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Kathy L. Kain, Stephen J. Terrell: Bindung, Regulation und Resilienz

Cover Kathy L. Kain, Stephen J. Terrell: Bindung, Regulation und Resilienz. Körperorientierte Therapie des Entwicklungstraumas. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2020. 248 Seiten. ISBN 978-3-95571-836-7. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.

Reihe: Fachbuch - Entwicklungstrauma.
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Thema

Frühkindliche Traumata haben erhebliche Folgen für die körperliche, geistige, emotionale und soziale Gesundheit der Betroffenen. Die Symptome sind komplex und ihre Ursachen sind nicht leicht zu erkennen, liegen sie doch häufig im vorsprachlichen Stadium. Eine Behandlung sollte deshalb sowohl physisch als auch psychisch ausgerichtet sein. Das Buch gibt allen, die beruflich mit Traumata in der Kindesentwicklung zu tun haben, theoretische Hintergrundinformationen und praktische Behandlungsansätze. Um Selbstregulation und seelische Widerstandskraft zu entwickeln, braucht es Sicherheit und Geborgenheit (Klappentext).

AutorIn oder HerausgeberIn

Kathy L. Kain praktiziert und unterrichtet in den USA. Sie arbeitet als Trainerin für Somatic Experiencing und ist Expertin für den Einsatz von Berührungen in der Psycho- und Traumatherapie.

Stephen J. Terrells Fachgebiete sind Entwicklungstraumata und Adoption. Er hat eine Ausbildung in Somatic Experiencing und EMDR und ist in den USA, in Japan und Europa tätig.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im Softcover Din A 5 Format erschienen und hat einen Umfang von 248 Seiten, die sich in zwei Teile und zahlreiche Kapitel und Unterkapitel gliedern. Am linken oberen Seitenrand findet sich die Kapitelüberschrift, am rechten oberen Rand die Überschrift des jeweiligen Unterkapitels. Abbildungen lockern auf, Fallbeispiele sind eingerückt und markiert. Am Ende des Buches findet sich neben dem Literaturverzeichnis und einigen Meinungen anderer Expert*innen ein Register, was die gezielte Suche nach Schlagworten erleichtert. Im Buch findet sich dazu noch ein Code, mit dem man die E-Book Version herunterladen kann.

Teil I Das Entwicklungstrauma: Ein gesunder Anfang und dann geht es schief – warum?

Teil II Regulation und Resilienz: Woran man ein Entwicklungstrauma erkennt und wie man es heilt

  1. Die Eckpfeiler in der Entwicklung zwischenmenschlicher Verbundenheit
  2. Woher ich weiß, dass ich geborgen bin
  3. Wenn es nicht glatt läuft
  4. Die neuronalen Plattformen für Regulation und Verbundenheit
  5. Die Nebenwirkungen des EntwicklungstraumasSpätfolgen einer schweren Kindheit
  6. Das Toleranzfenster – echt oder Attrappe?
  7. Das Narrativ des Entwicklungstraumas – eine Landkarte
  8. Das Bedürfnis nach einer neuen Landkarte: Regulation, Regulation und nochmals Regulation!
  9. Berührung
  10. Strategien, Mittel und Wege

Teil I „Das Entwicklungstrauma: Ein gesunder Anfang und dann geht es schief – warum?“ beleuchtet im ersten Kapitel die Eckpfeiler in der Entwicklung zwischenmenschlicher „Verbundenheit“ (S. 25). Dazu gehören Bindung und Geborgenheit, Regulation und Verbundenheit. Die Beziehungsfähigkeit entwickelt sich bereits in den ersten Lebenswochen, -monaten und -jahren, erläutert wird, wie das geschieht. Pioniere bei der Formulierung der modernen Bindungstheorie waren John Bowlby (1969), Mary Ainsthworth (1973) und Mary Main (1986). Bowlby postulierte vier Elemente, die unabdinglich für eine gesunde Bindung an ein Elternteil oder eine andere Bezugsperson sind: Zufluchtsort, sichere Basis, bestätigte Nähe und Trennungsstress. Damit hat Bowlby die Elemente für die Erfahrung von Sicherheit, Stabilität und Geborgenheit genannt, die wichtig für die Entwicklung von Resilienz sind.

Die vier Bindungskomponenten von Bowlby verstehen die Autorin/der Autor als einen „Leitfaden, mit dessen Hilfe man verstehen kann, welche Aspekte der Sicherheit und Verbundenheit die Grundlage von Bindung bilden“(S. 32, Tabelle S. 60). Ebenso wirken die von Entwicklungstraumata verursachten Bindungsstörungen auch auf die Beziehungs- und Interaktionsfähigkeit der Klientinnen und Klienten, dafür werden in den folgenden Kapiteln einfache Methoden vorgestellt, die helfen, mit dem Klientel möglichst ohne Erregung und Geborgenheit vermittelnd zu arbeiten. In diesem ersten Kapitel werden auch die Themen Regulation und Verbundenheit angesprochen.

Regulation bezieht sich nicht nur auf die Physiologie des vegetativen Nervensystems, sondern auch auf die emotionale Steuerung der Affekte. Gemeint ist die Fähigkeit, den eigenen emotionalen Zustand zu steuern und in Zeiten stärkerer Emotionalität (z.B. bei Angst, Traurigkeit, Wut oder Frustration) wieder zu beruhigen (S. 32). Manche brauchen Co-Regulation, um die emotionale Regulation stellvertretend zu übernehmen. „Co-Regulation hängt von der Fähigkeit der Bezugsperson ab, die Bedürfnisse des Kindes zu verstehen, es zu trösten, und die Bindungsinteraktion wie bei einem Tanz hin und her fließen zu lassen“(S. 34).

Die Frage: „Woher ich weiß, dass ich geborgen bin?“ im Kapitel zwei werden die Interozeption, also der Prozess der Wahrnehmung unseres inneren Zustandes, die Exterozeption (Wahrnehmung der äußeren Umgebung) sowie die Neurozeption (Unterscheidung von gefahrloser und gefahrvoller Situation im neurophysiologischen Prozess sowie Wahrnehmung von Sicherheit und Gefahr) erklärt. Das Kapitel endet mit der Frage, wie Narrative entstehen, auf die kurzen Erklärungen am Ende des Kapitels zwei folgen in Kapitel acht ausführlichere Informationen. Manche Forschungsarbeiten berichten davon, dass 7–12 % der Bevölkerung von einem Entwicklungstrauma betroffen sind.

Das dritte Kapitel thematisiert die Fragen, was ist, wenn es nicht glatt läuft und beleuchtet einige Folgen. Meist denkt man bei Traumatisierung an ein einzelnes Trauma, eine Art Schocktrauma wie ein Autounfall. Das Entwicklungstrauma unterscheidet sich dahingehend, dass es in den ersten drei Lebensjahren geschieht, manche erweitern diesen Zeitraum bis zum 5. Lebensjahr. Besprochen werden auch Traumatisierungen früherer Generationen mit unbewussten transgenerativen Folgen. Eine ungesunde Entwicklung wirkt sich auf mehrere Aspekte und Schichten des Ichs aus. Die Epigenetik deckt latente Ursachen für Entwicklungsstörungen auf. Es gibt Kinder, die Traumata der Eltern erben und dazu noch selbst traumatisiert werden, was zu vielfältigen Komplikationen führen kann wie z.B. bei Kriegsveteranen, Geflüchteten oder Folteropfer. Untersuchungen an Tieren haben gezeigt, wie Stress mittels Botenstoffen übertragen wird. Deshalb ist die Aufarbeitung der Geschichte der Klientinnen und Klienten enorm wichtig. Die Erfahrung zeigt, dass die Aufarbeitung der auch länger zurückliegenden Geschichte die Wirkung hat, dass die Behandlung potentiell besser anschlägt und die Verbesserungen auch beständig bleibt (S. 56). Auch pränatale und perinatale Traumata haben einen enormen Einfluss und sollten nicht vergessen werden.

