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Joseph Salzgeber: Familienpsychologische Gutachten

Cover Joseph Salzgeber: Familienpsychologische Gutachten. Rechtliche Vorgaben und sachverständiges Vorgehen. Verlag C.H. Beck (München) 2020. 7., vollständig überarbeitete Auflage. 815 Seiten. ISBN 978-3-406-73986-6. 79,00 EUR.
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Autoren und Herausgeberschaft

Dr. Dr. (Univ. Prag) Joseph Salzgeber (Jg. 1950) ist verantwortlicher Autor bzw. Herausgeber dieser Publikation, welche im September 2020 in der 7., vollständig überarbeiteten Auflage erschienen ist.

Das vorliegende Werk stellt die kontinuierliche Weiterentwicklung der Dissertation von Salzgeber (Universität Tübingen, 1989) dar.

Damals wurde als Anliegen formuliert: „Ziel der Arbeit ist es nicht, (…) einen Idealentwurf einer Begutachtung zu entwickeln, der auch die Methoden und Verfahren der Begutachtung einer kritischen Würdigung umfaßt. Es wird vielmehr versucht, innerhalb der derzeit gültigen juristischen und ethischen Rahmenbedingungen sachverständigen Handelns – die bisher ausführlich noch nicht dargestellt worden sind –, eine gutachterliche Vorgehensweise zu entwickeln, die im hohen Maße die Rechte der zu begutachtenden Personen achtet und dennoch den Anforderungen an den Sachverständigen gerecht wird. Begrenzend ist dabei immer die praktische Durchführbarkeit in der alltäglichen gutachterli­chen Praxis.“ (S. 13)

Bereits seine im Profil-Verlag 1989 veröffentlichte Dissertation hatte einen Umfang von 624 Seiten. Allerdings noch im Schreibmaschinen-Format und nicht so kleingedruckt wie heute.

Salzgeber ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der Entwicklung von Sachverständigengutachten im Familien- bzw. Kindschaftsrecht im deutschsprachigen Raum. Bereits im Jahr 1982 gründete er mit Kollegen die Gesellschaft für wissenschaftliche Gerichts- und Rechtspsychologie mit Sitz in München, die weit über die Grenzen Bayern hinaus tätig wurde und aber auch intensive öffentliche Kritik erfahren hat und erfährt. Innerhalb des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (BDP) hat Salzgeber eine fachpolitisch gewichtige Rolle eingenommen. Über viele Jahre war er Vorstandsmitglied des Deutschen Familiengerichtstags (DFGT). Noch immer ist er Mitherausgeber der Neuen Zeitschrift für Familienrecht (NZFam) – um nur auf einige Funktionen hinzuweisen.

An der aktuellen Auflage haben wiederum zahlreiche Personen mitgewirkt, denen im Vorwort gedankt wurde. Es ist wohl als besonderer Verdienst von Salzgeber anzusehen, trotz eines sehr dynamischen und konfliktreichen Arbeitsfeldes als Polarisations- wie auch Integrationsfigur psychologischer familienrechtlicher Sachverständigentätigkeit zu fungieren.

Thema

Im Kern der vorliegenden Arbeit geht es darum, die familiengerichtliche bzw. kindschaftsrechtliche Tätigkeit von Sachverständigen in ihre Vielschichtigkeit zu erfassen und zu unterstützen, wie auch eine Überprüfbarkeit sachverständigen Handelns zu ermöglichen. Aktuelle Entwicklungen sollten erfasst und in die jetzt 7. Auflage wiederum integriert werden.

Dem Vorwort ist zu entnehmen, dass die Aktualisierung einige Themen besonders berücksichtigte. Hierzu werden die Fragen des Wechselmodells, der neuen Elternschaft und der Erfassung und Beurteilung der Kooperation von Eltern, weiterhin Fragen der fachlichen Standards der Begutachtung, des Datenschutzes und zudem der Gefährdungsbestimmung nach aktuellen Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts benannt.

Während noch vor wenigen Jahren die Frage der gemeinsamen Sorge das Haupttätigkeitsfeld von Sachverständigen dargestellt habe, würden nun Betreuungsregeln, Wechselmodell und familiäre Konflikte im Vordergrund stehen.

Dem Vorwort sind einige mahnende Anmerkungen zu entnehmen.

So wird eingeschätzt, dass sich die frühere Generation von Fachkollegen aus der Publikationstätigkeit weitgehend zurückgezogen hat, während die jüngeren Kolleginnen und Kollegen mit der gutachterlichen Tätigkeit ausgelastet erscheinen und kaum mehr publizieren. Forschung mit Anwendungswissen für familienrechtliche Gutachten beschränke sich fast ausschließlich auf Veröffentlichungen des DJI.

Auch formulierte Salzgeber den Eindruck, dass die Diskussion um Gutachtenstandards „auf Kosten inhaltlicher Bemühungen geführt wird, was eine Aufblähung der schriftlichen Gutachten bedingt hat und das Hinwirken auf Einvernehmen, sowohl inhaltlich, als auch vor allem in der praktischen Anwendung, vernachlässigt wird.“

Seine Hoffnung sei, dass zukünftig von der Psychologischen Hochschule Berlin und auch von anderen Hochschulen wieder mehr familienrechtspsychologisches Fachwissen generiert wird.

Aufbau und Inhalt

Nachdem Salzgeber im Vorwort der 6. Auflage auf das Anliegen verwies, den Umfang des Werkes nicht zu erweitern, finden wir vorliegend eine Zunahme der Seitenzahlen von ca. 600 auf 810 Seiten – also um erhebliche 200 Seiten. Die Gewichtigkeit lässt sich mit 1.530 g skizzieren.

Gegliedert ist das Buch in 14 teils sehr umfängliche Abschnitte. Behandelt werden:

  • A. Einleitung
  • B. Aspekte des familiengerichtlichen Verfahrens
  • C. Rechtliche Aspekte bei der Beauftragung eines familienrechtspsychologischen Sachverständigen
  • D. Die am familiengerichtlichen Verfahren beteiligten Personen
  • E. Fragen zum Sorgerecht bei Trennung und Scheidung
  • F. Fragen zur Betreuungsregelung/​Umgang des Kindes mit den Eltern bei Trennung/​Scheidung
  • G. Fragen zu Umgang des Kindes mit Bezugspersonen
  • H. Fragen zu Kindeswohlgefährdung
  • I. Eltern unterschiedlicher Nationalität
  • J. Aspekte des Kindeswohls
  • K. Sachverständiges Handeln
  • L. Schriftliche Ausführungen (des Sachverständigen, d.A.)
  • M. Teilnahme am Gerichtstermin (des Sachverständigen, d.A.)
  • N. Qualitätssicherung

Der Abschnitt C „Rechtliche Aspekte der Beauftragung …“ definiert die Auswahl und Rolle des (bestellten) Sachverständigen, seine Rechte und Pflichten im Verfahrensverlauf.

Der Abschnitt K „Sachverständiges Handeln“ beinhaltet methodische Fragen der Begutachtung (z.B. Zulässigkeit psychodiagnostischer Verfahren), liefert umfangreiche Hinweise für den Ablauf von Begutachtungen und diskutiert daneben feingliederig die Frage des „Hinwirkens auf Einvernehmen“. Hilfreich sind oftmals sicherlich auch Ausführungen zu möglichen Formen der Berichterstattung von Sachverständigen (Abschnitt L) sowie Hinweise zur Teilnahme am Gerichtstermin (Abschnitt M).

Die Kernaufgaben familienrechtlicher Sachverständigentätigkeit, also Fragen zum Sorgerecht bei Trennung und Scheidung, zur Betreuungs- und Umgangsregelung und zur Kindeswohlgefährdung, werden jeweils in einem umfangreichen Abschnitt behandelt. Die einzelnen Kapitel schließen jeweils mit vielfältigen, ausführlich erscheinenden Hinweisen für Sachverständige und deren praktische Tätigkeit.

Deutlich erweitert wurde gegenüber der 6. Auflage neben dem Abschnitt „Fragen zu Kindeswohlgefährdung“ auch der Abschnitt „Aspekte des Kindeswohls“. Hier wird auf Aspekte auf Seiten der Eltern und auf Seiten des Kindes, auf Erkrankungen und Behinderungen von Eltern, auf Störungen im Kindes- und Jugendalter, auf Aspekte der Elternbeziehung und -trennung und auf Familienbeziehungen eingegangen.

Grundlegend überarbeitet und erweitert wurde der Abschnitt F zur Betreuungsregelung bzw. zum Umgang von Kindern mit den Eltern bei Trennung und Scheidung. Erfreulich ist ein integriertes Kapitel zur Frage des (ggf. paritätischen) Wechselmodells. Allerdings muss konstatiert werden, dass Salzgeber nicht als Motor einer gesellschaftlichen Entwicklung erscheint, die eine stärkere Beteiligung von Vätern an der Kindererziehung wünscht bzw. fordert.

Im Text finden sich zahlreiche Querverweise und Fußnoten zur Fachliteratur, zum familiengerichtlichen Verfahrenslauf und richtungsweisenden familiengerichtlichen Beschlusslagen.

Neben einem umfangreichen Gliederungsverzeichnis hilft ein (nur) 15-seitiges Sachregister häufig beim Zurechtfinden. Das Literaturverzeichnis mit (nur) 14 Seiten ermöglicht eine Übersicht zur einbezogenen Fachliteratur.

Diskussion

Die Aktualisierung des Standardwerkes von Salzgeber war notwendig angesichts vielfältiger gesellschaftlicher, familienrechtlicher und methodischer Entwicklungen.

Für praktizierende Sachverständige dürfte eine Übersichtskenntnis der Publikation und ein gelegentlicher Zugriff unentbehrlich sein. Schon alleine die Vielzahl der berücksichtigten familiären Konstellationen und Problemlagen lässt dieses Buch hilfreich erscheinen. Es zeichnet sich zudem aus durch vielerlei Informationen und Vorschläge für das Handeln des Sachverständigen.

Für Rechtsbeistände und andere professionell Tätige mag dieses Buch wichtige Ratschläge enthalten, um das Handeln von Sachverständigen zu überprüfen. Betroffene, also insbesondere Eltern in familiengerichtlichen Auseinandersetzungen, dürften durch die Komplexität der Materie überfordert sein.

Bemerkungen von Salzgeber zur Entwicklung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen und Dilemmata des gutachterlicher Handelns und der fachlichen Entwicklung erlebe ich als erfrischend. Bereits im Vorwort und in der Einführung wird seine Sorge um die Qualität und Fortentwicklung familienrechtlicher Gutachten deutlich. Hierbei verweist er auch auf den teils eklatanten Mangel an prognostischem Wissen bzw. empirischer Studienergebnisse. Der „psychologische Sachverständige“ befindet sich also häufig im Blindflug – und muss sich damit begnügen, seine persönlichen Bewertungskriterien zu dokumentieren und als Grundlage seiner Bewertungen zu begründen.

Darüber hinaus wird jedoch ein Verharren in der Interessenslage der psychologischen Profession deutlich, welche in den vergangenen Jahrzehnten eben weithin nicht als innovativ und anregend, sondern als konservativ und also berufsständig wahrgenommen wurde. Bestätigend kann im Einvernehmen mit Salzgeber festgestellt werden, dass von den derzeit praktizierenden „psychologischen Sachverständigen“ kaum Impulse ausgehen. Auch Salzgeber orientiert sich mit seinen konkreten Ausführungen weitgehend am Status quo, ohne fachliche und inhaltliche Perspektiven aufzuzeigen.

Zu vermissen ist ein interdisziplinäres Ansatz, also die Integration ergänzender fachlicher Sichtweisen wie sozialpädagogischer, pädagogischer und auch soziologischer Kompetenzen. Beispielsweise könnten ausgewiesene Kenntnisse von Hilfesystemen der Kinder- und Jugendhilfe sehr hilfreich bei der Prognose von Entwicklungsmöglichkeiten sein. Es ist fachlich auch keineswegs angemessen, beständig auf Argumente der Bindungstheorie abzuheben – erzieherische Qualitäten lassen sich oftmals besser mittels pädagogischen Theorien und Konzepten bewerten. Explizit systemische Gesprächs- und Interventionsmethoden könnten dazu beitragen, die auch von Salzgeber angemahnte Fortentwicklung lösungsorientierten Vorgehens voranzutragen.

Schauen wir mal, was der anstehende Generationenwechsel so bringen wird. Die Herausforderungen sind erheblich; die qualitätssichernden Bemühungen der Bundesregierung u.a. haben in den vergangenen Jahren nicht erkennbar zu Erfolgen geführt – hierzu fand ich Einvernehmen mit Salzgeber.

Fazit

Die diskutierte Publikation bzw. „das Werk“ von Salzgeber repräsentiert, in aktualisierter Auflage, den fachwissenschaftlichen Fundus zur Behandlung von kindschaftsrechtlichen Konflikten durch Sachverständige – aus Sicht der psychologischen Profession. Sie gibt vielfältige Hinweise für sachgerechtes Handeln von Sachverständigen im familiengerichtlichen Verfahren und verweist umfänglich auf weitere Quellen. Als Handbuch, Arbeitsanleitung und Informationsquelle ist diese Publikation in der aktualisierten Form weitgehend unentbehrlich für tätige Sachverständige und ermöglicht Rechtsbeiständen und anderen Fachkräften eine kritische Überprüfung von deren Tätigkeit. Kritische Bewertungen von Salzgeber hinsichtlich der Familiengerichtsbarkeit und begrenzter Handlungsspielräume von Sachverständigen sind durchaus anregend. Einen Ausblick, wie die seit Jahren zunehmenden Probleme in Deutschland (insbes. Elternskonflikt, Eltern-Kind-Entfremdung, Gleichstellung von Müttern und Väter, Verkürzung von familiengerichtlichen Verfahren – letztlich auch Optimierung von familiengerichtlichen Entscheidungen) bewältigt werden können, kann von der vorliegenden Arbeit nicht erwartet werden.


Rezension von
Dr. Herwig Grote
Dipl.-Soziologe, Systemischer Therapeut / Familientherapeut (DGSF). Langjährige Lehrtätigkeit an Hochschulen der Sozialen Arbeit. Sachverständiger in kindschaftsrechtlichen Verfahren.
Homepage www.herwig-grote.de
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Zitiervorschlag
Herwig Grote. Rezension vom 23.03.2021 zu: Joseph Salzgeber: Familienpsychologische Gutachten. Rechtliche Vorgaben und sachverständiges Vorgehen. Verlag C.H. Beck (München) 2020. 7., vollständig überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-406-73986-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27529.php, Datum des Zugriffs 12.04.2021.


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