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Christel Manske: Inklusion

Cover Christel Manske: Inklusion. Das Ende vom Anfang? : Ereignispädagogik in der Zone der nächsten Entwicklung. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2020. 478 Seiten. ISBN 978-3-96543-131-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.
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Inklusion – Das Ende vom Anfang?

Ein praktisches Werk zur Ereignispädagogik in der Zone der nächsten Entwicklung, welches u.a. basierend auf der Krisentheorie Vygotskijs, die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Disziplinen Pädagogik, Philosophie und Psychologie darstellt und damit zeigt: Gelingende Praxis bedarf eines tiefgehenden Theorieverständnisses und einer Disziplin übergreifenden, allgemeinen, (Behinderten) Pädagogik.

Autorin

Christel Manske wurde durch Wolfgang Jantzen an der Universität Bremen promoviert und gründete nach einer langjährigen Arbeit im Wissenschaftsbetrieb eigens das Christel-Manske-Institut in Hamburg, welches sie bis heute leitet. Als promovierte Diplom Pädagogin/​Diplom Psychologin reist sie seit vielen Jahren an internationale Universitäten um insbesondere in Russland von ihren eigens entwickelten Therapieansätzen zu berichten und deren Inhalte zu lehren. Sie gilt als eine der wenigen deutschen Dozent*innen, welche Vygotskijs Lehren umsetzen und vermitteln. Ihre Bücher werden in mehrere Sprachen übersetzt.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch Manskes führt bereits zuvor erschienene Werke in Bezug auf den aktuellen Inklusionsdiskurs zusammen und erweitert diese durch langjährige praktische Therapieerfahrung und Erfolge. Es handelt sich bei dem vorliegenden Buch um ein Werk aus der Praxis für die Praxis, welches auf sehr anspruchsvollen Grundlagentheorien basiert und laufende Forschungsprozesse zur Therapie(weiter)entwicklung des Institutes abbildet.

Dieses Buch verbindet dabei die Kernaussagen bereits zuvor von Manske erschienenen Büchern mit biografischen Erfahrungen und führt diese gleichzeitig mit den aktuellsten Erfahrungen ihrer therapeutischen Arbeit und ihren philosophischen Vorträgen aus ihren internationalen Reisen zusammen. Bisher veröffentlichte Werke (http://www.christel-manske-institut.de/de/buecher/​index.php) zeigten bereits auszugswiese die hier Anwendung findenden Beispiele, doch vereint in diesem Werk zeigt sich einmal mehr Manskes Grundhaltung wie eine Inklusion der Zukunft gelingen kann: als ein Verbund philosophischer Grundlagen, pädagogischer Praxis und psychologischen Wissens.

Aufbau und Inhalt

Das hier rezensierte Buch besteht aus neun Kapiteln, welche auf theoretischen Erkenntnissen Manskes und praktischen Beispielen aus der täglichen Arbeit des Christel-Manske-Institutes basieren.

Nach einer biografischen Einleitung thematisiert Manske mit den Kapiteln Verhaltensstörungen (Kap.2), Downsyndrom (Kap.3), Autismus (Kap.4), Epilepsie (Kap.5) und Psychose (Kap.6) ihren ganzheitlichen, praktischem Blick auf diese. Mit einer Mischung aus dem Widergeben fachlicher Gespräche mit international Kolleg*innen zwingt sie den Leser damit sich nicht nur mit dem eigenen vorhandenen Fachwissen, sondern auch mit der eigenen Haltung gegenüber von Exklusion betroffenen Menschen auseinanderzusetzen. Das daran anschließende Kapitel beschreibt in ähnlichem Stil das Ereignisbewusstsein in der Zone der nächsten Entwicklung. Das Kapitel mag auf den ersten Blick leicht lesbar scheinen, was auf die Fähigkeit Manskes zurückzuführen ist hochkomplexe Theorien und Konzepte in verständlicher Art und Weise kurz und gebündelt, für jedermann zugänglich zu machen. Doch lässt man sich als Leser auf die Einladung zum Dialog zwischen Theorie und Praxis ein, bedarf es des genauen Durchdenkens jeden Satzes, der in diesem Buch geschrieben steht. Dies setzt sich im Kapitel Inklusion (Kap.8) fort. Dort definiert Manske bspw. den Begriff der Inklusion nach Kant. Sie erarbeitet diesen auf dem philosophischen Hintergrund der drei Denkungsarten nach Kant, sodass der Leser auch an dieser Stelle eingeladen wird einen Begriff davon zu erhalten, wie aktuell die Gedanken Kants für ein verantwortungsvolles Handeln in Bezug auf den Begriff „Inklusion“ in unserer Gesellschaft von Relevanz sind. Das Buch schließt mit einer Danksagung und einem Bekenntnis für eine schaffbare Inklusion der Zukunft (Kap.9) so schreibt Manske dazu: „Wir können niemals etwas zum Ende bringen, womit wir gar nicht erst angefangen haben. Stehen wir nun mit der Inklusion kurz vor dem Anfang?“

Diskussion

Manske vertritt mit ihrem Institut und ihrer Arbeit wie sich in diesem Buch deutlich zeigt nicht nur die Ansicht, dass jeder Mensch ein Recht auf Bildung hat. Sie zeigt, dass es schon heute möglich ist jedem Menschen diese Möglichkeit zu teil werden zu lassen, denn: pädagogische wie psychologische Konzepte für einen Einsatz in der Praxis liegen bereits zahlreich vor. Mit dieser Haltung und den zusätzlich von ihr fortlaufend publizierten Ansätzen, Lehrbüchern und Unterrichtsmaterialien legt sie den Finger in die Wunde all derer, die sagen, dass es an inklusiven Umsetzungen und Leitfäden für einen inklusiven Unterricht in Deutschland mangelt, um die ratifizierten gesetzlichen Vorgaben der UN-BRK im Sinne der von Bildung ausgegrenzten Kinder umzusetzen.

Das hier rezensierte Buch basiert auf einer Zusammenführung jahrelanger praktischer Erkenntnisse, sowie Therapieerfolge und stellt diese für den Leser anschaulich, barrierefrei und anwendbar dar, ohne dass diese Ergebnisse wissenschaftlich in einer großangelegten Langzeitstudie ausgewertet wurden. Doch diese Kritik ändert nichts an dem Wert der Erkenntnisse für die Praxis. Sicher: um für den wissenschaftlichen Diskurs zu dieser Thematik noch sichtbarer zu werden, wäre eine wissenschaftliche Evaluation der Therapie(erfolge) des Christel-Manske-Institutes für die Zukunft sicher hilfreich, denn: Diese würde die erstklassige und barrierefreie Anwendung der von Manske und Team in einer gelingenden therapeutischen Praxis Anwendung findenden Grundlagentheorien noch sichtbarer für aktuelle und dringend notwendige Debatten der Zukunft machen.

Fazit

Nach wie vor schaffen es – nicht nur bezugnehmend auf Manske - in unserer Gesellschaft nur wenige Menschen trotz geistiger, psychischer und sozialer Isolation als Rechtsperson anerkannt zu werden.

Manske zeigt in diesem Buch u.a. mit Hilfe von Fallbeispielen anonymisierten Gutachten und Stellungnahmen unterschiedlichster Fachkräfte, wie es auf der Grundlage der Entwicklung psychischer Systeme möglich sein konnte, dass einige ihrer Schüler lernten ihre bspw. Epileptischen Anfälle zu kontrollieren. Sie zeigt anhand ausgewählter praktischer Beispiele und Biografien ebenfalls, dass die Heilung einzelner Psychosen möglich sein kann, wenn eine dramatische Bewusstwerdung im sozialen Dialog gelingt. Diese therapeutischen Beobachtungen bestätigen Vygotskijs Annahme, dass das sinnvolle Lernen der Entwicklung vorausläuft.

Schüler, welche vor der Therapie als lernbehindert eingestuft waren konnten durch die im Buch dargestellten Therapieansätze Schulabschlüsse erreichen und sich erfolgreich auf dem ersten Arbeitsmarkt etablieren.

Dieses Praxisbuch zeigt somit einmal mehr, dass eine allgemeine (Behinderten) Pädagogik der Zukunft die Fachbereiche Philosophie, Psychologie, Pädagogik und Neurophysiologie noch mehr Theorie Synthese Defizit überbrückend denken darf, um an dieser Stelle an die Theorien der Inklusion nach Boger (2009) anzuschließen.


Rezension von
Katharina Maria Pongratz
M.A., wissenschaftliche Mitarbeiterin, Fakultät Humwanwissenschaft, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg
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Zitiervorschlag
Katharina Maria Pongratz. Rezension vom 21.01.2021 zu: Christel Manske: Inklusion. Das Ende vom Anfang? : Ereignispädagogik in der Zone der nächsten Entwicklung. Lehmanns Media GmbH (Berlin) 2020. ISBN 978-3-96543-131-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27536.php, Datum des Zugriffs 02.03.2021.


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