socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Jürgen Kaube: Hegels Welt

Cover Jürgen Kaube: Hegels Welt. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2020. 2. Auflage. 592 Seiten. ISBN 978-3-87134-805-1. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

In was für eine Zeit wird Hegel 1770, vor 250 Jahren, geboren und heute als einer, oder DER große deutsche Philosoph geboren! In Wechselwirkung mit wirtschaftlichen, sozialen und politischen Veränderungen gilt er als Vertreter eines Idealismus, der die Spaltung von Subjekt und Objekt durch Denken und Vernunft zu überwinden sucht.

Im vorliegenden Werk von Kaube wird der Lebensweg Hegels und die ungeheuer vielschichtige und thematisch weitgefasste Schaffenskraft dieses Philosophen immer in Wechselwirkung mit den Lebens-Bedingungen um ihn herum vor- und dargestellt.

Autor

Jürgen Kaube ist Herausgeber der FAZ, studierte Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte, schloss das Studium in Wirtschaftswissenschaften ab und war u.a. am Lehrstuhl für Soziologie der Uni Bielefeld tätig, bevor er in den journalistischen Bereich wechselte und schließlich „Nachfolger“ von Frank Schirrmacher bei der FAZ wurde. Literarisch mehrfach bekannt und gelobt für seine Max Weber Biographie und seine Veränderungsgeschichte menschlichen Seins in „Die Anfänge von allem“ (2017).

Aufbau

Das umfassende, 590 Seiten starke Buch orientiert sich am Lebenslauf Hegels- dies nach einer im Wesentlichen zeitlich-philosophischen Einleitung über den Idealismus. Die Lebens- Schaffensstationen Hegels werden jeweils im Kontext mit der Entwicklung seines Denkens dargestellt. Hierbei wird deutlich, wie wesentlich die sozialen Einflüsse, die sein Leben bestimmten, wie wichtig die persönlichen Beziehungen vom Tübinger Stift bis zur Berliner Universität sein Denken beeinflusst haben, und wie dennoch solipsistisch der Philosoph die zahlreichen Zuhörer seiner Vorlesungen in Berlin und auch die heutigen Rezipienten (einschließlich den Rezensenten!) rätselhaft beschäftigt und gedanklich zur Verzweiflung bringt.

Gerade weil Kaube sich hier biographisch orientiert, sei einerseits zur Übersicht auf www.book2look.com/book/9783871348051  verwiesen, andererseits auch auf die guten Darstellungen hierzu in Wikipedia.

Inhalt

Wie schon gesagt: Nach der Einleitung, mit der der Autor Hegel in einen bildungsgeschichtlichen Zusammenhang mit dem Idealismus bringt (allem Materiellen liegt Geistiges zugrunde), orientiert sich Kaube an der Entwicklung Hegels. Am 27.August 1770 in Stuttgart geboren, ist sein Elternhaus und seine soziale Umgebung gekennzeichnet als protestantisches Umfeld und vom Bildungshunger von Beginn an. Schule, Gymnasium, dann 1788/89 beginnt er in Tübingen Theologie und Philosophie zu studieren, lebt im Tübinger Stift, Hölderlin und Schelling sind Gesprächs- und Diskurspartner. Weitere Stationen des Lebensweges sind Bern (als Hauslehrer), Frankfurt, dann Jena, wo er sich durch Promotion für die Hochschulkarriere qualifiziert und 1805 zum Professor avancierte. Hier erlebte er den Einzug Napoleon und den veränderten Zeitgeist, muss schließlich nach Bamberg ( Redakteur) und Nürnberg (Leiter eines Gymnasiums) wechseln. Ständiges Schreiben, Gedanken in einem weiten Spektrum werden verschriftlicht- Wissenschaft und Publikationstätigkeit sicher wichtiger als Familie und „Freizeit“ in unserem heutigen Sinn.

Hat Hegel unter der Geburt eines unehelichen Sohnes und dem Schicksal dessen Mutter gelitten? Wusste seine jugendliche Frau, die er 1811 heiratet und mit der er zwei Söhne nach dem Tod der erstgeborenen Tochter hatte, von seinem unehelichen Sohn Ludwig? Wie gelang dessen Integration in die Familie Hegel, als er später von der ledigen Mutter nach Nürnberg gebracht wurde? Wie reagierte das soziale Umfeld Hegels -mittlerweile Schulrat-? Wir erfahren wenig wirklich Persönliches vom großen Philosophen, dessen Werdegang dann in den Universitäten von Heidelberg und endlich Berlin ihren Höhepunkt fand. Berichtet wird, dass seine Lehrerfolge gemessen an der Zuhörerzahl zunächst gering waren, später in Berlin fast modisch wurden- wurde er verstanden, war er nahbar als Lehrender?

Kaube schildert die Entwicklung des hegelschen Denkens in den verschiedenen Bereichen, sein unermüdliches Schaffen, die Auseinandersetzung mit Geist, Recht, Naturphilosophie, der Familie und den politischen Irrungen und Wirrungen der Zeit- eine umfassende Auseinandersetzung, die im Rahmen einer Rezension lediglich angedeutet, inhaltlich aber nicht ausgeführt werden kann.

1831 stirb der Unermüdliche an einer Cholora-Infektion.

Fazit

Lässt sich dieses Opus erfassen, vergleichen, werten – der Rezensent vermag dies nicht zu leisten, sieht hierin auch keine Hilfestellung für interessierte Leser. Zweifelsfrei gelingt es Kaube, die Person im Kontext der Zeit – was wichtig ist! – zu beschreiben und mit Empathie zu verstehen, dass hierbei Persönlichkeitsbereiche (s.o. Familie und familiäre Freunde) kurz kommen, ist sicherlich auch der impliziten Wertung und Bedeutung in dieser Zeit geschuldet, kann dem Autor bei der sicherlich dünnen Materialdecke nicht vorgeworfen werden.

Das Buch insgesamt weckt Interesse und hält dieses bis zum Ende hin aufrecht. Die Schilderungen sind zugänglich geschrieben, mit „leichter Feder“ bei schwierigen Inhalten. Natürlich stellt sich für dem Philosophier-Neugierigen, aber nicht Vorgebildeten die Frage, ob mit der Lektüre des vorliegenden Buches hegelianisches Denken erschließbar wird, ob ein Verständnis für die durch den Geist vermittelte Welt möglich wird – die Zweifel, die sich hier andeuten, führen möglichweise nicht nur den Rezensenten zu der reichhaltigen Sekundärliteratur von Wikipedia bis hin zu – gern empfohlen- Weischedels „Philosophischer Hintertreppe“; über diese Hintertreppe ist ggf. ein Zugang zu Hegels Philosophie ergänzend zu Kaube auf dem Umweg hintenherum möglich.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
E-Mail Mailformular


Alle 88 Rezensionen von Christian Schulte-Cloos anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 22.12.2020 zu: Jürgen Kaube: Hegels Welt. rowohlt Berlin Verlag (Berlin) 2020. 2. Auflage. ISBN 978-3-87134-805-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27510.php, Datum des Zugriffs 21.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht