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Harald Roth: Nie wegsehen

Cover Harald Roth: Nie wegsehen. Vom Mut, menschlich zu bleiben. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2020. 320 Seiten. ISBN 978-3-8012-0584-3. 22,00 EUR.
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Thema

Zivilcourage zu fördern, ist auch das Anliegen Sozialer Arbeit. Doch welche Methodik lässt sich nutzen, wenn es nicht nur Beschulung (z.B. außerschulische Bildungsarbeit) sein soll, sondern wenn die Einsatzbereitschaft für Mitmenschen als Charakterzug ausgebildet werden soll. Ein erster Schritt beginnt damit, junge Menschen aufzuklären, damit sie Ungerechtigkeiten erkennen können. Im zweiten Moment muss in ihnen ein nüchtern-wacher Blick ausgebildet werden. Denn oft schauen wir im Alltag weg und verlassen uns darauf, dass Andere unsere Probleme lösen. Egoismus und Gleichgültigkeit sind heute an der Tagesordnung. Somit heißt also drittens, jungen Menschen die Bereitschaft anzuerziehen, in entscheidenden Momenten nicht wegzuschauen und bei Ungerechtigkeiten eingreifen zu wollen.

Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes sind der Meinung, dass man, wie es der Titel sagt, „nie wegsehen“ darf und, dass Zivilcourage grundlegend für unser gesellschaftliches Zusammenleben ist. Hinsehen sei der erste Schritt, dem weitere Taten folgen müssen. An zahlreichen Beispielen verdeutlichen sie die Möglichkeit solch engagierten Handelns. Dieses kann auch schon damit beginnen, so die Autorin Schultz, den Blick auf sich selbst und damit auf die eigene Handlungsoption zu richten: “Der moralische Aufruf ‚Nie wegsehen‘ kann bedeuten, nicht zu warten, bis jedes Detail eines Unrechts wahrnehmbar ist. ‚Nie wegsehen‘ kann bedeuten, aufs Handeln zu drängen, weil längst reicht, was wir sehen und was wir wissen. Wenn unser Wissen durch weitere Bilder nicht mehr wirklich wächst, kann ‚Nie wegsehen‘ bedeuten, den Blick abzuwenden und sich aufs Denken, Diskutieren und Handeln zu konzentrieren. Es kann bedeuten, sich nicht zu ergehen im seltsam wohligen Schauer, den grausige Bilder auslösen können – sondern aufzustehen und das Richtige zu tun“ (31 f.).

Autor und Entstehungshintergrund

Harald Roth (Jahrgang 1950) war bis 2013 Lehrer an einer Realschule. Er ist Mitglied von „Gegen Vergessen – für Demokratie“ (vgl. hierzu den Beitrag von Parak im Buch) und Mitinitiator der KZ-Gedenkstätte Hailfingen/​Tailfingen. Zudem zeichnet er Verantwortung als Herausgeber verschiedener Publikationen zur NS-Zeit (z.B. Was hat der Holocaust mit mir zu tun? Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2016). Im vergleichbaren Stil ist auch das vorliegende Buch zusammengestellt, in dem berührende und nachdenkliche Texte dazu einladen sollen, sich mit der Thematik „Mit-Menschlichkeit“ und „Zivilcourage“ auseinanderzusetzen.

Aufbau und Inhalt

In loser Reihenfolge bietet die als „Lese-Buch“ angelegte Publikation Beiträge, die allesamt gesellschaftliches Engagement verdeutlichen. Die AutorInnen sind WissenschaftlerInnen, SchriftstellerInnen, KünstlerInnen, JournalistInnen und andere gesellschaftlich Engagierte. Sie schreiben über soziale Missstände und Lösungsansätze für couragiertes Agieren. Die Texte sind zum großen Teil für diesen Band geschrieben worden; weiterhin sind es ausgewählte Auszüge aus bekannten Werken zum Thema, z.B. von Arendt oder Sontag.

Im Zentrum des Sammelbandes, so schreibt es der Herausgeber, „steht die Beobachtung, dass Menschen soziale und politische Probleme und Fragen von ‚anderen‘ lösen lassen, sich wegdrehen, sich entpolitisieren, das Feld den Lautesten überlassen und Angst haben vor der eigenen Zivilcourage“ (Roth: 9).

Zwar sind die Beiträge nicht in Kapitel geordnet, es lassen sich aber dennoch folgende Themenfelder herausfiltern: Gewalt in den Medien, Corona-Pandemie, Geschichtserinnerung, rechte Gewalt, Sprachgewalt, Klimawandel und Armut.

Gewalt in den Medien ist das Thema von Assmann, Schultz, Sontag und Thelen. Sie schreiben über Zu-Schauende und „Gaffer“ und wie schwer es ist, sich „fern-sehend“ in fremdes Leid einzufühlen, ohne einzugreifen zu können oder wider Willen abzustumpfen: „Wer hinschaut, muss mit solchen Widersprüchen umgehen. Wer hinschaut, muss Komplexität aushalten können und bereit dazu sein, in menschliche Abgründe zu schauen“ (Thelen: 41).

Die aktuelle Corona-Pandemie steht im Blick der Texte von Butter, Flaßpöhler und Roth. Hierbei wird u.a. die Relevanz von Verschwörungsmythen thematisiert. Um diese zu erkennen und ihnen begegnen zu können, erläutert Butter drei Grundkompetenzen (Gesellschaftskompetenz, Medienkompetenz und Geschichtskompetenz), betont aber: „Ein Curriculum, das diese Kompetenzen vermittelt, würde das Problem, das Verschwörungstheorien darstellen, nicht lösen, aber es würde helfen, deren mitunter problematischen Effekte einzudämmen“ (48).

Der Bedeutung von Geschichtserinnerung, insbesondere an die Zeit des Nationalsozialismus, widmen sich die Ausführungen von Biess, Frei, Bedford-Strohm, Borgstedt, Steinbach, Sittler und Brumlik. Durch die Auseinandersetzung mit Lebensgeschichten und dem erlittenen Leid von couragierten Menschen können wir den „aufrechten Gang“ lernen. „Die Erinnerung daran ist ihr Vermächtnis“, so Borgstedt (119) und das gelte es zu wahren und zu verteidigen, „indem wir Zivilcourage, den aufrechten Gang wie das tägliche Zähneputzen praktizieren. Es geht um unser Ureigenstes, wenn wir gegen Hasskommentare, Rassismus und Antisemitismus einschreiten, nämlich unsere Freiheit, unser Recht und unsere Menschenwürde“ (ebd., Hervorhebungen im Original).

Gewaltformen von „rechts“, und damit sind in erster Linie Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus gemeint, werden von AutorInnen thematisiert, die zum Teil selbst davon betroffen waren oder sind: Asumang, Blume, Gorelik, Rose und Quent. Letztgenannter Autor stellt in seinen Ausführungen provokativ heraus, dass „die große Mehrheit“ in Behörden und Politik, in Medien, Wissenschaft und Zivilgesellschaft immer wieder weggesehen habe, wenn rechte Gewalt in der Öffentlichkeit präsent war (z.B. bei dem Anschlag in Hanau). „Sie tragen dadurch eine Mitverantwortung für das große Selbstbewusstsein und die pathologische Normalität, mit der rechte Hetzer und Gewalttäter dieser Tage auf Straßen, in Parlamenten und im Internet zuschlagen“ (177).

Sprachgewalt ist das Thema von Heine und Kämper. Dabei zeigen sie die beachtenswerte Nachwirkung nationalsozialistischer Vokabeln bis in die Gegenwart. Nicht nur von Rechtspopulisten werde eine Sprache „gepflegt“, die gesellschaftliches Denken in Kategorien der Inklusion und Exklusion aufspalte und somit die Wertungsprinzipien „das Eigene“ versus „das Fremde“ erzeuge. Sie plädieren daher für eine verantwortungsethische Sprachkritik (Kämper: 192).

Forderungen, beim sich verändernden Klima nicht länger nur zuzusehen, sondern aktiv einzuschreiten, bringen Pörtner, Reppening und Busse vor. Sie stellen fest, dass wir hierbei jedoch nur das sehen (können), was wir uns vorstellen können: „Was wir nicht denken oder vorstellen können, werden wir nur schwerlich erkennen. Bilder schaffen eine kollektive Referenz, auf die wir uns in Diskussion beziehen können. Sie helfen uns, das gleich zu sehen, wenn wir es wagen hinzusehen. Andere Dinge rücken sie aus dem Fokus und machen sie damit unsichtbar. Wir sollten daher wachsam sein, welche Vorstellungen wir verwenden und kultivieren“ (Reppening: 231).

Armut ist das Thema in den Aufsätzen von Borstel, Lüdecke und Schneider. Sie zeigen Einblicke in die für die Allgemeinheit unsichtbaren Lebenswelten von Obdachlosen/​Wohnungslosen und eine mitten unter uns in der Gesellschaf versteckte Not. Hierbei sei ein Lern- und Aufklärungsprozess notwendig: „Armut muss man sehen, erkennen und sich von ihr berühren lassen. Dann lernt man schnell: Armut ist nicht erst dann gegeben, wenn Menschen in ihrer Existenz bedroht sind“ (Schneider: 266 f.).

Von BodelschwinghsAufsatz geht auf das Wegsehen bei sexuellem Missbrauch ein. Menschrechtsprobleme von Flüchtlingen werden von Burkhardt erörtert. Die anderen Beiträge lassen sich weniger den hier genannten Themenfelder als eher dem allgemeinen Thema des Buches zuordnen (Bärfuß, Arendt, Akhanlı, Braun, Prantl und Schulz).

Wenn das genaue Hinsehen und Hinhören ausbleibt und alle nur wegsehen oder schönreden, so der Konsens in allen Beiträgen, habe das ernsthafte Folgen für unsere Gesellschaft. Die politische Aufgabe für alle bestehe darin, „sich gegenseitig diesen gigantischen Herausforderungen zu stellen“ (Lilie: 273). Mit dem Ausspruch des Liedermachers Wecker ließe es sich auch in bayrischer Mundart salopper – wenngleich nicht weniger ernst – sagen: „Ma muaß weiterkämpfen, kämpfen bis zum Umfalln, a wenn die ganze Welt an Arsch offen hat, oder grad deswegn“ (170).

Diskussion

Der Band bietet eine gute Mischung von anregenden bis aufrüttelnden und aufklärenden Texten. So ist es lesenswert, wie Steinbach die Geschichte des Widerstandes gegen nachwirkendes nationalsozialistisches Denken und Sprechen in der Bundesrepublik nachzeichnet, was an sich nichts Neues ist, doch sei die politische Auseinandersetzung (nicht nur im Internet) rauer geworden (vgl. 123). Bedenkenswert sei wiederum, „dass die zeithistorischen Umdeutungsversuche immer selbstverständlicher hingenommen werden und den Ausbrüchen der Intoleranz und des Antipluralismus zunehmend weniger entgegengesetzt zu werden scheint. Es geht dabei nicht um irgendwelche Meinungsäußerungen und schon gar nicht um Meinungsfreiheit, sondern um die Verschiebung der Tektonik eines freiheitlichen Gemeinwesens, das sich zur Würde der Menschen bekennt“ (126 f.).

Hervorzuheben ist ebenso der Text von Borstel, der sich mit Obdachlosen und Wohnungslosen als „den Unsichtbaren“ in unserer Gesellschaft beschäftigt und versucht, VertreterInnen dieses heterogenen Personenkreises sichtbar zu machen und über ihre Lebenswelten zu Wort kommen zu lassen.

Durch diese Mischung von wissenschaftlichen Aufsätzen und Prosa-Texten wird das Lesen abwechslungsreich und unterhaltsam. Zieht man dann wiederum aktuelle Fachbücher und pädagogische Materialien aus dem konkreten Kontext der Sozialen Arbeit hinzu (*) hinzu, so gelingt es, eine umfassende Didaktik aufzubauen. Das habe ich erfolgreich ausprobiert und Lesetexte als Impulse für Diskussion im ethischen Zusammenhang für die Lehre genutzt. Dabei ging es um demokratiefeindlichen und menschenverachtenden Sprachgebrauch (vgl. die Beiträge von Heine und Kämper). Auch die von Parak dargebotenen „Regeln für Demokratie-Retter“ (100) können so genutzt werden, zum Beispiel im sozialpolitischen Kontext.

Wer das genaue Hinschauen auch beim Lesen des Buches ernst nimmt, findet Passagen, die linkes Gedankengut verdeutlichen. Das ist nicht verwunderlich, da der Dietz Verlag entsprechende Publikationen schwerpunktmäßig herausgibt. Das sollte dem Lesenden jedoch bei der Einschätzung einiger Textstellen bewusst sein. Eine Diskussionswürdigkeit von Aussagen zeigt sich insbesondere an folgenden drei Stellen. Erstens, wenn Rose dem Privaten Fernsehanbieter SpiegelTV Antiziganimus unterstellt (165). Zweitens in der sehr pauschalen Aussage von Biess über das verleugnende Wegsehen der deutschen Bevölkerung in der Zeit des Dritten Reiches: „Das retrospektiv oft behauptete Nicht-Wissen seitens der nicht-jüdischen Deutschen kann dabei getrost ins Reich der historischen Fiktion verbannt werden“ (74). Schließlich in demonstrativ passiven Parolen, wie sie in den an sich guten Ausführungen zum Klimawandel auftauchen, „Gemeinschaftliches Handeln, jetzt!“ (228).

Fazit

Der Band ist sehr lesenswert und aufklärend. Er bietet eine gute Ergänzung zu „klassischen“ Lehrbüchern und Impulse für die Diskussion über aktuelle Themen des gesellschaftlichen Diskurses.

Literaturverweise

Borstel, D., und K. Bozay (Hrsg.): Kultur der Anerkennung statt Menschenfeindlichkeit. Antworten für die pädagogische und politische Praxis. Beltz Juventa Verlag (Weinheim und Basel) 2020. ISBN:978-3-7799-6023-0

Degele, N.: Political Correctness – Warum nicht alle alles sagen dürfen. Beltz Juventa Verlag (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3996-2 [Rezension bei socialnet].

Gesicht Zeigen! (Hrsg.): Was ist Zivilcourage? Das 4-Ecken-Spiel. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-63046-9 [Rezension bei socialnet].

Rahner, J.: Praxishandbuch Resilienz in der Jugendarbeit. Widerstandsfähigkeit gegen Extremismus und Ideologien der Ungleichwertigkeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2020. ISBN 978-3-7799-3936-8.


Rezension von
Prof. Dr. René Börrnert
Prof. Dr. phil., Diplom-Pädagoge (Sozialarbeitswissenschaft), Fachhochschule des Mittelstands (Rostock)
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Zitiervorschlag
René Börrnert. Rezension vom 01.02.2021 zu: Harald Roth: Nie wegsehen. Vom Mut, menschlich zu bleiben. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2020. ISBN 978-3-8012-0584-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27531.php, Datum des Zugriffs 07.03.2021.


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