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Clemens Albrecht: Sozioprudenz

Cover Clemens Albrecht: Sozioprudenz. Sozial klug handeln. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. 443 Seiten. ISBN 978-3-593-51165-8. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 39,38 sFr.
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Ein soziales Feld scharfsinnig beobachten und kommunikativ erschließen

Ist das nicht die Zielsetzung, Erwartungshaltung, Absicht und Wunsch eines jeden, der sich aufmacht, Wissen und Lebenstüchtigkeit zu erwerben und weiter zu geben? Es ist die Hoffnung von Erwachsenen, den Nachkommen Erfahrungen und Kenntnisse zu vermitteln und sie zu motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein mögen (siehe dazu auch: Jos Schnurer, Die Menschen motivieren, dass sie aufgeklärt und gebildet sein wollen, in: Pädagogische Rundschau, 3/2018, S. 363ff). Wenn ein Autor beansprucht, mit seinem Buch „kulturelle Hybridität“ bewusst zu machen, also Lehrbuch, Ratgeber, Info und Erzählung zu sein, ist die neugierige Nachfrage nach dem theoretischen und praktischen Neuen und Anderern notwendig. Wir landen erst einmal bei dem römisch-aquinischen Begriff „prudentia“, und der antiken aristotelischen Bezeichnung phrónesis (φρόνησις), die als Klugheit und vernunftgemäßes Denken und Handeln verstanden wird. Mit dem Begriff „Sozioprudenz“ wird im soziologischen, sozialwissenschaftlichenn Diskurs die Fähigkeit zum sozialen klugen Handeln bezeichnet. Wir sind bei der vornehmsten, bildungspolitischen Aufgabe und Herausforderung, uns und den Mitmenschen zu ermöglichen, „soziale Wirklichkeiten kommunizierend und handelnd (zu) erschließen“.

Entstehungshintergrund und Autor

Im Rahmen des europäischen Bologna-Prozesses wurde insbesondere die universitäre Bildung gefordert, die traditionellen Lehr-Lern-Strukturen in Haupt- und Nebenfächer aufzulösen und verbindende Elemente einzuführen und zu etablieren. Es sind die vielfältigen, curricularen Versuche, die Fächergliederungen durch hybride, „nebengleisige“ Habitate theorie- und praxiswirksamer werden zu lassen. Der Kultursoziologe von der Universität Bonn, Clemens Albrecht, hat 2013 damals an der Universität in Konstanz, in den Lehrbetrieb zwei Angebotsmodule eingebracht: „Grundlagen der Sozioprudenz“ und „Angewandte Sozioprudenz“. Die didaktischen und methodischen Skills und Kompetenzen sollen es ermöglichen, „einen neuen, handlungspraktischen Zugang zum soziologischen Wissen zu legen“. Es ist das immer wieder angegangene, bewältigte wie gescheiterte Unterfangen, bei der Wissens-Innovation und -vermittlung die Dilemmata Theorie und Praxis zusammen zu bringen (vgl. dazu auch: Jos Schnurer, Theorie und Praxis in der Pädagogik Hier und Heute, in: Pädagogische Rundschau, 5/2020, S. 481ff). Hilfreich sind dabei die didaktischen Paradigmen „Trial and Error“ und das „Forschende Lernen“. Es sind die innovativen Eigenschaften: Kompetenz, Kreativität und Klugheit, die die Kunst des klugen Handelns fördern.

Aufbau und Inhalt

Das Lehrbuch und der Ratgeber „Sozioprudenz“ ist ein „Schwellen“-buch, was bedeutet, dass sich der Mensch in seinem individuellen, alltäglichen und lokal- und globalgesellschaftlichen Dasein mit den Imponderabilien des Lebens auseinandersetzen muss – mit Idealen, Interessen, Implikationen, Inspirationen, Infamitäten, Indoktrinationen und Intrigen.

Der Autor gliedert die Studie in sechs Kapitel: Im ersten wird Sozioprudenz als die Kunst des klugen Handelns thematisiert. Im zweiten wird, am Beispiel des Gebens und Nehmens beim menschlichen Miteinander, der „Gabentausch“ als sozioprudentes Verhalten verdeutlicht. Im dritten geht es um „Geselligkeit“, als Emotions-, Kommunikations- und solidarisches Gemeinschaftsempfinden. Im vierten ruft der Autor zur „Alltagsdiplomatie“ auf. Im fünften wird die „Intrige“ als geheimes, verdecktes Denken und Handeln diskutiert. Und im sechsten Kapitel entwirft Albrecht eine „Ethik der Sozioprudenz“; um schließlich im Epilog auch die Grenzen der Sozioprudenz aufzuzeigen.

Es sind die gleichen Paradigmen, wie sie uns mit dem Kantischen Sapere aude – Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen – vermittelt werden, und in philosophischen, psychologischen, pädagogischen und soziologischen Theorien bereit liegen. Es sind die verschiedenen Handlungsaspekte und -motive, die in den unterschiedlichen Wirkungen und Fakten deutlich werden und in den Verbildungen von Zweckrationalität und Klugheit zum sozioprudenten Verhalten zusammenwachsen: „Klugheit ist mehr als Rationalität. Sie schließt die Überlegung ein, wann es klug ist, auf Rationalität zu verzichten“ – oder sie zu relativieren. So ergeben sich bereits drei Anregungen für sozioprudentes Denken und Handeln:

  • „Überschaue, was du nicht planen kannst: die Folgen deines Handelns. Vertraue deiner Erfahrung, verantworte deine Handlungen!“
  • „Ziel deines Handelns ist neben dem äußeren Erfolg auch das innere Ergebnis. Du übersiehst dich nicht, dein Handeln lässt sich nicht abschließen!“
  • „Halte Maß. Bleib nicht auf ebenem Feld! Steig nicht zu hoch hinaus!“

Diskussion

Es sind die ursprünglich von Ethnologen und Anthropologen aufgezeigten Zusammenhänge, wie sie sich beim Schenken und Beschenktwerden als kulturelle Normen entwickelt haben und sich in den Gabentausch-Funktionen Auswahl – Übergabe – Effekte darstellen und sowohl als positive, verbindende als auch als negative Aktivitäten, wie z.B. bei Korruption und Bestechung, wirken. Der Mensch ist ein IWi, ein individuelles und Gemeinschaftslebewesen ( siehe dazu auch: Friedrich Voßkühler, Ich – Du – Wir. Liebe als zwischenmenschliche Wahrhaftigkeit? Eine philosophische Erkundung in elf Durchgängen, 2017, www.socialnet.de/rezensionen/23740.php ). Es bedarf der Aufmerksamkeit, Zuwendung, Empathie und Geselligkeit ( Rebecca Böhme, Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse aus Medizin und Hirnforschung,2019, www.socialnet.de/rezensionen/25261.php ). Besonders in Zeiten, in denen durch ideologische oder virale Situationen direkte Begegnungen verboten oder eingeschränkt sind, wird die Bedeutung der Nahbarkeit und Geselligkeit spürbar.

Die Suche nach dem Gral, nach dem Ideal, nach der zufriedenstellenden Lösung bei Problemsituationen erfordert Charaktereigenschaften, die der Mensch, nicht selten in mühsamen Trial- und Error-Prozessen, erwerben muss. Wenn der Autor bei seinen sozioprudenten Fragen auf die Diplomatie kommt, greift er auf Kompetenzen zurück, die vielfach den Diplomaten zugesprochen werden und sich ausdrücken in: Wissen – Besonnenheit – Taktgefühl – Anerkennung – Kompromissfähigkeit, u.a. Die Soziologie weist in zahlreichen Theorien und Handlungsanweisungen die Vielfalt von „Alltagsdiplomatie“ nach. Intrige? Im Synonymwörterbuch (Duden) wird der Begriff umschrieben mit: Arglistigkeit, Gemeinheit, Heimtücke, Hinterhältigkeit, Niederträchtigkeit, Infamie, Mobbing, u.a. Es sind No-Go-Eigenschaften, die trotzdem existieren. Die Lüge existiert, wird bewusst und unbewusst verwendet, als Not- oder Zwecklüge sogar gesellschaftlich sanktioniert. Beim sozioprudenten Umgang mit Intrigen kommt es darauf an, Ausschau nach Positions-, Perspektiven- und Rollenwechsel zu halten. Es sind Anhaltspunkte, die nach moralischen Integritäten verlangen. Der Autor stellt dazu seine „Klugheitsethik“ voran, mit der er den individuellen Blick weitet hin zum Anderen: „Wie beurteilen andere die Handlung und welchen Werten folgen sie dabei?“ – „Welche Handlungsfolgen könnten meine gegenwärtige Bewertung verändern, auch, indem sich meine Wertigkeit verschiebt?“ – „Welche zusätzlichen Sphären der Bewertung gibt es, die zu anderen hinzukommen, sie überlagern, ohne sie zu ersetzen?“.

Fazit

Clemens Albrecht schreibt hier keine soziologische Theorie, sondern er fasst zusammen, was er in seinen Lehrveranstaltungen und soziologischen Diskursen als lernendes Forschen versucht, um sozioprudentes Denken und Handeln als einen neuen, handlungspraktischen Zugang zum soziologischen Wissen aufzuzeigen. Die zahlreichen aus der Literatur, dem Lehr- und Forschungsbetrieb und den Alltagserfahrungen entnommenen Beispiele machen die Studie zu einer Fundgrube für theoretische und praktische Soziologie. Für die Leser bietet er zu den einzelnen Kapiteln jeweils einen Schlusssatz an, den er als „Lektürekompass“ bezeichnet. Es sind Anregungen, wie mit dem Buch in wissenschaftlichen Seminaren, in Volkshochschulkursen, Lese- und Diskussionszirkeln, wie auch in der Studierstube umgegangen werden kann.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 29.09.2020 zu: Clemens Albrecht: Sozioprudenz. Sozial klug handeln. Campus Verlag (Frankfurt) 2020. ISBN 978-3-593-51165-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27512.php, Datum des Zugriffs 30.10.2020.


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ISSN 2190-9245

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