Die Tabelle auf Seite 60 zeigt vier Verhaltensmuster von Bezugspersonen und die sich daraus entwickelten Bindungsstile des Kindes. Bindungsstile können sich verändern, ausschlaggebend ist die Fähigkeit, die eigene Vergangenheit zu Durchschauen und ein neues Narrativ zur Erklärung der Gegenwart zu gestalten.

Die neuronalen Plattformen für Regulation und Verbundenheit (Kapitel vier) fußen auf der Polyvagaltheorie, die von Stephen Porges zur Differenzierung des vegetativen Nervensystems (VNS) entwickelt wurde. Das VNS reguliert die Funktion der Organe wie Lunge, Herz und Verdauung, aber auch andere lebenswichtige Prozesse wie Blutdruck und sexuelle Erregung. Porges erweiterte das herkömmliche Modell um zwei weitere dem parasympathischen System untergeordnete Subsysteme. Herkömmlich wird das VNS so verstanden, dass das sympathische und das parasympathische System gemeinsam für eine Mischung aus Aktivität und Passivität sorgen. Das sympathische System regt Tätigkeit wie Angriff und Flucht an, das parasympathische System ist für Ruhezeiten und geselliges Zusammensein zuständig. Eine Tabelle auf Seite 74 zeigt das Modell, nach dem das VNS drei Zweige hat, dieses Modell bildet auch die Basis für das Somatic Experiencing nach Peter Levine.

Wenn dem Menschen eine gesunde Bindung und eine verlässliche Co-Regulation vorenthalten werden und damit auch das davon abhängige Gespür für Sicherheit, dann sind die neuronalen Plattformen der Selbstregulation gestört. Dieser Mensch wird generell Schwierigkeiten mit der Selbstregulation haben, ein Schutzfaktor, der zur Resilienz beiträgt.

Von den Nebenwirkungen des Entwicklungstraumas handelt das fünfte Kapitel. Nebenwirkungen des Entwicklungstraumas sind eine Dysregulation, die besonders problematisch ist, weil sie in einen Teufelskreis fehlgesteuerter Reaktionen führt. Das Fundament gerät ins Wanken. Der Körper gerät in eine zwingende Physiologie des Überlebens, die sog. Überlebensphysiologie. Je mehr Sicherheit empfunden wird desto besser kann man im System der Kontaktaufnahme verbleiben und die primitiveren Überlebensreaktionen wie Flucht, Angriff oder Todstellen sein lassen.

Das Autorenteam bezieht sich auch auf Rotter und auf sein Konzept der Kontrollüberzeugungen, welches er schon in den 1950er Jahren entwickelte. Menschen wollen Kontrolle über ihr Leben. Unterschieden werden nach Rotter zwei Arten: Verortung der Kontrolle nach innen oder Verortung der Kontrolle nach außen (S. 93). In den 1970er Jahren rückte er von der Polarität ab und spricht ab da von einem Kontinuum, denn Menschen haben Stärken und Schwächen. Menschen, die eine innere Kontrolle empfinden, erleben Selbstwirksamkeit, einer der Schutzfaktoren der Resilienz.

Säuglinge, die ohne Regulation und Kohörenzgefühle aufwachsen, reagiert mit einer „defensiven Anpassung“ (anders als bei Brandchaft, der dafür den Begriff der „pathologischen Anpassung“ verwendet). Bei der Betrachtung der Dynamik wird neben der Psyche und dem Verhalten auch noch der Körper einbezogen. Auch Piagets Modelle der Anpassungs- und Kompensationstheorien, die erklärten wie Erlebnisse und Erkenntnisse in die kognitive Entwicklung einfließen finden im Buch seinen Niederschlag. Die Organisation der Erkenntnisse, mit denen Menschen ihr Weltbild aufbauen bezeichnete Piaget als „Schema“ (S. 95).Ein Entwicklungstrauma ist eine primitive Art eines (unbewussten) Anpassungsmanövers. In die Kategorie der defensiven Anpassung gehören auch Verhaltensweisen wie Selbstverletzungen, Essstörungen oder Zwangsstörungen, alles was die Regulation ersetzt oder zu dem Gefühl verhilft, die Kontrolle zu haben, sich in Sicherheit zu befinden oder mit anderen verbunden zu sein. Auf den Seiten 98 – 100 werden Arten und Ausdrucksweisen von Anpassungsstrategien aufgeführt, gerade die, die mit Entwicklungstraumata in Zusammenhang stehen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der psychischen und der Verhaltensebene. Das Autorenteam bezieht auch die defensive Anpassung in Form von somatischen und physiologischen Steuerungsmechanismen mit ein, dabei hat der Mensch das Gefühl, keine Kontrolle mehr über den eigenen Körper zu haben. Chronischer Stress führt zwangsläufig zu maladaptiven physiologischen Reaktionen, was zu langfristigen Beeinträchtigungen der Gesundheit führen kann.

Ging es im ersten Teil um Wissen zu Entwicklungstraumata und deren Nebenwirkungen in Bezug auf das Vegetative Nervensystem (VNS) handelt der zweite Teil von der „Regulation und Resilienz: Woran man ein Entwicklungstrauma erkennt und wie man es heilt“. Dieser Teil beginnt in Kapitel sechs mit den Spätfolgen einer schweren Kindheit, hier wird speziell die ACE-Studie zitiert, an der 17.000 Erwachsene teilgenommen haben. ACE steht für Adverse Childhood Experiences Studies. Danach werden die somatischen Folgen des Entwicklungstraumas im Leben von Erwachsenen beleuchtet und verbreitete somatische Symptome und die Reaktionen darauf erklärt. Diese Studie ist für die Fachwelt bis heute sehr bedeutsam. Sie zeigt, welche Risikofaktoren vorhanden sein können. Sie hat auch gezeigt, dass etliche traumatische Belastungen, ihre Mechanismen und Effekte auf chronischen Überlebensstress zurückgingen. Eine Kinderärztin aus San Franzisco, Burke Harries fand heraus, dass Kinder nicht allein durch Armut in ihrer Entwicklung gebremst werden, sondern durch die Bedingungen, die damit zusammenhängen wie mangelnde Sicherheit, Gewalterfahrungen, Vernachlässigung, vorenthaltende medizinische Versorgung und Lernschwierigkeiten. Diese Erkenntnisse veränderten die Sicht auf die Therapie, Anamnese und Kontext grundlegend: es reicht nicht, einzelne gesundheitliche Probleme zu behandeln, man muss sich um das grundlegende Bedürfnis kümmern und zur Wurzel vordringen – dem Trauma. Eine Tabelle auf S. 112 zeigt den Einfluss widriger Kindheitserfahrungen auf die Neuroentwicklung. Der ACE Fragebogen ist hilfreich, um die Vergangenheit zu betrachten, über die Gegenwart der Betroffenen sagt er wenig aus. Dennoch nutzt das Autorenteam ihn als Instrument zur Erfassung eines mangelnden Gespürs von Sicherheit und Zugehörigkeit, denn je weniger Sicherheit und Zugehörigkeit ein Kind in den ersten Lebensjahren erfahren hat desto schlechter die Prognose. 2006 wurde die ACE Studie erweitert und 2013 überarbeitet. Entstanden ist ein Resilienz Fragebogen mit 14 Aussagen, in dem es um die Erarbeitung von Schutzfaktoren für die Therapie geht (s.S. 114/5).

ACE bezieht sich auf Erwachsene, Auswirkungen eines Entwicklungstraumas auf Kinder sind gesondert zu betrachten. Kinder haben viele Symptome, die sich mit denen der Erwachsenen überschneiden, bei Kindern treten diese eher akut statt chronisch auf (Tabelle S. 122). Eine weitere Tabelle auf S. 121/122 zeigt, wie äußere bedrohliche Stressoren sich auf innere Zustände, das Gehirn und die Lernfähigkeit auswirken und wie Angriffs- oder Fluchtreaktionen im äußeren Verhalten beobachtbar sind. Heutzutage gibt es eine Sprache für Störungen aus dem Trauma Spektrum. Es wird nicht mehr nur von PTBS gesprochen, sondern es werden die Bezeichnungen Traumaspektrumstörung oder Störung aus dem Posttraumatischem Spektrum verwendet. Bei Beck, Bessel van der Kolk und Kolb finden sich in diesem Zusammenhang auch Beschreibungen psychotischer Schübe als Folge eines Traumas. Das am stärksten verbreitete Symptom des Traumaspektrums ist allerdings die Depression, sie ist im Kontext von Entwicklungstraumata Ausdruck der grundlegenden Dysregulation und der Gefühle von Ohnmacht (S. 124). Auch die Borderline Störung wird mittlerweile auf ein frühes unbehandeltes Trauma zurückgeführt.

Sind sog. „Toleranzfenster“- echt oder Attrappe? Dan Siegel prägte den Begriff „Toleranzfenster“ als „optimalen Spielraum innerhalb dessen der Mensch, ohne in Erregung zu geraten, auf einen Reiz reagiert und sich dann von alleine wieder beruhigt“ (S. 127), kurz gesagt ist das Fenster eine Art Selbstkorrektiv. In diesem siebten Kapitel wird zudem die Verortung von Kontrolle thematisiert, die Toleranzfensterattrappe und wie es gelingt, das Toleranzfenster zu erweitern und mit Stressoren fertig zu werden, gerade das ist ein Ziel in der Arbeit mit Traumaüberlebenden, es wird also zuerst gezielt an der Selbstregulation und Selbstberuhigung gearbeitet. Ein gesundes Toleranzfenster bildet sich auf drei Ebenen ab: körperlich, in Geist und Psyche und im Verhalten (S. 132). Kindheitserfahrungen bestimmen über die Entwicklung des Toleranzfensters. Eine gesunde Verortung der Kontrolle ist ein Zeichen von Resilienz. Bezeichnend für ein Entwicklungstrauma ist ein sehr schmales Toleranzfenster. Damit geht eine chronische Dysregulation einher, sodass die optimale Erregungszone derart verengt wird, dass Betroffene keinen Reiz, der das System auch nur gering bedroht, tolerieren können. Das Kapitel schließt mit der Präzisierung der Interozeption, gemeint ist die Wahrnehmung über eigene Körperabschnitte. Gelingt es, das somatische Narrativ zu wandeln, ist ein entscheidendes Element in der Traumatherapie gefunden, das zu mehr Resilienz führt.

Vom Narrativ des Entwicklungstraumas -das wie eine Landkarte ist- handelt das achte Kapitel. Bei Menschen, die von Traumatisierung betroffen sind, kann die Fähigkeit, ein schlüssiges und positives Narrativ zu bilden und zu erinnern, beeinträchtigt sein, deshalb zählt sie zu den Symptomen einer Traumatisierung und mancher psychischen Erkrankungen. Es gibt verbale und somatische Narrative und diese stehen in Beziehung. Die Selbstnarration ist von zentraler Bedeutung für die Förderung der eigenen Regulation und auch für die Genesung. Das somatische Narrativ ist vor allem deshalb so wichtig, weil Erinnerungen erst ab dem 3. Lebensjahr da sind, wenn die Fähigkeit zu logischem Denken und Urteilen vorhanden ist, somatische Erfahrungen und Reaktionen aber schon gespeichert sind.

Zum Heilungsprozess gehören neben der Bearbeitung des verbalen Narrativ auch das physiologische System und die Betrachtung von Anzeichen von chronischem Stress, auch wenn darüber nicht gesprochen wird. Die Arbeit der Therapeutinnen und Therapeuten zielt darauf ab, neue gesündere Landkarten zu erstellen, neue Narrative, die auch die Erfahrung von Sicherheit, Zugehörigkeit und Resilienz mit einschließen. Das somatische Narrativ kann nur dann aktualisiert werden, wenn die Klientin/der Klient eine präzise Interozeption entwickelt hat, das zusammen bildet die Basis für den Aufbau von Resilienz (S. 159). Hier schließt sich die Landkarte des Traumas in Bezug auf Physiologie und Verhalten an. Eine weitere Perspektive auf das Narrativ kann die neurologische Entwicklung sein. Das Kapitel schließt mit der Betrachtung der somatischen Scham und deren Therapie.

Kapitel neun handelt vom Bedürfnis nach einer neuen Landkarte und verweist eindrücklich auf die Bedeutung von „Regulation, Regulation und nochmals Regulation“ (S. 179) hin. Eine Therapie beginnt mit Regulation, damit die Klientel sich selber stressfrei beruhigen kann. „Regulation ist das A und O“ (S. 180). Im Verlauf des Kapitels werden verschiedene Aspekte der Regulation angesprochen: Regulation in Bezug auf die/den Therapeutin/​Therapeuten, Therapieraum und Voraussagbarkeit, in Bezug auf die Physiologie der Regulation, in Bezug auf die Regulation und Verhalten. Es wird beleuchtet, wie die soziale Regulation besser gelingt und welche Verbindung Regulation und Resilienz haben. Ziel dabei ist, dass ein neues Narrativ und eine neue Landkarte der Regulation entstehen. Dieser Zustand muss gelernt werden, denn die betroffenen Menschen haben sich daran gewöhnt, mit dem Trauma zu leben. Es braucht quasi einen neuen Lebensmittelpunkt, alternativ zum Trauma, mehr dazu findet sich in Kapitel 11.

Das 10. Kapitel nimmt das Thema Berührung in Bezug auf Berührung in der frühen Kindesentwicklung, Berührung und die somatische Therapie des Entwicklungstraumas und zur Unterstützung von Regulation in den Blick. Eine gesunde Entwicklung des Menschen braucht Berührungen, sie sind für das Überleben essentiell (Montagu 1971). Haut-zu-Haut-Kontakt ist die erste Co-Regulation außerhalb der Gebärmutter. Das Autorenteam zitiert Untersuchungsergebnisse aus rumänischen Kinderheimen. Sie zeigen dabei auch, dass geschädigte Kinder traumatisiertes Erleben überwinden können, denn das Gehirn ist plastisch und damit auch zu einem späteren Zeitpunkt noch veränderbar.

Kapitel 11 beschreibt Strategien (anhand von Leitfragen) sowie Mittel und Wege zum einen in Bezug auf Behandlungsstrategien und zum anderen in Bezug auf Berührung und Regulation. Berührung ist eine Form der menschlichen Kommunikation, die im therapeutischen Kontext zur Unterstützung von Co-Regulation, Berührung und Verbundenheit angeboten werden kann. Eingesetzt werden kann der Apgar-Score, der 1952 von Virginia Apgar entwickelt wurde. Apgar steht für

  • A=Aussehen,
  • P=Puls,
  • G=Gesichtsbewegungen/​Reflexe,
  • A=Aktivität/Muskeltonus,
  • R=Respiration (S. 213).

Angesprochen wird auch die Kopplungsdynamik. Diese Kopplungsdynamik findet sich z.B. in der Methode Somatic Experiencing von Peter Lewine, der beschreibt, wie einzelne Verhaltensweisen sich durch komplexpsychophysiologische Mechanismen zu einem offenbar zusammenhängenden Ganzen zusammenfügen.

Diese Dynamik wird auch in Bezug auf das Thema Scham betrachtet. Somatische Scham behindert langfristig die Entwicklung von Resilienz (S. 220). Es kann gelingen, nicht beendetes abzuschließen und damit ein Erfolgserlebnis zu haben. Peter Lewine hat maßgeblich zu dieser Erkenntnis beigetragen. Abschlüsse sind mit Freude verbunden, mit dem Gefühl eingebunden und geborgen zu sein, sich anpassen und kreativ sein zu können – das alles sind Faktoren für Resilienz. Auch zu beachten ist aber zudem, dass der Weg zu einer sicheren Bindung Zeit und Geduld sowie das passende Setting braucht wie z.B. bei der Heilung von Eltern-Kind-Beziehungen die PlACE Haltung (S. 224). Der vorletzte Gedanke dieses Kapitels schließt mit dem Hinweis auf das Phänomen der somatischen Übertragung und Gegenübertragung, die im „Resonanzfeld“ (S. 225) zwischen Therapeut*in und Klient*in entstehen. Das Buch schließt mit dem Thema „Resilienz nähren“ und fasst die Faktoren, die am häufigsten zur Entwicklung von Resilienz führen, zusammen, nicht nur im Hinblick auf Interventionen, sondern auch in Bezug auf den Rahmen, innerhalb dessen die Interventionen zum Einsatz kommen.

Diskussion

Schon im Vorwort ist zu lesen: „Nichts ist so förderlich für die Resilienz wie der Körper. Man muss nicht nur verstehen, wie das Trauma im Körper gespeichert ist, sondern auch, wie sich durch Interozeption das Gleichgewicht der Betroffenen wiederherstellen lässt, sodass sie zu sich selbst finden, sich als ganz erleben und wieder das Gute im Leben erkennen können.“ Peter Levine

Dem Autorenteam ist es gelungen, sowohl die komplexe Materie von frühkindlichen Entwicklungstraumata umfassend wissenschaftlich belegt und verständlich zu erläutern als auch Strategien und Interventionen aus der eigenen Praxis mitzuteilen. Dazu verweisen sie auf eine Vielzahl von Expert*innen, sodass ein umfassendes Bild der Materie entsteht. Zahlreiche eingestreute Fallvignetten ergänzen die Ausführungen und wirken auflockernd. Das Buch enthält zahlreiche Hinweise auf neue somatisch basierte Ansätze wie das Somatic Experiencing, die sich stärkend auf eine gesunde Bindung und Affektregulation auswirken.

Lange Zeit gab es keine Sprache für Störungen aus dem Trauma Spektrum, es wird nicht mehr nur von PTBS gesprochen, sondern etabliert haben sich die Bezeichnungen Traumaspektrumstörung oder Störung aus dem Posttraumatischen Spektrum. Beck, Bessel van der Kolk und Kolb beschreiben in diesem Zusammenhang auch psychotische Schübe als Folge eines Traumas. Das am stärksten verbreitete Symptom des Traumaspektrums ist allerdings die Depression, sie ist im Kontext von Entwicklungstraumata Ausdruck der grundlegenden Dysregulation und der Gefühle von Ohnmacht (S. 124). Auch die Borderline Störung wird mittlerweile auf ein frühes unbehandeltes Trauma zurückgeführt. Damit eröffnen sich für die Einordnung, aber auch Behandlung der Phänomene des Borderline und der Depression neue Perspektiven und Möglichkeiten.

Das Thema Scham wird an verschiedenen Stellen angerissen, hier wäre eine ausführlichere Betrachtung wünschenswert gewesen.

Haltung spielt eine entscheidende Rolle. Als äußerst wirksam hat sich die Haltung: „ich sehe dich, ich höre dich und ich glaube dir“ erwiesen. Jeder Mensch hat einen eigenen Zugang zu seiner Geschichte und seinem Erleben. Hier setzt die Therapie an und gemeinsam werden Strategien entwickelt, die stärken, die schützen, die Entwicklung ermöglichen. Es ist bekannt, dass das Gehirn plastisch ist, also veränderbar. Der Weg zu einer sicheren Bindung braucht Zeit und Geduld sowie das passende Setting – erwiesen ist: Heilung ist möglich!

Fazit

Frühkindliche Traumata haben erhebliche Folgen für die körperliche, geistige, emotionale und soziale Gesundheit der Betroffenen. Die Symptome sind komplex und ihre Ursachen sind nicht leicht zu erkennen, liegen sie doch häufig im vorsprachlichen Stadium. Eine Behandlung sollte deshalb sowohl physisch als auch psychisch ausgerichtet sein. Das Buch gibt allen, die beruflich mit Traumata in der Kindesentwicklung zu tun haben, theoretische wissenschaftliche gebündelte Hintergrundinformationen und praktische Behandlungsansätze. Um Selbstregulation und seelische Widerstandskraft (Resilienz) zu entwickeln, braucht es Sicherheit und Geborgenheit. Das Buch gehört eindeutig in die Kategorie „Must-Read“.


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 03.02.2021 zu: Kathy L. Kain, Stephen J. Terrell: Bindung, Regulation und Resilienz. Körperorientierte Therapie des Entwicklungstraumas. Junfermann Verlag GmbH (Paderborn) 2020. ISBN 978-3-95571-836-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27520.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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