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Änne-Dörte Latteck, Norbert Seidl u.a. (Hrsg.): Pflegende Angehörige

Cover Änne-Dörte Latteck, Norbert Seidl, Christa Büker, Senta Marienfeld (Hrsg.): Pflegende Angehörige. Genderspezifische Erwartungen an soziale Unterstützungssysteme. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. 177 Seiten. ISBN 978-3-8474-2285-3. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Die Frage, wie man auf die Pflegebedürftigkeit eines Familienangehörigen reagiert, stellt sich in der Lebensgeschichte sehr vieler Männer und Frauen, manchmal geschieht dies sogar mehrfach. Man könnte fast schon von lebenszyklischen Ereignissen sprechen(vgl. Klehm und Müller 2002 S. 20 ff.)[1]. Häufig beginnt es mit der Pflegebedürftigkeit der Mutter oder Schwiegermutter (vgl. Maly 2001: Steinert und Müller 2007 Kapitel 5)[2]. Manchmal gehen der Langzeitpflegebedürftigkeit kürzere Zeiten von häuslicher Krankenpflege nach Krankenhausaufenthalten voraus (vgl. Schmid 2017, S. 16). Die Angehörigen befinden sich dann in einem Gesundheitszustand des labilen Gleichgewichts, der öfters durch Krisen unterbrochen wird. Ein nicht geringer Teil der Töchter bzw. Schwiegertöchter entscheidet sich, die Pflege selbst zu übernehmen. Bei der Entscheidungsfindung kann auch der skandalöse Zustand in einigen Pflegeheimen (Vgl. Ohlerth und Wittig 2019; Rieger 2017) von Bedeutung sein. Ein weiteres lebenszyklisches Ereignis ist dann Krankheit, Pflegebedürftigkeit und Tod des Ehepartners (vgl. Steinert und Müller 2007 Kapitel 5.8 und Seite 226 -229). Der Krankheitsverlauf und die Pflegebeziehung können relativ kurz sein[3], aber auch länger. Häufig sind die Ehefrauen die Pflegenden, es können aber manchmal auch die Ehemänner sein. Wir haben es also mit einem Thema zu tun, dass fast alle Männer und Frauen betreffen werden, wenn es sie nicht bereits betrifft. Einige werden dem Thema ausweichen, aber es wird sie eines Tages einholen. Daher ist die Erforschung der Pflegesituationen und Pflegebeziehungen in der ambulanten Pflege nicht nur aus gesundheitspolitischen und ökonomischen Gründen sehr wichtig.

Herausgeberinnen

Änne-Dörte Lattek, Norbert Seidl und Christa Büker haben eine Professur an der Fachhochschule Bielefeld. Senta Marienfeld ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fachhochschule Bielefeld.

Aufbau

Es handelt sich um einen Sammelband mit unterschiedlichen Autorinnen und Autoren. Es besteht aus 10 Kapiteln (inklusive Einleitung und Ausblick) Fünf der Kapitel sind Forschungsberichte.

Nach einem Geleitwort von Andreas Büscher und einer kurzen Einleitung von Senta Marienfeld folgt das Kapitel 2 von Senta Marienfeld zur Begriffsbestimmung und sozialrechtlichen Einbettung

Inhalt

Zu Kapitel 2: Die Autorin ist Senta Marienfeld. Der Begriff „Pflegende Angehörige“ bleibt ziemlich diffus. Das hat den Vorteil, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Situationen und Beziehungen berücksichtigt wird. Der Nachteil aber ist, dass eine Vergleichbarkeit erschwert wird. Zwischen dem Nachbarn oder Enkel, der für eine Pflegebedürftige Einkäufe macht, und der Ehefrau eines krebskranken Mannes im Endstadium der Krankheit ist zum Beispiel ein großer Unterschied. Ausführlich dargestellt werden gesetzliche Regelungen zur Unterstützung pflegender Angehöriger. Hinweisen könnte man noch auf besondere Regelungen für sterbende Pflegebedürftige (Spezialisierter ambulanter Palliativdienst, ambulante Sterbebegleitung durch einen Hospizverein). Abgeschlossen wird der Beitrag mit einem kurzen Fazit. Darin stellt die Autorin die Frage: „Ob auf der Grundlage der normativen Absicht der Verantwortungs- und Aufgabenteilung auf die pflegenden Angehörigen ausreichend Anreize und adäquate Unterstützungsangebote geschaffen und umgesetzt werden, um informelle Pflegearrangements langfristig aufrecht zu erhalten.“ (S. 30) Der Rezensent hat den Eindruck, dass die Motivation zur Pflege hauptsächlich auf familialen Verpflichtungen, Bindungen und Gefühle beruht (vgl. auch Kap. 4 S. 42 in diesem Band). Gesetzliche Regelungen mögen zu kleinen Entlastungen führen, sind aber wohl kaum „Anreize“. Pflegende, vor allem die Pflegende, die mehrere Stunden am Tag pflegen, werden weiterhin gesellschaftlich benachteiligt.

Im dritten Kapitel skizziert Senta Marienfeld den Problemhintergrund. Sie nimmt an, dass in den nächsten drei bis vier Dekaden die Zahl der Pflegebedürftigen auf über 4,9 Millionen ansteigen wird, aber die familiale Pflege zurückgehen wird. Nach Ansicht des Rezensenten sind solche Prognosen, zum Beispiel des Statistischen Bundesamtes, über mehr als 15 Jahre spekulativ. Wie sich die Sterblichkeit entwickelt ist unklar. Viele Menschen sterben ohne im Sinne der Pflegegesetze pflegebedürftig geworden sein. Wichtig ist auch der Familienstand bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit. Eingegangen wird auf unterschiedliche Belastungen der Pflegenden (zum Beispiel körperlich, psychisch, emotional, zeitlich, Doppelbelastung durch Beruf und Pflege) Viele Pflegende sehen laut Umfragen Defizite beim sozialen Unterstützungspotenzial. Die Skizze könnte man nach Ansicht des Rezensenten nach unterschiedlichen Pflegesituationen differenzieren. Zum Beispiel: Duschhilfe bei Pflegegrad 1 oder Pflege eines Bettlägerigen mit Dekubitusprophylaxe bei Pflegegrand 5. Wichtig ist auch die Frage der geschlechtssensiblen körperlichen Pflege[4].

Das Kapitel 4 hat den klassischen Aufbau eines Projektberichtes. Die Autorinnen und der Autor sind Änne-Dörte Lattek, Nils Sebastian Vetter, Ariane Rolf und Anna Drees. Befragt wurden zehn pflegende Frauen, die an einem betreuten Urlaub teilgenommen hatten. An einem solchen Urlaub nehmen pflegende Angehörige zusammen mit der pflegebedürftigen Person teil. Die Pflege während des Urlaubs übernehmen professionelle Pflegerinnen und Pfleger. Begonnen wird mit einer Kurzbeschreibung des Projektes. Es folgt dann ein Unterkapitel zum Stand der Forschung, in dem unter anderem auf die Belastungen pflegender Frauen eingegangen wird. Es folgt eine kurze Beschreibung des Projektes. Der Projektzeitraum von fünf Monaten ist nach der Erfahrung des Rezensenten viel zu kurz. Nur mit einem erheblichen Maß an Selbstausbeutung weit über den Projektzeitraum hinaus kann ein solches Projekt gut abgeschlossen werden. Leider sind solche knapp dimensionierten Projekte keine Ausnahme mehr. Es folgt die Darstellung des methodischen Vorgehens. Durchgeführt wurden ein Experteninterview mit der Leitung des Vereins, der die Urlaube anbietet, zehn problemzentrierte Interviews mit pflegenden Frauen und ein Gruppeninterview mit Mitarbeiterinnen des Vereins. Die Vorstellung der Stichprobe könnte nach Ansicht des Rezensenten etwas ausführlicher sein. Man erfährt, dass die Frauen zwischen 69 und 88 Jahre alt waren und kann folgern, dass alle schon im Rentenalter waren. Interessant wäre auch, wen sie pflegen (Vater, Mutter, Geschwister oder Ehepartner). Der gemeinsame Urlaub mit dem Ehemann wäre etwas anderes als der Urlaub mit einem Elternteil. Es folgt eine Darstellung von Ergebnissen zur Alltagssituation der Frauen, zum betreuten Urlaub und zu Auswirkungen nach dem Urlaub. Bei den Ergebnissen zur Alltagssituation liegt der Fokus auf Frauen, die ihren Ehemann pflegen, also auf einer spezifischen Pflegesituation. Ob es in der Stichprobe Frauen gab, die eine Person pflegten, die nicht der Ehemann ist, bleibt offen. Berichtet wird von Veränderungen in der Ehebeziehung durch die Pflege. Aus dem gleichberechtigen Partner werde der pflegebedürftige Mann (S. 48). Frauen fühlten sich nach vielen Ehejahren zur Pflege verpflichtet. 

Es folgt ein Abschnitt zu den Bedingungen unter denen der betreute Urlaub aus der Sicht der Pflegenden Frauen gelingen kann. Hierzu gehören zum Beispiel die Abgabe von Verantwortung für den pflegebedürftigen Ehemann[5] an Ehrenamtlichen und Pflegekräfte, positive Beziehungsstrukturen zwischen den Pflegebedürften, der pflegenden Angehörigen und den Ehrenamtlichen und Pflegekräften, aber auch Kontakte der pflegenden Angehörigen untereinander. Einige pflegende Frauen erlebten positive Veränderungen auch nach dem Urlaub, die einige Tage bis zu mehreren Wochen anhielten. Andere erlebten dies nicht. Es folgt ein Fazit mit Empfehlungen für die Angebote zum betreuten Urlaub. Ein Problem ist zum Beispiel das nicht alle betreuten Urlaube voll finanziert werden. (S. 56) Ein weiteres Problem ist, dass die positiven Wirkungen nach dem Urlaub nur kurze Zeit anhalten. Nach Ansicht des Rezensenten könnte dies bedeuten, dass betreute Urlaube zwar gut und auch besser als Kurzzeitpflege sind, aber dennoch nicht ausreichen. Entlastungen im Alltag sind notwendig.[6] Genutzt wird das Angebot anscheinend vor allem von Ehepaaren.

Das fünfte Kapitel ist ein Projektbericht von Änne-Dörte Latteck, Ariane Rolf und Anna Drees zu betreute Urlaube zur Entlastung pflegender Männer. Der Bericht ist ähnlich strukturiert wie der Bericht in Kapitel 4. Im Abschnitt zum Stand der Forschung wird u.a. auf Besonderheiten eines männlichen Pflegestils und Veränderung von Rollenbeziehungen in der Ehe, wenn Männer ihre Frauen pflegen, eingegangen. Das Projekt wurde mit zwei Kooperationspartnern durchgeführt. Ein Partner, konzentrierte sich auf betreute Urlaube für an Demenz erkrankte Menschen und ihre pflegenden Angehörigen, der andere hatte keine Auswahl nach Krankheitsbildern. Die Angaben zur Auswahl der Interviewpartner bleiben relativ vage. So stellt sich für den Rezensenten die Frage, was unter „Repräsentativität und Homogenität“ bei einer solchen Stichprobe verstanden wird. (S. 63) Auf welche Grundgesamtheit bezieht man sich und was sind dann die Kriterien für die Auswahl? Nach Ansicht des Rezensenten ist Repräsentativität in der qualitativen Forschung kein erreichbares Ziel[7]. Die Teilnehmer waren zwischen 65 und 84 Jahre. Befragt wurden ausschließlich Männer, die ihre Ehefrauen pflegen. Die neun Interviews wurden telefonisch durchgeführt und aufgezeichnet. Sprachliche Besonderheiten wurden vernachlässigt[8] Mit der Einordnung der Interviews als Experteninterviews (S. 64) wird der Begriff sehr weit ausgelegt. Jede erwachsene Person ist für irgendetwas Experte, aber hier handelt es sich wohl mehr um Betroffene.

Die Darstellung der Ergebnisse gliedert sich in drei Abschnitte:

  • Im ersten Abschnitt geht es um subjektiv empfundene Belastungen. Hierzu gehören unter anderen Veränderungen der eigenen Rolle als Ehemann und Hausmann, Kommunikationsprobleme mit der Ehefrau (wohl vor allem bei Demenzerkrankten), Veränderungen in der Partnerschaft und Verlust sozialer Kontakte, wenn sich Freunde und Bekannte zurückziehen.
  • Im zweiten Abschnitt geht es um Einflussfaktoren für die Erwartungen der pflegenden Männer an betreute Urlaube. Hierzu gehört unter anderem der Aufbau von Vertrauen zu anderen Pflegepersonen, aus ambulanten Pflegediensten und Einrichtungen der Tagespflege.
  • Schlechte Erfahrungen mit Pflege und Betreuung könnten sich auf die Erwartungen an den Urlaub auswirken. Wichtig sei daher der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu Pflegenden während des Urlaubs. Erwartungen der pflegenden Männer an den betreuten Urlaub (dritter Abschnitt) beziehen u.a. sich auf die Betreuung und Pflege, hier besonders die Qualifikation des Pflegepersonals, die Anwesenheit spezifischer Ärzte am Urlaubsort und die Mobilität am Urlaubsort (Taxen oder Shuttle).

Die Meinungen zu den Freizeitangeboten sind unterschiedlich. Im abschließenden Fazit gehen die Autorinnen auf unterschiedliche Erwartungen von pflegenden Männern und pflegenden Frauen ein. Hierzu gehört u.a., dass pflegende Männer körperbezogenen Pflegetätigkeiten eher an externe Dienstleister abgeben. Psychische Auswirkungen der Pflegeübernahme stünden bei pflegenden Männern wenige im Vordergrund als Veränderungen der eigenen Rolle. Hier ist der Rezensent skeptisch, ob man das aufgrund eines einzigen Telefoninterviews folgern kann. Zu den psychischen Auswirkungen gehören zum Beispiel auch Wahrnehmungen der Veränderungen des Gesundheitszustands im längeren Verlauf der Erkrankung der Ehefrau. Aus der Perspektive der Männer stünde das Wohlbefinden der Ehefrau während der Urlaube im Vordergrund, demgegenüber treten eigene Erholungsbedürfnisse in den Hintergrund.

Im Kapitel 6 stellen Norbert Seidl und Mathias Voß ein Projekt zu den Erwartungen und Unterstützungsbedarfe von erwerbstätigen und ehemals erwerbstätigen pflegenden Angehörigen dar. Der Bericht ist wiederum gegliedert wie ein klassischer Forschungsbericht. Im Abschnitt zum Stand der Forschung wird u.a. auf die Belastungen durch die Kombination von Pflege und Erwerbstätigkeit eingegangen. Die Frage der Vereinbarkeit stelle sich überwiegend den Frauen. Daher sei das Thema eng mit der Geschlechtergerechtigkeit verknüpft. Für den Rezensenten stellt sich auch die Frage, wie groß diese Gruppe ist. Das geht aus dem Bericht zum Stand der Forschung nicht hervor[9]. Interviewt wurden fünf Frauen und ein Mann im Alter zwischen 40 und 58 Jahren, die Hauptpflegepersonen waren. Vier Personen waren erwerbstätig und zwei ehemals erwerbstätig. Der Rezensent würde sich eine etwas genauere Vorstellung der Stichprobe wünschen. Wichtig wäre zum Beispiel die Frage, ob es sich bei den Pflegebedürftigen um eigenen Kinder, Elternteile oder Ehepartner handelt. Die Darstellung der Ergebnisse ist in sieben Abschnitte gegliedert. Begonnen wird mit der Erwerbstätigkeit der Pflegenden. Dabei geht es unter anderem um Abweichungen von austarierten Pflegesetting mit schwer vorhersehbaren Folgen und eine größere Flexibilität am Arbeitsplatz. Gezeigt wird, dass eine solche Flexibilisierung häufig nicht gelingt, weil die Arbeitgeber dazu nicht bereit sind. Aufgrund der Pflegesituation könnten sich Lebensentwürfe stark verändern. Im zweiten Abschnitt geht es um Stigmatisierungen am Arbeitsplatz. Die Pflegesituation wird am Arbeitsplatz zum Stigma (vgl. Goffman 1977) das bewältigt werden muss. Offen über die eigene Situation zu reden wird häufig vermieden, weil man fürchtet, bei Kolleginnen und Kollegen auf kein Verständnis zu stoßen. Befürchtet wird auch, dann für Fehler verantwortlich gemacht zu werden („wieder schlecht geschlafen, weil sie die Nacht bei der Mutter war“). Das Verständnis der Arbeitgeber sei meist nicht gegeben (mit Ausnahme eines Falles).

Im dritten Abschnitt geht es um die Existenzsicherung für das Alter und die Angst vor Altersarmut. Die Verringerung der Wochenarbeitszeit oder gar die Aufgabe der Erwerbstätigkeit würde zu einem geringeren Alterseinkommen führen. Die Möglichkeiten des Familienpflegezeitgesetzes werden als zu kompliziert und wenig praktikabel eingeschätzt. Im vierten Abschnitt geht es um die Bedeutung der Erwerbstätigkeit für die pflegenden Angehörigen. Ein Aspekt ist hier „raus zu kommen“ durch die Erwerbsarbeit und sich nicht zu lange „auf der Pelle“ zu sitzen. Inwieweit die Erwerbstätigkeit selbst als „Selbstverwirklichung“ erlebt wird, wird nicht so ganz deutlich. Der fünfte Abschnitt zum Gesundheitszustand der Befragten fokussiert vor allem die psychischen Belastungen. Hierzu gehören unter anderem ein Gefühl der Zerrissenheit zwischen unterschiedlichen Aufgaben und die Sorge, dass sie bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustands der gepflegten Person, die Pflege nicht mehr selbst bewältigen können.

Im fünften Abschnitt geht es um die Inanspruchnahme externer Unterstützungsleistungen. Dafür, dass diese Leistungen in einem geringen Maße in Anspruch genommen werden, werden unterschiedliche Gründe dargestellt. Hierzu gehören unter anderem: Mangelndes Vertrauen in die Qualität der Dienstleistungen; Widerstand von Pflegebedürftigen, die sich ungern von Fremden pflegen lassen wollen; finanzielle Gründe weil die Kosten für externe Hilfeleistungen das Pflegegeld übersteigen könnten.

Im siebten Abschnitt wird die Bewältigung von Krisensituationen. Diese können eintreten durch Infektionen, plötzlich auftretende Schmerzen oder auch depressive Episoden. Einige Krankheitsverläufe sind auch progredient, sodass eine zunehmende Verschlechterung zu erwarten ist. Diese Krisensituationen erfordern Interventionen von Seiten der pflegenden Angehörigen, die besonders bei erwerbstätigen Pflegenden zu Komplikationen führen können. Abgeschlossen wird der Bericht mit einem Fazit. Hingewiesen wird unter anderem auf die Gefahr der Altersarmut. Die Solidargemeinschaft müsse diesen Prozessen entgegenwirken. Hier würde der Rezensent zustimmen. Skeptischer sieht er die Chancen für ein Personalmanagement, das die Vereinbarkeit von Pflege und Erwerbstätigkeit erleichtert. In vielen Firmen haben wir es wohl eher mit einer knallharten Personalpolitik zu tun, die Personal einspart, schwächere Arbeitende durch leistungsfähigere ersetzt oder Leiharbeit bevorzugt. Das ist allerdings auch abhängig vom Qualifikationsniveau, weil einige Beschäftigte schwerer ersetzbar sind als andere. Aber gesetzliche Eingriffe, etwa wie bei Behinderten, wären hier denkbar. Vom Gesetzgeber wird gefordert, bestehende Leistungsangebote zu prüfen und zu evaluieren. Wichtig sei die Frage, warum die bestehenden Angebote und Maßnahmen pflegende Angehörige so wenig erreichten.

In Kapitel 7 stellen Matthias Voß und Norbert Seidl ein Projekt vor zu den Erwartungen männlicher pflegender Angehöriger an ambulante Pflegedienste. Das Kapitel ist wieder wie ein Forschungsbericht gegliedert. Genderspezifische Charakteristika herauszuarbeiten war eines der Ziele. Die Autoren charakterisieren ihre Studie als „sensibilisierende Vorstudie explorativen Charakters“ (S. 109). In dem Unterkapitel zum Stand der Forschung wird u.a. auf den Anteil männlicher Pflegehauptpersonen eingegangen. In einigen Studien wird ein „managerialer Pflegestil“ von Männern festgestellt und eine Delegation körperbezogenen Aufgaben an Pflegedienste. Einige Forscherinnen und Forscher folgen daraus, dass Männer dadurch weniger emotional betroffen seien. Diese Interpretation sehen die Autoren dieses Kapitels skeptisch. Der Rezensent sieht die Gefahr, dass durch voreilige Interpretationen die Forschung Geschlechtsunterschiede konstruiert statt rekonstruiert werden[10]. Befragt wurden männliche Hauptpflegepersonen, die durch einen Pflegedienst unterstützt werden. Es handelt sich um fünf pflegende Männer im Alter zwischen 40 und 80 Jahren. Vier waren Rentner, einer musste seine Berufstätigkeit aufgeben. Gepflegt wurden Personen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern. Gepflegt wurden sie vom Lebenspartner oder dem Sohn. Die weitere Darstellung der Ergebnisse ist in sieben Abschnitte gegliedert. Im ersten Abschnitt werden die Organisation der Pflege und die Verantwortungsübernahme behandelt. Es geht unter anderem um Probleme mit der Zuverlässigkeit von Pflegediensten und um Delegation von Aufgaben an Dritte, um sich eine „Auszeit“ zu verschaffen. Auch geht es um Vorsorgevollmachten und Patientenverfügungen. Ein Befragter berichtet von Problemen mit dem Arbeitsamt, das die zeitliche Belastung durch die Pflege anzweifelte. Der zweite Abschnitt behandelt Aufgaben und Belastungen. Hierzu gehört die Versorgung bei Toilettengängen oder Erbrechen. Hingewiesen wird auf Belastungen, weil man die negative gesundheitliche Entwicklung des Partners oder der Mutter sieht und keinen emotionalen Abstand hat. Einige Befragte mussten auch Haushaltsaufgaben erlernen und bewältigen, während dies für Männer, die vorher alleine lebten, weniger ein Problem ist.

Um die Beziehung zur pflegebedürftigen Person geht es im dritten Abschnitt. Die Bindung und Fürsorge entstand vor dem Hintergrund der gemeinsamen Beziehungsgeschichte. Biographische Reflexionen zur gemeinsamen Vergangenheit werden gezeigt. Im vierten Abschnitt geht es um Veränderungen der eigenen Lebensplanung. Die Pflegesituation basiere auf einem früheren Versprechen, das als bindend angesehen werde. Die Vorstellungen von einem schönen gemeinsamen Lebensabend haben sich nicht erfüllt. Die pflegenden Männer haben den Anspruch nicht aufzugeben, sich zusammenzureißen und nicht zu jammern. Eigene Wünsche nach Ablenkung und sozialer Aktivität würden häufig unterdrückt. Dennoch gelingt es manchmal, Auszeiten zu organisieren. Im fünften Abschnitt wird das Thema soziale Teilhabe behandelt. Eingeschränkte Möglichkeit, am bisherigen Leben teilzunehmen, der Rückzug von Freunden und Familienangehörigen und Selbstrückzug der Pflegenden ist eine Tendenz. Andere pflegende Männer können aber Familien, Freunde und ehemalige Arbeitskollegen auch als Kraftquelle erleben.

Die Entwicklung der Pflegesituation wird im sechsten Abschnitt behandelt. Diese werde öfters als schleichender Prozess wahrgenommen, der zu Verschlechterungen führe. Die nächtliche Bereitschaft wird als belastend erlebt. Die Möglichkeiten einer stationären Betreuung bei einer Verschlechterung werden gesehen, diese Situation sei aber noch nicht eingesehen. Mit den Betreuungsleistungen in der stationären Pflege sind mehrere Männer unzufrieden. Darum geht es auch im siebten Abschnitt. Festgestellt wird ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber der stationären Pflege in Heimen und in Krankenhäusern, auf die man mit Anwesenheit und Kontrollen reagiert. Auch die ambulanten Pflegleistungen werden im siebten Abschnitt behandelt. Einerseits werden hier Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit kritisiert. Andererseits sind die ambulanten Pflegekräfte auch Quelle von Information, Anleitung und Beratung. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einem Fazit. Dem Rezensenten stellt sich hier die Frage, was genderspezifisch ist, was individuell oder gruppenspezifisch. Die Autoren selbst weisen auf die Heterogenität hin und erwähnen Zugehörigkeit zu einer Generation, Herkunft, Kenntnisse aus der über die Ausbildung, den beruflichen Werdegang und familiäre Erfahrungen. Daraus ergibt sich weiterer Forschungsbedarf. Was jedoch professionelle Dienstleister mit diesen Informationen anfangen können, ist für den Rezensenten eine offene Frage. Nach seinem Eindruck reicht es bei den vorgegebenen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen häufig nur für körperliche Pflege und das manchmal mehr schlecht als recht.

Kapitel 8 ist ein Forschungsbericht von Christa Büker zur gesundheitlichen Situation und gesundheitsbezogener Lebensqualität von Müttern mit einem pflegebedürftigen Kind. Es geht um Mütter, die sich schwerpunktmäßig für die Versorgung ihres behinderten Kindes zuständig zeigen Zum Stand der Forschung stellt die Autorin fest, dass diesem Thema im deutschsprachigen Raum wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde. Die Forschungsarbeiten stammen überwiegend aus dem englischsprachigen Raum. Es folgt eine Beschreibung des Projektes und eine Darstellung des methodischen Vorgehens. Das Projekt lief über 5 Monate von November 2018 bis März 2019. Durchgeführt wurden vier Gruppenfokusinterviews, davon waren drei Gruppenfokusinterviews[11] mit Müttern aus Selbsthilfegruppen. Die Fokussierung erfolgte mittels eines Leitfadens. Ausgewertet wurden die Interviews nach der Inhaltsanalyse nach Mayring. Die Darstellung der Ergebnisse ist in fünf Abschnitte gegliedert. Begonnen wird mit pflegebedingten Belastungsfaktoren. Dazu gehören unter anderem: körperliche Anstrengungen (Heben und Tragen); nächtliche Einsätze, die einen ungestörten Schlaf behindern, permanente Präsenz; fehlende Zeit für Geschwisterkinder und Partnerschaft und Auseinandersetzungen mit Kostenträgern.

Im zweiten Abschnitt werden langfristige Auswirkungen behandelt. Hierzu gehören unter anderem: nachlassende Kräfte; chronische Schmerzen des Bewegungsapparates; chronische Schlafstörungen, die Ängste, aus gesundheitlichen Gründen das Leben nach dem Auszug der Kinder nicht mehr so genießen zu können. Um eigene Strategien der Gesunderhaltung geht es im dritten Abschnitt. Hierzu gehören unter anderem: Bewegung und Entspannung; Hobbys, Einforderung familialer Unterstützung; Organisation in der Selbsthilfegruppe. Im vierten Unterabschnitt geht es um die Inanspruchnahme gesetzlicher Unterstützungsangebote. Verhinderungspflege, Kurzzeitpflege und der Entlastungsbetrag hätten einen hohen Wert. Es gibt aber auch Probleme wegen unzureichendem Angebot in einzelnen Regionen oder der mangelnden Kompetenz und Verlässlichkeit der dort Tätigen.

Im fünften Abschnitt werden Bedürfnisse und Erwartungen der pflegenden Mütter an gesellschaftliche Unterstützungsleistungen dargestellt. Um regelmäßige Auszeiten zu ermöglichen, sei eine ein quantitativer Ausbau und eine qualitative Verbesserung vorhandener Angebote wichtig. Gewünscht werden auch psycho-soziale Begleitung und entsprechende Angebote für die pflegenden Mütter, ihre Partner und Geschwisterkinder. Von den Kostenträgern wird mehr Sensibilität für die Belastungen pflegender Mütter. Die Mütter fühlen sich exkludiert und fordern gelebte Inklusion. Abgeschlossen wird der Bericht mit einem Fazit. Darin werden Ergebnisse der Studie zusammenfassend dargestellt. Die Autorin kommt zu dem Schluss, „dass die betroffenen Frauen zu einer Risikogruppe für gesundheitliche Beeinträchtigungen gehören und einer stärkeren Beachtung ihrer Interessen in Bezug auf gezielte Angebote der Gesundheitsförderung und Prävention bedürfen.“ (S. 149)

Im Kapitel 9 geht es um Konsequenzen für die Gestaltung der Unterstützungsangebote. Es enthält 5 kurze Beiträge von einem Autor und drei Autorinnen. Norbert Seidl befasst sich mit Veränderungen kommunaler Strukturen. Er geht davon aus, dass das Potenzial an pflegenden Angehörigen abnehmen wird. Eine regional differenzierte Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen und Vernetzung unter Einbeziehung pflegender Angehörige, Nachbarn, professionell Pflegender und Ehrenamtlichen sei erforderlich. Der Rezensent hat hier erhebliche Zweifel, dass auf Bundesebene, Länderebene und kommunaler Ebene der ernsthafte politische Wille besteht, die Versorgung zu verbessern. Die Mängel in der ambulanten und stationären Pflege sind ja seit vielen Jahren bekannt.

Es folgt ein Beitrag von Senta Marienfeld zu geschlechtsspezifischen Unterschieden. Pflege werde häufiger von Frauen geleistet als von Männern[12]. Der „direkten Pflege“ der Frauen mit körperlicher Pflege wird die indirekte Pflege (Planung, Organisation) gegenübergestellt. Auch das Empfinden von Stress und Belastungen sei unterschiedlich. Der Beitrag enthält eine Tabelle mit Unterschieden im Pflegeverständnis von Männern und Frauen. Der Rezensent sieht in solchen Tabellen die Gefahr einer Stereotypisierung. Zu berücksichtigen ist zum Beispiel, dass es ganz unterschiedliche Pflegesituationen gibt[13]. Eingegangen wird auf die Konkurrenz zwischen Pflegebereitschaft einerseits und Aufrechterhaltung der eigenen Existenz und Gesundheit andererseits. Gefordert wird die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege im Erwerbssystem zu ermöglichen. Auch Geschlechtergerechtigkeit im Pflegesystem wird gefordert[14]. Gefordert werden hier kurzzeitige Freistellungen ohne finanzielle Verluste und das Recht auf Teilzeit. Hingewiesen wird auf das Modell des Netzwerks Pflegebegleitung unter Beteiligung von Freiwilligen.

Es folgt ein Beitrag von Änne-Dörte Latteck zur Beziehung zwischen Pflegebedürftigen und Angehörigen bei räumlicher Distanz. Manchmal ist die räumliche Distanz so groß, dass Besuche in kürzeren Abständen schwierig oder nicht möglich sein. Eingegangen wird auf tägliche Kommunikation per Telefon oder Skype, auf Notwendigkeit einer guten Kooperation mit Pflegediensten und technische Hilfsmittel wie digitale Tools und Monitore und die Erfassung von Notfällen. Nach dem Eindruck des Rezensenten bleiben diese Beziehungen schwierig. Was macht man zum Beispiel, wenn der Vater am Telefon sagt, dass er sich schlecht fühlt und sterben werde?

Der nächste Beitrag von Christa Büker behandelt die Beratung pflegender Angehöriger. Auf die große Heterogenität nach sozialdemographischen Merkmalen und Beeinträchtigungen der Pflegebedürftigen wird eingegangen und eine „umfassende Analyse der individuellen Lebenssituation ratsuchenden als auch der pflegebedürftigen Person“ (S. 165) wird empfohlen. Behandelt werden auch Themen wie „Decision Coaching“, Gesundheitskompetenz und Vernetzung mit lokalen Hilfsangeboten.

Abgeschlossen wird das Kapitel mit einem Beitrag von Senta Marienfeld zu positiven Aspekten familialer Pflege. Pflege und Sorge umeinander sei ein menschlichen Grundbedürfnis. Aus psychologischer Perspektive wird auf die Pflege als mögliche „Entwicklungsaufgabe“ und die Möglichkeit persönlichen Wachstums eingegangen. Die Bindung zur sterbenden Person könne sich vertiefen[15].

Das Kapitel 10 ist ein kurzer Ausblick von Änne-Dörte Latteck, Norbert Seidl, Matthias Voß, Christa Büker und Senta Marienfeld. Einige Ergebnisse und Schlussfolgerungen werden noch einem zusammenfassend dargestellt. Verwundert ist der Rezensent über folgende Feststellung: „Die Ergebnisse zeigen, dass die bisherigen Unterstützungsangebote größtenteils wirkungsvoll sind, die Betroffenen erreichen und deren Belastungen reduzieren können.“ (S. 171) Nach einigen der vorgestellten Studien sehen dies einige der pflegenden Angehörigen kritischer.

Diskussion

Der Band enthält einige Hinweise und Anregungen, die für Ausbildung, Praxis und vor allem für weitere Forschungen hilfreich sein können. Die einzelnen Forschungsberichte sind relativ locker miteinander verbunden, was ein Problem vieler Sammelbände ist. Ein Problem sieht der Rezensent in der kurzen Dauer einzelner Projekte. Längere Projekte könnten die Stichproben etwas vergrößern[16], es könnte auch mehr Zeit in die Auswertung der Daten investiert werden. Auswertungen nach inhaltlichen Themen sind sinnvoll, aber sie sollten nicht den Blick auf die Heterogenität der Pflegesituationen und Pflegebeziehungen verstellen. Diese Auswertungen können ergänzt werden durch maximale und minimale Kontrastierungen (vgl. Strauss 1991 Glaser und Strauss 1979, S. 45 ff.) Sinnvoll wären zum Beispiel stärkere Kontrastierungen nach Pflege von Kindern, Ehepartner oder Elternteilen oder nach dem Alter der pflegenden Angehörigen.

Pflegende Angehörige und Pflegebeziehungen können auf zwei Ebenen untersucht werden. Da ist zum einen der Pflegealltag, wobei Alltagsroutinen immer wieder von Krisen unterbrochen werden. Die Pflegenden und die Pflegebedürftigen müssen diesen Alltag bewältigen, was zu Belastungen führt. Die zweite Ebene ist die biographische und familiengeschichtliche Entwicklung. Die Pflege selbst ist ein biographischer und familiengeschichtlicher Prozess. Dieser Prozess ist verbunden mit der Biographie und Familiengeschichte vorher. Die gemeinsame Geschichte während der Pflege wirkt sich dann auch auf die Zeit nach der Pflege aus. Die zweite Ebene kommt in dem Band etwas zu kurz.

Bei der Frage nach den Konsequenzen waren in diesem Band Arbeitgeber und professionelle Dienstleister Schwerpunkte in diesem Band. Wichtig wäre aber auch eine professionelle Kritik der Pflegewissenschaft und Pflege an den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Zu befürchten ist ansonsten ein wachsender Druck auf die pflegenden Angehörigen und eine noch stärkere Abnahme der Pflegebereitschaft[17]. Das Pflegeheim ist häufig jedoch keine menschenwürdige Alternative.

Fazit

Der Band enthält wichtige Anregungen für die Forschung, die Ausbildung, Praxis, aber auch für die politische Gestaltung und Verbesserung von Rahmenbedingungen.

Literatur

Glaser Barney G.; Strauss, Anselm L. (1979) The Discovery of Grounded Theory: strategies of qualitative reseach, Hawthorne, USA

Goffman, Erving (1977) Stigma. Über Techniker der Bewältigung beschädigter Identität, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Klehm und Müller (2002) Soziologische Überlegungen, In: Klehm, W.-R. (Hrsg.) (2002). Das ZWAR-Konzept: Moderation, Animation und existentielle Begegnung in der Gruppenarbeit mit „jungen Alten“. Rekonstruktion und Reflexion auf der Grundlage ethnographischer Bildungsforschung. Münster: Lit-Verlag, S. 17 - 28

Maly, N. (2001), Töchter, die ihre Mütter pflegen, Münster, Lit-Verlag

Mangold, Werner (1960) Gegenstand und Methode des Gruppendiskussionsverfahrens, Frankfurt am Main.

Mangold, Werner (1967) Gruppendiskussionen, in König, R. (Hrsg.) Handbuch der empirischen Sozialforschung Band 1 Stuttgart s. 209 -225, SW. S. 719 – 723

Rieger, Armin (2017) Der Pflegeaufstand. Ein Heimleiter entlarvt unser krankes System, München, Ludwig Verlag https://www.socialnet.de/rezensionen/​22739.php

Ohlerth, Eva und Wittig Frank (2019), Albtraum Pflegeheim. Eine Altenpflegerin gibt Einblick in skandalöse Zustände, München, Riva Verlag https://www.socialnet.de/rezensionen/​26726.php

Schmid, Raimund (2017) Wehe Du bist alt und wirst krank. Missstände in der Altersmedizin und was wir dagegen tun können, Weinheim, Basel: Beltz

Steinert, E.; Müller, H. (2007), Misslungener innerdeutscher Dialog. Biografische Brüche ostdeutscher älterer Frauen in der Nachwendezeit, Centaurus Verlag Herbolzheim

Strauss, Anselm L. (1991) Grundlagen qualitativer Sozialforschung. Datenanalyse und Theoriebildung in der empirischen soziologischen Forschung, München: Wilhelm Fink Verlag


[1] Eine Ausnahme ist der plötzliche Tod des Angehörigen oder ein Tod im Krankenhaus nach kurzer Krankheit.

[2] Es gibt auch pflegebedürftige Väter und Schwiegerväter. Sie werden aber seltener von Kindern gepflegt, sondern häufig sind die Ehefrauen die Hauptpflegeperson.

[3] Manchmal sind die Kriterien für Pflegebedürftigkeit aufgrund einer kurzen Dauer nicht erfüllt. Aber die Situation der pflegenden Angehörigen ist ähnlich

[4] Zum Beispiel Pflege einer Frau durch einen männlichen Angehörigen.

[5] Es geht demnach wohl vor allem oder in allen Fällen um die Pflege des Ehemannes.

[6] In der ambulanten Hospizarbeit ist zum Beispiel die Begleitung eine Entlastung der Angehörigen für ein oder zwei Stunden.

[7] Der Rezensent würde Strategien der minimalen und maximalen Kontrastierung bevorzugen (vgl. Strauss 1991 S. 70/71).

[8] Das ist nach der Erfahrung des Rezensenten nicht unproblematisch, aber vielleicht bei großem Zeitdruck als Abkürzungsverfahren möglich. Selbstkorrekturen und Sprechpausen können zum Beispiel für die inhaltliche Analyse sehr wichtig sein. Das kann man jedoch häufiger nicht auf den ersten Blick feststellen, sondern erst nach genauerer Analyse.

[9] Die Angabe von Unger & Rothgang 2013 ( vgl. S. 78) dass 12 – 14 % der Frauen und 1 bis 2 % der Männer bis 67 Jahre gepflegt haben, beantwortet die Frage nicht, denn offen bleibt, wie viele während der Pflege erwerbstätig waren. Die Pflegequote ist bis 65 Jahre ziemlich niedrig und steigt ab 80 Jahre steil an. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich bei der Pflege durch Erwerbstätige um außergewöhnliche Pflegesituationen handelt. Das ändert aber nichts daran, dass diese Gruppe der erwerbstätigen Pflegenden besonderen gesellschaftlichen Schutz bedarf.

[10] Die Erforschung von Emotionen erfordert ein besonderes Forschungsdesign mit besonderen Analysetechniken. Zu unterscheiden ist dabei zwischen der männlichen Selbstdarstellung gegenüber einem Mann oder einer Frau und tatsächlichen Emotionen in bestimmten Situationen. Dabei geht es nicht nur um die Pflege selbst, sondern auch um antizipierte Trauer, Trauer, Umgang mit Krisen und geschlechtssenible Pflege, vor allem bei der Intimpflege. Wenn Männer auf Intimpflege von Frauen soweit wie möglich verzichten, muss das keine emotionale Distanzierung bedeuten.

[11] Zum Gruppendiskussionsverfahren vgl. auch Mangold 1960, 1967

[12] Hierfür wird es unterschiedliche Gründe geben. Zum Beispiel sind viel mehr Männer bis ins hohe Alter verheiratet als Frauen. Sie sind häufig auch etwas älter als ihre Frauen. Wenn die Männer dann sterben, sind ihre Frauen häufig noch nicht pflegebedürftig

[13] Die Pflegesituation mit Pflegebedürftigen in Anfangsstadien von Demenz unterscheidet sich zum Beispiel von der Pflegesituation mit einem bettlägerigen Pflegebedürftigen. Auch kann es große Unterschiede im Krankheitsverlauf geben.

[14] Dies dürfte sich vor allem auf die Pflege der Mütter und Schwiegermütter, manchmal auch der Väter und Schwiegerväter, beziehen. Dann kann es auch um Familiengerechtigkeit gehen. Die Partnerpflege setzt die Entstehung von Pflegebedürftigkeit voraus.

[15] Aus soziologischer Perspektive könnte man dies ergänzen um eine biographische Dimension. Dies kann retrospektiv vor dem Hintergrund der gemeinsamen Beziehungsgeschichte oder auch prospektiv, wenn es später um das Bewusstsein geht, alles für den Angehörigen getan zu haben.

[16] Dabei würde es nicht um Repräsentativität gegen, sondern um mehr Vergleichsmöglichkeiten.

[17] Auch durch die höhere Scheidungsrate und die größere räumliche Mobilität, könnte die Bereitschaft und Fähigkeit der Übernahme der Pflege durch Angehörige abnehmen


Rezension von
Dr. Hermann Müller
Universität Hildesheim, Institut für Sozial- und Organisationspädagogik
Homepage HermannMuellerHildesheim.de
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Zitiervorschlag
Hermann Müller. Rezension vom 23.09.2020 zu: Änne-Dörte Latteck, Norbert Seidl, Christa Büker, Senta Marienfeld (Hrsg.): Pflegende Angehörige. Genderspezifische Erwartungen an soziale Unterstützungssysteme. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2020. ISBN 978-3-8474-2285-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27492.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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