socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Peter Kaufmann, Manuel Trachsel u.a.: Sterbefasten

Cover Peter Kaufmann, Manuel Trachsel, Christian Walther: Sterbefasten. Fallbeispiele zur Diskussion über den Freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. 125 Seiten. ISBN 978-3-17-036664-0. 19,00 EUR.
Inhaltsverzeichnis bei der DNB
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Thema des Buches ist das „Sterbefasten“, d.h., der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeiten (FVNF) mit dem Ziel, selbstbestimmt und vorzeitig aus dem Leben zu scheiden.

Autoren

Die Autoren zeigen durch ihren beruflichen Werdegang einen klaren Bezug zum Thema, so ist Kaufmann u.a. Publizist und Präsident der Stiftung palliacura, Trachsel u.a. Leiter der Abteilung Klinische Ethik am Universitätsspital Basel und Walther u.a. Neurobiologe und war ehrenamtlicher ambulanter Hospizhelfer.

Entstehungshintergrund

Aus der Fachpresse ist das Thema des „Sterbefastens“, d.h., des freiwilligen Verzichts auf Nahrung und Flüssigkeiten (FVNF) in der Gesellschaft angekommen und wird über unterschiedliche Kommunikationskanäle z.T. sehr kontrovers diskutiert. Vor diesem Hintergrund möchte das Buch die Thematik durch seine 21 Fallgeschichten einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Außerdem soll so ein möglichst realitätsnaher Eindruck von FVNF ermöglicht werden und ggf. eine Entscheidungshilfe für das eigene Vorhaben geboten werden.

Aufbau

Das Buch umfasst 125 Seiten. Sein Herzstück stellen die 21 Fallgeschichten dar, an deren Ende sich in der Regel kurze Anmerkungen und eine fallspezifische Quellenangabe anschließen. Nach dem großen Kapitel mit den Fallbeschreibungen folgen drei kurze Kapitel mit Gedanken zu ausgewählten Fallgeschichten, zu der Frage der Selbstbestimmungsfähigkeit und deren Beeinträchtigungen und zur Diskussion über das „Sterbefasten“. Den Abschluss bildet ein umfassendes Literaturverzeichnis, auch mit weiterführender Literatur.

Inhalt

Den Schwerpunkt des Buches bilden die 21 Fallgeschichten und wurden von Kaufmann verfasst. Sie entstammen unterschiedlichen Quellen: Einige wurden einzelnen Autoren persönlich berichtet. Andere entstammen der Fachliteratur, Zeitungsberichten oder Fernsehprogrammen oder wurden als Kurzform bereits auf entsprechenden Fachforen eingestellt. Teilweise hatten die Sterbewilligen ihre Angehörigen, manchmal auch die Pflegenden ausdrücklich darum gebeten, ihre Fallgeschichte der Öffentlichkeit zu schildern. Bei anderen Fällen handelten die Angehörigen aufgrund des vermuteten Willens des Verstorbenen. Es gab auch Fälle, die letztendlich wegen nichterteilter Erlaubnis der Angehörigen nicht veröffentlicht werden konnten. Einige der beschriebenen Fälle werden mit Klarnamen genannt wie z.B. die bekannte Tänzerin Tana Herzberg, andere werden anonymisiert beschrieben. Es handelt sich überwiegend um ältere bis hochbetagte Menschen mit i.d.R. lebensqualitätseinschränkenden Vorerkrankungen.

Aufgrund der unterschiedlichen Quellenlage fallen die Berichte unterschiedlich lang aus. Allen gemeinsam ist, dass zunächst versucht wird, den Charakter und das Vorleben der Person zu schildern. Dazu gehören z.B. Familienkonstellationen, historisch bedeutsame Entwicklungen, Bildung, Berufsweg, familiäre Einbindung und Werte – besonders hinsichtlich des Wunsches, das Leben selbstbestimmt beenden zu können. Vor diesem Hintergrund wird die Entscheidungsfindung, i.d.R. gemeinsam mit den Angehörigen, nachgezeichnet. Daran knüpft die Beschreibung des eigentlichen „Sterbefastens“ an, in dem u.a. auch Schwierigkeiten in der praktischen Umsetzung und die Belastung der Angehörigen und Pflegenden dargestellt werden. Ferner werden juristische Fragestellungen, wie z.B. die Frage, ob FVNF als Suizid zu werten ist und medizinisch schwierige Entwicklungen problematisiert.

Nach den Fallbeispielen machen sich die drei Autoren im anschließenden Kapitel gemeinsam Gedanken zu einzelnen Themen oder Fällen. Dies betrifft z.B. die Frage nach der Forschungslage, der Frage, warum Menschen ihr Leben überhaupt durch das „Sterbefasten“ beenden wollen und was dieser Sterbewunsch für Angehörige und andere beteiligte Personen bedeutet.

