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Andreas Zimmermann: EMDR für Heilpraktiker

Cover Andreas Zimmermann: EMDR für Heilpraktiker. Karl F. Haug Verlag (Stuttgart) 2020. 190 Seiten. ISBN 978-3-13-241375-7. D: 49,99 EUR, A: 51,40 EUR.
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Thema

Es gibt viele Auslöser für Traumata. Dieses Buch zeigt, wie ausgebildete Fachmenschen ihre Patientinnen und Patienten mit EMDR nachhaltig bei der Verarbeitung unterstützen. Beschrieben werden grundsätzliche Wirkprinzipien des Verfahrens dazu Indikationen und Kontraindikationen. Auf der Grundlage zahlreicher spezieller Protokolle wird das Vorgehen bei Ängsten, Phobien oder Schmerzen erklärt. Die praktischen Arbeitsmaterialien bringen Sicherheit in der Anwendung. Nach Angabe des Autors ist das Buch der ideale Begleiter für Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker in der EMDR-Ausbildung und danach. Kreative Zusätze geben die Möglichkeit, sich selbst und die Methode weiterzuentwickeln. Zudem vermittelt das Buch, wo die Grenzen liegen und welche Verbote es gibt.

AutorIn oder HerausgeberIn

Andreas Zimmermann ist Psychologe und Heilpraktiker (Psychotherapie). 2004 gründete er gemeinsam mit seiner Frau ein Institut, in dem er in EMDR und Brainlog ausbildet. Er hat sich dabei auf die Ausbildung von Heilpraktiker und Coaches spezialisiert.

Aufbau

Das Buch ist im Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 190 Seiten. Es gliedert sich in zwei Teile. Teil I: „EMDR für Heilpraktiker“ und Teil II „Anhang“.

Teil I besteht aus 17 Kapitel und zahlreiche Unterkapitel. 38 Abbildungen inkl. Fotos veranschaulichen die Inhalte. Am linken oberen Rand ist die jeweilige Kapitelüberschrift abgedruckt, am rechten oberen Rand die Überschrift des Unterkapitels. Der Fließtext ist in Spaltenform formatiert und Schlagworte sind mittels Fettdruck hervorgehoben. In Textboxen finden sich Fallvignetten, dazu heben sich auch noch „Merke-Sätze“ oder „Praxistipps“ farblich ab. Die Protokolle sind in Form von Mindmaps dargestellt, wodurch ein schneller Überblick gegeben wird. Im Anhang finden sich das Glossar, weiterführende Informationen und ein Sachwortverzeichnis.

Inhalt

Kapitel eins beginnt mit der Definition „Was ist EMDR?” EMDR steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing bedeutet übersetzt „Desensibilisierung und Neubearbeitung mit Augenbewegungen“ EMDR ist ein Therapieverfahren, das erstmalig Ende der 1980er Jahre von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro beschrieben und systematisch weitereinwickelt wurde.

Anschließend betrachtet der Autor in Kapitel zwei fünf Mythen rund um das EMDR:

  • Mythos 1: EMDR dürfen nur approbierte Ärzte und Kassentherapeuten lernen und anwenden.
  • Mythos 2: EMDR unterliegt dem markenrechtlichen Schutz.
  • Mythos 3: EMDR darf nicht im Coaching eingesetzt werden.
  • Mythos 4: Das große Ausbildungsangebot in EMDR spiegelt dessen Nutzen wider.
  • Mythos 5: EMDR ist eine „Wundertherapie“.

Von EMDR in der Heilpraktikerpraxis handelt das dritte Kapitel und beleuchtet sowohl Rechtliches als auch Möglichkeiten und Grenzen.

Kapitel vier beschreibt die Entwicklung des EMDR. EMDR ist ein Therapieverfahren, das erstmalig Ende der 1980er Jahre von der amerikanischen Psychologin Francine Shapiro beschrieben und systematisch weitereinwickelt wurde. Der Autor erläutert die bilaterale Stimulation in Bezug auf die Aspekte archaischer Erkenntnisse, Mesmerismus, der Neurohypnose und Hypnose und mündet beim Neurolinguistischen Programmieren (NLP). Das Kapitel schließt mit der Einordnung des EMDR in den Kontext bifokaler multisensorischer Methoden.

Hier schließen sich in Kapitel fünf Wirkprinzipien des EMDR an. Genannt werden allgemeine Einflussfaktoren wie Beziehung zwischen Patient und Therapeut, die Erwartungshaltung der Patienten und den Ressourcen, die Haltung der Therapeuten, hormonelle Einflüsse (hier im Besonderen zur Wirkung von Oxytozin). Besprochen werden die Entkonditionierung, Aufmerksamkeitsteilung, Veränderung des synaptischen Potenzials, Ressourcen und die Musterunterbrechung.

Kapitel sechs behandelt Standards der Trauma-Arbeit. Das sind:

  1. Aspekte der Traumasymptomatik,
  2. Trauma und Gehirn,
  3. Traumatypologie,
  4. Allgemeines zur Traumatherapie und hier insbesondere die Stabilität. Beschrieben werden die Phasen der Traumabehandlung, die Grundlagen der Traumabehandlung und das Thema Übertragung in der Traumatherapie.
  5. Als 5. Aspekt werden Verfahren zur psychischen Stabilisierung genannt wie Distanzierungstechniken, sog. Grounding-Techniken, die Dissoziationsstopptechnik, der Notfallkoffer, der Schutzraum, die Ressourcendiagnostik, das Ressourcendiagramm, der Einsatz von Imaginationsübungen, die Beachtung positiver Triggerreize, das Constant Installation of Positive Orientation and Safety (CIPOS) nach J. Knipe und frühe Interventionen.

Ein eigenes Kapitel (sieben) ist den Indikatoren und Kontraindikatoren gewidmet. Daran schließt sich die Beschreibung verschiedener Protokolle an.

Kapitel acht erläutert das EMDR Protokoll. Die Arbeit beginnt mit einer Anamnese und der Vorbereitung (Verabreden eines Stoppsignals, Schaffung des sicheren Ortes und Abstimmung zur Art der Stimulation). Es folgt die Bewertung, das Reprocessing, die Verankerung, der Body-Scan, der Abschluss und die Überprüfung.

Kapitel neun enthält spezifische Protokolle wie z.B. das Angstprotokoll, das Protokoll zur Bearbeitungen von Einzeltraumatisierungen, ein Schmerzprotokoll oder ein Suchtprotokoll.

In Kapitel 10 wird die Arbeit mit Komplextraumatisierungen im Hinblick auf die Ressourcenkaskade, das umgekehrte Standardprotokoll oder das Kurzprotokoll besprochen.

EMDR wird (Kapitel 11) mittlerweile auch in der Burn-out Behandlung mithilfe eines Burn-out-Behandlungsprotokoll eingesetzt. Hier erfolgt eine Abgrenzung von Trauma und Depression, besprochen werden auch das Thema „Burn-out und Gehirn“ sowie die Phasen eines Burn-outs.

Kapitel 12 und 13 zeigen auf, wie mit EMDR mit Kindern und Jugendlichen sowie Babys gearbeitet wird und was dabei Kontraindikatoren sind. Bei Babys liegt das besondere Augenmerk auf den Entwicklungsstadien des Babys. Erklärt wird, wie bilaterale Stimulation eingesetzt werden kann und wie der Umgang mit Geburtstraumata und mögliche Folgen sind.

EMDR hat auch im Coaching und Mentaltraining seinen Platz gefunden (Kap. 14). Zuerst werden die Begriffe „Coaching“ und „Mentaltraining“ im Allgemeinen definiert und anschließend Einsatzgebiete von EMDR im Mentaltraining und Coaching. Das Kapitel schließt mit Methoden und Anwendungsformen.

Die EMDR Arbeit ist kreativ erweitert worden und kann zum Beispiel genutzt werden, wenn der Prozess ins Stocken kommt. Genannt werden stimulationsbezogene Interventionen und prozessorientierte Interventionen, hier ist das kognitive Einweben als unterstützende Interventionen genannt. Es ist auch eine Kombination mit anderen Methoden möglich, z.B. mit der Imaginationsarbeit, mit der Arbeit mit Ich-Zuständen, mit Humor, mit Körperarbeit oder mit Metaphern (wie z.B. die Tunnelmetapher oder die Filmmetapher).

EMDR befindet sich in der Weiterentwickelung, genannt wird das Creative Processing EMDR, die Verknüpfung von Maltherapie und anderen kreativen Ausdrucksformen mit EMDR (Maltechnik, Aufstellungsarbeit, Arbeit mit weiteren kreativen Ausdrucksformen). Es gibt auch Gruppenvarianten. EMDR ist auch einsetzbar in der Eigenarbeit und im Coaching. Der Autor erläutert die von ihm entwickelte Methode “Brainlog” in Bezug auf das humanistische Weltbild, dazu EMDR und Brainspotting, das bipolare Prinzip, die positive Psychologie und das sog. emotionale Raumgedächtnis. Das Kapitel schließt mit den sog. BiCo-Tools ab, BiCo steht für Bilaterales Coaching. Zur Anwendung kommen Ressourcenübungen abgeleitet aus dem NLP oder Klopftechniken auf Basis der bilateralen Stimulation, die die Hilfesuchenden auch selbstständig anwenden können und damit im Gehirn neuronale Netzwerke aufbauen und aktivieren können.

Das 17. Kapitel beschreibt Anforderungen an den Behandler und das 18. Kapitel die Ausbildung in EMDR.

Das letzte Kapitel 19 beinhaltet Hilfsmittel für die EMDR-Arbeit wie z.B. spezielle Brillen oder der Einsatz von Musik mit bilateraler Stimulation.

Im Anhang finden sich das Glossar, weiterführende Informationen und Bezugsquellen, Internetlinks, Bücher zur spezifischen Vertiefung sowie ein Literatur- und Sachverzeichnis.

Diskussion

Der Aufbau ist sehr gut strukturiert und durch die Formatierung in Spaltenform und die zahlreichen Textboxen und Fotos sind ein schneller Einstieg und ein guter Überblick möglich. Fallvignetten geben Einblicke in die konkrete Arbeit. Positiv hervorzuheben ist die Art, wie die Trauma Protokolle dargestellt werden. Zimmermann verwendet dafür Mindmaps, die einfach zu lesen sind und einen schnellen Überblick über die einzelnen Schritte geben.

EMDR kann strukturiert und kreativ in der Arbeit als Heilpraktiker eingesetzt werden. Zimmermann hat eine Fülle von speziellen Protokollen zusammengestellt, um an Ängsten, Schmerzen, Trauer, Sucht oder Tinnitus zu arbeiten, ein Protokoll bildet die Arbeit bei Zwangserkrankungen ab (S. 131).

In 19 Kapiteln werden Wissen und Erfahrung präsentiert. Die Inhalte sind verständlich geschrieben und geben einen Überblick, wie mit EMDR gearbeitet wird, was zu beachten und zu vermeiden ist. Zimmermann hat eine Ausbildung zum Heilpraktiker, 2001 absolvierte er bei EMDIRA e.V. eine anerkannte EMDR-Ausbildung, 2004 gründete er gemeinsam mit seiner Frau ein Institut, in dem er in EMDR und Brainlog, eine 2009 von ihm entwickelte Methode, ausbildet.

Im Brainlog wurden verschiedene therapeutische Methoden und Sichtweisen verknüpft: das humanistische Weltbild, EMDR, Brainspotting, das bipolare Prinzip, die positive Psychologie und das sog. emotionale Raumgedächtnis. Entwickelt wurden auch Tools für ein Bilaterales Coaching (BiCo Tools). Es kommen Ressourcenübungen abgeleitet aus dem NLP oder Klopftechniken auf Basis der bilateralen Stimulation zur Anwendung, die die Hilfesuchenden auch selbstständig durchführen können und damit im Gehirn neuronale Netzwerke aufbauen und aktivieren können. Die praktischen Arbeitsmaterialien bringen Sicherheit in der Anwendung. Die Darstellung zum Brainlog fällt insgesamt etwas kurz aus.

Den Hauptteil bildet die Anwendung von EMDR für Heilpraktiker. EMDR kann nur in einer profunden Ausbildung erlernt werden. Der Autor versteht sein Buch als Nachschlagewerk in der Traumatherapie, es ist kein didaktisches Lehrbuch. Mit diesem Buch richtet der Autor sich an Interessierte, die einen Überblick über die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten haben wollen und an Kolleg*innen, die eine EMDR Ausbildung absolviert haben.

Francine Shapiro, ausgebildet in NLP entdeckte zufällig die Wirkung von schnellen Augenbewegungen und setzte sie fortan bei der Behandlung von Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) ein. Durch gezielte und geführte Augenbewegungen werden die rechte und die linke Hälfte des Gehirns stimuliert und damit neuronale Verbindungen geschaffen, die zur Verarbeitung traumatischer Erlebnisse erforderlich sind. EMDR ist von der WHO anerkannt.

Fazit

Es gibt viele Auslöser für Traumata. Dieses Buch zeigt, wie Fachleute ihre Patientinnen und Patienten mit EMDR nachhaltig bei der Verarbeitung unterstützen. Beschrieben werden grundsätzliche Wirkprinzipien des Verfahrens dazu Indikationen und Kontraindikationen. Auf der Grundlage zahlreicher spezieller Protokolle wird das Vorgehen zum Beispiel bei Ängsten, Phobien oder Schmerzen erklärt. Die praktischen Arbeitsmaterialien bringen Sicherheit in der Anwendung.

Das Buch ist durch den strukturierten und klaren Aufbau, durch das Sachwortregister und das Glossar als Nachschlagewerk geeignet. In Textboxen finden sich zahlreiche Fallvignetten, dazu heben sich „Merke-Sätze“ oder „Praxistipps“ farblich ab. Die Protokolle sind in Form von Mindmaps dargestellt, wodurch ein schneller Überblick bei der Anwendung möglich ist. Kreative Anregungen geben die Möglichkeit, die Methode weiterzuentwickeln. Zudem vermittelt das Buch, wo die Grenzen liegen und welche Verbote es gibt.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 17.11.2020 zu: Andreas Zimmermann: EMDR für Heilpraktiker. Karl F. Haug Verlag (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-13-241375-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27519.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


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