socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anne-Kathrin Meinhardt, Birgit Redlich (Hrsg.): Linke Militanz

Cover Anne-Kathrin Meinhardt, Birgit Redlich (Hrsg.): Linke Militanz. Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. 236 Seiten. ISBN 978-3-7344-0923-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Wochenschau Wissenschaft.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Spätestens seit den Ausschreitungen während des G20-Gipfels in Hamburg im Juli 2017 ist sowohl in der Wissenschaft als auch in der politischen Bildung eine Konjunktur zu beobachten, sich mit politischen Phänomenen im äußer(st)en linken Spektrum auseinanderzusetzen. Von einer begrifflichen Einheitlichkeit, wie jene Akteure zu etikettieren sind, kann dabei kaum gesprochen werden. Stützen sich einige Studien auf den umstrittenen Linksextremismusbegriff (siehe Mannewitz/​Thieme 2020; Pfahl-Traughber 2020), nehmen andere Publikationen davon Abstand, indem sie von „Linksradikalismus“ oder von „Linker Militanz“ sprechen. Dabei weisen jene Studien auf den antidemokratischen Charakter des Linksaußenspektrums hin, während diese Arbeiten die emanzipatorisch-progressive Ausrichtung von linksradikalen bzw. links-militanten Akteuren in einer pluralistischen Demokratie herausstellen. So auch der von Anne-Kathrin Meinhardt und Birgit Redlich herausgegebene Sammelband „Linke Militanz. Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis“.

Entstehungshintergrund

Bei dem Sammelband handelt es sich um das publizierte Ergebnis der im September 2018 veranstalteten Tagung mit dem Titel „Präventionsarbeit und Deeskalationsstrategien zu linker Militanz? Kontroverse Ansätze in Theorie und Praxis“. Sie fand am Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen statt, an dem die Bundesfachstelle Linke Militanz angesiedelt ist, die seit Juli 2017 im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) gefördert wird. Übergreifendes Ziel der Bundesfachstelle ist es, „Erkenntnisse zur Rekrutierung und Zusammensetzung, zu inneren Kommunikationsweisen, Assoziationsprinzipien und Entscheidungsprozessen im Bereich Linker Militanz wissenschaftlich zu gewinnen. In Wechselwirkung mit den Resultaten aus der Grundlagenforschung [sollen] pädagogische Ansätze zur Arbeit an demokratiefeindlichen Aspekten linksradikaler Denk- und Verhaltensweisen entwickel[t]“ (S. 9) werden.

HerausgeberInnen

Anne-Kathrin Meinhardt ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der politischen Bildung und in pädagogischen Konzepten auf dem Gebiet der Linken Militanz.

Birgit Redlich ist ebenfalls wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen. Sie ist in der Bundesfachstelle Linke Militanz tätig und arbeitet insbesondere zu pädagogischen Konzepten. Darüber hinaus forscht sie zur politischen Bildung im Allgemeinen mit einem besonderen Fokus auf dem Grundschulalter.

Aufbau

Der Sammelband beinhaltet sowohl die verschriftlichten Vorträge der erwähnten Tagung als auch ergänzend hinzugezogene Beiträge. Neben einem Vorwort versammelt der Band insgesamt 18 Aufsätze. Davon sind zwei Beiträge thematisch übergreifend ausgerichtet; acht davon sind inhaltlich in eine wissenschaftliche, weitere fünf Aufsätze in eine pädagogische sowie drei Beiträge in eine theaterpädagogische Perspektive eingeteilt.

Thematisch übergreifende Beiträge:

  1. „Politische Bildungsarbeit links abseits von Prävention – eine Einleitung“ (Anne-Kathrin Meinhardt und Birgit Redlich)
  2. „Graphic Recording der Tagung der Bundesfachstelle Linke Militanz“ (Tanja Wehr)

Wissenschaftliche Perspektive:

  1. „Politische Orientierungen und das Verhältnis zu Gewalt bei linksaffinen Jugendlichen“ (Wolfgang Kühnel und Helmut Willems)
  2. „Linke Militanz und politische Bildung“ (Gereon Flümann)
  3. „Meine Gewaltaffinität, mein Interesse an Politik und meine Zukunftssicht? Einflussfaktoren von extremistischen Einstellungen bei Jugendlichen“ (Lena Lehmann, Laura-Romina Goede und Carl Philipp Schröder)
  4. „Legitime Gesellschaftskritik oder Extremismus? Fallstricke, Herausforderungen und Perspektiven der Diskurse über Linksextremismus und linke Militanz“ (Albert Scherr)
  5. „‚Ich hab nicht gesagt: ‚Ihr seid mir zu radikal, ich höre jetzt auf‘, ich bin einfach nicht mehr zu den Demos gegangen‘. Über die Gemeinsamkeiten unterschiedlich orientierter Extremisten und die Spezifika linksmotivierter Umfelder“ (Saskia Lützinger)
  6. „Wechselbeziehungen zwischen linkem Protest, Polizei und linker Militanz“ (Udo Behrendes)
  7. „Brückennarrative: Ein Vorschlag für die Radikalisierungsprävention“ (David Meiering und Naika Foroutan)
  8. „Bundesprogrammförderung zur Prävention von Linksextremismus und linker Militanz“ (Daniel Grunow)

Pädagogische Perspektive:

  1. „‚Extrem demokratisch‘ – Das ‚DeKo-Projekt‘ der EJBW und sein Beitrag für die Politische Bildung“ (Christian-Friedrich Lohe)
  2. „Die Berliner Beratungs- und Bildungsstelle ‚Annedore‘. Ansatz, Angebot und Einblick in die Praxis“ (Team der BBS „Annedore“)
  3. „‚Linke Militanz in Geschichte und Gegenwart‘. Ein Präventionsprojekt der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen“ (Gerold Hildebrand und Andrea Prause)
  4. „Kritik ohne Extremismusverdacht. Zur Problematisierung linkspolitischer Irrungen“ (Tom David Uhlig)
  5. „Beratungsmaßnahme und Distanzierungsunterstützung im Kontext Linker Militanz“ (Laura Adrian, David Garbers und Udo Gerigk)

Theaterpädagogische Perspektive:

  1. „Politisches Theater im Allgemeinen. Über den Mehrwert von Theaterpädagogik in der politischen Bildungsarbeit. Wie man Jugendliche durch Theater für Politik begeistern kann“ (Anne-Kathrin Meinhardt)
  2. „‚Dieses versiffte links-grüne 68er-Deutschland‘. Ein Interview mit dem Regisseur Peter Schanz zu seinem Theaterstück ‚GÖ 68 ff.‘“ (Birgit Redlich)
  3. „Politischer Protest am Beispiel der 68er-Bewegung als Workshop-Thema mit Schüler*innen des 11. Jahrgangs. Ein phänomenübergreifender Ansatz“ (Anne-Kathrin Meinhardt und Birgit Redlich)

Inhalt

Im Folgenden wird aus den verschiedenen Perspektiven jeweils ein Beitrag exemplarisch ausgewählt und inhaltlich näher dargestellt und eingeordnet.

In ihrem Einleitungsbeitrag weisen Anne-Kathrin Meinhardt und Birgit Redlich darauf hin, dass seit einigen Jahren in Teilen der Gesellschaft ein zunehmender Bedarf an Präventionsangeboten im Linksaußenspektrum besteht: „Es müssten, so wird gefordert, Konzepte entwickelt werden, um die Radikalisierung linker Jugendlicher zu stoppen und ihnen Ausstiegshilfen aus der linken Szene anzubieten“ (S. 13). Gleichwohl stelle sich dabei die Frage, gegen was in diesem politischen Spektrum eigentlich präventiv vorgegangen werden sollte. Zudem bleibe unklar, wie die Zielgruppe der vorrangig Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit staatlichen Bildungs- wie Präventionsmaßnahmen erreicht werden könne, richte sich ihre verfochtene Ideologie doch gegen den staatlichen Apparat. Zumal der Feldzugang unter Berufung auf die normative Extremismustheorie ohnehin kaum möglich sei, da es sich bei dem Extremismusbegriff um eine negativ behaftete Fremd- und keine Selbstzuschreibung handle. Hier kommt für Meinhardt und Redlich die Bundesfachstelle Linke Militanz ins Spiel, die sich unter anderem diesen Fragen stelle und für eine Abkehr vom Linksextremismusbegriff plädiere. Stattdessen präferiere sie das Konzept der Linken Militanz. Sie wird definiert als „ein spezifisch linksradikaler Habitus mit dem Ziel kämpferischen (aber nicht zwangsläufig gewalttätigen), tatorientierten Handelns. Sie bezeichnet ein a) kämpferisches (aber nicht unbedingt automatisch gewalttätiges), b) tatbetonendes Auftreten und Handeln mit c) linksradikalen Absichten und Zielen“ (S. 16). Mit diesem Begriffsverständnis sollen den AutorInnen zufolge einerseits nicht nur formale Organisationsmerkmale, sondern auch individuelle Handlungs- und Lebensweisen einbezogen werden. Andererseits distanziere sich die Bundesfachstelle mit ihrem Begriffsverständnis von einer als politischen Bildungsarbeit verstandenen Prävention, die zu einer Stigmatisierung und der damit verbundenen Explorationsverweigerung von Akteuren im links-militanten Feld führe.

Diese Ausführungen unterstreichen aus wissenschaftlicher Perspektive: Sobald sich politische Bildung mit problembehafteten Einstellungen im linken Spektrum auseinandersetzt, steht sie Gereon Flümann zufolge vor einem Begriffs-, Bestimmungs- und Maßnahmenproblem. Was die Begriffsproblematik betrifft, so habe das Deutsche Jugendinstitut (DJI) zu Beginn der 2010er Jahre den Begriff der Linken Militanz in den Diskurs gebracht, um ihn durch den bis dahin in der Präventionsarbeit verwendeten Linksextremismusbegriff zu ersetzen. Das sei auch legitim, insofern Akteure der politischen Bildung ihn begründet ablehnen – etwa weil er auf Ablehnung bei der Präventionsarbeit stoße. So könne mit dem Alternativbegriff der Linken Militanz das präventionswürdige vom präventionsunwürdigen Feld besser differenziert werden, was jedoch ein Bestimmungsproblem provoziere: „Wogegen soll im Themenfeld Linke Militanz überhaupt mit Maßnahmen der politischen Bildung Prävention betrieben werden?“ (S. 62). Gegen die Ablehnung des Kapitalismus? Gegen das Engagement für Klima- und Umweltschutz? Gegen den Einsatz für Antirassismus? Gegen den Protest, der sich gegen steigende Mietkosten richtet? Gegen das Aufzeigen von polizeilichem Fehlverhalten? (S. 63) Für die Beantwortung der übergeordneten Frage ist es für Flümann zum einen entscheidend, ob politische Handlungen im Zusammenhang mit diesen Forderungen den Boden des demokratischen Verfassungsstaates verlassen oder nicht. Dies sei aber aufgrund der quantitativ geringen Bedeutung zu vernachlässigen. Zum anderen müsse geprüft werden, ob politische Aktivitäten auf jenen Themenfeldern mit der Befürwortung oder Ablehnung von Gewalt einhergehen. Im Falle ihrer Bejahung hätte man es mit Linker Militanz zutun, die quantitativ bedeutend sei und woran politische Bildung schließlich ansetzen müsste. Welche genauen Maßnahmen sie hierfür formulieren und umsetzen sollte, sei allerdings nach wie vor unklar. Die Wissenschaft stehe beim Maßnahmenproblem noch vor großen Forschungslücken, insbesondere aufgrund des so heterogenen Feldes der linken Szene. Als vielversprechende Handlungsempfehlung könne aber zunächst gelten, „dass diejenigen, die sich im Rahmen von politischer Bildung mit dem Phänomen politischer Gewalt und ihren Folgen intensiv auseinandergesetzt haben, mit geringerer Wahrscheinlichkeit selbst militant-gewalttätige politische Ausdrucksformen anwenden“ (S. 65).

Aus der pädagogischen Perspektive blickend, stellt das Team der Berliner Beratungs- und Bildungsstätte (BBS) „Annedore“ (Laufzeit des Modellprojekts 2015 bis 2019) deren Ansatz und Angebot vor und gewährt dabei einen Einblick in die Praxis der BBS. Sie ging von der Annahme aus, dass eine gelingende Extremismusprävention auf einem ganzheitlichen Ansatz basieren müsse, der phänomenübergreifend die verschiedenen Extremismen berücksichtige und dabei die Untersuchung von Radikalisierungsprozessen auf das politisch volatile Jugendalter beschränke, um Stigmatisierungen von jungen Menschen zu vermeiden. So werde mit der ideologisch übergreifenden Betrachtung von rechtem, linkem und religiös motiviertem Extremismus die Identifikation von Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Präventionsangebote in der politischen Bildung ermöglicht, worauf eine systematisierte Herausarbeitung und erfolgversprechende Umsetzung von zielgruppenspezifischen Maßnahmen basieren könne. Auf dieser Angebotsseite hat die BBS verschiedene Bildungsmaßnahmen in Form eines Modulsystems als Grundlage für die individuelle Erarbeitung von inhaltlichen Themen unterbreitet, die am Bedarf der BeratungsnehmerInnen angepasst, problemorientiert erweitert und zu spezifischen Fragestellungen ergänzt wurden. Dabei standen unter anderem folgende Themengebiete phänomenübergreifend im Fokus: Radikalisierung, politisch und religiös motivierte(r) Militanz/​Extremismus, Ausprägungen von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Rassismus, Homophobie, Sexismus), Antisemitismus, Verschwörungstheorien und Antipluralismus (S. 164 f.).

Ein Alleinstellungsmerkmal besitzt der Sammelband schließlich mit seinem theaterpädagogischen Blick auf das Phänomen der Linken Militanz in Theorie und pädagogischer Praxis. In ihrem Beitrag weist Anne-Kathrin Meinhardt als ausgewiesene Expertin zu dieser Perspektive gleichwohl darauf hin: „Neu ist nicht die Theaterpädagogik an sich, sondern ihre Verwendung als Methode der politischen Bildung“ (S. 213). Das Theater sei als szenisches Spiel für die daran teilhabenden Gruppen immer zugleich politisch, da sie von Beginn an in einem diskursiven Aushandlungsprozess verbindliche Regeln für ein gemeinsames Miteinander schaffen müssen. In der politischen Bildungsarbeit könne ein Theaterstück auf diesem Weg kreativ und erfrischend bei jenen Gruppen sensible Reflexionsprozesse etwa über die Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Menschen auf dem Gebiet der Linken Militanz auslösen. „Diese Prozesse und insbesondere politische Teilhabe werden mit der Methode Theater für die Lernenden erfahrbar. Sie können handlungsorientiert Rollen- und Perspektivwechsel vornehmen sowie Situationen erleben, in denen unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, Konflikte entstehen und ausgetragen werden und so die Pluralität der Demokratie erfahren wird“ (S. 209).

Diskussion

Die HerausgeberInnen haben sich mit ihrem Anliegen, die pädagogische Arbeit mit Linker Militanz in Theorie und Praxis auszuleuchten, in dreierlei Hinsicht auf ein besonders schwieriges Terrain begeben: Erstens ist die Forschungsliteratur zum Linksextremismus (und zur Linken Militanz) nach wie vor überschaubar, insbesondere in Relation zum Rechtsextremismus. Zweitens stellt der Feldzugang zur linken Szene für die Wissenschaft eine besondere Herausforderung dar, stößt sie hier doch in aller Regel bei den links-militanten ProtagonistInnen auf Skepsis. Drittens – und das ist offenkundig ein Resultat der ersten beiden Probleme – steht die politische Bildung im Linksaußenspektrum noch ziemlich am Anfang: Angefangen bei der Frage, wogegen in diesem politischen Spektrum überhaupt präventiv vorgegangen werden sollte bis hin zur Unklarheit darüber, welche konkreten Maßnahmen in der politischen Bildungsarbeit gegen Radikalisierungsprozesse im Feld der Linken Militanz entwickelt und umgesetzt werden sollen.

Mit Blick auf den vergleichsweise schütteren Forschungsstand liegt das Problem vor allem darin, dass es in weiten Teilen der Sozialwissenschaften keine ausreichende Wahrnehmung dafür gibt, dass der demokratische Verfassungsstaat auch aus dem äußer(st)en linken Spektrum abgelehnt werden kann. „Linksextremismus“ existiere in der empirischen Wirklichkeit schlichtweg nicht (vgl. Akel 2021, S. 23 f.). Allerdings leisten auch Alternativbegriffe wie „Linke Militanz“ hier keine zufriedenstellende Abhilfe, zumal sich die HerausgeberInnen in ihrem Einleitungsbeitrag mit Blick auf die Abgrenzung von Linksextremismus und Linker Militanz ein wenig selbst widersprechen: Wenn etwa linksradikalisierte Jugendliche mit staatlichen Bildungs- und Präventionsangeboten erreicht werden sollen, sie aber gerade den „Staatsapparat“ (S. 13) selbst ablehnen, dann handelt es sich hierbei doch um antidemokratische Akteure. Warum wird dann so ein Aufwand betrieben, sich vom Linksextremismusbegriff zu emanzipieren und stattdessen eine – wohlgemerkt sperrige – Definition von „Linker Militanz“ ins Felde zu führen, die letztendlich auch wieder auf die Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates hinausläuft? Dass der Begriff der Linken Militanz im Gegensatz zum Linksextremismusbegriff mehr auf der Handlungs- und weniger auf der Zielebene liegt, ist dabei erstmal zu vernachlässigen. In diesem Zusammenhang stellt auch Albert Scherr in seinem Beitrag treffend fest: „Ob das Konzept der linken Militanz dazu geeignet ist, den Gegenstandsbereich einer auf Prävention ausgerichteten Forschung hinreichend einzugrenzen, hängt deshalb entscheidend davon ab, ob sich das Definitionselement ‚radikal‘ dazu eignet, legitime von illegitimen Formen des Protestes zu unterscheiden. Eine überzeugende Definition von Radikalität, die diesem Anspruch genügt, liegt bislang jedoch nicht vor. Somit ist das Konzept ‚linke Militanz‘ noch an entscheidender Stelle unklar und in einer fragwürdigen Weise interpretationsoffen“ (S. 86 f.).

Ohnehin scheint die konzeptionelle Debatte um „treffende“ Begriffe im Linksaußenspektrum für die Lösung eines weiteren, bedeutenden Problems keine Abhilfe zu bringen – nämlich der Explorationsverweigerung im Feld und dem daraus resultierenden Missstand, dass es bislang aus wissenschaftlicher Perspektive kaum gesicherte Erkenntnisse etwa über die subkulturelle linke Szene gibt (vgl. Mannewitz/​Thieme 2020, S. 105 f.). Hier wäre es eine Überlegung wert,zunächst rein explorativ im Feld zu forschen, indem auf Begriffe wie „Linksradikalismus“, „Linksextremismus“ oder „Linke Militanz“ verzichtet und stattdessen das Selbstverständnis von Akteuren der subkulturellen linken Szene mehr in den Vordergrund gerückt wird. So könnte zumindest einer Stigmatisierung aufgrund von begrifflicher Etikettierung vorgebeugt werden. Gleichwohl bedeutet das nicht, an den Forschungsinstituten auf theoretisch-konzeptionelle Debatten um Begriffe wie „Linksradikalismus“, „Linksextremismus“ oder „Linke Militanz“ zu verzichten.

Solange es jedenfalls kaum gesicherte Erkenntnisse über die linke Szene gibt, wird auch die politische Bildungsarbeit in diesem Bereich nur schwerlich vorankommen und sich an der Feststellung von Anne-Kathrin Meinhardt und Birgit Redlich wenig ändern: „Bisher existieren nur wenige Angebote bzw. Projekte, die sich mit linken Thematiken – in welcher Form auch immer – auseinandersetzen“ (S. 14). Zunächst müsste hierfür geklärt werden, was in diesem Spektrum präventionswürdig, was präventionsunwürdig ist. „Welche Forderungen sind [also] demokratisch, welche linksextrem?“ (Mannewitz/​Thieme 2020, S. 50–79). Erst dann wäre eine Grundlage gelegt, um nachhaltig gelingende Maßnahmen in der politischen Bildungsarbeit im Linksaußenspektrum zu entwickeln und umzusetzen. Gleichwohl ist die Lage in diesem Bereich nicht so schlecht, wie es die oben dargelegten Ausführungen vermuten lassen: Eine von Teresa Nentwig – ebenfalls Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen – jüngst vorgelegte, umfangreiche Meta-Studie zeigt auf, dass es im Rahmen der beiden großen Bundesprogramme „Initiative Demokratie Stärken“ (Laufzeit: 2010 bis 2014) und „Demokratie leben!“ (Erste Förderperiode: 2015 bis 2019) immerhin fast 30 Modellprojekte im Linksaußenspektrum gab, wovon beispielsweise die Bundesfachstelle Linke Militanz in der zweiten Förderperiode von „Demokratie leben!“ derzeit fortgeführt wird (siehe Nentwig 2020). Hier sollten die weiteren Forschungsanstrengungen für die Herausarbeitung von Best-Practice-Beispieln mit Blick auf die künftige Arbeit der politischen Bildung zu Linker Militanz anknüpfen.

Fazit

In der Gesamtschau haben Anne-Kathrin Meinhardt und Birgit Redlich mit ihrem Sammelband „Linke Militanz. Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis“ trotz oder gerade aufgrund der einzelnen diskussionswürdigen Aspekte erste konstruktive Vermessungen zu einem wissenschaftlich wie pädagogisch äußerst herausfordernden Untersuchungsgegenstand vorgelegt. Die künftige Forschung sollte vor dem nach wie vor unzufriedenstellenden Forschungsstand, den hohen Hürden beim Feldzugang zur linken Szene und den damit verbundenen Schwierigkeiten in der politischen Bildungsarbeit nicht zurückschrecken, sondern an diesen Problemstellungen ansetzen. Dies geschieht auch bereits: Der nächste, von der Bundesfachstelle Linke Militanz herausgegebene Sammelband mit dem Titel „Von der KPD zu den Post-Autonomen. Orientierungen im Feld der radikalen Linken“ (siehe Deycke et al. 2021) wartet schon auf seine Besprechung.

Literatur

Akel, Alexander (2021): Strukturmerkmale extremistischer und populistischer Ideologien. Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Baden-Baden.

Deycke, Alexander/​Gmeiner, Jens/Schenke, Julian/​Micus, Matthias (2021): Von der KPD zu den Post-Autonomen. Orientierungen im Feld der radikalen Linken: Göttingen.

Mannewitz, Tom/Thieme, Tom (2020): Gegen das System. Linker Extremismus in Deutschland. Bundeszentrale für politische Bildung: Bonn.

Nentwig, Teresa (2020): Modellprojekte der politischen Bildung im Bereich Linker Extremismus von 2010 bis 2019. Ziele – Methoden – Herausforderungen: Göttingen.

Pfahl-Traughber, Armin (2020): Linksextremismus in Deutschland. Eine kritische Bestandsaufnahme. 2. Auflage: Wiesbaden.


Rezension von
Dr. phil. Alexander Akel
B.A. (Politikwissenschaft), Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Kassel und für Politik und Soziologie an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung (HfPV) in Kassel
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Alexander Akel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Alexander Akel. Rezension vom 05.03.2021 zu: Anne-Kathrin Meinhardt, Birgit Redlich (Hrsg.): Linke Militanz. Pädagogische Arbeit in Theorie und Praxis. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2020. ISBN 978-3-7344-0923-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27516.php, Datum des Zugriffs 22.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht