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Benno Hafeneger, Hannah Jestädt u.a.: Die AfD und die Jugend

Cover Benno Hafeneger, Hannah Jestädt, Moritz Schwerthelm, Nils Schuhmacher, Gillian Zimmermann: Die AfD und die Jugend. Wie die Rechtsaußenpartei die Jugend- und Bildungspolitik verändern will. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. 140 Seiten. ISBN 978-3-7344-1164-9.
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Demokratiefeindliche Interventionen

Gesellschaftspolitische Tendenzen gegen freiheitliche, demokratische Entwicklungen zielen immer darauf, die Menschen zu ideologisieren und abhängig zu machen für populistische, nationalistische, fremdenfeindliche Parolen. Rechtsradikale Parteien und Zusammenschlüsse meiden Aufklärung. Sie benutzen eine aufklärungs- und menschenrechtsfeindliche, egozentristische, rassistische, illiberale Politik. Die AfD in Deutschland, wie auch andere rechtsradikale Aktivitäten in Europa und in der Welt, erhalten in den Gesellschaften Aufmerksamkeit vor allem deshalb, weil sie auf die differenzierten politischen Entwicklungen und Krisensituationen mit vereinfachenden, undifferenzierten Ja-Nein-Lösungen antworten. Das politische Denken und Handeln des zôon politikon aber sollte bestimmt sein von kritischem Selbst- und Nachdenken, von der Fähigkeit zur differenzierten, kompromissfähigen Meinungsbildung. Diese Kompetenz muss in Bildungs- und Erziehungsprozessen erworben werden. Deshalb wird in der politischen Bildung ein besonderer Wert darauf gelegt, dass junge Menschen freiheits- und demokratiebewusst aufwachsen: „Wie kann es gelingen, die Menschen zu bilden und aufzuklären, dass sie gebildet und aufgeklärt sein wollen?“ (siehe z.B. dazu auch: Kurt Grünberg/Wolfgang Leuschner, Hrsg., Populismus, Paranoia, Pogrom, Affekterbschaften des Nationalsozialismus, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/​22873.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

In den ethnozentristischen, nationalistischen Ideologien hat die Vision – „Wer die Jugend hat, hat die Zukunft!“ – eine besondere Anziehungskraft. Die AfD drückt mit ihren Aussagen, Programmen und Agitationen aus, dass sie eine andere Gesellschaft will und andere politische Fundamente als demokratische. Der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger von der Marburger Philipps-Universität, die Bildungswissenschaftlerin Hannah Jestädt von der Universität Siegen, der Sozialpädagoge Moritz Schwerthelm von der Universität Hamburg und die Kriminologen Nils Schuhmacher und Gillian Zimmermann von der Universität Hamburg, untersuchen rund 700 parlamentarische Interventionen von AfD-Abgeordneten über Themen Jugendarbeit, Jugendbildung, Offene Kinder- und Jugendarbeit und jugendliche Lebensformen. Sie analysieren Anlässe, Argumentationsweisen und Zielsetzungen und zeigen auf, dass die Einflussnahmen darauf ausgerichtet sind, Demokratie, Partizipation, Emanzipation und freiheitliches Leben zu diskreditieren.

Aufbau und Inhalt

Die Studie wird in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil stellen Hafeneger und Jestädt „Jugend- und bildungspolitische Aktivitäten der AfD in 16 Landesparlamenten und im Bundestag“ vor. Sie beantworten Fragen wie: Welche Themen und Argumente zur Jugendpolitik bringt die AfD in die parlamentarischen Diskurse ein? – Gegen wen und was richten sich die Anfragen und Anträge? Daraus erkennbar werden die Vorstellungen und Zielsetzungen der Partei zum Jugend- und Menschenbild. „Würde die AfD ihre jugendpolitischen Vorstellungen in Regierungshandeln und Machtpolitik… umsetzen können, … (entstünden daraus) eine autoritär verfasste Gesellschaft und ein autoritäres Staatsverständnis…, das populistisch-nationalistisch ausgerichtet ist“.

Im zweiten Teil informieren Schwerthelm, Schuhmacher und Zimmermann über ein weiteres Forschungsprojekt: „Politische Interventionen der AfD im Arbeitsfeld der Offenen Kinder- und Jugendarbeit“. Dargestellt und offengelegt werden verschiedene Formen und Aktivitäten. Sie reichen „von subtilen Anfragen bis öffentlichen Angriffen, von infrage stellenden E-Mails bis zu Spionageauftritten mit weitreichenden Effekten für die Betroffenen und das Arbeitsfeld“.

Im dritten Teil thematisiert das Autorenteam „neue Forschungsperspektiven auf jugend- und bildungspolitische Aktivitäten der AfD“. In den beiden Studien wird deutlich, dass die Rechtsaußenpartei noch diffus, personalisiert und lokalisiert ihr Profil zur Kinder-, Jugend- und Bildungspolitik sucht und artikuliert. Die Tendenzen sind eindeutig. Und sie rufen den gesellschaftlichen Widerstand hervor und fordern wissenschaftliche Analysen und Prognosen.

Diskussion

Die zahlreichen Beispiele von Einwürfen, Angriffen und Interventionen der AfD auf die institutionalisierte, soziale Kinder- und Jugendarbeit sind geeignet, im lokalen, regionalen und globalen Diskurs um Menschenwürde und -freiheit herangezogen zu werden. Deutlich nämlich wird damit, dass die AfD, wie auch andere rechtsradikale und populistische Parteien menschenfeindlich und diktatorisch sind (vgl. dazu auch: Frank Dikötter, Diktator werden. Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27082.php).

Fazit

Das kleinformatige Büchlein kann als Handbuch und Nachschlagewerk dienen, wenn es in den kommunalen, Landes- und Bundesparlamenten um die Auseinandersetzungen mit den AfD-Argumenten und Provokationen geht. Die aufgeführten und analysierten Beispiele können auch in der schulischen und außerschulischen Politischen Bildung eingesetzt und diskutiert werden.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.06.2021 zu: Benno Hafeneger, Hannah Jestädt, Moritz Schwerthelm, Nils Schuhmacher, Gillian Zimmermann: Die AfD und die Jugend. Wie die Rechtsaußenpartei die Jugend- und Bildungspolitik verändern will. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-7344-1164-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27495.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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