Im folgenden Kapitel beschäftigt sich Trachsel mit der Selbstbestimmungsfähigkeit und deren Beeinträchtigungen. Hier werden zunächst verschiedene Kriterien für die Selbstbestimmungsfähigkeit, also der Tatsache, dass die Sterbewilligen auch wirklich freiwillig auf Nahrung und Flüssigkeit verzichten wollen, erläutert. Dann wird, auch anhand von kleinen Fallbeispielen, der Konflikt beleuchtet, dass ein Sterbewilliger im Prozess des „Sterbefastens“ seine/ihre Einstellung ändert und den FVNF einstellen will, obwohl er/sie vorher schriftlich dargelegt hat, dass das „Sterbefasten“ auf jeden Fall durchgesetzt werden solle. Auch stellt sich die Frage, wie mit der Selbstbestimmungsfähigkeit von Menschen mit einer (schweren) psychischen Erkrankung umgegangen werden soll bzw. wann Zweifel an der Selbstbestimmungsfähigkeit angebracht sind.

Im abschließenden Kapitel äußert sich Walther zur Diskussion um das Thema „Sterbefasten“ und gibt Positionen unterschiedlicher Institutionen wie z.B. der Deutschen Bischofskonferenz, der Bundesärztekammer oder der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften wider. Es wird deutlich, dass einige Institutionen, wie z.B. der Deutsche Pflegerat oder das Hospizwesen in deutschsprachigen Ländern sich der Bedeutung des Themas bewusst sind, jedoch diesbezüglich noch keine offizielle Stellungnahme abgegeben haben. Der Autor zeigt auch Grenzen des selbstbestimmten FVNF auf, wenn z.B. Menschen diese nur unter kompletter Sedierung im künstlichen Koma wünschten. Dies sei dann als Tötung auf Verlangen zu werten.

Diskussion

Das vorliegende Werk zeichnet sich durch die gut recherchierten und ansprechend aufbereitete 21 Fallgeschichten von Menschen aus, die freiwillig und selbstbestimmt auf Nahrung und Flüssigkeiten mit dem Ziel des vorzeitigen Sterbens verzichtet haben („Sterbefasten“). Das Buch erreicht das selbstgesteckte Ziel, Erfahrungen – sowohl positive als auch negative – der Sterbewilligen und deren Angehörigen/​Pflegenden nachvollziehbar zu machen. Dadurch können Menschen mit einer bisher eher ablehnenden Haltung eine Chance erhalten, die Motive der Sterbewilligen besser zu verstehen. Andererseits bietet das Buch für interessierte Sterbewillige eine Informationsquelle. Die Autoren halten mit ihrer befürwortenden Positionierung dem FVNF gegenüber als „eine von mehreren Handlungsweisen“ (S. 10), und zwar „nicht nur am Lebensende“ (S. 10) nicht zurück. Jedoch gehen sie kritischen Diskussionspunkten und Limitationen ihres Werkes nicht aus dem Weg, sodass sich jede/r Leser/in eine eigene Meinung bilden kann. Dazu tragen auch die sich an die Fallgeschichten anschließenden kurzen Kapitel bei: Hier werden einzelne, z.T. kontrovers diskutierte Themen beleuchtet wie z.B. die teilweise sehr schwierige Situation für die Angehörigen oder die Frage nach der Selbstbestimmungsfähigkeit bzw. deren Wandlung im Verlauf des Sterbeprozesses. Letztendlich hängt vieles von den persönlichen Werte- und Moralvorstellungen ab und der Frage, ob Menschen, egal in welcher Situation sie sich befinden, das Recht dazu haben, ihr Leben selbstbestimmt zu beenden oder nicht und was das für sie selbst und die Angehörigen/​Pflegenden bedeutet.

Fazit

Das gut lesbare und sich an ein breites Publikum richtende Werk besteht im Wesentlichen aus den 21 gut recherchierten und aufgearbeiteten Fallgeschichten von Menschen, die freiwillig und selbstbestimmt auf Nahrung und Flüssigkeiten verzichten (FVNF) mit dem Ziel des vorzeitigen Sterbens („Sterbefasten“). So bietet sich für die Leser die Möglichkeit, sich diesen Themas von einer sehr persönlichen Seite, eben durch die Geschichten der einzelnen beschriebenen Menschen, zu nähern. Die sich anschließenden, kurzen Kapitel dienen zur Diskussion und Vertiefung einzelner Teilaspekte. Obwohl die Autoren von ihrer den FVNF als eine Möglichkeit betrachtenden Haltung keinen Hehl machen, ist das Buch doch als Hilfe beim persönlichen Positionieren zum Thema „Sterbefasten“ zu bewerten. Zu erwähnen ist auch das umfangreiche Literaturverzeichnis, das ebenfalls bei der weiteren Beschäftigung mit dem Thema hilfreich sein kann.


Rezension von
Prof. Dr. Susanne Wolf
Lehrgebiet Sozialmedizin Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften der Hochschule Düsseldorf
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Susanne Wolf anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Susanne Wolf. Rezension vom 17.11.2020 zu: Peter Kaufmann, Manuel Trachsel, Christian Walther: Sterbefasten. Fallbeispiele zur Diskussion über den Freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2020. ISBN 978-3-17-036664-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/27537.php, Datum des Zugriffs 29.11.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung