die Besonderheit des Ende der 1980er Jahre entwickelten Konzepts der „alltäglichen Lebensführung“, an das hiermit angeknüpft wird, bestand darin, dass die alltäglichen (Arbeits-)tätigkeiten in den Mittelpunkt gerückt wurden und dabei das wechselseitige Konstitutionsverhältnis von Mensch und Gesellschaft in den Blick genommen wird. Indem „die Tätigkeiten, die Tag für Tag und immer wieder anfallen“, fokussiert werden, stelle das Konzept „dem diachronen Blick der Biografieforschung auf das Leben in seiner Länge ein(en) synchrone(n) Blick auf das Leben in seiner 'Breite' zur Seite“ (S. 8). Das Konzept verstehe sich vor dem Hintergrund einer subjektorientierten Soziologie als eine Methode, mit der die Person ihre Alltagstätigkeiten in den einzelnen Lebensbereichen zu einem praktikablen Arrangement binde. Auf eine Veränderung bzw. Flexibilisierung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Alltags müsse nicht unbedingt situativ reagiert werden ('situative Lebensführung'), sondern unter anderem auch 'traditionale Lebensführung' oder 're-traditionale Lebensführung' seien möglich.

Gegenüber den Veränderungen der neunziger Jahre (Flexibilisierung der Arbeitszeiten und Beschäftigungsverhältnisse, die sog. nachholende Modernisierung in den neuen Bundesländern) gehe es heute um „weitere Entgrenzungen und Subjektivierungen in der Erwerbsarbeit, steigende Ansprüche an Care-Arbeit (…), die Digitalisierung der Gesellschaft, Fragen der Nachhaltigkeit, die Diversifizierung von Lebensformen und anderes mehr“ (S. 9) in einem tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformationsprozess mit neuen Chancen, aber auch neuen Ungleichheiten. Es solle daher gefragt werden, inwieweit aktuelle gesellschaftliche Transformationen zu einer Transformation der alltäglichen Lebensführung beitragen und wie veränderte Lebensführungsmuster umgekehrt gesellschaftliche Transformationen beeinflussen sowie was dies für die Konzeptualisierung alltäglicher Lebensführung bedeutet.

Mit dem Thema „Transformation“ betritt das Konzept der alltäglichen Lebensführung Neuland, denn abgesehen von der Bedeutung der alltäglichen Lebensführung im ostdeutschen Transformationsprozess der 1990er Jahre spielte dieses hier bisher keine zentrale Rolle. Daher wird im Unterkapitel „Zum Verhältnis von Transformation und Stabilität in den Forschungen zur alltäglichen Lebensführung“ (S. 20 ff.) nochmals herausgearbeitet, dass die empirisch identifizierten Idealtypen einer 'traditionalen', 'strategischen' und 'situativen' Lebensführung keine direkte Widerspiegelung der insbesondere durch den Wandel der Arbeitswelt bedingten Anforderungen an das Subjekt und seine Lebensführung sind bzw. waren. Denn hier spiele die 'Eigenlogik' alltäglicher Lebensführung mit ihrer 'paradoxen Funktionalität' eine zentrale Rolle: „Alltägliche Lebensführung entlastet die Person von Entscheidungsanstrengungen und zieht Stabilisierungs- und Kontinuierungseffekte nach sich, die die Person für andere verlässlich machen – und vermittelt so Person und Gesellschaft“ (S. 21). Ob eine solche 'Stabilitätsthese' allerdings verallgemeinert werden könne, sei heute dahingehend zu hinterfragen, ob es auch Bedingungen gebe, unter denen eine tiefgreifendere Transformation der Lebensführung notwendig werde oder aufgrund bestimmter Umstände alle vertrauten Rahmenbedingungen (z.B. Flucht und Vertreibung, digitale Transformation, Transformation zu Nachhaltigkeit) verloren gehen. Hier legen die Herausgeber*innen nahe, dass die Stabilitätsthese „zwar nicht verworfen, aber doch modifiziert werden (müsse), um die heutigen Transformationsdynamiken zu verstehen und konzeptionell einzufangen“(S. 23).

Ferner halten sie eine erneute Rezeption von Karl Polanyi (The Great Transformation) hilfreich für das Verständnis der heutigen zeitdiagnostischen Fragen zur Transformation in einer grundlegenden sozial-ökologischen Krise des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells, bei der der Vorbildcharakter der modernen, okzidentalen, kapitalistischen Gesellschaften nicht unterhinterfragt bleiben könne. Wie Polanyi herausgearbeitet habe, sei die 'Transformation der natürlichen und menschlichen Substanz der Gesellschaft in Waren' zwar mit Freiheitsgewinnen, gleichzeitig aber auch mit problematischen Nebenfolgen verbunden, die es notwendig mach(t)en, durch gesellschaftlich-politische Eingriffe eine Begrenzung der Marktkräfte und eine 'Wiedereinbettung' durch eine „Regulierung des entgrenzten und entbetteten Marktprinzips“ (S. 27) anzustreben und vorzunehmen. Eine derartige Wiedereinbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft und des Lebens in eine gemeinschaftliche Lebensführung wird als Notwendigkeit angesichts der ökologischen Krise konstatiert.

Die aktuelle sozialökologische Transformation erfordere „eine Lebensführung, welche durch eine Selbstbeschränkung die Wiedereinbettung des Menschen in die Natur zum Ziel nimmt (Hervorhebung durch die Hrsg.). (…) Ihre Thematisierung ist auch mit der Überlegung verbunden, dass eine gemeinschaftliche Lebensführung eine Care-Orientierung und damit eine sorgende Reproduktion von Menschsein, 'Natur' und Lebendigkeit beinhalte“ (S. 29). Eine reflexive Aneignung der reflexiven Lebensführung „müsste im Sinne der polanyischen Gegenbewegung eine Entkommodifizierung des Lebens, eine Grenzziehung gegen 'totalitäre' technisch-ökonomische Zugriffe auf die Lebensführung und eine 'Wiedereinbettung' durch eine Wiedergewinnung einer sozialen und ökologischen 'Gemeinschaftlichkeit' ermöglichen“ (S. 29). Mit Polanyi sei aber zu betonen, dass eine solche 'Wiedereinbettung' nie allein die Aufgabe des Subjekts sein könne, sondern eine begleitende und unterstützende institutionelle Transformation erfordere.

In den teils empirisch gestützten, überwiegend jedoch theoretisch-konzeptionellen Beiträgen des Bandes werden solche Fragen in den fünf thematischen Blöcken weiterverfolgt.

Diskussion

Die angesprochenen Fragen sind recht vielschichtig und es wird eine Vielzahl von unterschiedlichen Anregungen zur Weiterentwicklung des Konzepts der Alltäglichen Lebensführung gegeben. Es scheine insbesondere eine neue Betrachtung des Verhältnisses von Stabilität und Veränderung der Lebensführung geboten. Daraus ergeben sich auch offene Fragen und ein Forschungsbedarf, den die Herausgeber*innen in mehreren Punkten skizzieren. Den Herausgeber*innen ist zuzustimmen, dass es hierfür besonders empirischer Forschung bedürfe.

Fazit

Mit dem Band wird ein komplettes soziologisches Forschungsprogramm vorgelegt, an dem man – wie auch an denen in den unlängst vorgelegten Bänden „Lebensführung heute“ (Alleweldt et al. 2016, www.socialnet.de/rezensionen/​22851.php) und „Soziale Ungleichheit der Lebensführung“ (Röcke et al. 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​25363.php) – kaum vorbeikommen dürfte.


Rezension von
Prof. Dr. Thomas Elkeles
bis 2018 Hochschule Neubrandenburg, FB Gesundheit, Pflege, Management
Homepage www.hs-nb.de/ppages/elkeles-thomas
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Zitiervorschlag
Thomas Elkeles. Rezension vom 05.10.2020 zu: Georg Jochum, Karin Jurczyk, G. Günter Voß, Margit Weihrich (Hrsg.): Transformationen alltäglicher Lebensführung. Konzeptionelle und zeitdiagnostische Fragen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-6128-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27483.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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