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Julia Scharnhorst: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz vermeiden

Cover Julia Scharnhorst: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz vermeiden. Haufe-Lexware GmbH & Co. KG (Freiburg) 2019. 272 Seiten. ISBN 978-3-648-13447-4. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Das Thema psychische Gesundheit und Belastung wird immer noch sehr zögerlich und mit großer Zurückhaltung in Unternehmen angegangen. So ist das vorliegende Buch aktueller denn je! Wie können psychische Belastungen im Arbeitskontext erkannt und erfasst werden? Welche Entscheidungen resultieren aus den jeweiligen Ergebnissen? Wie kann man als ArbeitgeberIn mit betroffenen MitarbeiterInnen umgehen? Auf diese Frage gibt Julia Scharnhorst mit Präventionsmaßnahmen und Know How zur Verhältnisprävention fundiert praxiserprobte Antworten. Das Themenfeld der Resilienz wird ebenfalls kurz gestreift. Das Buch bietet einen umfangreichen Teil an Leitfäden, Checklisten und Muster für Betriebsvereinbarungen.

AutorIn

Julia Scharnhorst ist Diplom-Psychologin und seit 2003 Inhaberin der Unternehmensberatung Health Professional Plus. Schwerpunkt der Beratung sind alle Fragen rund um das psychische Wohlbefinden am Arbeitsplatz. Sie berät Firmen und Verwaltungen und bietet Trainings an. Außerdem hat sie bislang „Pausen machen munter“ und „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ veröffentlicht.

Entstehungshintergrund

Die psychische Gesundheit als Teil des Arbeitsschutzes steht oft immer noch in der zweiten, manchmal auch dritten Reihe, da sich viele Unternehmen noch schwer mit diesem Aspekt der Gesundheit tun. Dem liegt nicht immer mangelnde Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme zugrunde, sondern oft auch die Unsicherheit, wie dieses Thema am besten anzugehen ist. In der Praxis ist auch beobachtbar, dass sich ArbeitgeberInnen dann dem Thema psychische Gesundheit zuwenden, wenn es nicht mehr zu ignorieren ist. Der Gesetzgeber hat hierfür schon seit 2013 die Anforderungen und Auflagen erneut betont und auf die Notwendigkeit einer Gefährdungseinschätzung, -beurteilung hingewiesen (bzw. über Instrumente wie das BEM, Betriebliches Wiedereingliederungsmanagement, Angebot verpflichtend aufgegriffen). WIE diese zu erfolgen hat, ist offen gestaltbar. Hierzu liegen diverse Vorgehensweisen und Instrumente vor. Die psychische Gesundheit war schon immer auch Teil von Arbeitsschutzes und Arbeitssicherheit. In der Praxis ist die psychische Gesundheit als Bestandteil des Arbeitsschutzes und der Arbeitssicherheit noch längst nicht in zufriedenstellendem Maße angekommen. Die aktuellen Erfahrungen in der Pandemie können hier als Treiber verstanden werden und die Notwendigkeit, dieses Thema endlich aktiv anzugehen, verstärken.

Aufbau

Das Buch hat den Charakter eines Grundlagenwerks und Handbuchs für Führende in Unternehmen. Kernstücke der Inhalte werden vielfach durch Grafiken veranschaulicht. Unterlegte Textboxen geben Kernaussagen in Form von konkreten Tipps und Hinweisen wieder. Der Aufbau ist übersichtlich in sechs Kapitel gegliedert, deren Unterkapitel prägnant Schlüsselthemen fokussieren und beschreiben. So wird es Nicht-Fachleuten wesentlich erleichtert, sich aktiv mit dem Thema psychische Belastungen am Arbeitsplatz und deren Vermeidung zu befassen.

Inhalt

Julia Scharnhorst spricht Führende zu ihrer persönlichen Gesundheit direkt an und stellt so sicher, dass das Thema nicht nur die MitarbeiterInnen betrifft! Dieser Ansatz bildet den roten Faden und findet sich in verschiedenen Kapiteln wieder. Sie stellt auch die rechtliche Rahmung vor und verdeutlicht die Pflichten und daraus resultierende Verantwortung der ArbeitgeberInnen. Scharnhorst gelingt es, die ganze Bandbreite an Unternehmen, divergierend nach Größe und Branche anzusprechen und z.T. auch deren Besonderheiten darzustellen. Scharnhorsts Ansatz geht vom Paradigma des stetig steigenden Wirtschaftswachstums und den damit verbundenen steigendenden Anforderungen aus. Als Praktikerin kommt sie zu dem Schluss: „Wir müssen rechtzeitig erkennen, wo unsere Leistungsgrenzen liegen – sowohl als Individuum als auch auf gesellschaftlicher Ebene – und diese Grenzen dann auch akzeptieren.“ (S. 22)

In der Hinführung zum Thema der psychischen Belastungen sensibilisiert Julia Scharnhorst am Beispiel der Burnout-Thematik durch eine differenzierte Darstellung: Sie erklärt das Phänomen in seiner Historie, zeigt den aktuellen Stand in der medizinischen Einordnung auf und erklärt dahinterliegende Dynamiken in der Person und in der Umgebung, z.B. Arbeitsplatz. Die Autorin stellt das Thema der psychischen Belastungen am Arbeitsplatz auch in den Kontext der gesamtgesellschaftlichen Fragen und nicht hinreichend ausdifferenzierten rechtlichen Grundlagen zum Arbeitsschutz. Es ergibt sich eine umfassende Darstellung eines auf den ersten Blick isoliert/​individualisiert erscheinenden Phänomens.

Hier werden die folgenden Kapitel auszugsweise vorgestellt:

  • Kapitel 2: Wie Sie psychische Belastungen erkennen
  • Kapitel 3: Umgang mit psychisch belasteten Mitarbeitern
  • Kapitel 5: Förderung der Resilienz

Kapitel 2 beschreibt Anzeichen für a) die persönlich erlebten Belastungen der LeserInnen selbst, nennt Anhaltspunkte und Warnsignale für psychische Belastungen in Teams, bis hin zur Gefährdungsanalyse im Unternehmen, um letztendlich auf Risikofaktoren, die dem persönlichen Bereich der MitarbeiterInnen und dem Unternehmen inhärent sind, zurückzukommen.

Scharnhorst lädt die LeserInnen/Führungskräfte zur Introspektion ein. Anhand einer Burnoutspirale und der Auflistung von Warnzeichen, werden eigene potentielle Belastungen ohne Belehrungscharakter prägnant aufgeführt. Vier Ebenen der Erschöpfung werden vorgestellt und mittels kurzer Selbst-Checklisten pragmatisch und klar operationalisiert. Dabei adressiert Scharnhorst immer wieder die LeserInnen/Führenden. So wird das Thema Belastung und Gefährdung nicht zu einem „Thema der anderen“ – eben nur der MitarbeiterInnen! Denn: Nur wer sich selbst gesund führt, führt auch andere gesund. Beispiele für das Verhalten in Phasen des Burnout-Prozesses geben den theoretischen Beschreibungen eine konkrete Gestalt und Übersetzungsmöglichkeit in den Alltag. Es finden sich handfeste Tipps, was Führungskräfte beachten und tun sollten. Dazu gehört auch, Fehlzeiten regelmäßig und kontinuierlich auszuwerten – umso Belastungen im Unternehmen auf die Spur zu kommen. Überlastungsanzeigen, zunehmende Konflikte, Mobbing, erhöhte Fluktuation, die Nicht-Teilnahme an Festen – alles potentielle Indikatoren für ein aus dem Gleichgewicht geratenes System, denen eine Führungskraft ihre Aufmerksamkeit widmen sollte – als ein Bestandteil der Führungsarbeit. Der Ablauf der gesetzlich geforderten Gefährdungsanalyse/​-beurteilung und mögliche Instrumente (Fragebögen) und Handlungsabläufe werden vorgestellt.

Kapitel 3 widmet sich aus verschiedenen Blickwinkeln der Praxis und geht den Fragen nach, wie eine Führungskraft auf aktuell betroffene MitarbeiterInnen in akuten Situationen reagieren sollte und was bei der Gesprächsführung zu beachten ist. Viele konkrete Beispiele zeigen den LeserInnen, wie es gehen könnte und was zu beachten ist. Konkrete Tipps liefern eine Art „Leitplanke“ für die „To dos and dont’s“. Dies kann helfen, bestehende Handlungsunsicherheiten und die daraus resultierenden Vermeidungsstrategien abzubauen. Auch der Umgang mit gefährdeten MitarbeiterInnen wird thematisiert: es finden sich auch hier konkrete Tipps und Handlungsmöglichkeiten, ja auch Handlungsvorgaben. Scharnhorst stellt viel Klarheit her – indem sie auch die Fürsorgepflichten benennt und sehr handfest erklärt, was dies in der Praxis beinhalten kann und sollte. Auch das Thema der Wiedereingliederung (Stichwort BEM) und Behandlungsmöglichkeiten bei Burnout werden beschrieben. Abschließend finden sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Handeln im Betrieb: dabei werden besonders relevante rechtliche Grundlagen kompakt dargestellt.

Kapitel 5 stellt einen von vielen Resilienz-Ansätzen und -modellen in den Fokus, das Stufenmodell von Al Siebert. Hierbei ist wichtig zu wissen, dass die aktuelle Forschungslage mehr als breit zu bezeichnen ist: es gibt eine Vielzahl von Studien, Definitionen, Modellen… Der wissenschaftliche Diskurs wird breit geführt. So ist der Rückgriff auf kompakte handlungsorientierte Modelle mehr als verständlich. Der Ursprung der Forschung liegt, wie auch das Modell von Al Siebert, in den USA. Die interessierte Leserschaft sei darauf hingewiesen, dass es auch in Deutschland seit gut 10 Jahren Forschungsvorhaben gibt, und aktuell das LIR – Leibnitz-Institut-Resilienz (vormals DRZ – Deutsches Resilienz Zentrum), Universität Mainz, hierzu viele interessante Forschungsvorhaben, gerade auch für den Arbeitskontext durchführt.

Diskussion

Man merkt deutlich den Praxisbezug von Julia Scharnhorst – und damit bietet sie eine wirklich alltagstaugliche Hilfestellung für am Thema interessierte Führungskräfte! Dies ist insofern bemerkenswert, da das Buch sowohl Sachkenntnisse als auch daraus resultierende Handlungsmöglichkeiten gekonnt verbindet – ohne im negativen Sinne belehrend zu wirken oder durch überflüssige Komplexität bereits bestehende Unsicherheiten zu vergrößern. Ganz im Gegenteil: Es macht eventuell unsicheren Leitungskräften deutlich, was sie warum wie tun können und sollten – und auch was eben nicht ihre Aufgabe (z.B. das Stellen von Diagnosen oder das Einnehmen einer eher „therapeutischen“ Rolle) ist. So wird Licht in ein Dickicht von Unsicherheiten, Tabus, Vorurteilen und Handlungsunsicherheit und manchmal vielleicht auch bestehendem Desinteresse gebracht. Die Chancen und Grenzen der Führungskraft und des Unternehmens werden sichtbar und ermutigen zu einer aktiven Beschäftigung mit dem Thema psychische Gesundheit im Unternehmen.

„Resilienz“ hat es zwar bis auf das Cover geschafft, wird in Kapitel 5, bei einem Gesamtumfang von 272 Seiten, mit 11 Seiten recht „schlank“ behandelt. Insofern gilt für diesen Aspekt: Nicht überall, wo Resilienz „drauf“ steht, ist auch welche „drin“. Bzw.: den LeserInnen sollte klar sein, dass es sich hier nicht um einen ausführlichen fachlichen Schwerpunkt handelt. Hervorzuheben ist aber die fachliche Einschätzung und damit Hilfestellung, die Scharnhorst zur Qualifikation potentieller Resilienz-TrainerInnen gibt. So haben Personalverantwortliche Kriterien an der Hand, falls sie externe DienstleisterInnen mit der Durchführung entsprechender Angebote beauftragen möchten.

Fazit

Der Bereich der psychischen Belastungen in Unternehmen wird dezidiert und praxisnah dargestellt. AdressatInnen sind Führende, die so Know How zu auftretenden Phänomenen erlangen, für die Thematik sensibilisiert und aktiviert werden. Konkrete Tipps und potentielle Handlungsmöglichkeiten holen gekonnt ein Thema aus der Zone der Verunsicherung. Das Buch kann als Grundlagenwerk und Handbuch zu Rate gezogen werden, in dem man konkrete Anliegen und Fragen aus der Praxis wiederfindet. Die Frage nach dem eigenen Umgang von Führung mit sich selbst, wird nicht ausgespart, ist vielmehr eine logische Ausgangsgrundlage. Für alle am Thema interessierten UnternehmensvertreterInnen – und auch alle bislang noch nicht interessierten - eine absolute Empfehlung.


Rezension von
Dipl.-Päd. Ines Polzin
Prozessberaterin für KMU im Förderprogramm unternehmensWert:Mensch, Resilienz-Coach/-Trainerin
Homepage www.inespolzin.de
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Zitiervorschlag
Ines Polzin. Rezension vom 21.04.2021 zu: Julia Scharnhorst: Psychische Belastungen am Arbeitsplatz vermeiden. Haufe-Lexware GmbH & Co. KG (Freiburg) 2019. ISBN 978-3-648-13447-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27502.php, Datum des Zugriffs 03.08.2021.


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