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Günther Opp, Michael Fingerle u.a.: Was Kinder stärkt

Cover Günther Opp, Michael Fingerle, Gerhard J. Suess: Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 4., neu bearbeitete Auflage. 279 Seiten. ISBN 978-3-497-02956-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Laut Klappentext stellen „Wissenschaftler aus verschiedensten Disziplinen und Ländern … aktuelle Ergebnisse der Resilienzforschung vor und leiten neue Wege der (heil-)pädagogischen Förderung von Kindern ab“. Der Sammelband „Was Kinder stärkt“ erscheint in vierter Auflage, was nach den Herausgebern eine veränderte Neuausgabe notwendig macht und Anlass bietet, auf die Entwicklung des Diskurses zurückzublicken.

Herausgeber

Herausgegeben wird der Band von Günther Opp, Michael Fingerle und Gerhard J. Suess. Prof. Günther Opp war bis zu seiner Emeritierung am Institut für Rehabilitationspädagogik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg tätig. Prof. Dr. Michael Fingerle lehrt und forscht am Institut für Sonderpädagogik der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt, Prof. Dr. Gerhard J. Suess in klinische und Entwicklungspsychologie an der Hochschule für angewandte Wissenschaften HAW, Hamburg.

Entstehungshintergrund

Die 1999 erschienene Erstauflage kann im deutschsprachigen Raum als Auftakt zum Resilienzdiskurs in den Erziehungswissenschaften gefasst werden. Dass das Buch in nunmehr vierter Auflage erscheint, weist auf ein beträchtliches Interesse am Thema Resilienz hin und macht neugierig, was die Debatten aktuell prägt. Alle vier Auflagen wurden von Günther Opp und Michael Fingerle herausgegeben, bei der ersten Auflage war Andreas Freytag mit im Herausgeberteam, in der vierten ist es nun Gerhard J. Suess.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gegliedert:

  • A Grundlagen der Resilienzforschung
  • B Resilienz in der Lebensspannenperspektive
  • C Resilienz in spezifischen Risikolagen.

Die insgesamt 21 Beiträge sind von verschiedenen Autor*innen, vorrangig (Entwicklungs-)Psycholog*innen und (Sonder-/​Rehabilitations-)Pädagog*innen verfasst worden.

Inhalt

Einleitend thematisieren die Herausgeber Schwerpunktverschiebungen und Erweiterungen des Diskurses über das Phänomen der Resilienz. Sie konstatieren, dass die Bedeutung sozialer Faktoren ebenso wie die Kontext- und Kulturabhängigkeit stärker hervorgehoben werden und die Neurowissenschaften Resilienz stärker in den Blick nehmen. Trotz vieler Neudefinitionen, der Etablierung des Begriffs in der deutschsprachigen Fachliteratur und Integration in die Alltagsdiskussion, „geht es doch im Kern nach wie vor um die erfolgreiche Bearbeitung von Belastungen, Herausforderungen und Entwicklungsrisiken“ (S. 7). Forschungsarbeiten decken mittlerweile ein breites thematisches und unterschiedliches disziplinäres Spektrum ab. Innerhalb dieser Entwicklung möchte die vierte Auflage von „Was Kinder stärkt“ den Fokus auf Themen legen, die einen direkten Bezug zur Erziehungswissenschaft und Pädagogik haben und einen gewinnbringenden wissenschaftlichen Rahmen zur Reflektion pädagogischen Handelns bieten.

Der Teil A „Grundlagen der Resilienzforschung“ beginnt und schließt jeweils mit Beiträgen von Emmy Werner, die mit der Kauai-Studie die Grundlagen der Resilienzforschung gelegt hat und 2017 verstorben ist. Ihr Aufsatz „Entwicklung zwischen Risiko und Resilienz“ beschreibt anhand der Kauai-Studie die schützenden Faktoren im Kind, in der Familie, in der Gemeinde und die schützenden Prozesse zwischen Kind und Umwelt. Außerdem weist er auf die Balance zwischen Vulnerabilität und Resilienz hin und nennt Implikationen aus den Ergebnissen der Längsschnittstudie für Forschung und Praxis. 

Im nächsten Aufsatz „Resilienz: Genetische und epigenetische Faktoren“ befassen sich Julia Lippold und Martin Reuter mit dem Einfluss genetischer Faktoren auf psychische Gesundheit. Sie zeigen auf, dass genetische Prädispositionen für psychische Erkrankungen durch externe Faktoren (z.B. Missbrauchserfahrung, mütterliche Fürsorge, Kontrollüberzeugung) und über die gesamte Lebensspanne beeinflusst werden können.

Die weiteren Beiträge in Teil A thematisieren Folgendes: Gottfried Spangler befasst sich mit Bindungssicherheit und Bindungsdesorganisation, Günther Opp mit der Selbstregulation als Schutzfaktor über die gesamte Lebensspanne, die als resilienzfördernde Kompetenz im frühen Kindesalter erworben werden kann. Michael Fingerle thematisiert die menschliche Adaptivität als ein Konzept, das im Zentrum der Resilienz steht. Klaus E. und Karin Grossmann beschreiben psychische Sicherheit als Voraussetzung für psychische Anpassungsfähigkeit im Rahmen der Bindungstheorie. Der Teil A beschließende Artikel von Emmy Werner stellt internationale Längsschnittstudien zu Resilienz vor und diskutiert deren Ergebnisse.

Teil B „Resilienz in der Lebensspannenperspektive“ enthält fünf Beiträge, die sich mit Frühen Hilfen und Resilienz (Gerhard Suess), Resilienz im Übergang vom Kindergarten in die Schule (Susanne Doblinger und Fabienne Becker-Stoll), traumapädagogischer Resilienzförderung in der Kinder- und Jugendhilfe (Marc Schmid), Resilienz aus biografischer Perspektive (Rolf Göppel) sowie Resilienz, Resilienzförderung und Vernetzung (Klaus Fröhlich-Gildhoff, Maike Rönnau-Böse) beschäftigen.

Hervorheben möchte ich die Aufsätze von Marc Schmid und Rolf Göppel. Der Beitrag von Marc Schmid beschreibt, welchen (psychischen) Belastungen die Kinder und Jugendlichen, die zu Adressat*innen stationärer Jugendhilfeangebote geworden sind (und auch die sozialpädagogischen Fachkräfte) in stationären Settings ausgesetzt sind. Es wird ausführlich und anschaulich geschildert, wie traumapädagogische Konzepte korrigierende Beziehungserfahrungen anbieten können und wie Resilienzförderung in Heimerziehung und Milieutherapie aussehen kann.

Rolf Göppel plädiert in seinem Beitrag dafür, Resilienz als Prozess zu begreifen und zu erforschen und sich „narrativen, autobiografischen Dokumenten, in denen Entwicklungs-, Erziehungs- und Bildungsprozesse unter erschwerten Bedingungen zur Sprache kommen“ (S. 164) zuzuwenden. In Einzelfallstudien „könnte im Detail der Frage nachgegangen werden, wie sich Widerstandskraft und Bewältigungskompetenz in der individuellen Entwicklungsgeschichte aufgebaut haben, welche Schlüsselerfahrungen, welche Anregungen, Impulse und Ermutigungen dafür besonders wichtig waren, in welchen Zusammenhängen prägnante Erfahrungen der Selbstwirksamkeit gemacht wurden, wie Momente der Selbstbehauptung und Versuche der Selbstheilung in konkreten, lebensgeschichtlichen Episoden zum Ausdruck kommen, wie also „Resilienz als Prozess“ angemessen zu verstehen ist“ (S. 167).

Teil C „Resilienz in spezifischen Risikolagen“ enthält folgende Aufsätze: Resilienz im Erwachsenenalter (Bernhard Leipold und Christina Saalwirth), Freundschaft als Resilienzfaktor (Maria von Salisch), Positive Peerkultur als Resilienzpraxis im schulischen Alltag (Günther Opp und Ariane Bößneck), Trauma, Resilienz und Krise – Formierung, nachhaltige Erschütterung und Transformationspotenziale von Selbst- und Weltverhältnissen (Mirja Silkenbeumer), Ressourcen und Resilienzpotenziale von Kindern mit Zuwanderungsgeschichte (Haci-Halil Uslucan und Ilkiz Sentürk), Vulnerabilität und Resilienz – Erkenntnisse für die Arbeit mit autistischen Menschen (Georg Theunissen), Resilienz – Förderung – Lernen? Resilienz und Service-Learning in pädagogischen Handlungskontexten (Anne Seifert) sowie Schlussgedanken der Herausgeber Gerhard Suess, Günther Opp und Michael Fingerle.

Mirja Silkenbeumer möchte Modellvorstellungen von Resilienz heuristisch fruchtbar werden lassen, indem sie „sie in ein umfassenderes sozialwissenschaftliches Konzept der Bildungsprozesse des Subjekts und der Formierung des Selbst- und Weltverhältnisses in und durch Krisenbewältigung“ (S. 126) einordnet.

Haci-Halil Uslucan und Ilkiz Sentürk kritisieren, dass Kinder mit Zuwanderungsgeschichte oft mit Defiziten und als Objekte scheiternder Sozialisationsverläufe beschrieben würden. Damit würden nicht gesellschaftliche, sondern individuelle bzw. kulturell zu verantwortende Probleme kategorisiert. Die individuellen und kulturellen Merkmale von Zuwanderern sowie deren Schutz- und Resilienzfaktoren würden kaum beachtet. Eine empirische Fragebogenstudie untersuchte in Oberhausen, „ob und inwiefern ein Migrationshintergrund mit Risiken bzw. geringeren Resilienzwerten einhergeht, welche Rolle hier sozioökonomische Faktoren wie etwa das Einkommen und die Bildung der Familie spielen“ (S. 236). Ein zentrales Ergebnis ist, dass der Migrationshintergrund nicht per se ein Entwicklungsrisiko darstelle, deutlicher sei ein negativer Zusammenhang mit Familienarmut.

Anne Seifert wirft einen erziehungswissenschaftlich-professionstheoretischen Blick auf Resilienz und Resilienzförderung mit Bezug auf die Lehr-Lernform Service-Learning. Aus professionstheoretischer Sicht fragt sie kritisch, ob komplexe Wirkmechanismen berücksichtigt werden oder wissenschaftliche Erkenntnisse als Handlungsanleitung dienen sollen. Zudem kritisiert sie normative Setzungen und den unreflektierten Gebrauch von Begriffen. Die empirisch bestätigten Schutzfaktoren seien „letztlich Konstrukte, die in ihrer Relevanz für pädagogisch professionelle Handlungskontexte situativ gedeutet werden müssen“ (S. 256). Die Erkenntnisse der Resilienzforschung bieten eine mögliche Reflexionsfolie. Aus professionstheoretischer Perspektive ist die Suche nach eindeutigem Wissen und wissenschaftlich geleiteter Planbarkeit fragwürdig. Nichtsdestotrotz kann die Resilienzforschung die Wahrnehmung für bestimmte Möglichkeiten und Problemlagen in pädagogischen Handlungskontexten stärken.

Die Schlussgedanken der Herausgeber beenden den Sammelband. Suess, Opp und Fingerle konstatieren, dass die Frage nach den Grundlagen guter Entwicklung „insofern einen Bruch mit biologistischen und medizinischen Erklärungsmodellen der Vorhersage und Ursachenbeschreibung von Psychopathologie“ (S. 263) markiert. Die Unschärfe des Begriffs führte von Beginn an zu scharfer Kritik. Seine Anziehungskraft liege aber nach wie vor darin, dass er „das Zusammenspiel von Risiko und Chance konzeptionell verknüpft“ (S. 264), interdisziplinäre Perspektiven eröffnet und Vulnerabilität mit Prävention verbindet. Im Rückblick lassen sich vier Wellen der Resilienzforschung ausmachen. In den letzten Jahren „wurde sichtbarer, dass Resilienz ein im Subjekt verankerter Prozess ist, der mit Umweltqualitäten eng zusammenspielt“ (S. 265). Daher müsse auch die resiliente Umwelt beschrieben werden, die auf der Subjektebene die Bewältigungsfähigkeit unterstützt. Resilienzprozesse verlaufen nicht immer geradlinig. Letztlich sei Resilienz eine Perspektive auf menschliche Entwicklung.

Diskussion

Die nunmehr vierte Auflage des Sammelbandes „Was Kinder stärkt“ stellt aktuelle Ergebnisse der Resilienzforschung vor und leitet neue Wege der (heil-)pädagogischen Förderung ab. Dabei ist der Titel des Sammelbandes ein klein wenig irreführend, da es nicht ausschließlich um Kinder und Kindheit geht, sondern z.B. auch um Resilienz im Erwachsenenalter und den Einfluss früher Erfahrungen über die gesamte Lebensspanne. Gleichwohl spiegelt die vierte Auflage des Sammelbandes mit dem seit 20 Jahren etablierten Titel den Stand der aktuellen Resilienzforschung und der zunehmend erkannten Komplexität von Entwicklungsprozessen zwischen Risiko und Resilienz wider. Diese drücken sich u.a. auch darin aus, dass Resilienzprozesse dynamischer über die gesamte Biografie in engem Zusammenhang mit den Qualitäten der Umwelt betrachtet werden. Ab und an scheint im Sammelband die überwunden geglaubte Dichotomie von „man hat es oder nicht“ auf, die u.a. zu deutlicher Kritik am Resilienzbegriff geführt hat. In Bezugnahme auf empirische Studien ist dann bspw. die Rede von Kindern „mit hoher bewusster Selbstkontrollfähigkeit“ (S. 50) oder von „normalen Familien und Familien mit affektiven Störungen“ (S. 172). Hier wird mit Grenzsetzungen zwischen „hoch und niedrig“ oder „normal und gestört“ operiert, die Abstufungen unsichtbar machen und eindeutige Zuordnungen implizieren. Ebenso zeigen sich Fragen von Normativität und (Be-)Wertung, wenn es z.B. um die „erfolgreiche Bewältigung des Übergangs in die Schule“ (S. 109) geht. Zugänge zum Resilienzphänomen, die für subjektive Deutungen und den Zugriff auf Biographien plädieren (bspw. Göppel) scheinen geeignet, diese eindeutigen Zuordnungen durch deutlich komplexere Modelle anzureichern. In diesem Kontext sind die Beiträge von Seifert und Silkenbeumer positiv hervorzuheben, da sie interessante theoretische Vorschläge unterbreiten, die Resilienz in umfassendere sozialwissenschaftliche Konzepte einbinden. Resilienz ist dann eine mögliche Reflexionsfolie und es tritt deutlicher zutage, dass Resilienzprozesse nicht immer geradlinig verlaufen.

Und noch eine kleine redaktionelle Anmerkung: bei der Tabelle auf S. 139 war ich irritiert: fehlt da eine Überschrift oder ist die Abbildung von S. 138 noch einmal aufgeführt?

Fazit

Die vierte, neu bearbeitete Auflage des Sammelbandes „Was Kinder stärkt“ erfüllt ihren Anspruch, den aktuellen Stand der Resilienzforschung mit Bezug zu Erziehungswissenschaft und Pädagogik vorzustellen und einen gewinnbringenden Rahmen zur Reflektion pädagogischen Handelns zu bieten. Die Beiträge richten sich m.E. nach an überwiegend wissenschaftliche Leser und können in der gesamten Breite pädagogischer Lehre eingesetzt werden.


Rezension von
Dr. Anja Frindt
Dipl. Päd., Dipl. Sozarb./Sozpäd.
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Zitiervorschlag
Anja Frindt. Rezension vom 28.06.2021 zu: Günther Opp, Michael Fingerle, Gerhard J. Suess: Was Kinder stärkt. Erziehung zwischen Risiko und Resilienz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2020. 4., neu bearbeitete Auflage. ISBN 978-3-497-02956-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27504.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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