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Florian Huber: Rache der Verlierer

Cover Florian Huber: Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland. Berlin Verlag (Berlin) 2020. 288 Seiten. ISBN 978-3-8270-1412-2. D: 24,00 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 32,50 sFr.

Reihe: In Beziehung stehende Ressourcen: ISBN: 9783827012470; 9783827013316.
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Der rechte Terror in Deutschland

Wiederholt sich Geschichte – oder sind historische Ereignisse einmalige, nicht vergleichbare Vorgänge? Diese unterschiedlichen Geschichtsbetrachtungen sind Bestandteil, eigenwillige oder gängige Auffassungen. Das Dilemma ist nicht auflösbar, finden sich doch in der Menschheitsgeschichte immer wieder Argumente dafür und dagegen. Es ist also müßig und nicht zielführend, diese Frage weiter zu thematisieren. Interessanter und erfolgversprechender könnte sein, auf konkrete Geschichtsverläufe zu schauen und deren Wirkungen und Effekte in Beziehung zu aktuellen Situationen des Rechtsterrors zu bringen.

Inhalt

Der Historiker und Dokumentarfilmer Florian Huber stellt in seiner dokumentarischen Erzählung „Rache der Verlierer“ fest, dass in der deutschen Gesellschaft immer wieder „der Terror der Rechten in auf- und ablaufenden Wellen seinen Schrecken“ verbreitet. Es sind Anschläge auf Ausländer, Einwanderer, Juden, Muslime, Polizisten, Politiker und Zufallsopfer, die von Rechtsradikalen verübt werden; immer mit den Motiven begründet, dass Andersdenkende, Republikaner, Demokraten, Fremde und „Verräter des Vaterlandes“ ihr Bild von ihrem Deutschland zerstören würden und es des Kampfes bedürfe, dieses zu erhalten und zu verteidigen. Er unternimmt eine historische Deutschlandreise, die ihn (1918) an die „herbstkalten Kaimauern der Marinestadt Wilhelmshaven“ bringt, als der Korvettenkapitän Hermann Ehrhardt seine Flottillenboote nach dem Diktat der Sieger des Ersten Weltkriegs abgeben musste; weiter nach Frankfurt, als die Nationalisten und Frontkämpfer Friedrich Wilhelm Heinz und Ernst von Salomon gegen die revolutionären Kräfte der Soldatenräte erneut zu Felde ziehen wollten – und als „Verlierer“ dastanden; weiter in den Berliner Grunewald, als (1922) der liberale Politiker und Außenminister Walther Rathenau von völkischen, nationalistischen Tätern ermordet wurde; hin zu den Münchner Kasernen des Freikorps (siehe z.B.: Klaus Theweleit, Männerphantasien, 2019, www.socialnet.de/rezensionen/​26436.php); zu den Hängen des Schwarzwaldes, als es durch Fanatiker der rechtsradikalen, deutsch-nationalen Organisation Consul zum Feme-Mord an den Reichsfinanzminister Matthias Erzberger kam: „Politische Gewalt war keine exklusive Beziehung zwischen Außenseitern und Eliten mehr, sondern mitten in der Gesellschaft angekommen, wo sie Angst und Schrecken verbreitete, aber auch auf Zustimmung traf“.

Die Ermordung Rathenaus, die anscheinend so leicht und ungehindert von statten gehen konnte, war das Ergebnis der zerstrittenen, fanatischen Situation im deutschen Parlament, „der Herzkammer des deutschen Parlamentarismus, der Bühne für demokratischen Diskurs und Willensbildung“. Dieser Dampfkessel der politischen Kontroversen spiegelte die „Risse und Feindseligkeiten einer mit sich selbst unversöhnten Nation zutage“. Die politischen Parolen, wie: „Wer nicht für uns ist, muss vernichtet werden!“, griffen auf den „Volkswillen“ über, führten zur Akzeptanz von politischer Gewalt und Machtausübung und ebneten so den nationalistischen und faschistischen Kräften den Boden (vgl. dazu auch: Lerke Gravenhorst, u.a., Fatale Männlichkeiten – kollusive Weiblichkeiten. Zur Furorwelt des Münchner Hitler. Folgen über Generationen, 2020, www.socialnet.de/rezensionen/​27110.php): „Der rechte Terror… war viel größer als der Einzelne. Seine Macht beruhte auf Milieus und Mentalitäten, auf gewachsenen Strukturen und Netzwerken, die überall möglich waren und niemals wieder verschwinden würden“. Die Taktik – die Zerrüttung von Staat und Gesellschaft, die Lächerlichmachung und Verdammung von Politik, die Verbreitung von Fake News und Verschwörungsphantastereien – wird auch von den heutigen Rechtsradikalen und Populisten angewandt.

Diskussion

Die lokale und globale Verbreitung von rassistischen, ego-, ethnozentristischen und nationalistischen Gedanken und Taten heute sind nicht direkt vergleichbar mit denen aus der Vor-, Während- und Nach-Weimar-Zeit; im abschließenden Teil von Florian Hubers Erzählung „Rache der Verlierer“ jedoch wird „die Wiederkehr in Bildern“ veranschaulicht: Korvettenkapitän Ehrhardts Pose 1917 – Anders Breiviks Selbstdarstellung 2011; Freikorps Roßbach 1920 – Kampfsportgruppe Noricum 2018; der deutsch-nationale Schulterschluss zwischen Helfferich, Hindenburg und Ludendorff 1919 – Björn Höcke und Pegida-Funktionäre 2018; Anklagebank im Mordprozess Rathenau 1922 – NSU-Prozess 2018; Organisation Consul 1921 – Terrorzelle „Gruppe S“, 2020. Die Frage „Kehrt die Geschichte zurück?“ ist heute nicht als Menetekel zu stellen, sondern als Mahnung und Herausforderung, den rassistischen, nationalistischen, populistischen und rechtsextremen Aktivitäten entschieden und demokratisch entgegen zu treten. Die Geschichte kehrt nicht wieder, aber menschenfeindliches Denken und Handeln ist auch heute präsent: „Weniger im historischen Detail, sondern vor allem in der Wiederkehr von Denkweisen und Sprachfiguren, von Feindbildern und Atmosphären, und in der Gewöhnung an das Skandalöse erkennen wir die Züge unserer eigenen Zeit“.

Fazit

Dort, wo Ego-, Ethnozentrismen, Fundamentaliamen, Rassismen und Populismen herrschen, ist der Mensch nicht frei! Nur in einer Demokratie können, Freiheit und Gerechtigkeit wirksam werden. DemokratInnen sollten deshalb alles tun, um Unfreiheiten keine Chance zu geben.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 25.01.2021 zu: Florian Huber: Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrors in Deutschland. Berlin Verlag (Berlin) 2020. ISBN 978-3-8270-1412-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27509.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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